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Diese Menschen kümmern sich ehrenamtlich um Flüchtlinge und sagen: Der Staat behindert Integration

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Noch immer übernehmen viele Ehrenamtliche Aufgaben bei der Integration, die eigentlich der Staat übernehmen sollte. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Mitarbeit: Ann Esswein, Lara Eckstein

Rund 1,5 Millionen Asylsuchende kamen seit 2015 nach Deutschland, seitdem sollen sie möglichst schnell integriert werden. Doch besonders bei den Integrationskursen gibt es massive Probleme und viele Aufgaben liegen weiterhin zu großen Teilen in den Händen von Freiwilligen.

Vier Jahre nach Angela Merkels „Wir schaffen das“ hat BuzzFeed News Deutschland mit ehrenamtlichen Integrationshelfern gesprochen. Sie sagen, sie fühlen sich von der Bundesregierung allein gelassen.

Es gibt zu wenig Plätze in den Integrationskursen, zu große Kurse, ein Lerntempo, das dazu führt, dass ein Großteil der Teilnehmer die Deutschprüfung nicht schafft. Zudem wurden die Integrations- und Sprachkurse des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seit 2011 nicht mehr evaluiert, ergibt eine Anfrage von BuzzFeed News bei der Behörde. Kritiker sagen: Die Integrationskurse verfehlen ihr Ziel. Gleichzeitig werden innovative Bildungsprojekte für Zuwanderer gestoppt.

Zudem gibt es bundesweit erhebliche Unterschiede, wie in den Willkommensklassen und Integrationskursen die deutsche Sprache aber auch Kultur und Erstorientierung vermittelt wird. Diese Aufgaben werden von privaten oder öffentlichen Trägern, Ehrenamtlichen und Volkshochschullehrern unterschiedlich umgesetzt.

Was alle fordern: Integration. Was das aber genau bedeutet und wer es leisten soll, das ist auch 2019 oftmals sehr unklar.

Wer eine „schlecht Bleibeperspektive“ hat, dass heißt, wer aus Ländern wie Afghanistan, Ghana, Ägypten oder Tschetschenien kommt, für den gibt es keine staatlichen Angebote. Kostenfrei sind die Kurse nur für Menschen mit sogenannter „guter Bleibeperspektive” aus den Ländern Syrien, Somalia, Eritrea, Iran und Irak. Aber auch für sie gibt es nicht genug Plätze.

Obwohl Jutta Cordt, die Präsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge die Integration von Geflüchteten mit „guter Bleibeperspektive“ als eine „zentrale Aufgabe“ bezeichnete, schaffte es die Behörde 2017 nicht, die anvisierten 430.000 Personen in Integrationskurse zu vermitteln.

Bis Mitte Dezember 2017 konnten nur knapp 280.000 neue Teilnehmer in Kurse vermittelt werden. Das Angebot bleibe weiterhin hinter der Nachfrage zurück, kritisierte Seán McGinley, Geschäftsführer beim Flüchtlingsrat Baden-Württemberg damals in einer Mail an BuzzFeed News. Auch im Jahr 2018 fehlten immer noch 20.000 Plätze.

„Staatlicherseits verordnete Integrationskurskonzepte sind völlig untauglich“

Das Bildungs- und Integrationsangebote beschreibt Gesa Busche vom Flüchtlingsrat BuzzFeed News gegenüber als „Flickenteppich, der große Löcher hat“.

In eines der größten dieser Löcher fallen junge Menschen, deren Bildungsbiografie durch die Flucht unterbrochen wurde. Oft sind sie bereits über 18 Jahre alt, wenn sie in Deutschland ankommen. Damit dürfen sie keine Schule mehr besuchen – häufig brauchen sie aber erhebliche Unterstützung, um eine Chance auf eine Ausbildung zu haben. „Der Ausbildungsmarkt, eine berufliche Perspektive und damit eine gelingende Integration bleiben ihnen versperrt,“ kritisierte ein Bericht der Expertenkommission der Robert Bosch Stiftung bereits 2016. Auch die Sprachkurse des BAMF stehen seit Jahren in der Kritik.

Integrationskurse wurden seit 2011 nicht mehr evaluiert

Dozenten der Berliner Volkshochschulen kritisieren, dass man den Menschen nicht genug Zeit gebe, um die Sprache richtig zu lernen. Außerdem seien die Kursgruppen zu groß. Eine Gruppe von Lehrern schrieb deshalb Mitte März 2019 einen Beschwerdebrief an das BAMF. In dem Schreiben bezeichnen sie die „staatlicherseits verordneten Integrationskurskonzepte“ als „völlig untauglich“ und fordern, die Unterrichtsprogramme „grundlegend zu überarbeiten“.

Auch die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, drängte vergangenes Jahr auf eine Verbesserung der Kurse und legte Bundesinnenminister Horst Seehofer einen Sieben-Punkte-Plan vor. Sie forderte darin, dass die individuelle Leistungsfähigkeit der Teilnehmer stärker berücksichtigt werden müsse.

Teilnehmer eines Deutschkurses in Potsdam, 2015.
Teilnehmer eines Deutschkurses in Potsdam, 2015. © Sean Gallup / Getty Images

Die Integrations- und Sprachkurse des BAMF wurden seit 2011 nicht mehr evaluiert. Das teilt die Pressestelle des Amtes BuzzFeed News auf Anfrage per Email mit. Erst im Januar 2019 startete das BAMF nun ein neues Projekt, um die Kurse erneut zu untersuchen. Die Ergebnisse werden voraussichtlich erst 2022 vorliegen.

Derweil werden Projekte, welche die Lücken im Integrationsangebot schließen sollen, immer häufiger gestrichen: Da gab es die Projektschule in Sachsen, in der sich Geflüchtete auf einen Schulabschluss vorbereiten konnten – auch wenn sie schon über 18 Jahre alt waren. 2018 stellte das Land die Finanzierung ein. In Niedersachsen wurde ein ähnliches Projekt erst nach langwierigen Diskussionen weiterfinanziert. Auch in Bayern musste ein erfolgreiches Integrationsprojekt für traumatisierte Menschen 2018 beendet werden, weil das Geld fehlte.

Die meisten Integrationskurse werden von Volkshochschulen übernommen. Doch vereinzelt haben auch diese begonnen, die Angebote einzustellen – so etwa in Murnau in Bayern. Der Grund: fehlende finanzielle Unterstützung durch Bund und Kommune. Auch die Berliner Volkshochschulen beschwerten sich 2017 über fehlende Unterstützung, um die Kurse weiterhin durchführen zu können.

Das alles führt dazu, dass die Integrationsaufgabe weiterhin zu großen Teilen in den Händen von Freiwilligen wie Margarete und Erich Claß liegt. Das Ehepaar engagiert sich seit mehr als drei Jahren in der Flüchtlingshilfe. In Ostfildern bei Stuttgart betreiben die beiden eine Lernwerkstatt und bieten Handwerks- und Sprachunterricht an. Das Angebot richtet sich vor allem an Männer aus Afghanistan, West- und Zentralafrika, die keine regulären Kurse besuchen dürfen. Margarete und Erich Claß helfen gerne. Gleichzeitig frustriert und ermüdet sie die Arbeit zunehmend.

„Man rudert und dann kommt irgendwo an eine große Mauer und die große Mauer ist dann die Politik, wo es dann hängt“

Laut einer BAMF-Studie ist das, was das Ehepaar Claß leisten, der eigentliche Erfolg: Praktisches Lernen. Aber immer weniger Menschen wollen diese Arbeit übernehmen. Weil sie frustriert sind, sagt die Friseurmeisterin Jutta Brändle aus Winnenden. Brändle beschäftigt in ihrem Salon zwei Männer mit Fluchterfahrung, die sie über die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe kennengelernt hat.

„Ich verlasse mich im Moment nur noch auf mich selber, weil vom Staat habe ich nichts bekommen“

Auch eine Studie des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, dass es maßgeblich Menschen wie Brändle
zu verdanken ist, dass jeder vierte Asylsuchende, der seit 2015 nach
Deutschland kam, mittlerweile einen Job hat. Auch bei der Wohnungssuche kommt oft nur weiter, wer ehrenamtliche Unterstützer hat. Und die haben nicht nur mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, sondern auch mit Rassismus. So wie Dorina Kindt aus Leipzig.

„Da ist einem offener Rassismus begegnet und das auf einer Ausländerbehörde“

Dieser Beitrag ist Teil einer Videoreihe zum Thema Integration in Deutschland. Die Recherche wurde durch das Stipendium „Kartographen Fleiß und Mut“ gefördert.

KORREKTUR

28.03.2019, 16:48

In einer früheren Version dieses Artikels stand: „2018 schlossen 45 Prozent der Menschen, die im Rahmen von Integrationskursen einen Deutschtest machten, den Kurs nicht erfolgreich ab. Fünf Prozent weniger als noch im Jahr zuvor.“ Diese Zahlen stammten aus Berichterstattung über eine Anfrage der AfD. Dabei wurden jedoch Rechenfehler begangen, wie der Deutschlandfunk berichtet. Wir haben die entsprechende Stelle daher aus dem Text entfernt.

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