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„Kinder werden einfach ausgeschaltet“: Kinderarzt warnt vor Erziehungsfehlern, die viele Eltern machen

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Von: Jana Stäbener

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Burkhard Voigt ist Pädiater in Frankfurt und findet Kinder würden heute zu oft durch technische Geräte wie Handys ruhiggestellt.
Pädiater Voigt findet, dass Eltern ruhig weniger perfekt sein können. Dafür sollten sie mit ihren Kindern lieber mehr interagieren. © Westend61/IMAGO/privat/Collage

Kinderarzt Burkard Voigt kritisiert, dass „Kinder heute einfach so ausgeschaltet werden“. Eltern müssen an die Erziehung oft anders rangehen. Perfektionismus sei keine Lösung.

Die Pandemie stellte viele Familien vor große Herausforderungen: Familie und Job im Home-Office unter einen Hut zu bringen, war für viele nicht einfach. Trotzdem kamen im zweiten Corona-Jahr so viele Kinder zur Welt, wie seit 1997 nicht mehr – und das, obwohl die Zahlen davor stetig rückläufig waren, was eine Soziologin unter anderem damit begründete, dass Kinder heutzutage „Luxus“ seien. Wir haben mit Burkhard Voigt, dem stellvertretenden Landesverbandsvorsitzenden des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Hessen, darüber gesprochen, wie sich Kinder verändert haben – und was Eltern bei der Erziehung besser machen können.

Kindererziehung: Kinder haben heute mehr psychosomatische Beschwerden, sagt der Arzt

Burkhard Voigt ist seit 1990 als Kinder- und Jugendarzt in Frankfurt tätig und leitet dort den Kinderärztlichen Notdienst. Auf die Frage, wie sich die Kinder in den vergangenen 30 Jahren verändert haben, antwortet er: „Ich erlebe vor allem Veränderungen in der Psychosomatik.“ Kinder heute würden viel eher zu autoaggressivem Verhalten tendieren. Sie fügen sich beispielsweise häufiger als früher selbst Schmerzen zu, berichtet Voigt. Besonders in den vergangenen zwei Jahren während der Coronapandemie habe dieses Verhalten zugenommen.

Aber warum? „Ich glaube, das Problem liegt teilweise auch an der Informationsgesellschaft, in der wir leben. Alle Informationen sind ungefiltert erreichbar – das kann bei Eltern und Kindern Ängste auslösen“, erklärt Voigt. Oft würden Eltern ihre Ängste auch auf die Kinder übertragen. „Natürlich passiert das unbeabsichtigt, aber ich denke, vielen ist nicht klar, dass Kinder emotionale Antennen haben, die auf alles reagieren.“ Kinder hätten so zum Beispiel oft Kopfschmerz oder Bauchschmerz ohne einen dazugehörigen organischen Befund. „Funktioneller Bauchschmerz“, nennt der Kinderarzt das.

Ich glaube, das Problem liegt teilweise auch an der Informationsgesellschaft, in der wir leben. Alle Informationen sind ungefiltert erreichbar – das kann bei Eltern und Kindern Ängste auslösen.

Burkard Voigt, stellvertretender Landesverbandsvorsitzender Kinder- und Jugendärzte Hessen

Besonders die Krisen der vergangenen Jahre, die Pandemie und momentan auch der Ukraine-Krieg, hätten solche psychosomatischen Symptome weiter verstärkt, so der Pädiater. Kinder würden sich auf diese Weise auch oft die Beachtung holen, die ihnen im Alltag fehle. Auf die Nachfrage, ob ältere Eltern von dem Phänomen mehr betroffen seien als jüngere, antwortet er, es liege weniger am Alter, als am Bildungsstand, dem kulturellen Hintergrund oder der sozialen Schicht.

Was Kinder stark macht, ist Interaktion – nicht zu viel Fürsorge

„Das Zauberwort ist Interaktion. Eltern und Kinder reagieren immer im Zusammenspiel. Wenn Kinder Helikoptereltern haben, und Kinder wissen, sie bekommen durch Kranksein Aufmerksamkeit, dann reagieren sie darauf auch verstärkt“, sagt der Mediziner. Wenn sich Mama und Papa wie die typischen „Helikoptereltern“ verhalten und sie mit Fürsorge überschütten, dann reagiere das Kind entsprechend darauf. Dabei müssten sich Eltern um ihre Kinder gar nicht so viele Gedanken machen – sie seien schließlich eigene Persönlichkeiten.

Genau das werde heute von manchen Eltern komplett ausgeblendet. „Kinder werden heute einfach so ausgeschaltet – durch Handys zum Beispiel“, so Burkhard Voigt, der neben seiner Tätigkeit in der Praxis auch als die „Kinderärzte der Kassenärztlichen Vereinigung“ vertritt. Dies sei keine besonders gute Erziehungsmethode. Sie erinnert an diese toxischen Erziehungstrends, denen unsere Autorin vollkommen zustimmt. Er verstehe das ja auch, die Eltern hätten einen getakteten Arbeitsablauf, aber immer nur zu wollen, dass die Kinder ruhig seien, wäre falsch. „Man darf nicht immer alles zu 100 Prozent übersteigert regulieren wollen“, sagt der 63-Jährige.

Ein Neugeborenes in einer Tragetasche und ein Handy.
Mit Handys würden Kinder heute einfach so „ausgeschaltet“ werden, findet, Burkhard Voigt. © Maskot/IMAGO

Wie geht Kindererziehung: Es bringt nichts, alles perfekt machen zu wollen

Eltern heute würden zu sehr versuchen, perfekt sein zu wollen, vermutet Voigt. „Manche gehen sogar so weit, dass sie aus medizinischer Sicht nicht sinnvolle Operationen durchführen lassen“, erzählt er. Er erlebe immer häufiger, dass Eltern auf medizinisch überhaupt nicht sinnvolle Operationen anspringen, so auch die Verlängerung des Zungenbändchens, die von nicht gerade seriösen Mediziner:innen angeboten werde. Das soll dann angeblich das Stillen vereinfachen.

Ich sage vielen jungen Eltern: Sie wollen alles richtig machen – verabschieden Sie sich davon!

Burkard Voigt, Kinderarzt in Frankfurt

„Bedürfnisorientierte Erziehung ist schön und gut, aber oft verwechseln Eltern ihre Bedürfnisse mit denen des Kindes. Wir wissen manchmal einfach nicht, was ein Säugling braucht“, so Voigt. Da bringe es nichts, immer alles perfekt machen zu wollen. Das gelinge sowieso nicht, sage er jungen Eltern immer bei den ersten Untersuchungen des Kindes. „Ich sage vielen jungen Eltern: Sie wollen alles richtig machen – verabschieden Sie sich davon!“ Besser, man macht es so wie die „Panda-Eltern“ – die vertrauen ihren Kindern, damit sie sich selbst vertrauen.

Solange man seine Kinder nicht so erzieht, wie diese 17 Eltern, von denen Babysitter:innen erzählen, ist sowieso alles in Ordnung.

Kindererziehung: Wie mache ich es richtig?

Auf die Frage, was Eltern in Zukunft besser machen können, antwortet der Kinderarzt: „Eltern müssen lernen, sich von ihren Kindern wieder mehr abzugrenzen. Eltern und gerade Mütter dürfen ihre eigenen Bedürfnisse nicht immer nur zurückstellen.“ Natürlich seien das oft Instinkte, die Eltern dazu bringen, alles perfekt machen zu wollen oder immer zur Stelle zu sein, „aber ein Neugeborenes zum Beispiel, das darf man auch nicht vergessen, ist ein emotionaler kleiner Tyrann und dem ist es völlig egal, wie die Mutter sich fühlt“, ergänzt Voigt.

Deswegen müsse Erziehung wieder mehr „zur Natürlichkeit zurückfinden“. Mit den Ansprüchen, den Eltern heute ausgesetzt seien, komme niemand auf Dauer gut zurecht, findet der Pädiater. Deswegen müssten sich nicht nur Eltern, sondern auch der Druck auf diese in der Gesellschaft verändern. Bis dahin müssten Eltern wohl oder übel akzeptieren, dass „sowohl sie selbst, als auch ihre Kinder nicht perfekt sind und auch nicht sein müssen“, sagt Voigt.

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