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Diese Frau wird von einem Busfahrer eingeschlossen und belästigt und muss wochenlang auf eine Reaktion der BVG warten

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Von: Pascale Müller

In einem offenen Brief schreibt sie: „Liebe BVG, du liebst mich nicht, weil du offensichtlich die Frauen und unsere Sicherheit nicht als oberste Priorität setzt.“

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BuzzFeed.de © Sascha Steinach/dpa

Eine Berliner Studentin ist von einem Busfahrer belästigt worden – und obwohl es in den Bussen Videoüberwachung gibt und sie den Vorfall sofort der Polizei und dem Verkehrsunternehmen gemeldet hat, hat es für den Mann bisher keine Konsequenzen gegeben.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben sich auf eine Anfrage von BuzzFeed News hin bei der Frau entschuldigt und weitere Überprüfungen angekündigt. Zuvor hatte das Unternehmen vier Wochen lang nicht reagiert und erst geantwortet, nachdem die jungen Frau einen offenen Brief auf Instagram veröffentlicht hatte.

Am 17. September gegen 22 Uhr steigt die Berliner Studentin Leda in den Schienenersatzverkehr der U-Bahnlinie 1 am Görlitzer Bahnhof. BuzzFeed News ist Ledas Familienname bekannt, wir veröffentlichen ihn aber auf Wunsch der Betroffenen nicht.

Als der Bus an der Haltestelle Schlesisches Tor ankommt, versteht Leda nicht gleich, dass es die Endhaltestelle ist und sie aussteigen muss. „Das Licht war schon aus und die Türen zu, ich war an meinem Handy und habe das nicht gleich gemerkt“, sagt sie BuzzFeed News am Telefon.

Sie sei daraufhin zum Busfahrer gegangen und habe ihn gebeten die Türen aufzumachen. Der Mann weigerte sich aber und soll gesagt haben, dass er sie erst gehen lasse, wenn sie ihm ihre Nummer gebe.

„Erst als ich ausgestiegen bin, habe ich gemerkt, was für eine große Angst ich hatte“

Sie habe nein gesagt, sagt Leda. Aber der Busfahrer habe darauf gar nicht reagiert. „Er hat gelacht“, so Leda. Dann sei er aufgestanden und sie habe Angst bekommen. „Ich habe mich gefragt, was macht er und wie soll ich rauskommen“, sagt sie. Der Busfahrer habe ihr ein Blatt hingehalten, auf das sie ihre Nummer schreiben solle. „Ich habe mehrmals nein gesagt“, sagt Leda. Irgendwann habe der Mann sie gehen lassen.

Erst als sie ausgestiegen sei, habe sie verstanden, was für eine große Angst sie gehabt habe: „Ich habe angefangen zu weinen.“ Sie habe daraufhin ihren Freund und dessen Cousin angerufen, die in der Nähe gewesen seien.

Weil Leda keine Deutsch-Muttersprachlerin ist, ruft der Cousin ihres Freundes für sie bei der Polizei an. „Die haben gesagt, weil ich das Buskennzeichen nicht habe, wäre es besser, keine Online-Anzeige zu machen, sondern mich direkt bei der BVG zu melden“, sagt Leda.

Der Umgang der Polizei mit dem Vorfall habe sie entmutigt. „Ich glaube, weil kein richtiger Schaden passiert ist, weil mich keiner berührt hat, deshalb nehmen die Leute nicht wahr, dass es mir Angst gemacht hat“, sagt sie.

Die BVG reagiert erst, nachdem Leda einen offenen Brief auf Instagram teilt

Noch in derselben Nacht, um halb zwei, meldet Leda den Vorfall bei der BVG. Die Bestätigungsmail mit Zeitstempel liegt BuzzFeed News vor. Sie beschreibt den Busfahrer darin als Mann mit kleinen Augen und braunen Haaren, außerdem habe er eine Brille getragen.

Eine Woche später hat sie noch keine Antwort. Daraufhin ruft sie bei dem Verkehrsunternehmen an. Ein Mitarbeiter sagt ihr, es könne drei bis sechs Wochen dauern, bis ihre Anfrage bearbeitet werde.

BVG-Pressesprecherin Petra Reetz schreibt dazu auf Anfrage von BuzzFeed News: „Die Mail [...] an die BVG landete leider im Posteingang mit all den vielen Anfragen, die ein so großes Verkehrsunternehmen bekommt.“

Einen Monat nach dem Vorfall ruft Leda erneut bei der BVG an. Eine Mitarbeiterin teilt ihr mit, dass ein Busfahrer befragt worden sei, der aber aufgrund der Beschreibung nicht in Frage komme. „Sie hat gesagt, dass sie sich nicht mehr mit dem Vorfall beschäftigen“, sagt Leda. Das will die Studentin nicht akzeptieren und teilt einen offenen Brief an die BVG auf Instagram.

Darin schreibt sie: „Ich habe seit einem Monat gewartet, aber ich habe kein Geduld mehr. Wenn dieser Busfahrer eine andere Frau belästigt, dann liegt das an deiner Apathie, BVG.“

Ledas Brief an die BVG

Sie habe gesehen, dass die BVG feministische Werbung mache und es habe sie gestört, dass das Unternehmen dann in diesem konkreten Fall so langsam antworte, sagt Leda gegenüber BuzzFeed News. „Ich dachte, wenn ich den Brief online stelle würden sie reagieren. Und das haben sie ja dann auch gemacht.“

Am 16. Oktober, einen Monat nach dem Vorfall, schreibt ihr die BVG in einer Mail, dass man das Verhalten des Busfahrers nicht dulde und nicht toleriere. Allerdings sei der Fahrer bei einem Fremdunternehmen angestellt.

„Selbstverständlich haben wir aufgrund Ihrer gemachten Angaben, den geschilderten Sachverhalt mit dem in Frage kommenden Fahrer besprochen und ausgewertet. Er gab an, dass er solch einen Vorfall nicht in seinem Dienst hatte und unabhängig davon passt Ihre Personenbeschreibung rein optisch leider nicht“, schreibt die BVG.

Leda kann nicht verstehen, dass nicht mehr Busfahrer befragt wurden. Ihren Angaben zufolge befanden sich zu dem Zeitpunkt drei Busse an der Endhaltestelle. „Und ich glaube nicht, dass sie so hart versucht haben, diesen Busfahrer zu finden“, sagt sie.

BVG entschuldigt sich und kündigt weitere Befragungen an

Eine Videoaufnahme aus dem Bus gibt es auch nicht mehr, diese wird nach 48 Stunden gelöscht. Weil Leda keine Anzeige bei der Polizei gemacht habe, sei keine Videodatensicherung möglich gewesen, so das Unternehmen in seiner Mail.

Warum die Polizeibeamten in der Nacht nicht sofort bei der BVG anriefen ist auch für die Pressesprecherin Petra Reetz „nicht nachvollziehbar“, wie sie BuzzFeed News am Telefon mitteilt. Ihr tue es „unglaublich leid“, dass die Studentin eine so überaus unangenehme Erfahrung habe machen müssen. „Ich entschuldige mich im Namen all meiner Kolleginnen und Kollegen, die sich jeden Tag bemühen ihr Bestes zu geben“, so Reetz.

Es fänden außerdem weitere Überprüfungen durch die Fremdfirma statt. „Die Ereignisse dieser Befragungen liegen noch nicht vor und sollen voraussichtlich in der kommenden Woche vorliegen.“ Selbstverständlich erhalte die Studentin dann eine erneute Antwort.

Leda möchte, dass der Busfahrer gefunden wird und dass es Konsequenzen für ihn gibt. Außerdem solle die BVG öffentlich Stellung beziehen. „Ich möchte eine Diskussion darüber öffnen, damit Leute sagen können, dass ist mir auch passiert. Weil ich habe den Eindruck, dass dieser Busfahrer das schon öfter gemacht hat“, sagt sie.

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