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Recherche deckt auf: Mehr als 180 Geflüchtete sterben – trotz Luftüberwachung

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Ein Schwarzer Mann mit Schwimmweste im Wasser.

Recherchen von BuzzFeed News bringen neue Vorwürfe gegen die EU-Grenzschutzagentur Frontex ans Licht. (Symbolbild) © ARIS MESSINIS/AFP

Frontex überwacht Europas Grenzen zunehmend aus der Luft. BuzzFeed News hat mehrere Fälle rekonstruiert, in denen insgesamt mehr als 180 Geflüchtete ertrunken sind, obwohl Frontex-Flugzeuge zuvor in der Nähe kreisten.

Von Vera Deleja-Hotko, Ann Esswein, Bartholomäus von Laffert

„Als wir das Flugzeug sahen, dachten wir, dass es Hilfe holen würde“, sagt Samuel Abrahm. Es ist der 10. April 2020. Dicht aneinander gedrängt sitzt er mit 62 weiteren Menschen auf einem überfüllten Schlauchboot. Auch Kinder sind an Bord, das eine erst wenige Tage alt. So gut wie keiner trägt eine Rettungsweste. 

Um Mitternacht, legten die Frauen, Kinder und Männer, von Garabulli an der libyschen Küste ab. Abrahm hat keine Angst, er ist glücklich. „Libyen ist schlimmer als das Meer.“  

Zu diesem Zeitpunkt weiß Abrahm noch nicht, dass zwölf Menschen diese Fahrt nicht überleben werden.

Frontex: „Immer wieder kreiste das Flugzeug über uns. Geholfen hat uns jedoch keiner.“

Seine Geschichte erzählt Abrahm in einem Telefongespräch mit uns im April 2021, etwa ein Jahr nach dem Unglück. Er hat überlebt. Seinen Namen haben wir geändert, weil er sich vor Repressionen in Libyen fürchtet.

„Immer wieder kreiste das Flugzeug über uns“, sagt er. „Geholfen hat uns jedoch keiner.“ Das Flugzeug ist die Osprey3, eines von drei Überwachungsflugzeugen, die im Auftrag der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex über dem zentralen Mittelmeer patrouillieren. 

Eigentlich gilt auf hoher See ein einfaches Gesetz: Jeder Mensch, der in Seenot gerät, muss gerettet werden. Zuständig dafür sind Schiffe in dessen unmittelbarer Nähe, also auch ein Handelsschiff oder Frachter. Doch seit einiger Zeit setzt Frontex immer weniger Schiffe ein – und setzt stattdessen auf Flugzeuge. 

Frontex-Recherche: Zahlreiche interne Dokumente, tausende Flugdaten

BuzzFeed News Deutschland hat in den vergangenen fünf Monaten zahlreiche interne Frontex-Dokumente, tausende Flugdaten und Meldungen von Seenotrettungsorganisationen ausgewertet. Dadurch haben wir drei Fälle auf dem zentralen Mittelmeer rekonstruiert, bei denen Frontex-Flugzeuge in der Nähe waren, als insgesamt fast 250 Geflüchtete in Seenot gerieten. In den von uns rekonstruierten Fällen – einer davon ist der von Samuel Abrahm – wurde den Menschen trotz der Frontex-Flugzeuge nicht rechtzeitig geholfen. Mehr als 180 Geflüchtete starben. Die gesamte Frontex-Recherche von BuzzFeed News lesen Sie hier.

Die Recherchen liefern zudem zahlreiche Hinweise für eine offenbar sehr enge Kooperation zwischen Frontex und der libyschen Küstenwache. Von April bis November 2020, so zeigen es interne Dokumente des Europäischen Auswärtigen Dienstes, fing die libysche Küstenwache insgesamt 94 Mal ein Boot mit Menschen ab. 70 Mal kreiste zuvor ein Flugzeug von Frontex in der Nähe, so geht es aus von uns ausgewerteten Flugdaten hervor. Die EU hat sich mit dem Einsatz von Flugzeugen eine legale Grauzone geschaffen, mit der sie die Verantwortung für ertrinkende Geflüchtete abschiebt.

Anfang April hatte das schweizer Magazin »Republik« das verdeckte Zusammenspiel der EU-Grenzschutzagentur, ihrer Flugzeuge und der libyschen Küstenwache offengelegt. Ende April berichtete der Spiegel, dass libysche Grenzbeamte offenbar über Whatsapp-Nachrichten mit Frontex-Mitarbeitern kommunizieren und dort die Koordinaten der Geflüchtetenboote teilen. 

Frontex kannte die Position der Geflüchteten, trotzdem ertranken die Menschen

Recherchen von BuzzFeed News zeigen nun eine weitere Dimension dieser neuen EU-Strategie auf: Frontex-Flugzeuge kreisten über Booten in Seenot, kannten also deren Position – und dennoch ertranken diese Menschen. Dabei trieben diese Boote teilweise sogar in europäischen Hoheitsgewässern. Dadurch wären EU-Mitgliedsstaaten wie Malta verpflichtet gewesen, die Menschen zu retten. Das maltesische nationale Rettungszentrum hat sich auf Anfrage von BuzzFeed News nicht zurückgemeldet.

Die Recherchen zeigen auch, dass das bisherige Vorgehen erst der Anfang einer noch viel weiter gehenden Strategie ist: Von Langstreckendrohnen, Quadrokoptern bis hin zu Zeppelinen setzt Frontex mittlerweile neue, millionenschwere Technik ein oder plant, diese bald einzusetzen. 

Frontex sagt: In jeder Suchmission sei es die Priorität, Leben Geflüchteter zu retten

In jeder potenziellen Such- und Rettungsmission sei es die Priorität von Frontex, Leben zu retten, schreibt Frontex-Sprecher Chris Borowski auf Anfrage von BuzzFeed News. „Ich befürchte, dass mehr Menschen in den vergangenen Jahren gestorben wären, wenn Frontex-Flugzeuge sie nicht gesichtet und ihre Position an ein nationales Rettungszentrum weitergegeben hätten.“ 

Und weiter: „Frontex ist, wie jeder andere Akteur auf See auch, verpflichtet, die Rettungszentren zu informieren, sobald ein Boot in Not gesichtet wird. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“ Frontex selbst koordiniere keine Such- und Rettungsaktionen.

Samuel Abrahms Boot befindet sich am 12. April um etwa 12 Uhr bereits zweieinhalb Tage auf hoher See – und mittlerweile in maltesischen Gewässern. Somit liegt es in der Verantwortung der maltesischen Küstenwache, die Menschen zu retten. Aber eine Rettung kommt nicht. 

Frontex: Aus Durst und Verzweiflung hätten die Geflüchteten begonnen, Meerwasser zu trinken.

„Wir dachten, dass diese Reise nicht so lange dauern würde“, erzählt Samuel Abrahm „Deshalb und um Platz zu sparen, hatten wir nur wenig zu Essen und zu Trinken dabei.“ Bereits am ersten Tag seien die Vorräte knapp geworden, bis sie am zweiten komplett erschöpfen. Aus Durst und Verzweiflung hätten sie begonnen, Meerwasser zu trinken. 

Am Morgen des fünften Tages auf hoher See werden die Überlebenden von einem vermeintlichen Fischerboot aufgegriffen und nach Libyen zurückgebracht. Wie Recherchen der New York Times offenlegen, soll es sich dabei um ein Boot handeln, das von der maltesischen Küstenwache angeheuert wurde, um im Auftrag von Malta die Flüchtenden nach Libyen zurückzubringen.

51 Menschen werden zurück nach Libyen gebracht – in das Lager Tariq al-Sikka, das bekannt ist für Folter und Misshandlung geflüchteter Menschen. Zwölf Personen sterben bei der versuchten Überfahrt.*BuzzFeed News ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Die Recherche wurde unterstützt durch ein Stipendium des Investigative Journalism for Europe Fund. Mitarbeit: Luisa Izuzquiza, Phevos Simeonidis, Daniela Sala.

BuzzFeed News recherchiert weiter aufwändig zu relevanten Themen. Die Redaktion erreichen Sie unter recherche@buzzfeed.de.

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