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Dieser Text hat Horst Seehofer so gestört, dass er nicht am Integrationsgipfel teilgenommen hat

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Von: Daniel Drepper

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BuzzFeed News veröffentlicht den Text von Ferda Ataman im Original.

CDU und CSU streiten derzeit über die deutsche Flüchtlingspolitik. Eskaliert ist der Streit am gestrigen Mittwoch, als Horst Seehofer seine Teilnahme am Integrationsgipfel abgesagt hat.

Seehofers Begründung: „Ich kann an einem Integrationsgipfel nicht teilnehmen, wenn eine Teilnehmerin meine Strategie für Heimat in einem Artikel mit dem Heimatbegriff der Nationalsozialisten in Verbindung bringt.“

Wir veröffentlichen den entsprechenden Text mit Genehmigung der Autorin Ferda Ataman hier im Original, damit jeder selbst entscheiden kann, ob Seehofers Reaktion berechtigt ist. Ursprünglich war der Text in der Zeitschrift „Ermutigen“ der Amadeu-Antonio-Stiftung erschienen.

Deutschland, Heimat der Weltoffenheit

Was ist Heimat für dich? Hätte man mich das als Teenagerin in Nürnberg gefragt, hätte ich unreflektiert und kulturstereotypisch geantwortet: die Türkei. Ein Land von fast 800.000 Quadratkilometer Fläche, von denen ich vielleicht zwei kannte, vielleicht auch nicht. Heute würde ich das nicht mehr sagen, sondern vielleicht eher „Franken“.

Die eigentliche Frage aber ist doch: warum diskutieren wir diese Frage überhaupt?

Der Zeitpunkt, zu dem wir in Politik und Medien eine Heimatdebatte führen, zeigt doch: sie ist keine Reaktion auf die großen gesellschaftlichen Umbrüche. Nicht die Globalisierung von Politik, Wirtschaft und Gütern, die Komplexität der digitalen Welt, die Auflösung des bisherigen Arbeitsmarkts haben das Thema auf die Agenda gebracht. Wir reden erst über die Heimat-Sehnsucht der Deutschen, seit viele Geflüchtete gekommen sind.

Politiker, die derzeit über Heimat reden suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende „Fremdenangst“. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren. Und also auch bestimmte Vorrechte haben. Hier wird Heimat zum weniger verpönten Begriff für „Volk“ und „Nation“. Heimat ist nicht länger hybrid und erwerbbar, sondern ein Code für „Deutschland den Deutschen“. Eine ratlose und falsche Antwort auf den Rassismus im Diskurs.

Natürlich meinen viele es gar nicht böse, wenn sie jetzt von Heimat sprechen. Im Gegenteil, sie wollen den Begriff nicht den Rechten überlassen. Denn – anders als „Volk“ – steht „Heimat“ für ein schönes, wohliges Gefühl. Aber das funktioniert nicht, wenn die Suche nach „Heimat“ und „Identität“ in einem flüchtlingsfeindlichen oder antimuslimischen Frame diskutiert wird. Und genau das passiert gerade. Sie kennen bestimmt den Satz: „Immer mehr Deutsche fühlen sich fremd im eigenen Land“. Der neonazi-Spruch ist längst nicht mehr verpönt, sondern taugt zur Befindlichkeitserfassung durch seriöse Umfrageinstitute. Kaum jemand spricht darüber, dass damit Rassismus und Antisemitismus zur berechtigten „Heimatsehnsucht“ erklärt werden.

Irgendwie ist der Eindruck entstanden, wir hätten bis 2015 eine mehr oder weniger ethnisch homogene deutsche Aufnahmegesellschaft gehabt, die nun mit den muslimischen Neuzuwanderern kämpfen muss. Antisemitismus? Ein importiertes Problem. Deswegen haben wir erst 2018 – und nicht schon vor 60 Jahren! – einen Beauftragten auf Bundesebene eingerichtet. Sexuelle Übergriffe auf Frauen? Ein importiertes Problem. Nach den Vorfällen am Kölner Bahnhof Silvester 2015/2016 forderten Politiker aller Parteien konsequente Abschiebungen und ein härteres Durchgreifen gegen kriminelle Ausländer. Kurz darauf wurde das Asyl- und Ausweisungsrecht verschärft. Konsequent eben.

2018 wurde das dritte Heimatministerium eingerichtet, es gab schon eins in Bayern und Nordrhein-Westfalen und nun auch im Bund. Nur was kann so ein Ministerium tun? Bei Bundesheimatminister Horst Seehofer soll es nach dem bayerischen Vorbild inhaltlich um abgehängte ländliche Regionen gehen: Finanzhilfen für strukturschwachen Räume, Behördenverlagerungen, mehr Universitäten auf dem flachen Land. Aber machen wir uns nichts vor. Das Heimatministerium ist vor allem Symbolpolitik für potenzielle rechte Wähler. Der Name suggeriert, dass von nun an eine Bundesbehörde über Leitkultur und Zugehörigkeit befinden kann. Seehofers erste Amtshandlung bestand darin zu sagen: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Ist den Leuten eigentlich klar, wie sich eine Heimatdebatte in der aktuellen politischen Gemengelage für jemanden wie mich anfühlt? Meine Eltern und Großeltern sind vor einem halben Jahrhundert eingewandert. Und nun wird mir signalisiert, dass Einwanderung die Deutschen nachhaltig verstört und sie deshalb unter Heimatsehnsucht leiden. Weil ich und zu viele von Meinesgleichen da sind.

Ich mag den Begriff Heimat. Ich halte ihn für einen wunderbaren Dreh- und Angelpunkt, um zu diskutieren, wo wir in der Gesellschaft stehen. Aber wenn man den Begriff nicht den Rechten überlassen will, sollte man ihn auch nicht in ihrem Kontext verwenden. Was Seehofer also nicht verstanden hat: Wenn er den Begriff „Heimat“ besetzen will, braucht er eine Symbolpolitik für Vielfalt, nicht dagegen. Eine Staatsektretärin mit Migrationshintergrund im Innenministerium – das hätte beispielsweise eine solche Symbolkraft.

Statt weiter auf „Identitätssorgen“ zu setzen und die rassistische Abwärtsspirale zu beschleunigen, könnte die Politik ein positives Selbstbild für Deutschland anbieten. Eines, in dem alle Menschen eine Heimat finden können, Ossis und Wessis, Junge und Alte, Immerschonhiergewesene und Zugewanderte. Da hierzu bislang noch nichts vorliegt, mache ich mal ein paar Vorschläge:

Darauf kann man stolz sein. Ganz ohne Blut und Boden-Trigger.

Die nächsten Jahre werden entscheiden: Wessen Heimat soll Deutschland sein? Ich würde gern sagen: meine.

Ferda Ataman ist Journalistin und Mitgründerin der Neuen Deutschen Medienmacher, einer Organisation, die sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzt.

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