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„Z“: Putin-Treue zeigen sich im Netz mit mysteriöser Markierung - was bedeutet sie?

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Von: Robert Wagner

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Ein russischer Militärtransporter (LkW), dessen Heckt mit einem „Z“ gekennzeichnet ist. Hineingeschnitten ist ein Ausschnitt aus einem Video einer politischen Massenveranstaltung in Russland, die jungen Teilnehmer tragen ein „Z“ auf ihrer Kleidung (März 2022). Propaganda von Putin.
Zuerst eine Markierung von Militärfahrzeugen, nun Symbol einer vermeintlichen Bewegung pro Putin: der Buchstabe „Z“. © Twitter/kamilkazani

Eine ursprünglich rein militärisch genutzte Markierung mausert sich in Russland gerade zum Symbol einer Pro-Putin-Bewegung. Was steckt hinter dem „Z“?

Propaganda ist eines der wichtigsten Mittel der Kriegsführung im eskalierenden Krieg in der Ukraine. Gerade im autoritär geführten Russland unter Wladimir Putin ist man sich dessen bewusst. Das Staatsfernsehen ist Putins zentraler Kanal zur Indoktrinierung vor allem der älteren Menschen, die in der Regel nicht im Internet unterwegs sind. Nun erreicht die staatlich verordnete Gehirnwäsche aber offenbar eine neue Qualität: Ein Twitter-User aus den USA hat in einem sehr langen Beitrag auf eine neue Propagandaoffensive des Kreml hingewiesen, die wohl eher auf junge Menschen abzielt.

Der Twitter-Thread wurde in weniger als 24 Stunden über 32.000 Mal geteilt. Er beginnt mit beklemmenden Bildern einer Massenveranstaltung junger Russen, die begeistert für Putin und dessen barbarischen Angriffskrieg eintreten. Was besonders in Auge fällt, ist das Symbol, das auf der Kleidung derer prangt, die direkt vor der Kamera stehen: der Buchstabe „Z“. Dieses Zeichen erregte bereits mit dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine Aufmerksamkeit. Die Militärfahrzeuge der Invasionsarmee sind auffallend oft mit einem „Z“ gekennzeichnet.

Ukraine-Krieg: Rätselhafte militärische Markierung

Anfangs wurde viel darüber gerätselt, was diese und andere Buchstaben-Markierung zu bedeuten haben. Das Militärportal Sofrep mutmaßte, sie würden bestimmte Truppenteile kennzeichnen. Die Verwendung solcher Markierungen sei durchaus üblich, wenn moderne elektronische Systeme zur Freund-Feind-Unterscheidung fehlen, was in der russischen Armee anscheinend der Fall ist. Das besonders oft verwendete „Z“ markiere demnach Material, das im östlichen Invasionsbezirk um Charkiw zum Einsatz kommt.

Eine Woche nach Beginn des Überfalls auf die Ukraine, am 3. März, äußerte sich laut FAZ und Volksverpetzer das russische Verteidigungsministerium auf Instagram zu dieser Frage. Das „Z“ stehe für den Ausspruch „Za pobyedu“, was „Für den Sieg“ bedeute und eine Übertragung ins Englische sei. (Für deutsche Leser:innen würde man „Sa pobjedu“ schreiben.) Das ebenfalls oft auf Militärfahrzeugen der Invasionsarmee gesichtete „V“ spiele wiederum auf das in Russland geflügelte Wort „Sila v pravdye“ an, was „In der Wahrheit liegt die Kraft“ bedeute (und ins Deutsche als „Sila w prawdje“ wiedergegeben würde).

Ein Posting des russischen Verteidigungsministeriums auf Instagram vom 3. März 2022 (laut Volksverpetzer und FAZ). Darin erklärt: Die Bedeutung des „Z“, das auf Fahrzeugen der russischen Invasionsarmee in der Ukraine verwendet wird und zum Symbol einer politischen Bewegung pro Putin zu werden scheint (9.3.22).
Das „Z“ stehe für „Za pobyedu“ („Für den Sieg“), so das russische Verteidigungsministerium am 3. März 2022 auf Instagram. © Screenshot Instagram/Volksverpetzer

Symbol einer entstehenden politischen Bewegung pro Putin?

Ob diese Markierungen von Anfang an so gemeint waren oder das russische Regime sie erst im Nachhinein mit dieser recht pathetischen Bedeutung aufzuladen versucht, ist unklar. Jedenfalls hat sich dieser Buchstabe, den es im kyrillischen Alphabet gar nicht gibt, offenbar zu einem politischen Symbol entwickelt. Neben den zahlreichen Oppositionellen, die zu Tausenden verhaftet werden, gibt es auch Unterstützer:innen der aggressiven Großmachtpolitik Putins, die dieses Zeichen für sich entdeckt haben. Die deutsche Publizistin Marina Weißband, selbst sowjetisch-ukrainischer Herkunft und russischsprachig, erklärt in einem vielfach geteilten Twitter-Thread, warum man die Zahl dieser putinhörigen Russen nicht unterschätzen sollte.

Der Volksverpetzer spricht inzwischen von einem regelrechten „‘Z‘-Kult“ und einem „nationalistischen Hype um den Krieg“, der gerade im Entstehen begriffen sei und für den „nicht wenige Russ:innen“ empfänglich seien.

Eklat auf Weltcup - russischer Turner provoziert ukrainischen Sieger

Eine unschöne Episode lässt in diesem Zusammenhang aufhorchen. Auf dem Weltcup in Doha (Katar) sorgte der russische Turner Ivan Kuliak am Sonntag (6. März) für einen Eklat, als er als Drittplatzierter im Barren-Wettbewerb auf dem Siegerpodest stand. Anstelle des Wappens der Russischen Föderation prangte das ominöse „Z“ auf der Brust des Zwanzigjährigen, womit er ein Zeichen für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine setzte. Der neben ihm stehende Sieger war ausgerechnet ein Athlet aus der Ukraine und dürfte diese Provokation nur schwer ertragen haben.

Ob Kuliak diesen Eklat absichtlich suchte oder dazu gedrängt wurde, ist unklar. Aufnahmen, die ihn als stolzen Teilnehmer von Militärübungen in einer russischen Kaserne zeigen, wie der Tagesspiegel berichtet, lassen Ersteres zumindest etwas plausibler erscheinen. Auch sein Teamkollege Ivan Stretovich verwendete laut Tagesspiegel das „Z“, allerdings „nur“ auf seinem Instagram-Profil. Ein Phänomen, das in den vergangenen Tagen häufig zu beobachten war. (Zur Erinnerung: Das Z existiert im kyrillischen Alphabet nicht.)

Vom Kreml orchestrierte Propaganda?

Offenbar versucht der Kreml gezielt, eine Massenbewegung zu seinen Gunsten ins Leben zu rufen. Das rätselhafte „Z“ eignet sich wohl als Symbol und wird von Putins Propagandisten nach Kräften beworben. Die Duma-Abgeordnete und putintreue Influencerin Maria Butina (33), die auf Instagram und Facebook hemmungslos die Propaganda des Kreml verbreitet, soll nach Informationen des Volksverpetzers die Urheberin dieses „Z‘-Kultes“ sein. Sie fordere seit dem 4. März ihre Follower dazu auf, sich ein „Z“ auf ihre Kleidung zu malen, um „unsere Armee und unseren Präsidenten zu unterstützen“, wie der Schweizer Blick sie zitiert.

Die zeitliche Nähe zum Eklat, den der Turner Ivan Kuliak nur zwei Tage später auf dem Weltcup provozierte, spricht dafür, dass er sich von Butinas Aufruf inspirieren ließ. Als junger männlicher Russe von 20 Jahren gehört er vermutlich auch zu denen, an die diese Propagandaoffensive in erster Linie gerichtet ist. Putin braucht Soldaten, die er in den Schlachten dieses sich in die Länge ziehenden Krieges verheizen kann. Kriegsbegeisterung gerade unter jungen Männern zu entfachen, ist daher von entscheidender Bedeutung für Putins Regime. Die Bilder von Massenveranstaltungen junger Russ:innen, die angeblich freiwillig an diesen Jubelshows teilnehmen, lassen annehmen, dass es dafür durchaus eine gewisse Grundlage gibt.

Entsteht in Russland eine faschistische Bewegung?

Diese Propagandaoffensive weckt mit ihrem Auftreten und ihrer Kriegsbegeisterung Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der Geschichte. Auf Twitter wurden vielfach Vergleich gezogen zwischen dem „Z“, dem vermeintlichen neuen Symbol von Putins Russland, und dem Hakenkreuz der Nazis. Mit solchen Nazi-Vergleichen muss man natürlich immer vorsichtig sein, aber Parallelen zum Faschismus sind mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisen. Die russische Medienlandschaft ist vollständig gleichgeschaltet und mittlerweile reicht die Staatspropaganda bis in die Schulen. Es mehren sich die Stimmen, Wladimir Putin als das zu bezeichnen, was er offenkundig ist: ein Diktator.

Wie groß der Rückhalt ist, den Putin in Teilen der Bevölkerung noch genießt, lässt sich nur schwer abschätzen. Eine Umfrage, die der bekannte Kreml-Kritiker Alexey Nawalny in Auftrag gegeben hat, spricht nach seinen eigenen Angaben dafür, dass Putins Krieg auf großen Widerstand trifft. Allerdings war diese Umfrage auf die Hauptstadt Moskau beschränkt und erreichte nur Internetnutzer, die tendenziell besser informiert und systemkritischer sind. Es ist zu befürchten, dass Putins „Make Russia Great Again“-Propaganda bei vielen weniger gebildeten Russ:innen verfängt - zumindest, solange die russische Wirtschaft noch nicht völlig am Boden liegt, was aufgrund der massiven Sanktionen absehbar ist.

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