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Ukraine-Krieg: Soziale Medien haben die Macht über Informationen - „Geheimhaltung ist schwierig“

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Ein mehrstöckiges Gebäude in Kiew steht nach Beschuss in Flammen.
Ein mehrstöckiges Gebäude in Kiew steht nach Beschuss in Flammen. © Efrem Lukatsky/dpa

Von Satellitenbildern bis hin zu TikTok-Videos – Regierungen haben längst keine Kontrolle mehr über die Verbreitung von Informationen von der Front im Ukraine-Krieg.

Stunden bevor der russische Präsident Wladimir Putin am Morgen des 24. Februar den Beginn von „besonderen Militäroperationen“ ankündigte, wusste ein kleines Forscher:innen-Team in Monterey, Kalifornien bereits, dass Russlands Invasion in der Ukraine begonnen hat.

Analyst:innen des Middlebury Institute of International Studies beobachteten das Verkehrsaufkommen auf Google Maps für die Hauptstraße von Belgorod in Russland, nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Um 3:15 Uhr Ortszeit sahen sie einen „Stau“. Er war genau an der Stelle, an der ein Doktorand, Steven De La Fuente, den Aufbau von gepanzerten Personaltransportern, mobilen Raketenwerfern und anderen Militärfahrzeugen auf hochauflösenden Bildern eines kommerziellen Satelliten gesehen hatte, der mittels Radar Wolken und Nebel durchdringen kann. Der Doktorand hatte Bilder über die Region durchsucht, nachdem TikTok-Videos, die von russischen Zivilist:innen gepostet wurden, schweres militärisches Gerät zu zeigen schienen, darunter Buk-Boden-Luft-Raketenwerfer.

Vorhersagen zum Ukraine-Krieg mittels Google Maps und Satellitenbildern

Die einzig sinnvolle Erklärung für den „Stau“ auf Google Maps war, dass die russischen Truppen jetzt auf dem Weg waren und den wenigen Zivilist:innen, die nachts unterwegs waren, den Weg versperrten und deren Smartphones wiederum Standortdaten an die Server von Google sendeten.

„Jemand ist unterwegs“, twitterte Jeffrey Lewis, ein Rüstungskontrollexperte, der das Middlebury-Team leitet.

Der Erfolg der Middlebury-Forscher:innen bei der Dokumentation des militärischen Aufmarschs Russlands und das sie erkannt haben, dass eine Invasion unmittelbar bevorsteht zeigt, wie Open-Source-Geheimdienste oder OSINT die geopolitischen und militärischen Spielregeln verändert haben [Open Source Intelligence ist ein Begriff von Nachrichtendiensten, bei dem für die Nachrichtengewinnung Informationen aus frei verfügbaren, offenen Quellen gesammelt und analysiert werden, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, Anm. d. Red.]. Regierungen haben keinen exklusiven Zugriff mehr auf die Technologie, die die Front im Auge behält. Das heißt, sie kontrollieren die Kriegserzählungen nicht mehr so ​​wie früher.

„Geheimhaltung ist schwieriger geworden. Geheime Operationen sind schwieriger geworden. Bestimmte Arten der Täuschung sind schwieriger geworden.“ 

Steven Aftergood von der Federation of American Scientists

OSINT wird wichtiger Faktor im Ukraine-Krieg und kommenden Konflikten sein

„Geheimhaltung ist schwieriger geworden. Geheime Operationen sind schwieriger geworden. Bestimmte Arten der Täuschung sind schwieriger geworden und die Möglichkeiten der Presse und der Öffentlichkeit zur Rechenschaftspflicht sind erweitert worden“, sagt Steven Aftergood von der Federation of American Scientists, ein langjähriger Kritiker von Geheimhaltung durch die Regierung, gegenüber BuzzFeed News US.

Das bedeutet zum Beispiel, dass sich Reporter:innen und die Öffentlichkeit nicht allein auf die Äußerungen von US-Regierungsbeamt:innen verlassen müssen, um zu verstehen, dass Russlands Behauptung Mitte Februar, es ziehe einige Truppen nahe der ukrainischen Grenze ab, falsch gewesen ist. OSINT-Analyst:innen konnten anhand von Satellitenbildern deutlich erkennen, dass sich der Aufmarsch fortgesetzt hat. „Putin hat erheblich an Glaubwürdigkeit verloren, weil die Aussagen seiner Regierung nicht mit der objektiven Realität übereinstimmt haben“, sagt Aftergood.

OSINT Analyst:innen könnten im Ukraine-Krieg entscheidend werden

Der Propaganda entgegenzutreten ist sinnvoll, aber einige OSINT-Analyst:innen beschäftigen sich auch mit den ethischen Implikationen ihrer Arbeit. Melissa Hanham, eine OSINT-Spezialistin, die dem Center for International Security and Cooperation an der Stanford University angehört, sagt gegenüber BuzzFeed News US, dass sie glaubt, dass sie und ihre Kolleg:innen mit einigen schwierigen Fragen konfrontiert sind: „Sind die OSINT-Analyst:innen jetzt Akteure in einem aktiven Konflikt? Können OSINT-Analysen Konflikte ändern?“

Radarbild mit synthetischer Apertur von russischen Militärfahrzeugen in der Nähe von Belgorod, Russland, am 22. Februar, kurz vor dem Einmarsch in die Ukraine.
Radarbild von russischen Militärfahrzeugen in der Nähe von Belgorod, Russland, am 22. Februar, kurz vor dem Einmarsch in die Ukraine. © Capella Space / Middlebury Institute of International Studies at Monterey

Die technologische Landschaft für OSINT hat sich seit 2014 stark verändert: Russland annektierte die Krim von der Ukraine und Separatisten in der Donbass-Region wurden unterstützt, was einen Konflikt in der Ostukraine auslöste, der seitdem rund 14.000 Menschen das Leben kostete. Damals steckten hochauflösende kommerzielle Satellitenbilder noch in den Kinderschuhen, und öffentlich zugängliche Analysen der Situation auf der Krim aus dem Weltraum konnten Wochen dauern, bis sie sich verbreiteten.

Satellitenunternehmen können mit ihren hochauflösenden Bildern zu OSINT beitragen

Heute verbreiten Analyst:innen wie Lewis des Middlebury Instituts ihre Ergebnisse in den Feeds und Threads sozialer Medien. Unterdessen haben die Satellitenunternehmen Maxar Technology und Planet den Medien fast in Echtzeit Bilder des russischen Militäraufmarsches an den Grenzen der Ukraine, der anschließenden Invasion und der durch russische Angriffe verursachten Schäden, zur Verfügung gestellt.

Am 28. Februar machte Maxar weltweit Schlagzeilen, als es Bilder eines russischen Militärkonvois veröffentlichte, der innerhalb weniger Stunden nach seiner Mobilmachung fast 65 Kilometer über die Straße nach Kiew verlief. Laut Informationen, die dem Sicherheitskorrespondenten der BBC von McKenzie Intelligence Services zur Verfügung gestellt wurden, einem Unternehmen in London, das Satelliten- und Luftbilder analysiert, deutet das langsame Vorankommen des Konvois darauf hin, dass er durch Pannen und Blockaden behindert wird.

Teil des russischen Militärkonvois in der Nähe von Ivankiv, Ukraine, am 28. Februar.
Teil des russischen Militärkonvois in der Nähe von Ivankiv, Ukraine, am 28. Februar. © Satellite image ©2022 Maxar Technologies

Die Technologie, die von De La Fuente verwendet wird, um die Fahrzeuge aufzuzeichnen, die später von Russland nach Charkiw fuhren, hat in letzter Zeit alles verändert. Ein Radar mit synthetischer Apertur (SAR) kann detaillierte Bilder aus den Signalen erstellen, die zu einem Satelliten zurückprallen und einen Strahl von Funkwellen aussenden, während er sich über diesen bewegt.

Radarbilder sind schwieriger zu analysieren. „Man muss ein Auge dafür entwickeln, um zu verstehen, was vor sich geht“, sagt De La Fuente gegenüber BuzzFeed News US. Aber entscheidend ist, dass Radiowellen nicht von natürlichem Licht abhängig sind und Wolken oder Rauch durchdringen können – sodass Analyst:innen Tag und Nacht durch den „Nebel des Krieges“ blicken können. Das Middlebury-Team verwendet Bilder mit einer Auflösung von bis zu 0,5 Metern Genauigkeit. Sie wurden von Capella Space erstellt, einem Startup in San Francisco, das im August 2020 den ersten von mehreren SAR-Satelliten gestartet hat.

Auch kommerzielle Seiten können im Ukraine-Krieg zu Aufklärung beitragen

Satellitenbilder sind nicht das einzige OSINT-Tool, das sich seit der Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 rasant entwickelt hat. Während kommerzielle Websites wie Flightradar24 und FlightAware es Flug-Fans seit Jahren ermöglichen, Flugzeuge zu verfolgen, filtern diese Seiten Flugzeuge heraus, deren Betreiber:in es nicht gestattet hat, nachverfolgt zu werden. Dadurch wird das Potenzial für OSINT begrenzt. Aber es gibt auch andere Websites, die von Fans mit unzensierten Funkantennen vollständig per Crowdsourcing betrieben werden. Die größte, ADS-B Exchange, nahm 2016 ihren Betrieb auf.

BuzzFeed News US hat Daten von Flightradar24 und ADS-B Exchange verwendet, um Überwachungsflugzeuge zu verfolgen, die vom Militär, seinen Auftragnehmer:innen und den Strafverfolgungsbehörden betrieben werden. Und heute gibt es eine kleine Armee von OSINT-Fans, die die Aktivitäten von Militär- und anderen interessanten Flugzeugen protokollieren und ihre Ergebnisse in sozialen Medien veröffentlichen. In den Stunden vor der russischen Invasion gehörte zu diesen Flugzeugen auch eine Überwachungsdrohne der US Air Force RQ-4 Global Hawk, die auf Flightradar24 im ukrainischen Luftraum sichtbar war und anscheinend die Donbass-Region beobachtete.

Militärflugzeuge können ihre Transponder ausschalten. Wenn sie also auf Flugverfolgungsseiten auftauchen, liegt das daran, dass sie sich keine Mühe geben, verborgen zu bleiben. Aber wo Seiten wie ADS-B Exchange von Vorteil sein könnten, ist der Öffentlichkeit zu helfen, die Politiker:innen zur Rechenschaft zu ziehen, die harte Sanktionen gegen Putins enge Mitarbeiter:innen versprochen haben, einschließlich der Beschlagnahme von Vermögenswerten.

„Sie können sehen, wohin die Oligarchen ihre Privatjets fliegen“, sagt Dan Streufert, der Flight-Tracking-Enthusiast, der ADS-B Exchange gegründet hat, gegenüber BuzzFeed News US. Dasselbe gilt für Luxusyachten, die aufgrund der Signale von Bord-Transceivern, die auf Websites wie MarineTraffic und VesselFinder verfolgt werden können, ähnlich sichtbar sind .

Maxar-Nahaufnahme von Satellitenbildern von zerstörten Fahrzeugen und Brückenschäden in Irpin, Ukraine, nordwestlich von Kiew.
Maxar-Nahaufnahme von Satellitenbildern von zerstörten Fahrzeugen und Brückenschäden in Irpin, Ukraine, nordwestlich von Kiew. © Maxar / DigitalGlobe / Getty Images

OSINT kann auch Politikhandeln transparenter gestalten

Die rasante Verbreitung von OSINT bedeutet, dass Regierungen schnell kritisiert werden können, wenn sie Falschinformationen veröffentlichen. Zum Beispiel gab die Biden-Regierung Anfang Februar bekannt, dass ihre Geheimdiensterkenntnisse darauf hindeuteten, dass Moskau einen falschen Angriff geplant hatte, der der Ukraine angelastet werden sollte, um einen Vorwand für einen Krieg zu liefern.

Am 22. Februar behaupteten Separatist:innen in der Donbass-Region, dass drei Menschen bei einer Sprengfallen-Explosion getötet wurden, die ein Auto und einen Lieferwagen zerstört habe. Eine der wichtigsten separatistischen Miliztruppe veröffentlichte Bilder der Folgen auf ihrem Telegram-Kanal. Es folgten schnell Berichte in der russischen Regierungszeitung Rossiyskaya Gazeta und RT, die die Ukraine für den Angriff verantwortlich machten.

Die Behauptungen hatten sich jedoch schnell als nicht haltbar erwiesen, als die auf OSINT spezialisierte investigative Journalist:innengruppe Bellingcat die Bilder einem/r Sprengstoffspezialist:in zeigte, der/die sagte, der gezeigte Schaden stimme nicht mit einer Explosion einer Sprengfalle überein. Darüber hinaus schienen die verkohlten menschlichen Überreste am Tatort präparierte Leichen zu sein, ein Bild im Speziellen zeigt einen Schnitt in den Schädel, der anscheinend von einer Knochensäge verursacht wurde. „Es ist ein typischer Schnitt, der gemacht wird, um die Schädeldecke zu entfernen, wie er während einer Autopsie durchgeführt wird“, sagte ein:e forensische:r Patholog:in gegenüber GRID News .

Jeder Mensch mit Smartphone kann einen wichtigen Beitrag im Ukraine-Krieg leisten

Jetzt, da der Krieg im Gange ist, werden die sozialen Medien von Bildern und Videos überschwemmt, die die Bewegung russischer Kriegsmaschinerie, verbale Konfrontationen zwischen ukrainischen Bürger:innen und russischen Soldat:innen und die Auswirkungen von Raketenangriffen auf Wohngebiete, Regierungsgebäude und andere Infrastrukturen zeigen. „Einzelne Menschen mit Mobiltelefonen werden sozusagen zu mobile Überwachungskameras“, sagt Hanham.

„Wenn Sie heute etwas Auffälliges tun und sich mit militärischer Ausrüstung durch Bevölkerungszentren bewegen, hat jeder Handys, und jeder hat Zugang zum Internet und zu sozialen Medien“, sagt Rob Lee, ein Doktorand, der am King’s College London im War Studies Department zur russischen Verteidigungspolitik forscht, zu BuzzFeed News US Anfang Februar.

Russische TikToker:innen haben im Vorfeld des Ukraine-Kriegs schon über Truppenbewegungen berichtet

Bereits damals verrieten auf TikTok gepostete Kommentare aus Russland zukünftige Truppenbewegungen. „Sie schreiben: ‚Mein Freund oder Ehemann wird sechs bis neun Monate weg sein.‘ Sie schreiben, sie würden zu Übungen nach Belarus gehen“, sagt Lee.

In den letzten Tagen haben ukrainische Nachrichtensender ihre Zuschauer:innen aufgefordert, Informationen über die Bewegung russischer Truppen zu veröffentlichen und gleichzeitig Bilder von ukrainischen Truppenbewegungen oder Geflüchteten, die versuchen, den Kämpfen zu entkommen, zu vermeiden.

Laut Jane Lytvynenko, einer in der Ukraine geborenen Forschungsstipendiatin in Harvard und früher Reporterin für BuzzFeed News US, besteht das Ziel darin, ein „ungleichmäßiges OSINT-Umfeld“ zu schaffen, welches der Verteidigung der Ukraine helfen soll.

OSINT kann zu einseitiger Berichterstattung über den Ukraine-Krieg führen

Aber für einige OSINT-Spezialist:innen wirft die Analyse von selektiv veröffentlichten Informationen einige schwierige Fragen auf. Besonders heikel ist es, wenn es sich bei den Informationen um Videos handelt, die von Menschen aus ihren Wohnungen aufgenommen wurden, die leicht geolokalisiert und möglicherweise für Erpressungen benutzt werden könnten. „Jetzt bewegen wir uns in eine Ära des ‚Sollte ich das tun oder könnte das mehr schaden als nützen?‘“, sagt Hanham.

Unternehmen, die Satellitenbilder bereitstellen, könnten auch die Dynamik eines Krieges verändern, indem sie selektiv Informationen veröffentlichen, die einer Seite einen propagandistischen oder militärischen Vorteil verschaffen. BuzzFeed News US hat Planet, Maxar Technologies und Capella Space, die alle sowohl Verträge mit dem US-Verteidigungssektor haben als auch im zivilen Sektor tätig sind, gebeten zu kommentieren, welche Informationen veröffentlicht werden sollen, angesichts der Möglichkeit, dass dies Kriegsteilnehmer:innen dazu veranlassen könnte, das Ziel von Raketen- und Bombenangriffen sein. Maxar reagierte nicht sofort. Planet verwies BuzzFeed News US auf ihr Statement, in welchem Besorgnis über die Geschehnisse in der Ukraine zum Ausdruck gebracht wurde.

„Wir bieten Transparenz, genau was die Welt in Zeiten wie diesen braucht“, antwortet Capella per E-Mail. „Unser öffentlicher Katalog steht Kund:innen und anderen zugelassenen Einrichtungen zur Verfügung, um zu sehen, welche Daten verfügbar sind.“

Klar ist, dass OSINT jetzt Teil der Kriegsführung ist. „Diese Daten sind da draußen. Es ist im Internet“, sagt De La Fuente. „Das wird nicht mehr verschwinden.“


Autoren sind Peter Aldhous und Christopher Miller. Der Artikel erschien am 02. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Max Kienast.

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