Exklusiv: Ärzte unterschlagen systematisch Interessenkonflikte

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Eine jahrelange Recherche von BuzzFeed News zeigt, dass zehntausende Ärzt:innen von der Pharma-Industrie gefördert werden, dies aber systematisch nicht transparent machen. Auch hochrangige Mediziner:innen aus Deutschland verstoßen gegen die wissenschaftlichen Standards.

Viel weiter als Reinhard Büttner kann ein Arzt in Deutschland nicht aufsteigen. Büttner ist Direktor der Pathologie in Köln, leitet ein Team mit mehr als 30 Ärzt:innen, ist Mitglied der Nationalen Akademie Leopoldina. Büttners Wort hat Gewicht: Seine Studien werden von hunderten anderen Wissenschaftler:innen zitiert.

Gleichzeitig ist Büttner Unternehmer. Die Pharmaindustrie schätzt seine Dienste. Büttner ist Berater für Pharma-Konzerne und hat 2005 sogar eine eigene Biotech-Firma mitgegründet. Bis heute ist er deren Mitbesitzer und wissenschaftlicher Leiter. Die Firma hat mehr als 100 Mitarbeiter:innen und bietet Analysen für die „internationale pharmazeutische und diagnostische Industrie“ an, macht laut Büttner zehn Millionen Euro Umsatz im Jahr. Büttner gehört ein Drittel der Firma.

Das Problem: In vielen seiner Veröffentlichungen macht Büttner diese intensiven, finanziellen Beziehungen zur Pharma-Industrie nicht transparent.

BuzzFeed News Deutschland hat 62 Veröffentlichungen von Büttner seit 2010 analysiert. Nur in sieben dieser Veröffentlichungen hat Büttner seine kommerziellen Verbindungen als Interessenkonflikte angegeben, in 55 aber nicht. Kein Wort von der Biotech-Firma, die er mitgegründet hat. Kein Wort über seine Berater-Tätigkeiten für Pfizer und Novartis, über Honorare von Astra Zeneca, Boehringer Ingelheim, Merck, Roche, Novartis und Lilly oder darüber, dass er in den Jahren 2015 bis 2019 insgesamt mindestens 200.000 Euro von der Pharmaindustrie erhalten hat.

Zwei Beispiele: In einem Paper über die Diagnose von Lungenkrebs aus dem Juli 2020 gibt Büttner keine möglichen Interessenkonflikte an, obwohl seine Mitautoren zahlreiche Angaben machen. Und in einem Artikel über Krebsdiagnostik und -therapie im Deutschen Ärzteblatt von 2013 gibt ein Mitautor Verbindungen zu Amgen, Apceth, AstraZeneca, Falk, Merck, Roche, Abbott, ECM, GSB, MedCongress, Pfizer und Siemens Healthcare an. Büttner gibt keine Interessenkonflikte an, obwohl laut einer anderen Veröffentlichung von 2013 auch er Verbindungen zu Pfizer, Roche und Novartis hatte.

Büttner selbst sagt, dass er Transparenz wichtig findet und beim Lesen von Studien darauf achtet, wer diese finanziert hat, um sie besser einschätzen zu können. Trotzdem sieht er kein Problem darin, dass er bei 55 Studien keine Interessenkonflikte angegeben hat. Büttner sieht Interessenkonflikte nur dann, wenn sie relevant für das konkrete Forschungsprojekt seien. Das sei bei seinen Publikationen nicht der Fall.

Doch die in Fachzeitschriften gültigen Definitionen für die Angabe von Interessenkonflikten sind meist deutlich strenger. Entscheidend ist nicht, ob die Zahlung einer Pharma-Firma thematisch in konkreter Verbindung mit dem Artikel steht. Im Gegenteil: So schreibt zum Beispiel das hoch angesehene „International Committee of Medical Journal Editors“, dass „Interaktionen mit JEDER Einheit anzugeben sind, die als relevant betrachtet werden könnte.“

Büttner ist keine Ausnahme, im Gegenteil: Er ist in bester Gesellschaft.

Zahlreiche Top-Wissenschaftler erfüllen Standards nicht

Recherchen von BuzzFeed News Deutschland zeigen, dass mindestens hunderte Mediziner aus Deutschland ihre Industrie-Verbindungen offenbar nicht oder nicht vollständig angeben. Dafür haben wir in den vergangenen zwei Jahren mehr als 3,3 Millionen medizinische Fachartikel aus 16.000 Fachzeitschriften ausgewertet. Sie umfassen etwa 12 Millionen Autor:innen, 500.000 aus Deutschland. Das Projekt „Follow the Grant“ wurde vom MIZ Babelsberg, vom Prototype Fund, von IJ4EU und vom Netzwerk Recherche gefördert.

Das Team hat diese Angaben mit anderen Daten über mögliche Interessenkonflikte verknüpft: Angaben aus medizinischen Leitlinien etwa, Rednerlisten von Industrie-gesponserten Kongressen, Angaben der Pharma-Industrie, die vom Projekt eurosfordocs.eu gesammelt werden. Dadurch hat BuzzFeed News zahlreiche, auch hochkarätige Wissenschaftler:innen gefunden, die offenbar den Standards nicht nachkommen und somit die Glaubwürdigkeit der Forschung auf ihrem Gebiet gefährden.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der angegebenen Interessenkonflikte in bio-medizinischen Veröffentlichungen deutlich gestiegen, zeigt die Analyse. Mittlerweile enthält die Hälfte der Artikel Angaben über Interessenkonflikte – und jede sechste Forscher:in gibt darin Konflikte an. Die Dunkelziffer dürfte dieser Recherche zufolge deutlich höher sein. Die angebliche Transparenz ist zum großen Teil nur Schein.

150.000 Mal taucht Unterstützung der Pharma-Industrie auf

Mehr als 10.000 Mal haben Ärzt:innen einen Interessenkonflikt angegeben, weil sie von der US-Pharma-Firma Pfizer unterstützt wurden. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

In den ausgewerteten Veröffentlichungen haben Forscher:innen in den vergangenen 20 Jahren mehr als 150.000 Mal Verbindungen zu einer Pharma-Firma angegeben. In vielen dieser Statements werden auch die Firmen genannt, von denen Forscher:innen Geld bekommen haben oder bei denen sie mitunter sogar angestellt sind. Novartis und Pfizer werden am häufigsten genannt, jeweils mehr als 10.000 Mal – gefolgt von Merck, Roche, Sanofi, AstraZeneca und Bayer.

Besonders häufig sind Interessenkonflikte in den medizinischen Bereichen, in denen viel Geld zu verdienen ist. So finden sich unter den Journals mit den meisten Konflikten – und den meisten Nennungen von Pharma-Firmen – das „British Journal of Cancer“, „BMC Cancer“, „Oncotarget“ und „Critical Care“, also Fachzeitschriften, die auf Krebsforschung beziehungsweise Intensivmedizin spezialisiert sind.

Auch im deutschsprachigen Raum ist der Einfluss der Pharma-Industrie sichtbar: Bei Veröffentlichungen aus deutschen, schweizerischen oder österreichischen Forschungseinrichtungen wird bei etwa jeder vierten Angabe mindestens eine große Pharma-Firma genannt.

Dabei ist lange bekannt, dass eine Vermengung von Wissenschaft und Industrie nicht frei von Nebenwirkungen ist. Laut einer Auswertung von internen Dokumenten hat die Zuckerindustrie schon in den 1960ern Einfluss auf die Wissenschaft genommen, um bei Herzerkrankungen von einer möglichen Rolle von Zucker abzulenken – und die Schuld dem Fett zuzuschieben. Nach Recherchen der New York Times hat Coca Cola noch 2015 offenbar eine ähnliche Strategie verfolgt. Und die Autoindustrie hatte vor wenigen Jahren versucht, mit mittlerweile berüchtigten Affenexperimenten gezielt Umweltstandards aufzuweichen.

Versuchte Einflussnahme vor allem in der Medizin

Doch nirgends ist die Liste der Skandale länger als in der Pharma-Industrie. Hier sind zahllose Fälle von Ärzten bekannt, die mit lukrativen Aufträgen und Geschenken zur Verschreibung oder Empfehlung von Medikamenten bewegt werden sollten. Die Skandale haben zu strengeren Gesetzen geführt. Komplett verhindert werden konnte die Einflussnahme durch die Industrie jedoch nicht.

„Finanzielle Zuwendungen von Firmen an Ärzte sind mit der Erwartung verbunden, das Produkt der Firma positiv zu bewerten“, sagt Thomas Lempert, Chefarzt für Neurologie in der Berliner Schlosspark-Klinik. „Dieser Erwartung entsprechen die Empfänger der Zuwendungen fast ausnahmslos.“ Lempert ist einer der prominentesten Experten zu Interessenkonflikten in der Medizin, Leiter des Transparenz-Projekts „Leitlinienwatch“ und der Initiative für unabhängige Fortbildungen „Neurology First“.

Ganz ausschließen kann man Interessenkonflikte in der Wissenschaft und Medizin nicht. Ein Austausch ist notwendig zwischen den Unternehmen, die Medikamente entwickeln und Ärzt:innen, die diese einsetzen. Doch braucht es Mechanismen, mit diesen Konflikten umzugehen – wie in anderen Bereichen auch. Ein Richter wird keine Verhandlung führen, bei der eine Freundin angeklagt wird. Ein französischer Schiedsrichter – auch wenn er gerade der beste ist – pfeift nicht das WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien.

Verstöße gegen die Regeln haben kaum Konsequenzen

Die Grundlage dieser Mechanismen ist Transparenz. Wenn etwa ein Wissenschaftler ein Gutachten über Pestizide schreibt, aber von deren Hersteller Forschungsförderung bekommt, dann ist diese Information wichtig, um die Ergebnisse einschätzen zu können. Doch für Forscher ist es ein leichtes, mögliche Interessenkonflikte zu verschweigen – ein Verstoß gegen die Regeln hat kaum Konsequenzen.

Die Pharma-Industrie behauptet seit Jahren, die aktuellen Regeln seien ausreichend. Der europäische Pharma-Dachverband etwa hat sich selbst einen sogenannten Transparenzkodex auferlegt. Danach sollen Pharmafirmen die Zahlungen an einzelne Ärzte veröffentlichen – aber nur, falls diese auch zustimmen. Die Ärzt:innen behalten also die Kontrolle und müssen keine Konsequenzen fürchten, wenn sie die Zahlungen geheim halten. Bei medizinischen Fortbildungen und Kongressen werden nun Namen und Summen der Sponsoren offengelegt. Wissenschaftliche Fachzeitschriften verlangen mittlerweile, dass die Autor:innen solche Interessenkonflikte angeben. Doch die Recherchen von BuzzFeed News zeigen, dass genau das häufig nicht passiert.

Bis zur Veröffentlichung dieser BuzzFeed News-Recherche haben weder Wissenschaftler noch Politiker, weder Aktivisten noch Journalisten jemals in dieser Größenordnung systematisch überprüft, ob Forscher:innen ihre Interessenkonflikte richtig angeben. Denn diese Prüfung ist extrem aufwändig. Es fehlt ein zentrales Register, in dem Interessenkonflikte gesammelt werden. Will man einen bestimmten Arzt überprüfen, muss man sich mühsam durch jede seiner Publikationen wühlen. Das ändert die Datenbank von Follow the Grant.

62 Artikel – 55 mal angeblich kein Interessenkonflikt

Thomas Kirchner ist seit 2005 Direktor des Pathologischen Instituts der Uni München, Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Pathologen, Senator der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Ein Arzt mit Vorbildfunktion. Gleichzeitig arbeitet er auf vielfältige Weise für die Pharma-Industrie.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Organisationen in Deutschland. Auch Mitglieder dieser Akademie verstoßen nach Recherchen von BuzzFeed News offenbar gegen wissenschaftliche Standards.

Bereits im Jahr 2009 gibt Kirchner im Ärzteblatt „finanzielle Verbindungen zu AMGEN, Merck-Sorono und Roche Diagnostics“ an. In verschiedenen Publikationen listet er über die Jahre immer wieder mögliche Interessenkonflikte auf. Durch Angaben im Pharma-Transparenzkodex wissen wir: Von 2015 bis 2019 allein hat er mehr als 36.000 Euro von Astra Zeneca, Bristol-Myers Squibb, MSD, Amgen, Pfizer, Roche und Takeda bekommen.

Von 62 untersuchten Artikeln seit 2010 gibt Kirchner in sieben diese Interessenkonflikte an. Doch in 55 Fällen gibt er an, keine solchen Interessenkonflikte zu haben.

In einer Veröffentlichung über Hautkrebs vom Februar 2020 zum Beispiel geben Kirchners Co-Autoren zahlreiche Konflikte an – unter anderem von Astra Zeneca, einer Firma, zu der Kirchner in anderen Studien Verbindungen angegeben hat. Trotzdem gibt Kirchner keinen Konflikt an.

Kirchner schreibt auf Anfrage von BuzzFeed News, in der Veröffentlichung habe es keinen inhaltlichen Bezug zu der Arbeit gegeben, für die er von den Pharma-Firmen bezahlt worden sei – und damit auch keinen Interessenkonflikt.

In einer anderen Studie zu Darmkrebs von 2016 ist es ähnlich. Mitautoren geben Interessenkonflikte an, Kirchner nicht. Kirchner sagt erneut, es habe kein Interessenkonflikt bestanden, da die Veröffentlichung einen anderen Bereich abgedeckt habe. Konkret: „Der Inhalt der Untersuchung war die Bewertung von KRAS-, NRAS- und BRAF-Mutationen als prognostische Biomarker für das Überleben der Patienten. Es ging nicht um KRAS- oder BRAF-Mutationen als prädiktive Biomarker für eine zielgerichtete Therapie.“

Kirchner schreibt, er habe sich stets an die Richtlinien und Empfehlungen der jeweiligen Fachzeitschrift gehalten. „Die fehlenden Angaben bei 55 Publikationen, die Sie zusammengestellt haben, begründet sich immer durch den fehlenden inhaltlichen/thematischen Bezug zwischen der Publikation und meiner Beratertätigkeit für die Firmen“, schreibt Kirchner.

Nur ein Interessenkonflikt in zehn Jahren?

Ulf Peter Neumann ist Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie an der RWTH Aachen. Auch er ist ein Arzt, zu dem andere aufschauen – und Gutachter für gleich sieben Fachzeitschriften. Das Publikationswesen kennt er also in- und auswendig.

In den Jahren 2015 bis 2019 hat Neumann mehr als 30.000 Euro von den Firmen Amgen, Bayer, Bristol-Myers Squibb, Lilly, Merck, Roche und Sanofi erhalten. In einer Leitlinie von 2018 gibt er dazu finanzielle Verbindungen zu den Pharma-Firmen Astellas, Ethicon, Falk und Novartis an.

Von 73 Veröffentlichungen seit 2010, die wir analysiert haben, hat Neumann aber nur in einer einzigen einen Interessenkonflikt angegeben: 2012 gibt er Forschungsförderung und Reisemittel der Pharma-Firma Astellas an.

So etwa in zwei Artikeln im „Deutschen Ärzteblatt“ von 2014 und 2015 zum Thema „Diagnostik und Therapie von Cholangiokarzinomen“ – Tumoren der Gallenwege. In den Artikeln geht es neben der Chirurgie um aufwendige Bildgebungsverfahren in der Diagnostik und um Medikamente. Drei der fünf Autoren geben Interessenkonflikte an, von Falk Pharma, Bayer, Gore – Firmen, zu denen Neumann teilweise auch Verbindungen gehabt hat. Neumann erklärt dagegen, „dass kein Interessenkonflikt besteht“.

Dieser Widerspruch liege „höchstwahrscheinlich an unterschiedlichen Auffassungen zu möglichen Interessenkonflikten“ der einzelnen Autoren, lässt Neumann über einen Kliniksprecher ausrichten. Die Angaben „sind nach bestem Wissen und Gewissen gemacht worden“, schreibt der Sprecher. „Bei den Publikationen, bei denen keine Interessenkonflikte angegeben wurden, haben auch zu keinem Zeitpunkt Interessenkonflikte bestanden.“ Es handele sich „fast ausschließlich um chirurgische Arbeiten, die auch nichts mit den angesprochenen Firmen zu tun haben“.

Ein Top-Endokrinologe mit Honoraren aus der Industrie

Matthias Blüher ist einer der Top-Endokrinologen Deutschlands, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene der Universitätsmedizin Leipzig sowie Professor an der Universität Leipzig und Direktor des Helmholtz-Instituts für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung sowie Vorstand der Adipositas Gesellschaft.

Matthias Blüher gibt in 64 Veröffentlichungen insgesamt 57 mal keine Interessenkonflikte an – obwohl er intensive Kontakte zur Pharma-Industrie hat.

Auch Blüher hat eine ganze Reihe von Verbindungen zur Pharmaindustrie. Bereits 2008 gibt er in einer Studie Vortragshonorare von Lilly, Merck, Novartis, Novo Nordisk, Roche und Sanofi-Aventis an. 2012 arbeitet er an der von Novartis finanzierten Studie „Time2DoMore™“ mit. 2014 gibt er in einer Studie Förderung und persönliche Honorare von Bayer, Boehringer-Ingelheim, Novartis, Novo Nordisk, Förderung von Riemser, persönliche Honorare von Sanofi Aventis, Lilly, Bristol-Myers Squibb, Roche, Astra Zeneca, MSD, Daiichi-Sankyo, Ipsen, Johnson & Johnson, Pfizer und Takeda an. Auch für die Jahre 2015 bis 2019 finden wir pro Jahr jeweils eine Veröffentlichung, in der Blüher Interessenkonflikte angibt. Für die Jahre 2010 bis 2020 sind es in unserer Analyse insgesamt sieben.

Im selben Zeitraum gibt Blüher aber in 57 Fällen keine Interessenkonflikte an.

Darunter ist etwa eine Studie von 2020, in der es um Tamoxifen geht – ein Arzneimittel der Firma Astra Zeneca, zu der Blüher in den Jahren davor Beziehungen angegeben hat. In einer anderen Arbeit von 2014 über mögliche medizinische Anwendungen von Botenstoffen des Fettgewebes gibt ein Mitautor Verbindungen zu Astra Zeneca an, Blüher dagegen nicht – obwohl er in anderen Studien von 2014 bis 2019 Verbindungen zu Astra Zeneca angibt.

Als einziger der fünf von BuzzFeed News konfrontierten Top-Ärzte hat Blüher offenbar seine Zahlungen auch nicht innerhalb der freiwilligen Initiative der Pharma-Industrie angegeben.

Matthias Blüher hat auf mehrfache Nachfrage von BuzzFeed News nicht auf Fragen zu seinen möglichen Interessenkonflikten geantwortet.

Jenaer Klinikdirektor gerät als Einziger ins Nachdenken

Andreas Stallmach ist Infektionsmediziner und Klinikdirektor an der Uniklinik Jena. In den Medien ist er als Experte gefragt: Im MDR hatte Stallmach mehrere Auftritte, um die Covid-19-Pandemie einzuordnen.

Stallmach hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Industrie gearbeitet, unter anderem als Berater, Gutachter oder Mitarbeiter in einem Beirat der Firmen MSD, Takeda und Amgen. Und er hat Honorare für Vorträge bekommen von der Falk Foundation, AbbVie, Janssen, CLSCSL Behring, MSD sharp, Med update, DGVS, Takeda Pharma, Pfizer Pharma und streamupdate!. Für Artikel ist er bei den Verlagen Elsevier, Thieme und Walter de Gruyter bezahlt worden.

Manchmal gibt Stallmach diese Interessenkonflikte an. Doch wir haben mindestens 40 Veröffentlichungen in den Jahren 2015 bis 2020 gefunden, in denen er angibt, keinerlei Interessenkonflikte zu haben.

Der Jenaer Klinikdirektor Professor Andreas Stallmach will nach der BuzzFeed News-Recherche nun seine Angaben über Interessenkonflikte erweitern.

Stallmach sagt, er nehme für sich in Anspruch, mit einer potentiellen Beeinflussbarkeit durch die pharmazeutische Industrie sehr selbstkritisch umzugehen. Daher treffe ihn der Vorwurf, er habe seine Interessenkonflikte nicht korrekt angegeben. Der negative Einfluss der Pharmaindustrie auf die Ärzteschaft über Berater- und Vortragstätigkeit sei ihm bewusst. „Es wäre naiv, wenn wir Ärzte glauben würden, dass von der pharmazeutischen Industrie dadurch nicht Einfluss auf uns genommen werden soll.“

Neulich sei er von einem Vertreter der Pharmaindustrie gefragt worden, ob er einen Vortrag halten wolle. „Da habe ich gesagt, dass ich dieses Thema im Moment eher für ein „Werbekonzept“ halte und nicht für ein wissenschaftlich evidenzbasiertes Therapieziel.“ Zum Schluss habe der Vertreter gesagt: „Dann sind Sie wohl nicht der Richtige für diesen Vortrag.“ Solche Erfahrungen habe er mehrmals gemacht. Wenn er im Vortrag sage, dass ein bestimmtes neues Antibiotikum nicht unbedingt besser sei, „dann trifft es nicht unbedingt auf Sympathie beim Auftraggeber und dann lädt er sie beim nächsten Mal nicht wieder ein.“

Pharma-Honorare laufen nun über die Klinik

Stallmach ist auch bewusst, dass eine Arbeit kritischer bewertet wird, wenn klar ist, dass die Autoren Interessenkonflikte haben. Im Jahr 2015 allein hat er angegeben, persönlich mindestens 46.000 Euro von Pharma-Firmen erhalten zu haben. Doch in den Jahren danach werden die Beiträge deutlich geringer. „Ich möchte nicht, dass mir vorgeworfen wird, dass ich mich durch Nebentätigkeiten bereichere und zum Beispiel Summen einnehme, die höher sind als das Jahresgehalt einer Krankenschwester.“ Um sich Missverständnissen zu entziehen, habe Stallmach nach der Veröffentlichung der Summen in einer Datenbank des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv beschlossen, seine Vortrags- und Beratertätigkeiten als Dienstaufgaben über die Klinik laufen lassen – und nur einen kleinen Teil der Summen zu erhalten.

Stallmach sagt, er wolle mit seinen Vorträgen auf den pharma-gesponserten Veranstaltungen „Gegenpole zu „gekauften Vorträgen“ darstellen“. Vortragende hätten eine enorme Verantwortung, denn Ärzte würden an solchen Fortbildungen ihre Behandlung ausrichten. „Was ich sage, kann ein scharfes Schwert sein.“

In den Beratergremien der Pharma-Firmen würden zudem geplante Studien diskutiert. Stallmach sagt, er wolle neue Medikamente erproben, die noch nicht zugelassen, aber vielleicht hilfreich sind. „Wenn ich in den Beratungsgremien nicht sitzen würde, würde ich an diese Studien nicht rankommen.“

Stallmach kommentiert die von uns ermittelten, 40 fehlenden Interessenkonfliktangaben auf Anfrage im Detail. Bei 38 Artikeln bleibt er – teils nachvollziehbar – der Meinung, dass die Zahlungen thematisch nicht mit der Veröffentlichung zusammenhängen. Bei zwei Artikeln habe er einen Fehler gemacht, sagt Stallmach. Als einziger der fünf von BuzzFeed News konfrontierten Top-Ärzte gerät Stallmach ins Nachdenken. Die „doch recht intensive Diskussion“ über unsere Recherche habe gezeigt, dass unterschiedliche Sichtweisen bestehen. „Ich werde daher in Zukunft meinen Rahmen, in dem ich COIs (Interessenkonflikte, Anmerkung der Redaktion) angebe, erweitern“, schreibt Stallmach.

Wer Konflikte verschweigt, hat keine Folgen zu befürchten

Ärzt:innen unterschätzen ihre Interessenkonflikte systematisch, das haben in der Vergangenheit zahlreiche Studien gezeigt. Trotzdem können sie in wissenschaftlichen Veröffentlichungen meist selbst entscheiden, ob und wenn ja welche Interessenkonflikte sie angeben. Die Fachzeitschriften behandeln fehlende und unvollständige Angaben überwiegend nicht als wissenschaftliches Fehlverhalten. Autor:innen, die Interessenkonflikte verschweigen, müssen so keine öffentliche Richtigstellung oder gar eine Rücknahme des Artikels befürchten. Meist müssen Autor:innen – sollten sie denn auffliegen – nur ihre Konflikte nachtragen, mehr nicht.

Christopher Baethge ist Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion beim Deutschen Ärzteblatt. Der Umgang mit Interessenkonflikten der Autor:innen gehört zu seiner täglichen Arbeit, dazu hat er zum Thema geforscht. „Interessenkonflikte sind ein Problem, weil sie zu einer Verzerrung von Artikeln führen können“, sagt Baethge. Und: „Es kommt vor, das Autoren ihre Interessenkonflikte nicht vollständig angeben.“ Laut Baethge sind Angaben von Interessenkonflikten wichtig, weil damit die Aufmerksamkeit der Leser:innen geschärft werden soll.

Nach der Definition des Ärzteblattes liegt ein Interessenkonflikt dann vor, „wenn ein Autor finanzielle oder persönliche Beziehungen zu Dritten hat, deren Interessen vom Inhalt des Manuskriptes positiv oder negativ betroffen sein könnten.“ Dabei spielt also keine Rolle, ob die Beziehung zur Firma thematisch mit der Veröffentlichung übereinstimmt. Dabei orientiert sich das Ärzteblatt an den Vorgaben des International Committee of Medical Journal Editors. „In Bezug auf Zeitschriften ist das ICMJE-Formular der de-facto-Standard“, sagt Baethge.

In der Branche ist bekannt, dass Autor:innen – absichtlich oder nicht – die aktuell gültige, weit gefasste Konflikt-Definition des ICMJE falsch interpretieren. Deshalb werden die Vorgaben bald präzisiert, man erhofft sich davon vollständigere Angaben.

Quinn Grundy ist eine der führenden Expertinnen zu Einflussnahme in der Medizin. Sie fordert, Konflikte nicht nur transparent zu machen, sondern sie aus dem System zu entfernen.

„Es geht darum, die Einflussnahme zu entfernen“

Quinn Grundy, eine der führenden Forscherinnen über Interessenkonflikte in Medizin und Wissenschaft, glaubt nicht allein an technische Lösungen. „Es gibt keine echte Transparenz“, sagt die Professorin für Krankenpflege an der University of Toronto. Ein Grund sei die Freiwilligkeit der Angaben. Bei fehlender Nennung würden sich die Autor:innen immer damit rausreden, dass die Industrie-Beziehungen nicht relevant seien oder nicht vorsätzlich verschwiegen wurden. Auch wenn transparente Angaben einzelner Wissenschaftler:innen wichtig seien, müsste sich zudem die Diskussion weiterentwickeln. Es brauche eine Analyse auf Systemebene. Dabei könne eine Datenbank wie das hier von BuzzFeed News genutzte Projekt „Follow the Grant“ helfen.

„Interessenkonflikte bedeuten, dass man widersprüchliche Verantwortung und widersprüchliche Loyalitäten hat“, sagt Grundy. In der Beziehung zwischen Ärzt:in und Patien:in, müsse klar sein, wem gegenüber die Ärzt:in verpflichtet sei. „Es geht eigentlich um die Entfernung der Einflussnahme aus dem System.“ Transparenz sei dafür nur ein erster Schritt.

Rechercheprotokoll: Wie wir jahrelang 15 Millionen mögliche Interessenkonflikte von Wissenschaftler:innen analysiert haben

Hier veröffentlichen wir alle Artikel, in denen die fünf erwähnten Ärzte keine Interessenkonflikte angegeben haben.

BuzzFeed News, die Ippen-Gruppe und die Reporter:innen von followthegrant.org berichten weiter zur fehlenden Transparenz in der Wissenschaft. Sie erreichen das Rechercheteam unter info@followthegrant.org. „Follow the Grant“ sind Hristio Boytchev (Projektleitung und Recherche), Simon Wörpel (Datenjournalismus) und Edgar Zanella Alvarenga (Datenjournalismus).

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