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Eine Grundlagenstudie für die zukünftige psychosoziale Versorgung in Deutschland soll manipuliert worden sein

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Von: Marcus Engert

Der renommierte Psychologe Hans-Ulrich Wittchen soll Mitarbeiter angewiesen haben, Daten zu manipulieren. Wittchen bestreitet das.

von Pascale Müller und Marcus Engert

Der renommierte Psychologe Hans-Ulrich Wittchen soll Mitarbeiter angewiesen haben, in einer Studie für das wichtigste Gremium des deutschen Gesundheitswesens Daten zu manipulieren. Das geht aus Gesprächen mit Wissenschaftlern sowie internen Dokumenten hervor. Die mit einem siebenstelligen Etat ausgestattete Studie soll als Grundlage für Personalentscheidungen in psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland ab 2020 dienen. Diese Planung ist nun gefährdet.

Mit Wittchen hatte sich deshalb zunächst der Ombudsmann der TU beschäftigt. Dieser hatte nach Prüfung der Vorfälle den Fall an eine Prüfstelle für wissenschaftliches Fehlverhalten übergeben. Die Technische Universität Dresden bestätigte auf Anfrage von BuzzFeed News, dass man sich mit einem Vorwurf beschäftige, nachdem „Daten bei einer klinischen Feldstudie, die unter dem Dach der GWT läuft, nicht durchgängig ordnungsgemäß erhoben worden seien.“ Die GWT ist ein mit Wissenschaftlern der TU Dresden besetztes, privates Unternehmen für Projektberatung und Auftragsforschung, das eng mit der Universität vernetzt ist.

Auch Mitglieder der Untersuchungskommission der TU Dresden bestätigten gegenüber BuzzFeed News, dass man mit einem aktuellen Fall befasst sei, in dem es um Vorwürfe wegen wissenschaftlichen Fehlverhalten gehe.

Der „Gemeinsame Bundesausschuss“ als Auftraggeber der Studie erklärte, es seien in Reaktion auf diese Recherche umgehend Überprüfungen eingeleitet worden.

Wittchen selbst bestritt die Vorwürfe am gestrigen Mittwoch in einem schriftlichen Statement. In einem Telefonat am heutigen Donnerstagmorgen ergänzte Wittchen: „Ich habe so reagieren müssen, wie es mir auferlegt wurde. Ich halte das aber für unbefriedigend, weil ich finde, man muss das schnell aufklären, damit es nicht zu einem Schaden für die Regierung kommt.“ Aufgrund von Verschwiegenheitspflichten könne er sich derzeit nicht detaillierter äußern, wolle das aber sobald möglich nachholen.

Entscheidende Studie für die psychiatrische Versorgung in Deutschland ab 2020

Hans-Ulrich Wittchen, zur Zeit der Aufnahme noch am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Hans-Ulrich Wittchen, zur Zeit der Aufnahme noch am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. © Mittenzwei Karl / picture-alliance / Berliner_Zeit

Bei der Studie handelte es sich um eine Untersuchung von psychiatrischen Einrichtungen in ganz Deutschland mit dem Titel „Personalausstattung in Psychiatrien und Psychosomatik (PPP)“. Sie wurde 2016 begonnen, im Dezember 2018 abgeschlossen und soll als Grundlage für Entscheidungen zur personellen Ausstattung der Psychiatrie-Versorgung in Deutschland ab 2020 dienen. Ihr Gesamtvolumen belief sich auf einen siebenstelligen Euro-Betrag. Auftraggeber war der sogenannte „Gemeinsame Bundesausschuss“ G-BA.

Der G-BA ist das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen: Ärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen sind darin zusammengeschlossen und fassen gemeinsam Beschlüsse über die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Sollten Entscheidungen des G-BA auf gefälschten Daten oder manipulierten Studien beruhen, könnte das für fehlerhafte Weichenstellungen im Gesundheitswesen sorgen und damit direkte Folgen für Kranke haben.

Diese Folgen drohen nun auch für die psychiatrische Versorgung in Deutschland . Denn die von Hans-Ulrich Wittchen geleitete und mutmaßlich manipulierte Erhebung sollte die Grundlage für den Nachfolger der Psychiatrie-Personalverordnung legen. So heißt es im Geschäftsbericht des G-BA für 2017, dass eine neue Richtlinie zur Personalausstattung „bis zum 30. September 2019 beschlossen werden und mit Wirkung zum 1. Januar 2020 in Kraft treten“ solle, um die bisherige Verordnung abzulösen. Die neue Regelung solle jedoch auf statistischen Daten basieren, darum „beauftragte der G-BA im Dezember 2016 eine Studie zum bundesweiten Ist-Zustand der Personalausstattung in der Psychiatrie und Psychosomatik. Der Schritt war notwendig, da derzeit keine hinreichende empirische Datengrundlage zur aktuellen Ausstattungssituation besteht.“

Die Studie sollte außerdem die „tatsächliche Versorgungsrealität“ in psychiatrischen, kinder- und jugendpsychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen in Deutschland erfassen. So steht es auf der Webseite des Gemeinsamen Bundesausschusses.

Die Vorwürfe: Manipulation und wissenschaftliches Fehlverhalten

Wie belastbar das allerdings erfolgte, ist nun fraglich. Denn offenbar hat Studienleiter Hans-Ulrich Wittchen seine Mitarbeiter angewiesen, die Zahl der untersuchten Einrichtungen nach oben zu manipulieren.

Zum einen sollen real existierende Stationen Einrichtungen an anderen Orten zugeordnet worden seien, obwohl es die betreffenden Stationen dort gar nicht gibt. Zum zweiten sollen ganze Antwortbögen von Stationen verdoppelt worden sein. Das Resultat: die Studie erweckte den Anschein, es seien mehr Kliniken und Stationen untersucht worden, als dies tatsächlich der Fall war.

Ein möglicher Grund dafür: Mehr untersuchte Einrichtungen ergäben auf dem Papier schnell eine höhere Fallzahl. Damit könnte die Untersuchung vortäuschen, die mit dem Geldgeber vereinbarten Leistungen zu erfüllen.

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Sollten sich die Vorwürfe erhärten, würde das zweierlei bedeuten. Erstens: Dass gegen wissenschaftliche Standards verstoßen wurde – weswegen die TU Dresden auch Vorwürfe von wissenschaftlichem Fehlverhalten untersuchen lässt.

Und zweitens: Dass falsche Daten an den Gemeinsamen Bundesausschuss übermittelt wurden. Daten, auf deren Grundlage die psychiatrische Versorgung von Kranken in Deutschland in Zukunft geregelt werden soll – eine Entscheidung, für die der G-BA den gesetzlichen Auftrag hat.

Bereits als die Studie noch lief hatte es Kritik daran gegeben. Vertreter psychiatrischer Fachverbände bemängelten, dass dem Lenkungsausschuss des Projekts weder ein aktiv tätiger Erwachsenenpsychiater noch ein Experte in psychiatrischer Pflege oder ein Vertreter des Klinikmanagements oder der Träger angehören. In einem Brief der Verbände an die Kliniken heißt es im November 2017: „Der Sachverstand der Erwachsenenpsychiatrie-Verbände wurde zunächst nicht einbezogen.“

Auf der Webseite räumt der Lenkungsausschuss der Studie außerdem ein, man habe aufgrund von Zeitdruck nicht die Möglichkeit gehabt, den Abschlussbericht vollständig zu prüfen. Man verantworte daher nur die Zusammenfassung gemeinsam. „Den ausführlicheren Gesamtbericht mit seinem Anhang verantwortet ausschließlich der Projektleiter“, heißt es dort in einer gemeinsamen Erklärung von Wittchen und dem Lenkungsausschuss.

Professor weist Vorwürfe zurück – G-BA erklärt: „Überprüfungen sind bereits eingeleitet“

Wittchen gilt national und international als renommierter Forscher auf seinem Gebiet. Er hat vor allem Grundlagenforschung zu Angststörungen, Depressionen, sowie Störungen aufgrund von Sucht- und Rauschmitteln betrieben und war bis 2017 unter anderem Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Leiter der Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychologie an der TU Dresden. Er ist außerdem Gründer und Mitherausgeber mehrerer Fachzeitschriften und Honorarprofessor in München und Miami.

BuzzFeed News hat Hans-Ulrich Wittchen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zur Stellungnahme vorgelegt. Dieser antwortete, er bitte „um Verständnis dafür, dass ich Ihre Fragen (...) leider nicht detailliert beantworten kann. Gleichwohl so viel: Mit Nachdruck muss ich sämtlichen [sic!] in Ihrer Anfrage wiedergegebenen Behauptungen von Dritter Seite als unzutreffend zurückweisen.“ Wittchen ergänzte, die Nachlaufphase und Übergabe der Studie sei noch nicht abgeschlossen, so dass „Spekulationen zur wissenschaftlichen Qualität und Aussagekraft der Studie nicht belastbar“ seien.

Die Pressestelle der TU Dresden erklärte, es gehe um einen Vorwurf, wonach „Daten bei einer klinischen Feldstudie, die unter dem Dach der GWT läuft, nicht durchgängig ordnungsgemäß erhoben worden seien. (...) Sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurden diverse Befragungen von Beteiligten und ihren Vorgesetzten durchgeführt.“ Genauere Angaben wollte die Universität mit Verweis auf die laufenden Untersuchungen zunächst nicht machen. Der Hochschule sei allerdings an einer „umfassenden Aufklärung der Vorwürfe“ gelegen. Im Anschluss daran werde „die Untersuchungskommission (...) entscheiden, ob das Verfahren zu beenden ist oder ob eine Überleitung in das förmliche Untersuchungsverfahren zu erfolgen hat. Nach Abschluss des Untersuchungsverfahrens wird die Universität auf der Grundlage ihrer Regularien entscheiden, welche Konsequenzen und gegebenenfalls Sanktionen erforderlich sind.“

BuzzFeed News hat die Ergebnisse dieser Recherche und offene Fragen auch dem „Gemeinsamen Bundesausschuss“ zur Prüfung vorgelegt. Dessen Vorsitzender Josef Hecken erklärte per Mail: „Selbstverständlich geht der G-BA den vor zwei Tagen an ihn herangetragenen Vorwürfen, es habe bei der Gutachtenerstellung Manipulationen gegeben, mit großem Nachdruck nach. Der Auftragnehmer ist umgehend zur vollständigen und zeitnahen Aufklärung unter Beteiligung externer Prüfer aufgefordert worden, die Überprüfungen sind bereits eingeleitet.“

Hecken erklärte weiter, dass das bei der GWT-TUD GmbH beauftragte Gutachten bislang nicht abgenommen worden sei:

„Bei der Überprüfung des Mitte Dezember 2018 beim G-BA vorgelegten Gutachtens im Abnahmeprozess wurden umfangreiche Nachlieferungsbedarfe und Erläuterungen zur Aufklärung von Unplausibilitäten in den Datenteilen festgestellt, deshalb ist eine Abnahme des Gutachtens nicht erfolgt.“ Man habe Nachlieferungen eingefordert, die am 15. Februar eingegangen seien und derzeit geprüft würden.

Das Gutachten sei „bis zur Klärung der in Rede stehenden Manipulationsvorwürfe“ weder Gegenstand von Beratungen in den Gremien des G-BA noch würde es dort in Beratungen einbezogen.

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