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Pulverfass Pazifik: Wie China und die USA in der Südsee um Einfluss ringen

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Von: Sven Hauberg

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Chinas zweiter Flugzeugträger „Shandong“
Chinas zweiter Flugzeugträger „Shandong“: Die Volksrepublik engagiert sich zunehmend im Pazifik. © Li Gang/Xinhua/Imago

Nicht nur Taiwan steht zwischen China und den USA: In der Südsee warb US-Topdiplomatin Wendy Sherman für mehr Zusammenarbeit – und wurde von den Solomonen „brüskiert“.

München/Honiara – Die Schlacht um Guadalcanal gilt als einer der Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs. Auf der Pazifikinsel lieferten sich die Streitkräfte der USA und Japans von Mitte 1942 bis Anfang 1943 heftige Gefechte, denen auf beiden Seiten Tausende Soldaten zum Opfer fielen, Dutzende Schiffe wurden versenkt. Das japanische Kaiserreich hatte die Dschungelinsel einige Monate zuvor besetzt – als Ausgangsbasis für Angriffe, die sogar Australien gefährdet hätten. Die USA gingen in die Offensive – und besiegten nach sechs Monaten schließlich die Japaner.

Am vergangenen Wochenende besuchte die amerikanische Vizeaußenministerin Wendy Sherman Guadalcanal, das heute Hauptinsel der Salomonen ist, einem Staat mit rund 650.000 Einwohnern. Sherman gedachte der Toten, die 80 Jahre zuvor in der Schlacht gefallen waren. Auch Manasseh Sogavare, Premierminister der Salomonen, sollte an der Zeremonie teilnehmen, sagte allerdings kurzfristig ab. Lokale Medien sprachen anschließend davon, Sogavare habe Sherman – immerhin die zweithöchste Diplomatin ihres Landes – „brüskiert“. Später am Tag trafen sich beide dann zwar doch noch. Sherman aber zeigte sich trotzdem enttäuscht und sprach von einer „verpassten Chance“.

Gedacht war der Besuch der Vizeaußenministerin, um „die dauerhaften Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den Salomonen hervorzuheben“, wie das US-Außenministerium im Vorfeld mitteilte. Die Salomonen aber können es sich offenbar leisten, eine derart ranghohe US-Besucherin in ihrem abgelegenen Inselstaat einfach sitzenzulassen, denn sie haben seit Kurzem einen neuen, mächtigen Freund an ihrer Seite: China.

Chinas Sicherheitsabkommen mit den Salomonen: Plant Peking eine Militärbasis in der Region?

Im April hatte die Regierung in der Hauptstadt Honiara ein Sicherheitsabkommen mit der Volksrepublik unterzeichnet, das es Pekings Marine untere anderem erlaubt, die Inseln mit Schiffen zu besuchen und dort Nachschub an Bord zu nehmen. Der genaue Text des Abkommens ist nicht bekannt. Beobachter fürchten aber, China könnte auf den Salomonen eines Tages eine Militärbasis eröffnen. Auch Sherman sprach nun von einer „kritischen“ Entwicklung. Premierminister Sogavare sowie Chinas Außenministerium weisen derartige Behauptungen hingegen seit Wochen routiniert zurück.

Die Staaten in der Region mögen nur wenige Millionen Einwohner haben, sind aufgrund ihrer Lage aber von überragender strategischer Bedeutung. Die Salomonen liegen nur rund 2.000 Kilometer vor der Nordostküste Australiens, andere Inselstaaten grenzen an US-Außengebiete wie Amerikanisch Samoa. Sollte sich China verstärkt in der Region engagieren, würden hier die Einflussgebiete der beiden Supermächte direkt aufeinanderprallen. Die Konflikte der Zukunft, da sind sich die meisten Beobachter einig, finden im Pazifik statt.

Heute ist ein Großteil des westlichen Pazifiks mit den USA verbündet: Von Japan und Südkorea im Norden über Taiwan bis zu den Philippinen im Süden bilden die Staaten eine Art Kette, die Chinas ungehinderten Zugang zum Pazifik deutlich einschränkt. Auch deshalb droht man in Peking damit, das demokratisch regierte Taiwan an die Volksrepublik anzugliedern. Es geht um so abstrakte Dinge wie Einflusssphären, aber auch um ganz Konkretes, wie Handelswege zwischen China und dem Rest der Welt. Die Zusammenarbeit mit den pazifischen Inselstaaten habe für die Biden-Regierung Priorität und sei „absolut entscheidend für die Zukunft der gesamten Region“, sagte Sherman in Honiara. In Neuseeland, ihrem letzten Halt, sagte sie dann gar: „Die Zukunft wird hier im Pazifik geschrieben.“

Shermans Signal an China: Die USA engagieren sich wieder in der Region

Wendy Sherman hatte ihre Reise in Samoa begonnen und war anschließend nach Tonga weitergereist. Der Besuch auf den beiden kleinen Südseeinseln war vor allem als Signal an China gedacht: Schaut her, wir sind noch präsent in der Region. Das wirkte zuletzt anders: Donald Trump hatte mit seinem America-First-Getöse viele Staaten in der Region vor den Kopf gestoßen. Joe Bidens neue Indopazifik-Strategie setzt hingegen auf Zusammenarbeit, auch mit den pazifischen Mini-Staaten. In Tongas Hauptstadt Nuku’alofa und in Honiara auf den Salomonen wolle man schon bald US-Botschaften eröffnen, sagte Sherman also. Die Volksrepublik China unterhält in beiden Ländern allerdings bereits seit mehreren Jahren diplomatische Vertretungen.

Zuletzt lief es jedoch auch für Peking nicht rund in der Region. Außenminister Wang Yi hatte Ende Mai als Teil einer chinesischen Charmeoffensive mehrere Pazifikinseln besucht, dabei gelang es ihm allerdings nicht, die Regierungen von zehn Staaten der Region für einen weitreichenden Sicherheits- und Handelsdeal mit Peking zu gewinnen. Das Abkommen hätte den Staaten besseren Zugang zu Chinas riesigem Markt gewährt. Im Gegenzug wollte Peking unter anderem an der Polizeiausbildung und dem Ausbau der Cybersicherheit in den Pazifik-Staaten beteiligt werden und besseren Zugang zu Bodenschätzen in der Region erhalten.

Doch das Misstrauen gegenüber China ist bei einigen der Staaten offenbar derart groß, dass Außenminister Wang die Länder dazu aufrufen musste, „nicht zu ängstlich und nicht zu nervös“ zu sein. Bislang blieben seine Appelle allerdings weitgehend ungehört.

Auf den Salomonen versuchte Sherman nun, dieses Misstrauen gegenüber China wieder aufzugreifen. Es sei „an der Zeit zu entscheiden, ob wir Regierungen wollen, die transparent arbeiten und Rechenschaft gegenüber ihrem Volk ablegen“, sagte sie in Richtung Pazifikstaaten. Sherman kritisierte zudem „Anführer, die glauben, dass Zwang, Druck und Gewalt straflos eingesetzt werden“. Namen nannte Sherman zwar nicht – angesichts des aggressiven Verhaltens Chinas gegenüber Taiwan und seiner Unterstützung für Russland war aber auch so mehr als deutlich, wen sie meinte.

Gemeinsam gegen China? USA und Australien wollen Atom-U-Boote bauen

Auch die USA müssen allerdings Vertrauen wieder aufbauen. Explodierende Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg fordern auf den Salomonen bis heute Todesopfer. Darauf wies der Polizei- und Sicherheitsminister des Landes bei Shermans Besuch hin.

Shermans Reiseroute hatte sie zuvor auch nach Australien geführt, einem engen US-Verbündeten mit großen Interessen im Südpazifik. Auch Canberra hatte sich nach dem China-Abkommen der Salomonen sehr besorgt gezeigt, nicht zuletzt, weil die Differenzen zwischen Australien und der Volksrepublik enorm sind. Sherman sprach mit Australiens Außenministerin Penny Wong nun über die gemeinsame Sicherheitspolitik – unter anderem über eine geplante Allianz mit Großbritannien und den USA namens AUKUS. Im Rahmen dieser Partnerschaft will Australien mehrere atomgetriebene U-Boote erwerben, die auf Technologien der beiden Partner basieren. Die Atom-U-Boote sollen es Australien ermöglichen, weit entfernt von den eigenen Küsten Militäroperationen durchzuführen. Beobachter sind sich sicher, dass AUKUS vor allem China im Visier hat. Noch ist allerdings unklar, wie der U-Boot-Deal umgesetzt werden soll.

Auch Australien umwirbt derzeit die Salomonen, unter anderem mit umgerechnet rund zwölf Millionen Euro für die Pazifikspiele im kommenden Jahr, eine wichtige Sportveranstaltung in der Region. Das Geldgeschenk überbrachte Australiens Minister für Pazifikangelegenheiten, Pat Conroy, kürzlich bei einem Besuch in Honiara. Bei der Gelegenheit holte er sich von Premierminister Sogavare die Zusicherung ein, dass Canberra trotz der Annäherung an Peking noch immer der bevorzugte Partner seines Landes sei. Zuvor hatten sich bereits Außenministerin Wong und Premierminister Anthony Albanese mit dem Premier der Salomonen getroffen – großer Bahnhof für das kleine Land. China ließ sich allerdings ebenfalls nicht lumpen und spendierte den Salomonen ein komplettes Sportstadion. Kostenpunkt: umgerechnet satte 50 Millionen Euro. (sh)

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