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Taiwan-Konflikt: „Die Situation ist dramatisch. Aber wir sind die Drohungen aus China gewohnt“

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Von: Sven Hauberg

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Eine Kundin und eine Mitarbeiterin sehen sich in einem Schönheitssalon in Taipeh eine Nachrichtensendung über die jüngsten Spannungen zwischen China und Taiwan an.
Eine Kundin und eine Mitarbeiterin sehen sich in einem Schönheitssalon in Taipeh eine Nachrichtensendung über die jüngsten Spannungen zwischen China und Taiwan an. © Chiang Ying-Ying/dpa

So ernst wie jetzt war die Lage lange nicht mehr. Die Menschen in Taiwan regieren dennoch gelassen auf Chinas Drohungen – und rüsten sich gleichzeitig für den Ernstfall.

München/Taipeh – Am Montag vergangener Woche heulten in Taipeh die Sirenen. Es war ein Signal an die Bürgerinnen und Bürger von Taiwans Hauptstadt: Bringt euch in Sicherheit! Polizisten, die in den Straßen patrouillieren, wiesen die Menschen an, sich in Schutzräume zu begeben. Autos wurden stehengelassen, in den U-Bahn-Stationen drängten sich die Menschen und warteten ab. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei: alles nur eine Übung.

„Wan An“ – zehntausendfache Sicherheit – nennt sich die Zivilschutzübung, die seit 1978 jährlich in Taiwans durchgeführt wird. Geprobt wird das Zusammenspiel der unterschiedlichen Behörden, und auch die Bürger sollen auf den Ernstfall vorbereitet werden, die Teilnahme ist verpflichtend. Der Ernstfall: Das ist natürlich ein Einmarsch der Soldaten der Volksrepublik China, die Taiwan als „abtrünnige Provinz“ ansieht, die notfalls auch mit Gewalt mit dem Festland „wiedervereinigt“ werden muss.

Selten zuvor war die Übung so nah an der Realität, auch wenn in der vorigen Woche noch nicht absehbar war, ob Nancy Pelosi wirklich in Taipeh aus dem Flieger steigen würde oder nicht. Aber die Lage war so schon angespannt genug: Dutzende Male waren Chinas Kampfjets in den vergangenen Monaten in Taiwan Luftverteidigungszone eingedrungen, zudem hatte Peking die Meerenge, die das kommunistische Festland und die demokratisch regierte Insel trennen, kurzerhand zum nationalen Gewässer erklärt.

5.771 Luftschutzbunker – für den Fall, dass China in Taiwan einmarschiert

Pelosis Besuch – die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses hielt sich von Dienstag bis Mittwoch in Taiwan auf - mag die Spannungen verschärft haben. Doch wirklich beunruhigt zeigen sich die meisten der knapp 24 Millionen Taiwaner auch in diesen Tagen nicht, trotz Drohungen aus Peking und einer militärischen Übung rund um die Insel. „Die Menschen in Taiwan sind sehr widerstandsfähig“, sagt Liu Tingting zu Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Die Journalistin aus Taipeh berichtet für den taiwanischen Sender TVBS über Sicherheits- und Außenpolitik. „Wir sind die Drohungen aus China gewohnt“, sagt sie, gibt aber gleichzeitig zu bedenken: „So dramatisch wie heute war die Situation noch nie.“

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In Taipeh gebe es exakt 5.771 Luftschutzbunker, erklärte ein Sprecher der Stadtverwaltung unlängst der taiwanischen Nachrichtenagentur CNA. Platz hätten darin fast 13 Millionen Menschen – fünfmal so viele wie Taipeh Einwohner hat. Eine App zeigt den Menschen im Notfall an, wie sie zum nächsten Bunker finden. Die Bedrohung durch den großen Nachbarn, sie ist überall präsent in Taiwan. Dennoch, sagt Liu: „Das Leben der Menschen geht auch nach dem Pelosi-Besuch und den neuesten Drohungen aus China normal weiter. Die Menschen gehen zur Arbeit und zur Schule. Was sollen sie auch tun? Die meisten Leute sagen: Man kann sowieso nichts machen.“

Das sieht nicht jeder so. Etwa Jack Yao, ein Kaffeegroßhändler aus der Taipeh. Der 28-Jährige verteilte drei Monate lang als Freiwilliger in der Ukraine Lebensmittel und Medikamente an Zivilisten und Kämpfer und nahm an Aufklärungsmissionen teil. Taiwan, so Yao, könnte es eines Tages „noch schlechter ergehen als jetzt der Ukraine“. Im Kriegsgebiet konnte er den Menschen vor Ort helfen und gleichzeitig für den taiwanischen Ernstfall trainieren.

Taiwan bereitet sich auf Chinas Angriff vor – mit Reservisten und Freiwilligen, die für den Ernstfall proben

Die meisten Taiwaner, die sich Sorgen um die Zukunft ihres Landes machen, gehen freilich nicht so weit wie der junge Mann aus der Hauptstadt. Dennoch wächst in dem Land die Bereitschaft, sich zu wappnen, für den Fall der Fälle. Denn schon der Ukraine-Krieg hat vielen vor Augen geführt, dass aus Drohungen bitterer Ernst werden kann, – dass auch im 21. Jahrhundert noch brutale Angriffskriege geführt werden.

Ein Plakat in Taiwans Hauptstadt Taipeh begrüßte am Mittwoch Nancy Pelosi.
Mit einem Plakat in der Hauptstadt Taipeh begrüßte Taiwan am Mittwoch Nancy Pelosi. © Chiang Ying-Ying/picture alliance/dpa/AP

Organisationen wie Forward Alliance bieten deshalb Programme an, die den Menschen zeigen, wie sie sich im Notfall schützen können. Sanitäter und Feuerwehrleute vermitteln den Teilnehmern Erste-Hilfe-Kurse und erklären ihnen, wie man Wunden verbindet oder Menschen rettet, die von Trümmern verschüttet wurden. „Unsere Aufgabe ist es, den Bürgern beizubringen, wie sie in einem Notfall reagieren können“, sagte Enoch Wu, Gründer der Forward Alliance, der Nachrichtenseite Axios. „In Friedenszeiten bedeutet dies Katastrophenschutz. In Kriegszeiten bilden die gleichen Fähigkeiten das Rückgrat des Zivilschutzes.“

Vor rund zehn Jahren hatte die taiwanische Regierung die Wehrpflicht für erwachsene Männer auf nur vier Monate verkürzt, eine Ausbildung, die oftmals als „Sommerlager“ verspottet wird. Nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine brachte Verteidigungsminister Chiu Kuo-cheng eine Verlängerung ins Spiel, die noch in diesem Jahr beschlossen werden könnte. Gleichzeitig soll die Reservistenausbildung verbessert werden. „Wenn unsere Reservisten sieben bis 14 Tage im Jahr trainieren, gibt uns das viel mehr Vertrauen“, sagte Chen im März.

Die regulären Streitkräfte übten in der vergangenen Woche beim traditionellen Militärmanöver Han Kuang die territoriale Verteidigung. Dabei wurde unter anderem ein Angriff der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf die Westküste Taiwans simuliert.

„Die meisten fanden Pelosis Besuch gut“ – trotz Chinas Drohungen gegenüber Taiwan

Nach dem Pelosi-Besuch begann China mit einem umfangreichen Militärmanöver rund um Taiwan, das noch bis Sonntag andauern soll. Dabei wurden laut dem Verteidigungsministerium in Taipeh zahlreiche ballistische Raketen ins Meer vor der Insel geschossen. Ob die Volksrepublik die Situation in den nächsten Tagen weiter eskalieren werde, könne man noch nicht sagen, sagt die Journalistin und Verteidigungsexpertin Liu.

Sie glaubt, dass die Menschen auf der Insel trotz der angespannten Lage eher positiv auf den Kurzbesuch der US-Politikerin blicken. „Einige wenige Leute haben Sorgen, sie haben Angst vor den Konsequenzen“, sagt sie. „Andere sagen: Egal, wie groß die Drohungen aus Peking sind, wir müssen die Freundschaft zu den USA stärken und uns hinter Pelosi stellen. Taiwan ist ein demokratisches Land, die Meinungen gehen auseinander, aber die meisten fanden den Besuch gut.“

Was es in Taiwan kaum mehr gibt, sind Menschen, die sich eine schnelle Wiedervereinigung mit China wünschen. In einer Umfrage der National Chengchi University in Taipeh sagten im Juni nur 1,3 Prozent der Befragten, die Wiedervereinigung solle so bald wie möglich erfolgen. Die Befürworter einer Unabhängigkeit von China werden hingegen immer mehr. Und auch die Zahl der Menschen, sie sich als Taiwaner betrachten und nicht als Chinesen, nimmt zu. Vor allem die Jüngeren haben kaum noch eine Verbindung zum Festland. „Anders ist das bei den Älteren“, sagt Liu Tingting. „Sie haben noch Verwandte in China, an die sie sich erinnern, außerdem sind die psychologischen Bindungen enger. Aber auch das lässt nach.“ (sh)

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