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Fast 1000 Pflegekräfte haben BuzzFeed News erzählt, wie katastrophal die Zustände in Krankenhäusern und Altenheimen sind

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Von: Daniel Drepper

Ohne Pflegekräfte wird Deutschland Corona nicht bewältigen – doch die waren vorher schon am Limit. Patienten sterben, obwohl es vermeidbar wäre.

Deutschlands Pflegekräfte sind seit Jahren am Limit. Das führt offenbar dazu, dass regelmäßig Patienten sterben, die nicht sterben müssten – schon jetzt, ohne die anstehenden Belastungen durch das Coronavirus. Das zeigen Recherchen von BuzzFeed News Deutschland und dem ARD-Magazin PlusMinus.

Fast 1000 Pflegekräfte haben sich in den vergangenen fünf Monaten bei uns gemeldet, um gefährliche Situationen in der Pflege zu beschreiben. Die Berichte sind erschreckend – jeder Einzelne, aber auch ihre Masse. Eigentlich vermeidbare, lebensgefährliche Situationen sind und waren in Krankenhäusern und Pflegeheimen offenbar nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Die Pflegekräfte berichten von jahrelangem Personalmangel und von deshalb unnötig verstorbenen Patienten. Sie berichten davon, dass sie sich immer wieder beschweren, aber bis heute nicht bemerken, dass sich etwas verbessern würde. Stattdessen schildern sie, dass sie von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden, in Zukunft keine Beschwerden mehr einzureichen.

Besonders die Schilderungen von Situationen auf Intensiv-Stationen oder aus der ambulanten Intensivpflege geben einen Hinweis darauf, wie gefährlich der Pflegenotstand schon vor Corona war. Und wie der Personalmangel dazu führen kann, dass Pflegekräfte dramatische Entscheidungen treffen müssen.

Eine Pflegekraft beschreibt eine Situation, die sie als Schülerin während eines Nachtdienstes auf einer chirurgischen Station erlebt haben will.

„Ich war mit einer examinierten Fachkraft für 33 Patienten zuständig. In einem Zimmer lagen drei demente Patienten. [...] Bei einem Durchgang merkten wir wie einer der Männer nicht mehr atmete. Wir reanimierten ihn und verständigten das Notfallteam. Sie konnten nicht zu schnell kommen, da es auf einer anderen Station auch eine Reanimation gab. So reanimierten wir ihn für mehrere Minuten, ehe wir merkten, dass einer der zwei Mitpatienten im Zimmer ebenfalls nicht mehr schnaufte. Da standen wir vor der Frage, vor der keiner stehen will: Reanimieren wir Patient 1 weiter und lassen Patient 2 sterben, oder reanimieren wir Patient 2 und lassen Patient 1 sterben? Wir haben uns für die Reanimation an Patient 1 entschieden. Er kam später nach vorerst erfolgreicher Reanimation auf die Intensivstation und ist dort noch in derselben Nacht verstorben. Patient 2 ist ebenfalls gestorben.“

Das scheint kein Einzelfall zu sein. Ein 32-jähriger Pfleger aus Ostfriesland schreibt: „Zwei Patienten. Zwei Beatmungsmaschinen. Zwei Notfälle, aber nur eine examinierte Pflegekraft: ein toter Patient.“ Zahlreiche Pflegekräfte schildern, dass sie entscheiden mussten, wen sie zuerst versorgen – und wen sie möglicherweise sterben lassen müssen. Einige geben an, dass sie erst zu spät bemerkt hätten, dass ein Patient in Lebensgefahr schwebte, weil sie für so viele Patienten gleichzeitig verantwortlich gewesen seien – und der Patient daraufhin verstorben sei.

BuzzFeed News Deutschland recherchiert gemeinsam mit dem ARD-Magazin PlusMinus weiter zu gefährlichen Situationen in der Pflege. Während der Coronavirus-Pandemie wird dieses Problem besonders drängend. Meldet euch über unseren Fragebogen oder direkt unter recherche@buzzfeed.com bei uns.

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Seit Jahren kämpfen Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen für bessere Bedingungen. In der Altenpflege schließen sich Pflegekräfte in Bündnissen wie „Pflege am Boden“ oder „Pflege in Bewegung“ oder in der Gewerkschaft verdi zusammen, um gegen die schlechten Bedingungen zu demonstrieren. In den vergangenen Jahren haben Pflegekräfte angefangen, nicht mehr für die eigene Bezahlung zu streiken, sondern dafür, dass endlich mehr Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden. Pflegekräfte haben unzählige Petitionen, Aufrufe und offene Briefe veröffentlicht. Veränderungen gibt es bislang kaum.

„Wir brauchen keine Klatscherei. Wir brauchen 4000 Euro brutto“

Angesichts der Coronavirus-Pandemie hat Linksfraktionschef Dietmar Bartsch nun mehr Geld für Pflegekräfte gefordert. „Diejenigen, die in Krankenhäusern arbeiten, insbesondere Pflegekräfte sollten eine sofortige Zulage beziehungsweise Gehaltserhöhung für ihren aufopferungsvollen Einsatz erhalten“, sagte Bartsch den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Grünen fordern eine steuerfreie Prämienzahlung. Vertreterinnen aus der Pflege sagen schon lange, dass sich der Personalmangel nur über deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen und mehr Geld verbessern lasse.

Pflegekräfte werden in Deutschland deutlich schlechter bezahlt, als der Durchschnitt aller Beschäftigten. Das zeigt eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit. In Kliniken verdienen ausgebildete Fachkräfte im Schnitt gut 3200 Euro brutto, in der Altenpflege nur 2600 Euro. Pflegehelfer und Pflegehelferinnen verdienen jeweils im Schnitt noch einmal rund 800 Euro weniger im Monat.

Auch auf Facebook und Twitter machen derzeit Pflegekräfte ihrem Ärger Luft. Ein Nutzer schreibt: „Wir Pflegekräfte brauchen keine Klatscherei. Wir wollen auch keine Merci-Schokolade und warme Worte! Wir brauchen 4000 Euro brutto, mehr Personal, Gefahrenzulagen und ein entprivatisiertes Gesundheitssystem!“

„Wir verlangen von allen Beteiligten an Gesundheitssystem und -politik, die richtigen Schlussfolgerungen aus dieser Krise zu ziehen, für ausreichende Personalpuffer in den Kliniken zu sorgen, vernünftige Arbeitsbedingungen herzustellen, und dem Primat der Ökonomie ein Ende zu setzen“, schreibt Astrid Sauermann, verdi-Pressesprecherin für den Fachbereich Gesundheit, mit Blick auf die anstehenden Belastungen auf Anfrage von BuzzFeed News.

Ausgesetzte Personaluntergrenzen statt Gehaltserhöhung

Zahlreiche Studien belegen, dass es in deutschen Kliniken und Pflegeheimen zu wenig Personal gibt. Zwar gibt es in Deutschland pro Einwohner mehr Klinik- und auch mehr Intensivbetten als in jedem anderen Land in Europa, aber nicht genug Pflegekräfte. In der Vergangenheit wurden aus Mangel an Personal immer wieder Betten gesperrt oder ganze Stationen in Kliniken vorübergehend geschlossen.

Seit Jahren wirbt das Bundesgesundheitsministerium mit Kampagnen um neue Auszubildende in der Pflege. Das hat bisher nicht viel gebracht. Allein in der Altenpflege fehlen derzeit einer neuen Studie zufolge 120.000 Pflegekräfte.

Damit Einrichtungen in der Corona-Krise nicht schließen müssen, hat Gesundheitsminister Jens Spahn deshalb unter anderem die Personaluntergrenzen in der Pflege ausgesetzt. So sollen Einrichtungen auch dann geöffnet bleiben, wenn weniger Fachkräfte als vorgeschrieben zur Arbeit kommen. Dies könnte dazu führen, dass solche gefährlichen Situationen zunehmen, wie sie Pflegekräfte gegenüber BuzzFeed News geschildert haben. Etwa, weil nicht ausreichend qualifiziertes Personal anwesend ist.

„Wäre nur eine Person mehr da gewesen, würden vielleicht alle noch leben“

Je weniger Pflegekräfte es gibt, desto mehr Patienten sterben. Das hat zuletzt etwa eine groß angelegte Untersuchung der University of Southampton und des Kings College London aus dem Jahr 2016 gezeigt. Das Ergebnis der Wissenschaftler: Wenn Pflegekräfte zehn oder mehr Patienten zu betreuen hatten, stieg das Sterblichkeitsrisiko um 20 Prozent gegenüber jenen Pflegenden, die nur für sechs oder weniger Patienten zu sorgen hatten. Zahlreiche Pflegekräfte geben in unserer Umfrage an, zum Teil regelmäßig für weit mehr Patienten alleine verantwortlich gewesen zu sein.

Eine 24-jährige Pflegekraft, die in einem Krankenhaus in Niedersachsen arbeitet, schreibt dazu: „Nur zu zweit im Spätdienst auf einer Inneren/ Neurologischen Station. Auf einmal zwei Krampfanfälle und eine Reanimation. Zwei Patienten haben wir verloren. Wäre nur eine Person mehr da gewesen, würden vielleicht alle noch leben.“

BuzzFeed News Deutschland hat 15 beispielhafte Aussagen aus den fast 1000 Rückmeldungen von Pflegekräften ausgewählt. Die Schilderungen konnten wir nicht im Einzelnen überprüfen, sie ähneln inhaltlich aber hunderten anderen Rückmeldungen aus unserem Fragebogen. Sie stammen aus dem Zeitraum von November 2019 bis Januar 2020 und zeigen, wie groß die Probleme sind.

„Es war mal wieder ein Tag, an dem ich alleine für 30 Patienten zuständig war [...]. Ein junger Patient [...] klagte über starke Schmerzen im Bein. Die zuständige Ärztin war für vier Stationen zuständig und vertröstete mich. Der Patient hatte stundenlang Schmerzen. Bis der Nachbarpatient klingelte. Der Patient atmete nicht mehr und wurde reanimationspflichtig. Nach der Info an den Arzt und dem Reanimationsteam fing ich die Herzdruckmassage an. Der Patient hatte eine Thrombose, die sich löste und eine Lungenembolie auslöste. Eine Patientin klingelte bereits seit zehn Minuten, da sie zum WC musste. Ich war aber mit der Reanimation beschäftigt. Schließlich lief die Patientin alleine los und stürzte, wobei sie sich Elle und Speiche brach. Der Patient war verstorben, diese Information erhielt ich später von der Intensivstation.“

Ein Pfleger aus Niedersachsen

„Da wir eine Isolierstation sind und unser Patientengut vom Frühgeborenen, chirurgische Patienten, onkologische Patienten, schwerbehinderte Patienten bis zum 18. Lebensjahr geht, müssen wir sehr viele Hygienemaßnahmen beachten, um eine Übertragung von einem zum anderen zu vermeiden. Normalerweise sind wir in der Nacht zwei Schwestern. Wegen Sparmaßnahmen muss aber eine im gesamten Haus aushelfen. Da es sich um eine Akutklinik handelt, kommen noch Aufnahmen hinzu. Es ist schlichtweg unmöglich, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, wenn man alleine ist, wund liegen zu vermeiden und vieles mehr. Nicht selten landen Kinder auf der Intensivstation, weil zu spät bemerkt wird, was los ist.“

Eine Pflegekraft aus Karlsruhe

„Ein akuter Notfall wird zum intensivpflichtigen Patienten. Da die Intensivstation überlastet ist, wird der Patient im Aufwachraum [...] des Zentral-OP’s untergebracht. Die personelle Besetzung im AWR ist aber nicht ausreichend für die Versorgung eines Intensivpatienten plus Versorgung der anderen Patienten im AWR. Außerdem haben viele Kollegen aus der Anästhesie [...] keine Erfahrung in der Pflege von Intensivpatienten. So kommt es in unserem Krankenhaus regelhaft zu einer Unterversorgung von lebensbedrohlich erkrankten Patienten.“

Eine Pflegekraft aus Hamburg

„Betreuung von insgesamt acht Patienten auf Intensivstation, davon vier zu Beginn und fünf Beatmungen zum Ende der Schicht (bei drei festen Beatmungsgeräten, einem Transportgerät und einem Narkosegerät ohne Einweisung für die betreuenden Pflegekraft). Durch [...] Krankheitsausfall [waren] nur zwei Pflegekräfte auf Station, plus der diensthabende Assistenzarzt. Während meine Kollegin und ich zu zweit in einem Isolationszimmer beschäftigt waren, ist ein anderer Patient reanimationspflichtig geworden, durch Zufall war die Assistenzärztin auf Station [...] und es konnten erst Maßnahmen sofort durchgeführt werden. Das hätte jedoch anders verlaufen können, wenn die Kollegin nicht zufällig vor Ort gewesen wäre.“

Eine 23-Jährige Pflegerin

„Wegen Personalmangel auf der Intensivstation liegen häufig eigentlich intensivpflichtige Patienten auf der Normalstation, die dafür nicht das erforderliche Personal und nicht die erforderliche Erfahrung hat.“

Ein Pfleger aus Tübingen

„Hatte alleine Spätdienst auf einer Überwachungsstation, weil ein länger bekannter Personalausfall nicht besetzt wurde. Betten wurden jedoch auch nicht gesperrt. War für insgesamt acht instabile Patienten zuständig [...]. Hatte in dem Dienst sehr viel zu tun und war kaum im Schwesternzimmer, wo die Monitore sind. Bekam Alarme der Monitore nicht mit, da ich sie in den Zimmern nicht sehen konnte. Patient wurde zum Ende des Dienstes ateminsuffizient und tachykard. Konnte seine Atmung für’s Erste stabilisieren. In der Nacht musste Patient aufgrund der Ateminsuffizienz auf intensiv verlegt werden. Patient verstarb noch am selben Wochenende [...]. Trotz mehrere Gefährdungsanzeigen gab es kein zusätzliches Personal.“

Eine 25-jährige Pflegekraft

„Ein Teil der Intensivbetten sind permanent gesperrt, weil kein Personal da ist. Die Situation ist so prekär, dass eigentlich weitere Betten gesperrt werden müssten, aber aus finanziellen Gründen passiert es nicht. Das Ergebnis ist, dass wir teilweise das doppelte an teilweise massiv instabilem Patienten gut betreuen müssen. Zusätzlich müssen wir noch Notfälle im Haus und Schockräume in der Notaufnahme abdecken. Das dabei Menschenleben in Gefahr sind, wird von der Geschäftsführung billigend in Kauf genommen.“

Eine Pflegekraft aus dem Saarland

„12 Intensivpatienten, zwei Pflegekräfte, acht invasive Beatmungen, vier nicht-invasive Beatmungen, drei laufende Dialysen. Alle Patienten hoch katecholaminpflichtig, da vielfach vorerkrankt und über 80 Jahre alt. Es konnte bei mehreren Patienten nicht schnell genug das Arterenol und Supra gewechselt werden, weil alle in Einzelboxen liegen auf einem sehr langen Flur und auch noch vereinzelt isoliert waren. Patienten sind gefährlich lange drucklos gewesen. Es sollte noch ein weiterer Zugang kommen. Kollegin und ich haben gesagt, dass es nicht mehr zu leisten ist [und] haben dafür eine Abmahnung bekommen. Begründung: Arbeitsverweigerung.“

Eine 54-jährige Pflegekraft

„Es war [...] im Spätdienst auf einer onkologischen und hämatologischen Station. Wir waren zu zweit für 27 schwerstkranke Parienten eingeteilt. Einer unserer Patienten verschlechterte sich akut. Er bekam keine Luft mehr und verschlechterte sich in kurzer Zeit bis zur Intensivpflichtigkeit. Das beschäftigte uns circa eine halbe Stunde. In dieser Zeit klingelten einige Patienten, die wir immer mal wieder abgearbeitet haben. Nach kurzer Zeit klingelten drei Zimmer gleichzeitig. Nachdem die Notfallsituation unter Kontrolle gebracht war, arbeitete ich auch diese Klingeln ab. Neben Belanglosem wie Fenster öffnen oder Infusion abhängen lag im letzten Zimmer ein Mann tot im Bett. Eine kleine LED am Notrufknopf leuchtete und zeigte mir an, dass er um Hilfe gerufen hat. Er ist an seinem Erbrochenem erstickt und hatte deswegen geklingelt. Die Nachbarpatienten konnten sich nicht mitteilen und somit keine Hilfe anfordern. Der Mann war sterbenskrank und es sollte auch nichts mehr gemacht werden, aber so grauenvoll zu sterben, weil schlicht und einfach zu wenig Personal eingesetzt wird, ist finsteres Mittelalter.“

Ein Pfleger aus Frankfurt

„Ich arbeite nachts auf einer orthopädisch/unfallchirurgischen Station und bin für bis zu 35 Patienten zuständig. Darunter frisch operierte, demente, multimorbide Patienten. Man kann nur froh sein, wenn nichts passiert. Es kam schon zu Verwechslungen bei Patienten und Medikamenten, es haben Patienten unbemerkt geblutet oder sind gestürzt. Zum Glück ist es bisher immer irgendwie noch gut gegangen.“

Eine Pflegekraft aus dem Rhein-Sieg-Kreis

„Man ist froh, wenn alle Patienten die Nacht überleben. Es werden Prioritäten gesetzt: Alarme und Klingeln bedienen, Infusionen und Perfusoren aufziehen und wechseln, Blut und BGA-Abnahmen [Blutagasanalyse] stabilisieren, Kurven für den nächsten Tag schreiben. Pflegerische Maßnahmen und Lagerungen können in solchen Nächten gar nicht oder nur unzureichend durchgeführt werden! Dokumentieren sollen wir sowas in der Pflegedokumentation nicht. Da könnte die Klinik ja Probleme bekommen. Wir werden also zur Dokumentenfälschung angehalten.“

Eine 41-jährige Pflegekraft

„Noch nicht ausreichend ausgebildetes Personal auf einer Intensivstation ist in Reanimationssituationen hoffnungslos überfordert und kann nicht durch Kollegen mit langjähriger Erfahrung unterstützt werden, da kaum noch welche da sind. Medikamente für Patienten werden falsch dosiert, da einfache mathematische Kenntnisse fehlen und es wurde z.B ein Patient nach Herztransplantation geschädigt. Ärzte ohne Intensiverfahrung machen Nachtdienst und sind nicht in der Lage ein Beatmungsgerät zu bedienen. Ich arbeite im Moment auf einer herzchirurgischen/kardiologischen Intensivstation [...]. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben für Personal und manchmal auch Patienten.“

Eine Pflegekraft aus Hessen

„Es war einem Feiertag, wir waren zwei examinierte Vollkräfte, die für 32 Patienten zuständig waren, welche circa zu 80 Prozent höchst pflegebedürftig waren und zudem drei Patienten sich in einem medizinisch kritischen Zustand befanden, welcher in unseren Augen eine intensivmedizinische Betreuung erfordert hätte. Des Weiteren waren aufgrund des Feiertags nur unzureichend Ärzte auf der Station verfügbar und die letzten freien Betten mussten noch über die Rettungsstelle mit aufwendigen Patienten gefüllt werden. Zudem kam es zu einem Notfall, der als Folge das Versterben eines Patienten unserer Station mit sich brachte.“

Eine Pflegekraft aus Berlin

„Der Personalschlüssel, der für eine Intensivstation vorgeschrieben ist, wird eigentlich nie eingehalten. Die Betten müssen belegt werden, damit das Krankenhaus genug Umsatz macht, um dem hohen Kostendruck des Systems in Deutschland standzuhalten. Täglich befinden wir Pflegenden uns auf der Intensivstation und in allen anderen Pflegebereichen in einer gefährlichen Situation. Als Beispiel, wenn ich als Pflegender auf der Intensivstation in einem Spätdienst drei Intensivpatienten betreue, bin ich schon über das maximale Limit hinaus überlastet [...] Da geht man sehr erschöpft und traurig nach Hause. Es wird anschließend eine Überlastungsanzeige geschrieben, um die Verantwortung für etwaige Schäden am Patienten abzugeben. Doch leider fühlt es sich so an, das die Überlastungsanzeige leider nur noch zusätzliche Arbeit macht [...]. Da man ja weder Essen oder Trinken konnte, so manches mal auch keine Zeit hat, die Toilette zu besuchen, ist das Resultat, das viele Situationen nicht mehr aufgezeichnet werden. Hauptsache schnell weg.“

Ein Pfleger aus Köln

„Intensivstation 14 Patient*innen, 5 Pflegekräfte (Zielsetzung sechs Pflegekräfte, kann häufig aufgrund von Personalmangel oder Ausfällen nicht eingehalten werden). Betreut werden mussten drei beatmete Patient*innen [...]. Einer in Vollnarkose und mit Beatmung. Medikamentenmanagement, Beatmungsmanagement und die übliche Standardpflege [waren] durchzuführen. Ein Patient [war] im akuten Delir (stark verwirrt) und mit ausgeprägter Lungenentzündung und deshalb nicht invasiv beatmet.

Aufgrund der Verwirrtheit hat dieser Patient sich mehrfach die Beatmungsmaske entfernt, mit starker Luftnot als Folge. Während ich das Lungensekret des einen Patienten absaugte, um eine gute Atmung zu ermöglichen, entfernte sich der andere Patient die Beatmungsmaske. Bis ich die Zeit hatte zu reagieren und in das andere Zimmer zu dem verwirrten Patienten zu gehen, vergingen wenige Minuten. Als ich ankam war der Sauerstoffmangel des Patienten so weit fortgeschritten, dass er einen Herzstillstand erlitt und reanimiert werden musste. Im Nachhinein denke ich, dass ich die kritische Situationen früher erkannt hätte und früher hätte einschreiten können, wenn ich nur diesen einen Patienten hätte versorgen müssen.

Das schlimme ist, dass Komplikationen wie Lungenentzündungen (auf Grund von mangelnder Prophylaxearbeit) und solche Situationen gehäuft vorkommen, weil wir bei derart knapper Besetzung nie genug Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Patienten haben. Dies sorgt für Unzufriedenheit im Beruf, steigert die Sterblichkeit der Patienten und führt schlussendlich zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems, denn letztendlich will niemand die Verantwortung für solche Dramen übernehmen und Pflegekräfte verlassen reihenweise den Beruf.“

Eine Pflegekraft aus Hamburg

Anmerkung: Rechtschreibung und Zeichensetzung in den Zitaten wurden für eine bessere Lesbarkeit korrigiert.

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