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Russland in Flammen - Das große Rätsel um die Brandserie auf Staatsgebiet

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Von: Aleksandra Fedorska

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Das vom Pressedienst des russischen Katastrophenschutzministeriums veröffentlichte Foto zeigt einen Feuerwehrmann während Löscharbeiten in einem niedergebrannten Waldstück.
Das vom Pressedienst des russischen Katastrophenschutzministeriums veröffentlichte Foto zeigt einen Feuerwehrmann während Löscharbeiten in einem niedergebrannten Waldstück. © Uncredited/dpa

In Russland kommt es während des Ukraine-Kriegs zu schweren Bränden. Manche sehen die Ukraine verantwortlich. Einige Ereignisse sind aber ungeklärt. 

Russland – Am 8. Mai brannte es wieder in Perm. Die Stadt, die rund 1500 Kilometer östlich von Moskau liegt, wurde in den vergangenen Wochen mehrmals von schweren Bränden getroffen. In ganz Russland kommt es seit der russischen Invasion in der Ukraine zu diesen gefährlichen Ereignissen. Betroffen sind überwiegend Munitionsdepots und Waffenfabriken. Perm ist ein wichtiges Zentrum der russischen Rüstungsindustrie. Dort werden unter anderem Raketen und Träger für Marschflugkörper produziert.

In den vergangenen Tagen standen im Verlauf des eskalierten Ukraine-Konflikts aber auch die Industrieanlagen in Dserschinsk in der Region Nischni Nowgorod in Flammen. Ende April brach Feuer in einem Chemiewerk in Kineszma in der Region Iwano-Frankiwsk und in einem Öllager in Brjansk nahe der Grenze zur Ukraine aus. Ebenso wie im Forschungsinstitut in Twer, das in Brand gesteckt wurde. Die russischen Medien berichten kaum über die massive Brandserie. Es sind lediglich lokale Medien, die sich dieser Themen annehmen. Das erscheint auch unvermeidlich, wenn tagelang Rauchschwaden über den Städten, wie in Perm, kreisen.

Russland im Ukraine-Krieg: Russisches Staatsgebiet von zahlreichen Bränden betroffen

Die Folgen der vielen Brände, die sowohl Industrieanlagen, Infrastruktur, aber auch Wälder betreffen, sehen sogar die NASA-Satelliten im All. Allein die Waldbrände sind in 77 der 85 Regionen Russlands zu verzeichnen. In 46 von ihnen wurde ein besonderer Ausnahmezustand ausgerufen, der den Zugang zu den Wäldern für normale Bürger verbietet. Besonders kritisch ist die Situation in der entlegenen Region Krasnojarsk. In Omsk hat der Gouverneur Alexander Burkov den allgemeinen Ausnahmezustand ausgerufen.

Während in vielen Fällen Brandanschläge auf Rüstungsanlagen die Ursache sind, handelt es sich bei den Waldbränden um eine Folge der Klimakrise. In den vergangenen sieben Jahren wurde in Russland im Vergleich zu den vorangegangenen zehn Jahren ein dreifacher Anstieg der Waldbrände verzeichnet. Wissenschaftler, die sich mit der Klimakrise in Russland befassen, sprechen bereits von einer neuen Ära für die Menschheit - einer Ära des Feuers.

Das Engagement russischer Truppen in der Ukraine verhindert, dass, wie in solchen Fällen üblich, militärische Kräfte, einschließlich der Luftwaffe, eingesetzt werden, um die riesigen Brände zu löschen. Ukrainische Medien ergänzen in dem Zusammenhang, dass sie Informationen haben, dass auch häufig gewöhnliche Feuerwehrleute fehlten, da sie auch an dem Ukraine-Krieg teilnehmen würden. Es wird befürchtet, dass es in Russland im Sommer noch schlimmer werden könnte. Erfahrungsgemäß nehmen die Waldbrände in dieser Zeit nochmals stark zu.

Russland im Ukraine-Krieg: Wer legt das Feuer? Experte verweist auf ukrainische Attacken auf militärische Ziele

Der polnische Russlandexperte Michał Kacewicz analysierte für den Fernsehsender Belsat die möglichen Akteure, die für die Brandserie in Russland verantwortlich sind. „Die Ukrainer griffen schon am zweiten Tag des Krieges in Russland an. Am 25. Februar wurde wahrscheinlich der russische Flughafen Millerow in der Region Rostow mit Toczka-U 25 - Raketen getroffen” schreibt Kacewicz. Die ukrainischen Attacken auf militärische Ziele in Russland wurden seit dem Anfang des Krieges fortgesetzt und sogar weiter verstärkt. Allerdings lassen sich damit lediglich die Brände in relativer Nähe zur ukrainischen Grenze erklären. Da bereits mehrere Dutzend solcher Objekte in Russland von Bränden betroffen sind, ist die Suche nach den Ursachen schwieriger.

Aus den Beraterkreisen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hieß es dazu, dass verstärkt Kommissionen, die zur Musterung von Grundwehrdienstleistenden bestimmt sind, in Brand gesetzt werden. Diese Informationen werden aber von Kacewicz skeptisch bewertet. Es sei zwar nicht ausgeschlossen, aber eben unwahrscheinlich, dass sich in Russland selbst eine Widerstandsbewegung formiert hätte. Der Russlandexperte sieht stattdessen die Ursachen vieler dieser Ereignisse in den inneren russischen Problemen, die seit vielen Jahren ungelöst sind. Es seien vor allem die massive Korruption, die längst die Rüstungsindustrie, wie auch alle anderen Lebensbereiche in Russland erreicht hätte. Das schlechte Abschneiden der russischen Armee an der Front stehe im klaren Zusammenhang mit der Korruption. Das Beispiel aus Perm macht diese Problematik besonders deutlich.

Brandserie in Russland während Ukraine-Krieg: Experte verweist auf Korruption

„Im Jahr 2018 haben die staatseigenen Rüstungswerke in Perm mit privaten Unternehmen einen Vertrag zur Modernisierung der Produktionslinie abgeschlossen. Wie in vielen Fällen dieser Art, erfolgte die Modernisierung lediglich auf dem Papier und einige wenige Menschen verdienten daran“, erklärt Kacewicz. Das sei eine beliebte Methode, um staatliche Gelder aus der Rüstungsindustrie abzuschöpfen. „Jemand aus dem Vorstand eines Staatsunternehmens nimmt Bestechungsgelder an, damit ein bestimmtes Unternehmen die Modernisierungsausschreibung gewinnt. Der Beauftragte tut nichts oder gibt vor den Auftrag zu erfüllen, indem minderwertige Ausrüstung in die Fabrik gebracht wird und dafür überhöhte Summen verlangt werden können“, so der polnische Russlandexperte weiter.

Die Brandserie komme daher vielen Verantwortlichen sehr gelegen. So könnten sie schnell und dauerhaft Beweise verschwinden lassen. In einer abgebrannten Fabrik werde niemand mehr sehen können, wie ineffizient und technisch überholt gearbeitet wurde – während Millionen von Rubel für die Modernisierung aus Moskau überwiesen wurden. (Aleksandra Fedorska)

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