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„Wir leben in einer Gaskrise“: Habeck schwört Deutschland auf harten Winter ein

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Von: Kathrin Reikowski

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Messinstrumente zeigen den Leitungsdruck der Rohrleitungen eines Gaspeichers an und Wirtschaftsminister Robert Habeck.
Habeck schwört Deutschland auf einen harten Winter ein. (Montage) © Axel Heimken/Bernd von Jutrczenka/dpa

Robert Habeck sieht Deutschland wegen der Gaskrise vor einem harten Winter. „Alles werden wir nicht auffangen können, es ist ein externer Schock.“

Berlin - „Putin will, dass sich unser Land zerlegt. Aber wir zerlegen uns nicht“, sagt der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in einem Interview mit dem Spiegel. Am Freitag (24. Juni) hatte der Bundestag einen beschleunigten Netzausbau, mehr Verbraucherrechte gegenüber Energielieferanten sowie eine schärfere Beobachtung der Tankstellen beschlossen – im Zuge der Zeitenwende durch den eskalierten Ukraine-Konflikt. Er verabschiedete dazu den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts – zustimmen muss noch der Bundesrat.

Damit soll nicht nur der Umbau auf erneuerbare Energien beschleunigt werden, sondern auch Verbraucherrechte gestärkt. Die Bundesnetzagentur erhält zusätzliche Aufsichtsmöglichkeiten über Energielieferanten – insbesondere im Zusammenhang mit dem Rückzug einzelner Lieferanten. Sie müssen dies künftig drei Monate vorher sowohl gegenüber den Kunden als auch gegenüber der Netzagentur ankündigen. Trotz der Stärkung der Verbraucherrechte geht Habeck im Spiegel-Interview von einem entbehrungsreichen Winter aus.

Ukraine-Krieg: Habeck schwört Deutsche auf harten Winter ein

Der Ukraine-Krieg sei nah. „Wir hören, wie Frauen ihre Kinder neben sich sterben sehen, wie 19-Jährige, die eigentlich an der Uni sitzen wollen und vom Strand träumen, an die Front gehen, um ihr Land zu verteidigen.“ In Freiheit und Sicherheit zu leben – das sei keine Selbstverständlichkeit mehr. Deshalb sehe er eine große Entschlossenheit, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin diesen Krieg nicht durchgehen lassen.

Es gibt Menschen, die haben schon im vergangenen Winter nicht mehr alle Räume in ihrer Wohnung geheizt. Und zur Ehrlichkeit gehört: Das ist noch nicht das Ende.

Robert Habeck

Ein entbehrungsreicher Winter bedeute, dass „Unternehmen ihre Produktion einstellen müssen, ihre Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen, dass Lieferketten zusammenbrechen, Leute sich verschulden, um ihre Heizrechnung zu bezahlen, dass Menschen ärmer werden, dass Frust sich ins Land frisst“, meint Habeck, der sich wenige Wochen später deswegen im Fadenkreuz befindet.

Habeck spricht von „Gaskrise“: „Unser Ziel ist, dass niemand vor die Hunde geht“

Die Bundesregierung tue alles, um eine Mangellage zu vermeiden – doch der Gasverbrauch müsse unbedingt reduziert werden. Wenn das nicht ausreiche, dann „werden wir sehr schwierige gesellschaftliche Entscheidungen treffen müssen“, sagt Robert Habeck. „Alle marktwirtschaftlichen Prozesse werden dann ausgesetzt. Für manche Branchen wäre das katastrophal. Wir reden ja nicht über zwei Tage oder Wochen, sondern von einer langen Zeit.“

„WIr sind in einer Gaskrise. Unser Ziel ist, dass niemand vor die Hunde geht“, sagt Habeck. Wie sehr er bereits Energie spare? Als Minister mit gutem Gehalt, der kaum zu Hause sei, könne er nicht als Vorbild in Sachen Energiesparen taugen, meint Habeck.

Mein niederländischer Kollege hat mir neulich stolz erzählt, sie hätten die durchschnittliche Duschzeit mithilfe einer Kampagne von zehn auf fünf Minuten reduzieren wollen. Da musste ich lachen. Ich hab noch nie in meinem Leben fünf Minuten lang geduscht. Ich dusche schnell.

Robert Habeck

Von Menschen, die viel verdienten, erhoffe er sich, dass sie auch versuchten, viel Energie einzusparen – wie er immer wieder betont, treffe die Krise nicht alle gleich. „Aber gerade da, wo Geld ohnehin schon knapp ist, sollten wir stützen“, meint er, obwohl man sicher nicht alles auffangen könne. „Es ist ein externer Schock“, sagt Habeck. Die Bundesregierung setze in puncto Energiesparen aber auf eine Mitmach-Kampagne, nicht auf Selbstkasteiung.

Kohlekraftwerke versus Atomkraftwerke: „Wenn es etwas bringen würde, würde ich nicht zögern“

Viel Kritik einstecken musste Habeck zuletzt, weil er wieder mehr Energie aus Kohle gewinnen lassen will. Würde er sich für eine Verlängerung der Atomkraftwerke entscheiden? „Wenn es in der Gaskrise wirklich was bringen würde und machbar wäre, würde ich da nicht zögern. Aber es nützt nichts und ginge nur mit Abstrichen bei der Sicherheit – und das für eine Hochrisikotechnologie“, sagte der Minister dem Spiegel. Weniger kritisch sehen das etwa manche Forscher - Atomkraftwerke könnten weiterlaufen, meinen sie.

Doch Habeck schätzt das Risiko höher ein: „Für einen geringen Ertrag hätten wir dann die schlechteste Sicherheit von Atomkraftwerken, die wir je hatten. Und das in einer Situation, wo wir Hackerangriffe auf unsere Energieinfrastruktur erleben. Außerdem sind die Meiler störanfällig“, beharrt der Wirtschaftsminister. Und zum Abschluss des Interviews hofft er, dass die Geschlossenheit der Deutschen erhalten bleibe – auch im kommenden Winter. „Wenn wir das meistern, in der Solidarität, über die wir gesprochen haben, dann bin ich stolz auf dieses Land.“ (kat)

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