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Drei Forscher:innen gegen den Einfluss der Pharma-Industrie

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Quinn Grundy ist eine der wichtigsten Forscherinnen zu Interessenkonflikten in der Wissenschaft.
Quinn Grundy half früher Alkoholkranken und forscht heute zur Einflussnahme von Big Pharma auf Ärzt:innen und Pflegekräfte. © Lorris Williams

Große Pharmafirmen beeinflussen Ärzt:innen und steigern dadurch ihre Profite. Finanziell lohnt sich das für beide Seiten, doch Patient:innen können leiden. Drei Forscher:innen engagieren sich seit Jahren für Transparenz und Qualität.

Von Hristio Boytchev

Nicht erst seit der Corona-Pandemie fließen im Jahr Milliarden Euro von Pharma-Firmen und Regierungen in die Erforschung neuer Medikamente – und viele Ärzt:innen profitieren davon, etwa durch Berater:innen-Verträge mit der Industrie. Das kann zu Problemen führen, denn Ärzt:innen sind wie alle Menschen beeinflussbar: So betonen sie möglicherweise die Vorteile von Medikamenten, von deren Hersteller sie bezahlt werden oder verschreiben Tabletten, die schlechter wirken, für deren Vergabe sie aber direkt oder indirekt Geld bekommen.

Eine Recherche von BuzzFeed News Deutschland hatte vor wenigen Tagen gezeigt, dass Ärzt:innen diese Interessenkonflikte systematisch unterschlagen. Zahlreiche hochrangige Forscher – auch aus Deutschland – verstoßen der Recherche zufolge gegen wissenschaftliche Standards.

Nur wenige Wissenschaftler:innen erforschen die Nebenwirkungen dieser Abhängigkeiten. Sie haben es vergleichsweise schwer, Forschungsförderung zu bekommen und werden teilweise als Nestbeschmutzer ausgegrenzt. Wir stellen drei Wissenschaftler:innen vor, die sich gegen den Einfluss der Pharma-Industrie stellenund für mehr Qualität in der Forschung plädieren. 

Quinn Grundy – Einflussnahme auf Pflegekräfte

Quinn Grundy ist eine der wenigen, die sich seit Jahren offensiv mit der Einflussnahme durch die Pharmaindustrie befasst. Grundy war Krankenpflegerin in einem Behandlungszentrum für Alkoholkranke, empfing Klienten von Polizei und Rettungsdienst, übernahm sie als Patient:innen und versuchte, Ihnen mit ihrer Sucht zu helfen und sie vor dem Gefängnis zu bewahren. 

Als Krankenschwester finanzierte Grundy so ihren Traum, in die Forschung zu gehen. Während ihrer Doktorarbeit lernte sie bei einer international anerkannten Expertin für die Einflussnahme der Tabakindustrie – und befasste sich selbst mit dem Lobbying der Pharma-Industrie auf Krankenpfleger:innen. Heute ist die 34-jährige Grundy, die an der Universität Toronto arbeitet, eine der führenden Forscherinnen zur Einflussnahme von Big Pharma auf Ärzt:innen und Pflegekräfte. 

In Wahrheit entscheiden Pflegekräfte über den Einkauf der Medikamente

In ihrem Buch „Infiltrating Healthcare“ beschreibt Grundy, wie Pharma-Firmen über ihre Vertreter:innen gezielt Einfluss auf Pflegekräfte nehmen. Interessenkonflikte bei Pflegekräften seien bisher kaum erforscht worden, sagt Grundy, auch weil viele fälschlicherweise glaubten, dass die meisten Entscheidungen ohnehin von Ärzt:innen getroffen würden. In Wahrheit würden aber häufig Krankenpfleger:innen entscheiden, etwa welche Medikamente eingekauft werden.

Grundy sieht sich selbst als Teil einer langen Tradition von Krankenpfleger:innen, die sich gegen Widerstände für mehr Qualität in der Medizin engagieren. Gerade Krankenpfleger:innen, sagt Grundy, hätten sich schon früh mit der Auswirkung von wirtschaftlichen Prozessen auf das Gesundheitswesen befasst – und damit auch mit dem Einfluss der Industrie. 

Eines von Grundys größten Problemen bei der Erforschung von Industrie-Einfluss: Die Datenlage. Immer wieder hat die Wissenschaftlerin in den vergangenen Jahren auf völlig unvollständige Angaben in den Fachartikeln aufmerksam gemacht. Die Daten sind sogar so lückenhaft, dass es für Grundy schwer ist, überhaupt dazu zu forschen. Nicht nur sind die Angaben über mögliche Interessenkonflikte freiwillig, es gibt auch kaum formelle Vorgaben. Forscher:innen hätten allein 63 verschiedene Wege gefunden, um auszudrücken, dass kein Interessenkonflikt besteht, sagt Grundy.

Grundy will den Einfluss der Pharma-Industrie auf die Wissenschaft beenden

Die Transparenzangaben in wissenschaftlichen Journals sind ein Chaos, sagt Grundy. Wenn überhaupt ein möglicher Konflikt, eine mögliche Einflussnahme angegeben werde, dann sei fast nie klar, in welcher Beziehung Ärzt:in und Unternehmen stehen und wie viel Geld wirklich geflossen ist. Eine Bestrafung von Forscher:innen, die bewusst einen Konflikt zurückhalten, sei zudem quasi ausgeschlossen. Die Fachzeitschriften hätten weder die Ressourcen noch die nötigen Daten, um die Angaben zu überprüfen.

Grundy reicht es aber nicht, wenn Ärzt:innen in Zukunft häufiger ihre Interessenkonflikte angeben. Oft würden alle nur über die Offenlegung von Konflikten sprechen, dabei sei die Einflussnahme selbst teilweise ungeheuerlich. „Wir müssen den Schwerpunkt auf die Unternehmen verlagern“, sagt Grundy. So könne auch der Einfluss auf medizinische Leitlinien untersucht werden.

Was Grundy will? Keinen Einfluss mehr auf die Wissenschaft – und erzählt von der Tabakindustrie. Nachdem Reporter:innen und Forscher:innen den systematischen Einfluss der Tabakindustrie auf die Wissenschaft offen gelegt hatten, entschied das Britisch Medical Journal, keine Forschung mehr zu veröffentlichen, die Geld von der Tabakindustrie bekommen hat. Das könnte ein Vorbild sein, sagt Grundy. 

Ulrich Dirnagl – lieber seltener Ergebnisse, dafür verlässlicher 

Wenn wir so eine gute Grundlagenforschung haben, fragt Ulrich Dirnagl, warum kommt dann bei den Patien:innen so wenig davon an?
Wenn wir so eine gute Grundlagenforschung haben, fragt Ulrich Dirnagl, warum kommt dann bei den Patien:innen so wenig davon an? © BIH/Thomas Rafalzyk

Die zweite Karriere des Schlaganfalls-Forschers Ulrich Dirnagl beginnt mit einer einfachen Frage: Wenn wir so eine gute Grundlagenforschung haben, warum kommt dann bei den Patien:innen so wenig davon an? Dirnagl ist viele Studien, viele Gespräche, viele Zweifel, viele Fragen später zu einer ernüchternden Antwort gekommen: „Ergebnisse kommen deswegen nicht zum Patienten, weil sie nie da waren.“ Die Forschung sei viel schlechter als alle immer behaupten. „Wir haben uns etwas vorgemacht, uns die Ergebnisse schön geredet“, sagt Dirnagl. Verantwortlich dafür seien Verzerrungen in der Wissenschaft. Die Problematik sei zwar komplex, doch die Einflussnahme der Industrie spiele definitiv eine Rolle.

An den komplexen Facetten des Problems arbeiten unter Dirnagl mittlerweile 40 Mitarbeiter:innen im „Quest Center“, einem international einzigartigen Institut am Berlin Institute of Health. Das große Ziel: Die Forschung vertrauenswürdiger, nützlicher und ethischer machen. Dazu hat Dirnagl zum Beispiel auch den einzigartigen, mit 500.000 Euro dotierten „Einstein Award“ für Qualitätssicherung in der Forschung mit aufgebaut.

Dirnagl fordert einen „Physicians Sunshine Act“ für Deutschland

Gleichzeitig ist Dirnagl immer noch Schlaganfall-Forscher und leitet an der Abteilung experimentelle Neurologie der Charité insgesamt 80 Mitarbeiter:innen. Er pendelt mit dem Fahrrad zwischen den zwei Büros hin und her. Seine eigene Neurologie-Forschung habe er den strengen Kriterien des Quest Centers angepasst – seitdem ergäben seine Studien zwar seltener positive Ergebnisse, aber dafür seien diese Ergebnisse dann verlässlicher. 

Um die Forschung insgesamt zu verbessern, fordert Dirnagl auch die Interessenkonflikte konsequent transparent zu machen. Wenn Dirnagl selbst Studien begutachtet, studiert er die Konflikt-Angaben genau, recherchiert zudem zusätzlich in Patentdatenbanken. Entdeckt er dort ein relevantes Patent, dass die Autor:innen in der Veröffentlichung nicht angegeben haben, schickt er das Manuskript zurück. „Ich fühle mich dann getäuscht“, sagt Dirnagl. Deshalb fordert er – wie andere Expert:innen – endlich gesetzlich verpflichtende Angaben über finanzielle Interessen in der medizinischen Forschung, etwa vergleichbar mit dem „Physicians Sunshine Act“ der USA.

Andreas Lundh – wer hat welchen Anteil an der veröffentlichten Studie?

Interessekonflikte – für Andreas Lundh so etwas wie die Zutatenliste im Supermarkt.
Interessekonflikte – für Andreas Lundh so etwas wie die Zutatenliste im Supermarkt. © Privat

Interessenkonflikt-Angaben sind für Andreas Lundh so wichtig wie die Zutatenliste von Lebensmitteln im Supermarkt. Einige Menschen würden sich an viel zugesetztem Fett nicht stören, andere schon – es sei wichtig, das selbst bewerten zu können.

„Die Zeitschriften versuchen nicht wirklich, die Offenlegung von Interessenkonflikten durchzusetzen“, sagt Lundh, der am Zentrum für evidenzbasierte Medizin im dänischen Odense forscht. Ohne ein zentrales Register für diese Konflikt-Angaben hätten sie auch nicht die Ressourcen, das wirklich zu verfolgen. Das führe dazu, dass oft „nur die Spitze des Eisbergs“ offengelegt würde. Viele Forscher:innen würden dazu neigen, ihre Interessenkonflikte herunterzuspielen, sagt Lundh. 

Eine zentrale Frage bei Interessenkonflikten: Wer hat den meisten Einfluss auf die Studie?

Neben den möglichen Interessenkonflikten fehlt Lundh zufolge eine zweite wichtige Information in den Fachartikeln: Wer in den Studien was gemacht habe. Um die Auswirkung von Interessenkonflikten einzuschätzen, müsse man wissen, wie wichtig die Autor:innen für die Studie waren. Besonders wichtig seien drei Positionen: wer die Studie entwirft, wer die Auswertung macht und wer dann das Manuskript schreibt. 

Beim Entwurf der Studie gebe es viele Freiheiten: Ob man etwa eher kranke oder gesunde Patient:innen berücksichtige, mit welcher Therapie man das neue Medikament vergleiche, was man überhaupt als Erfolg definiere, sagt Lundh. Bei der Analyse sei entscheidend, wem die Daten gehörten und wer Zugang habe. „Es ist ein riesiges Problem, dass es viele klinische Studien gibt, bei denen ein Unternehmens-Statistiker die statistische Analyse durchführt und das Unternehmen die Daten besitzt.“ 

Lundh verweist auf die umstrittene Covid-Arznei Hydroxychloroquin. Zwei angesehene Journals hatten Studien dazu zurückgezogen. Die verantwortlichen Uni-Wissenschaftler hatten erklärt, vollen Zugang zu den Daten gehabt zu haben. „Dann stellte sich heraus, dass sie nie Zugang zu den Daten hatten, weil diese nicht existierten, sie waren ausgedacht“, sagt Lundh.

Cochrane-Netzwerk als Vorbild: Wer Interessenkonflikte hat, schreibt nicht mehr 

Das Cochrane-Netzwerk, ein Verband für qualitativ hochwertige Medizinforschung, sei ein Vorbild, denn es sei die einzige Organisation, die irgendeine Art von konkreten Regeln für Interessenkonflikte in Forschungsarbeiten habe. Das Cochrane-Netzwerk bewerte das Verschweigen von Interessenkonflikte als einzige Organisation wie ein wissenschaftliches Fehlverhalten. Und: Relevante Interessenkonflikte verbieten es, Hauptautor:in eines Cochrane-Artikels zu sein. „Wenn Sie andererseits eine Studie im New England Journal of Medicine veröffentlichen wollen, können Sie leicht eine Menge Konflikte mit einem Unternehmen haben, das die Arznei der Studie herstellt“, sagt Lundh. Das New England Journal of Medicine gilt als eine der relevantesten Fachzeitschriften der Welt.

„Viele Mediziner haben diese Vorstellung, dass sie gegen Interessenkonflikte immun sind“, sagt Lundh, der selbst studierter Arzt ist. Auf der einen Seite sollen Politker:innen kein Geld von der Industrie bekommen und Richter kein Geld von Firmen, die Gefängnisse betreiben. Auf der anderen Seite würde man das gleiche im Gesundheitsbereich aber akzeptieren, sagt Lundh. Selbst die Redakteur:innen der großen medizinischen Fachzeitschriften haben Interessenkonflikte, zeigte vor kurzem eine Studie im British Medical Journal. Wenn die Zeitschriften strenge Regeln durchsetzen würden, müssten auch ihre Redakteure finanziell lukrative Verbindungen in die Pharma-Industrie beenden, sagt Lundh. Wer selbst Teil des Problems sei, der habe daran aber kein Interesse und spiele das es herunter.

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Redkationelle Mitarbeit: Simon Wörpel und Edgar Zanella Alvarenga

Weitere Texte zum Thema:

„Exklusiv: Ärzte unterschlagen systematisch Interessenkonflikte“

„Wie wir jahrelang 15 Millionen mögliche Interessenkonflikte von Wissenschaftler:innen analysiert haben“

Nach BuzzFeed News-Recherche: Strengere Regeln für Interessenkonflikte gefordert

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BuzzFeed News, die Ippen-Gruppe und die Reporter:innen von followthegrant.org berichten weiter zur fehlenden Transparenz in der Wissenschaft. Sie erreichen das Rechercheteam unter info@followthegrant.org. „Follow the Grant“ sind Hristio Boytchev (Projektleitung und Recherche), Simon Wörpel (Datenjournalismus) und Edgar Zanella Alvarenga (Datenjournalismus).

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