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BuzzFeed News deckt Vorwürfe gegen Kult-Verein auf

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Eltern und Jugendliche werfen der Nachwuchsabteilung von Union Berlin eine „Ausländerquote“ vor. © imago sportfotodienst

Zahlreiche Jugendliche und deren Eltern werfen dem 1. FC Union Berlin vor, minderjährige Spieler schlecht zu behandeln und vor allem Kinder mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund zu benachteiligen. Das zeigen monatelange Recherchen von BuzzFeed News Deutschland und der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

Von Laurenz Schreiner und David Joram

Die Vorwürfe beginnen mit einer anonymen Nachricht im Postfach des Berliner Fußball-Verbands, die auf gewaltige Risse in der Union-Familie hindeutet. Absender sind Eltern von Jungen, die bis vor Kurzem in der Jugendabteilung des Fußball-Bundesligisten 1. FC Union Berlin gespielt haben. Sie wundern sich über die hohe Zahl an Spielern mit Migrationshintergrund, die den Verein verlassen mussten, „darunter waren sogar Spieler, die eine Saison zuvor als Talent geholt bzw. mit Förderverträgen ausgezeichnet wurden.“ Insgesamt nennen die Verfasser Namen von 19 Spielern aus den Jahrgängen 2003 und 2004, die angeblich aussortiert wurden. 

Die Verfasser fragen: „Waren die vorherigen sportlichen Verantwortlichen so inkompetent und haben diese untalentierten Spieler als Talente zu Union Berlin geholt  oder hat der neue Sportliche Leiter Andre Hofschneider die „Ausländerquote“ durchgesetzt, so dass in den Nachwuchsmannschaften wieder nur einige wenige Spieler mit Migrationshintergrund zu sehen sind ??“ Die gesamte Recherche von BuzzFeed News Deutschland inklusive des anonymen Briefes der Spieler-Eltern finden Sie hier.*

Union Berlin: Einige Spieler nennen Nachwuchs-Cheftrainer einen Diktator

Im Fußballgeschäft ist es normal, dass Spieler die Jugendabteilung eines Bundesligisten verlassen müssen. Doch die Vorwürfe in dem Brief gehen über die übliche Kritik enttäuschter Fußball-Eltern hinaus. BuzzFeed News Deutschland, das zur Ippen-Gruppe gehört, und die Märkische Allgemeine Zeitung haben zu den Vorwürfen recherchiert und in den vergangenen drei Monaten mit 18 ehemaligen Spielern sowie elf Eltern gesprochen, teilweise am Telefon, teilweise auf langen Spaziergängen, oft mehrere Male. Dazu haben wir mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins sowie mit Beratern gesprochen.  

Die Recherchen zeigen, wie problematisch der Umgang mit Jugendlichen im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin ist. Den neuen Cheftrainer des Zentrums, André Hofschneider, nennen mehrere Spieler und ihre Eltern einen Diktator. Die Betroffenen berichten von zum Teil sehr harten disziplinarischen Maßnahmen, von fehlendem pädagogischen Gespür und von Willkür. Minderjährige Spieler, die jahrelang für den Verein gespielt haben, wurden offenbar ohne Erklärung von einem Tag auf den anderen rausgeworfen. Mehrere berichten, danach massive psychische Probleme gehabt zu haben. 

Quote von Spielern mit Migrationshintergrund bei Union Berlin von 40 auf 10 Prozent gefallen

Die Recherchen zeigen auch, dass die schlechte Behandlung offenbar vor allem Spieler mit Migrationshintergrund trifft. Zahlreiche türkisch- oder arabischstämmige Familien fühlen sich von den Mitarbeitern des Bundesligisten benachteiligt und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Spielerberater warnen Jugendliche mit Migrationshintergrund, sich auf Union Berlin einzulassen, weil sie dort angeblich niemals so wertgeschätzt würden wie ihre Mitspieler ohne sichtbaren Migrationshintergrund. Und: In den Jahrgängen 2003 und 2004, die in dem anonymen Brief thematisiert werden, ist die Quote von Spielern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund innerhalb von gut zwei Jahren – seit Hofschneiders Antritt als Cheftrainer – von über 40 auf zehn Prozent gefallen.

Unsere Reporter recherchieren weiter zu Problemen im Nachwuchsfußball, nicht nur bei Union Berlin. Falls Sie Informationen für uns haben, können Sie sich gerne jederzeit vertraulich unter recherche@buzzfeed.de bei uns melden und wir kommen auf Sie zu.

„Was mich gar nicht überrascht, ist die Spielerfluktuation. Wir nennen das die Auffrischungsrate. Die ist in den NLZs strukturell angelegt und insofern normal“, sagt Professor Arne Güllich, der an der Universität Kaiserslautern seit vielen Jahren zum Nachwuchsfußball forscht. „Was mich allerdings sehr überrascht, ist die Art und Weise, wie man scheinbar mit den Spielern umgeht. Das ist ja genau das Gegenteil dessen, wofür der Sport steht, nämlich für gegenseitigen Respekt und Fair Play. “ Schließlich habe der Verein für die jungen Spieler in seinem Nachwuchsleistungszentrum eine große Verantwortung. „Herabwürdigender Umgang mit Kindern hat nirgendwo etwas zu suchen, schon gar nicht im Leistungssport““, sagt Güllich.

Union Berlin reagiert auf Vorwürfe mit Stellungnahme auf eigener Webseite

Union Berlin veröffentlichte am Montag auf der eigenen Webseite die von BuzzFeed News und Märkischer Allgemeiner Zeitung an den Verein gestellten Fragen. Union Berlin berichtet von „anonymen Anschuldigungen“, mit denen der Verein seit mehreren Monaten konfrontiert werde. Der Verein betont das eigene soziale Engagement und die gute Betreuung der Kinder durch lizensierte Trainer und Sportpsychologen. Es gebe standardisierte Abläufe, die Entwicklung der Kinder werde kontinuierlich begleitet, es werde immer im Kollektiv mehrerer Trainer gemeinsam entschieden. Der Verein bemühe sich für Spieler um neue Vereine, ein Auslandsstudium oder Ausbildungsplätze.

„Die Auf- und Übernahmekriterien unseres NLZ sind auf die sportliche und schulische Leistungsfähigkeit sowie auf das Sozialverhalten ausgerichtet“, schreibt der Verein. „Andere Kriterien, wie Religionszugehörigkeit oder Migrationshintergrund, existieren nicht.“ Eine Ausländerquote existiere nicht. „Sie wäre weder mit der Satzung noch mit der Nachwuchskonzeption vereinbar.“

Cheftrainer André Hofschneider reagierte nicht auf detaillierte Fragen von BuzzFeed News und Märkischer Allgemeiner Zeitung. Der Berliner Fußballverband und der Deutsche Fußball Bund wollten sich auf Anfrage nicht konkret äußern.*BuzzFeed News Deutschland ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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