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Nach BuzzFeed News-Recherche: Strengere Regeln für Interessenkonflikte gefordert

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Nach Recherchen von BuzzFeed News werden zehntausende Forscher:innen von der Pharma-Industrie gefördert, machen dies aber nicht systematisch transparent. Auch hochrangige Mediziner:innen aus Deutschland haben den Recherchen zufolge gegen die wissenschaftlichen Standards verstoßen.
Nach Recherchen von BuzzFeed News werden zehntausende Forscher:innen von der Pharma-Industrie gefördert, machen dies aber nicht systematisch transparent. Auch hochrangige Mediziner:innen aus Deutschland haben den Recherchen zufolge gegen die wissenschaftlichen Standards verstoßen. © Ole Spata

Ärzte unterschlagen systematisch ihre Interessenkonflikte, zeigte vergangene Woche eine BuzzFeed News-Recherche. Jetzt fordern Politiker und Wissenschaftler Konsequenzen.

Von Hristio Boytchev / Redaktionelle Mitarbeit: Simon Wörpel und Edgar Zarella Alvarenga

Hochrangige Politiker:innen und Wissenschaftler:innen fordern als Reaktion auf Recherchen von BuzzFeed News eine strengere gesetzliche Kontrolle von Interessenkonflikten in Wissenschaft und Medizin. So fordern die Grünen im Bundestag, die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und mehrere Nichtregierungsorganisationen erneut eine gesetzlich verpflichtende Transparenzdatenbank für Interessenkonflikte, wie es sie zum Beispiel in den USA bereits gibt. Expert:innen bezeichneten die Ergebnisse der Recherche in den vergangenen Tagen als skandalös, erschreckend, bestürzend und aufrüttelnd.

Vergangene Woche hatte BuzzFeed News gezeigt, dass zehntausende Forscher:innen von der Pharma-Industrie gefördert wurden, dies aber systematisch nicht transparent gemacht haben. Auch hochrangige Mediziner:innen aus Deutschland haben den Recherchen zufolge gegen die wissenschaftlichen Standards verstoßen. Für die „Follow the Grant“ genannten Recherchen hatte ein Team aus Wissenschafts- und Datenjournalisten insgesamt 3,3 Millionen bio-medizinische Fachartikel in einer Datenbank ausgewertet und mit anderen Angaben über Industrie-Beziehungen verknüpft.

Ernst Dieter Rossmann bezeichnete die BuzzFeed-Recherchen als „äußerst verdienstvoll“ und fordert eine Diskussion über eine neue Datenbank. Rossmann ist Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.
Ernst Dieter Rossmann bezeichnete die BuzzFeed-Recherchen als „äußerst verdienstvoll“ und fordert eine Diskussion über eine neue Datenbank. Rossmann ist Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. © Jens-Ulrich Koch

Die Datenbank und die Recherchen seien „äußerst verdienstvoll“ und reihten sich in das wachsende Problembewusstsein zum Thema ein, schreibt Ernst Dieter Rossmann, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Die Thematik sei bisher im Ausschuss nicht diskutiert worden. Rossmann wünscht sich, dass das Forschungsministerium die Recherche aufgreift und im Rahmen einer laufenden Debatte über Wissenschaftskommunikation diskutiert. Rossmann fordert zudem, über die Einführung einer Datenbank für Industrie-Beziehungen von Ärzt:innen zu diskutieren – und bei Regelverstößen dann auch Konsequenzen zu erwägen. 

MEZIS: „Interessenkonflikte töten Menschen“

„Nicht erst seit den Arzneimittel-Skandalen wie Lipobay oder der Opioid-Katastrophe in den USA wissen wir, dass Interessenkonflikte ganz konkret Menschen töten“, sagt Niklas Schurig, Vorstand von MEZIS, einem Verein von Ärzt:innen, die sich gegen Einflussnahme aus der Industrie engagieren. Die Recherche bestätige deutlich, dass diese Einflussnahme in Deutschland weder von Universitäten, Ärztekammern oder Kliniken, noch von den wissenschaftlichen Zeitschriften ernst genommen werde. 

Die freiwilligen Veröffentlichungen der Pharmafirmen hätten erkennbar nichts gebracht. „Sie waren von Anfang an ein stumpfes Schwert.“ Auch MEZIS fordert daher eine gesetzlich verpflichtende Offenlegung aller Zahlungen von Pharma- und Medizinproduktefirmen.

Mehr Transparenz für langfristiges Vertrauen in Wissenschaft

Die Recherchen machten deutlich, wie wichtig es sei, Interessenkonflikte „endlich offenzulegen und für alle nachvollziehbar zu machen“, schreibt Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion auf Anfrage. „Noch immer mangelt es jedoch an gesetzlichen Transparenzregeln.“ Die Bundesregierung sehe keinen Anlass, tätig zu werden. „Ich halte das für ein großes Versäumnis“, schreibt Klein-Schmenk. „Eine freiwillige Auskunft kann eine verbindliche gesetzliche Regelung für alle Akteure im Gesundheitswesen nicht ersetzen.“

„Mehr Transparenz ist ein wichtiger Schlüssel, um eine ehrliche Debatte zur Unabhängigkeit der Forschung und langfristiges Vertrauen in die Wissenschaft zu ermöglichen“, sagt Kai Gehring, Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion für Forschung, Wissenschaft und Hochschule. Das sollte im Interesse aller Beteiligten liegen, so Gehring.

Neue Transparenzregeln für deutsche Ärzt:innen?

Die Grünen setzen sich deshalb für gesetzliche Transparenzregeln in Anlehnung an den „Physician Payment Sunshine Act“ in den USA ein. So sollten sämtliche Zuwendungen über 100 Euro einer gesetzlich geregelten Veröffentlichungspflicht unterliegen und öffentlich zugänglich sein. 

Dieser Forderung schließt sich mit Wolf-Dieter Ludwig auch der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft an. „Wir brauchen diese Transparenz, weil wir wissen, dass sich diese finanziellen Interessenkonflikte auf die Qualität der klinischen Forschung auswirken.“ Ärzte müssten endlich einsehen, dass sie durch diese Zahlungen beeinflusst werden.

„Sogar führende Mediziner, die eigentlich eine Vorbildfunktion haben und Institutionen leiten, geben offensichtlich Interessenkonflikte nur dann an, wenn sie sie für relevant halten und nicht durchgehend alle Interessenkonflikte, die bei ihnen existieren“, sagt Ludwig. „Das ist für mich sehr enttäuschend.“ Die Arzneimittelkomission engagiert sich seit Langem für das Thema und legt für Ihre Mitglieder eine strenge Definition von Interessenkonflikten zugrunde: Bei der Kommission sind alle Interessen aufzuführen, „unabhängig davon, ob von der diese Erklärung abgebenden Person selbst ein Einfluss“ gesehen werde.

„Wasser auf die Mühlen der Coronaleugner“

„Dass die Pharmaindustrie für systematische Intransparenz sorgt, ist ein Skandal“, schreibt Nicole Gohlke, Sprecherin der Linken–Bundestagsfraktion für Hochschul- und Wissenschaftspolitik. „Doch die Bundesregierung bleibt untätig.“ Das sei „Wasser auf die Mühlen der Wissenschaftsskeptiker, Coronaleugner und Verschwörungserzähler“. Um den Einfluss zu begrenzen, müssten zudem Universitäten und Forschungseinrichtungen besser finanziert werden. „Forschung darf nicht noch mehr zur verdeckten Profitmaschinerie werden.“

Es werde von der Pharma-Industrie Einfluss auf die Verschreibungen der Ärzt:innen genommen, schreibt Petra Sitte, Sprecherin der Linken–Bundestagsfraktion für Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik. Oft kämen auf diesem Wege neue, teure Medikamente zur Anwendung, deren Nutzen zweifelhaft ist. Das koste das Gesundheitssystem unnötige Milliarden und untergrabe das Vertrauen der Patient:innen.

Leibniz Gemeinschaft sieht Nachholbedarf

Der Präsident der Leibniz Gemeinschaft, Matthias Kleiner, sieht Nachholbedarf. Verbindungen zur Industrie seien zwar nicht per se verwerflich, dürften aber „unter keinen Umständen einen negativen Einfluss auf die wissenschaftliche Qualität“ haben. Es gebe bisher „keine stringenten allgemein verbindlichen Kontrollen“, schreibt Kleiner. Und: „Sanktionen bei Unterlassungen sind mir tatsächlich bislang nicht bekannt.“ Striktere Maßnahmen seien notwendig, wenn sich unsere Rechercheergebnisse bestätigen sollten und „wir von einem weiter verbreiteten Phänomen über Einzelfälle hinaus ausgehen müssen“. Neue Maßnahmen sollten dann auf einer systemischen Ebene verhandelt werden, etwa vom Wissenschaftsrat der Bundesregierung. 

Auch der Medizinische Fakultätentag kündigte nach der Recherche an, sich mit dem Thema der Interessenkonflikte auseinandersetzen zu wollen.

„Die Beliebigkeit, mit der die gleiche Person Konflikte mal angibt und mal nicht, ist schon erschreckend.“

Jörg Schaaber von der Organisation „Buko Pharma-Kampagne“

„Es ist bestürzend, wie wenig ernst viele WissenschaftlerInnen das Thema Interessenkonflikte nehmen“, sagt Jörg Schaaber von der Organisation „Buko Pharma-Kampgagne“, die sich für „gerechte Arzneimittelversorgung“ einsetzt. „Die Beliebigkeit, mit der die gleiche Person Konflikte mal angibt und mal nicht, ist schon erschreckend“, sagt Schaaber. Das Verschweigen von Interessenkonflikten sei kein Kavaliersdelikt und könne Patient:innen konkret schaden. Auch Schaaber fordert, dass die Pharmaindustrie dazu verpflichtet werden müsse, alle Zahlungen an Gesundheitspersonal zu melden. 

Die deutsche Industrie habe mit ihrer freiwilligen Transparenzregelung von 2016 ein solches Gesetz verhindert. „Da nur jeder fünfte MedizinerIn einer Veröffentlichung zustimmt, ist das ein schlechter Witz und hat mit Transparenz nichts zu tun.“ Zudem sei ein Grundproblem der medizinischen Forschung, dass viele Studien von der Industrie geplant, durchgeführt und ausgewertet würden. „Mehr unabhängige Forschung würde zu zuverlässigeren Ergebnissen führen und vor allem auch gesundheitspolitisch wichtige Fragen beantworten, für die es kein kommerzielles Interesse gibt.“

Transparency International: Problembewusstsein lässt zu wünschen übrig

Die Ergebnisse der Buzzfeed News-Recherche wiesen darauf hin, „dass nach wie vor bei Wissenschaftlern das Problembewusstsein für die Notwendigkeit von Transparenz über die eigenen finanziellen oder institutionellen Abhängigkeiten zu wünschen übrig lässt“, sagt Hartmut Bäumer, Vorsitzender von Transparency International Deutschland. „Das befeuert in der Öffentlichkeit den fatalen Eindruck „käuflicher Wissenschaft“ und unterminiert damit die notwendige Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse.“

„Fachzeitschriften müssen ihre Autorinnen und Autoren zu diesen Angaben verpflichten und sollten fehlende oder unvollständige Angaben als wissenschaftliches Fehlverhalten behandeln und entsprechend sanktionieren“, sagt Bäumer. So würden Leser:innen und Autor:innen gleichermaßen für die Problematik sensibilisiert. 

Recherche: „Aufrüttelnd, aber nicht überraschend“

„Die Recherche von Buzzfeed ist aufrüttelnd, aber nicht überraschend“, schreibt die Studierendeninitiative „AG Interessenkonflikte“. Interessenkonflikte seien allgegenwärtig. „Schon Studierende haben Kontakt zur Pharma- und Medizinprodukteindustrie und unterliegen Marketingstrategien, die spätere ärztliche Entscheidungen beeinflussen sollen.“

Nur eine kleine Minderheit aller Studierenden hätten noch nie ein Geschenk eines Pharmaunternehmens angenommen oder eine gesponserte Veranstaltung besucht. Doch würden Interessenkonflikte in der medizinischen Lehre kaum thematisiert. Und: „Dozierende sind nicht verpflichtet, ihre Interessenkonflikte gegenüber den Studierenden offenzulegen.“ Die AG Interessenkonflikte verweist auf eine Studie aus diesem Jahr, wonach nur zwei von 38 untersuchten medizinischen Fakultäten in Deutschland Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten hatten.

Unnötige Beziehungen zur Industrie beenden

„Das von Buzzfeed aktuell aufgezeigte weitverbreitete Verschweigen von Interessenkonflikten ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt“, sagt Thomas Lempert, Gründer des Transparenzportals Leitlinienwatch. „Die Offenlegung der Industriekontakte kann nur der erste Schritt sein. Befangenheit muss, wie bei Gericht, zum Ausschluss von bestimmten verantwortungsvollen Aktivitäten führen.“

Noch wichtiger sei das „Divestment“, also das Beenden unnötiger finanzieller Beziehungen zur Industrie, sagt Lempert. „In manchen Fächern der Medizin hat die Mehrheit der sogenannten Meinungsführer gut bezahlte Beraterverträge mit der Industrie, ohne dass es dafür eine inhaltliche Begründung gäbe.“ Forschungskooperationen seien auch ohne solche persönlichen Verträge möglich.

Hier geht‘s zur Recherche: „Exklusiv: Ärzte unterschlagen systematisch Interessenkonflikte“

Hier geht‘s zum Recherche-Protokoll: „Wie wir jahrelang 15 Millionen mögliche Interessenkonflikte von Wissenschaftler:innen analysiert haben“

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BuzzFeed News, die Ippen-Gruppe und die Reporter:innen von followthegrant.org berichten weiter zur fehlenden Transparenz in der Wissenschaft. Sie erreichen das Rechercheteam unter info@followthegrant.org. „Follow the Grant“ sind Hristio Boytchev (Projektleitung und Recherche), Simon Wörpel (Datenjournalismus) und Edgar Zanella Alvarenga (Datenjournalismus).

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