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Diesem Mädchen wird in der Schule erklärt „mutig sein ist für Jungs“ und die Leute sind echt wütend darüber

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Von: Juliane Löffler

„Und warum dürfen Mädchen nicht mutig sein?"

Ein Viertklässler wurde offenbar im Ethikunterricht dafür schlecht bewertet, dass er glaubt, Mädchen seien mutig. Sandra Goldschmidt hat das richtig sauer gemacht - sie hat das Foto von dem Ethik-Test hochgeladen, über den die Menschen jetzt auf Facebook diskutieren.

In diesem Test sollten die Kinder einer Schule in Sachsen-Anhalt umkringeln, welche Eigenschaften sie Jungen und Mädchen zuordnen. Mit blauer Farbe die Kringel für Jungs, mit rosa Farbe für Mädchen. „Seil springen“, „oft kurze Haare“ oder „mutig“, steht da.

„Aufgabe: Welche Eigenschaften gehören zu Jungen, welche zu Mädchen?"

Das Bild habe sie von einer befreundeten Mutter bekommen und veröffentlicht, schreibt Sandra Goldschmidt auf Facebook.

„Ich finde das ist skandalös. Geschlechterstereotype nicht zu diskutieren und analysieren sondern zu zementieren und dann auch noch mit richtig oder falsch zu bewerten. Ich krieg mich kaum noch ein!“, so Goldschmidt in ihrem Post.

Das Kind hat die Eigenschaft „mutig“ den Mädchen und nicht den Jungen zuordnet. Das Urteil der Lehrkraft: falsch. Strafe: ein halber Fehlerpunkt. Die blau umkringelten Begriffe haben jedoch alle ein Häkchen.

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Auch die Mutter des Kindes sei von der Aufgabenstellung irritiert gewesen und habe sich mit ihrem Sohn besprochen. In einer Übungsaufgabe zu Hause sollten zunächst die Eigenschaften entweder Jungen oder Mädchen zugeordnet werden. Die Mutter und ihr Sohn entschieden sich für die Mitte und fanden, viele Begriffe wie „Seil springen“ gehörten einfach zu beiden Geschlechter. Doch dann wurde die Aufgabe im Unterricht bewertet. „Ich finde das mega schade und falsch“, schrieb die Mutter laut ihrer Freundin im Originalpost. Nun habe sie um ein Gespräch mit der Lehrerin gebeten.

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Auf Facebook reagieren die Menschen empört auf den Test.

Sie sind wütend.

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Sie sind traurig.

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Und sie können gar nicht glauben, dass es wirklich passiert ist.

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Sogar ihre Kinder verstehen, was das Problem mit dem Test ist.

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Dabei gibt es in Sachsen-Anhalt eigentlich ein Maßnahmenpaket für ein „geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt“. Darin steht:

Auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit im Schulbereich sind in Sachsen-Anhalt deutliche Entwicklungen zu verzeichnen. [...] Ferner wurde die Sensibilisierung für Genderfragen in der Aus- und Weiterbildung für Lehrkräfte verankert. Im Rahmen der Modularisierung der Lehramtsstudiengänge wurden die Studieninhalte auch unter dem Aspekt des Gender Mainstreaming überarbeitet. In den Studienmodulensind diesbezügliche Handlungskompetenzen zu erlernen.

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Auch bei bei der Kindertagesbetreuung „ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, frühzeitig einer stereotypen Geschlechterrollenprägung entgegenzuwirken.“

Im Lehrplan von Sachsen-Anhalt taucht die Aufgabe übrigens auch auf. Dort steht allerdings, dass die Begriffe zweifarbig eingekreist werden können. „Was die Lehrerin/den Lehrer da wohl geritten hat?“, wundert sich eine Nutzerin im Thread.

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BuzzFeed News hat das Landesschulamt Sachsen-Anhalt um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort werden wir gegebenenfalls hier nachtragen.

Auf Facebook wird von einigen Nutzern angezweifelt, ob das Bild echt ist. Nach einer Bildrecherche von BuzzFeed News existiert lediglich eine zweite Version des Fotos, die möglicherweise von der betroffenen Mutter stammt. Wir haben deshalb versucht, Kontakt mit der Mutter herzustellen und werden weitere Ergebnisse hier nachtragen.

UPDATE

26.01.2018, 10:32

Sandra Goldschmidt hat uns mitgeteilt, sie habe nur das Bild geteilt – der Originalpost stamme von einer anderen Mutter aus einer geschlossenen Gruppe. Unter dem Beitrag hat sich inzwischen auch eine weitere Mutter gemeldet, bei deren Sohn anscheinend der gleiche Fall vorliegt.

BuzzFeed News hat inzwischen die Schulleiterin der Schule erreicht, in welcher der Vorfall stattfand. Äußern wollte sie sich jedoch nicht und verwies an das Landesschulamt Sachsen-Anhalt .

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UPDATE:

29.01.2018, 14:19

Inzwischen hat sich das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt eingeschaltet und den Fall vom Landesschulamt übernommen.

Stefan Thurmann, Sprecher des Ministeriums, teilte BuzzFeed News am Telefon mit: „Das war schlicht ein Fehler der Lehrkraft.“ Es handele sich bei der Schulaufgabe um eine Musteraufgabe, die nicht hätte mit richtig oder falsch bewertet werden dürfen. Sinn der Aufgabe sei eigentlich das Gegenteil: „In der Aufgabe sollen Begriffe Jungen und Mädchen zugeordnet werden, um danach im Gespräch einen Selbstreflexionsprozess der Schülerinnen und Schüler anzuregen und zu zeigen, dass Geschlechtssteoretype vollkommen unsinnig sind.“

Bereits am Freitag habe ein Gespräch zwischen Lehrkraft, Eltern, Schulaufsicht und Schulleitung stattgefunden, welches Thurmann als „sehr harmonisch“ beschreibt. Die Lehrkraft, die sehr engagiert sei, habe ihren Fehler eingesehen und sei mittlerweile sensibilisiert, weitere disziplinarische Maßnahmen seien nicht vorgesehen. Auch die Eltern seien nicht mehr verärgert. „Die Wogen sind geglättet“, so Thurmann. Weitere Beschwerden, etwa eine Dienstaufsichtsbeschwerde, lägen nicht vor.

Nun, so Thurmann, führen TV-Wagen durch den betroffenen Ort. Es ginge jetzt auch darum, die betroffene Grundschule zu schützen. Den Namen der nach Informationen von BuzzFeed betroffenen Schule wollte er deshalb nicht bestätigen.

Das Ministerium plant nun, die Musteraufgabe im Lehrplan zu konkretisieren. „Wir werden klarmachen, dass dies keine Situation für einen Test ist.“

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