5 Gründe, warum wir 396 Social-Media-Profile von AfD-Kandidaten überprüft haben – und keine andere Partei

  • Daniel Drepper
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Weil die AfD neu ist, weil sie zum Teil rechtsextrem ist, weil sie schon häufig auffällig geworden ist.

BuzzFeed News hat in den vergangenen vier Wochen alle rund 400 Kandidaten der AfD für den Bundestag überprüft. Wir haben uns angesehen, was die Kandidaten im Jahr vor der Wahl in sozialen Netzwerken, aber auch auf Veranstaltungen oder in der Presse gesagt haben. Unser Ergebnis: Mehr als 50 Kandidaten verbreiten rechtsextreme Einstellungen, sind frauenfeindlich, homophob oder zeigen sogar Sympathien für Holocaustleugner [LINK].

Warum hat sich BuzzFeed News die Kandidaten der AfD angesehen, aber nicht die Kandidaten der anderen Parteien? Dafür gibt es mindestens fünf Gründe.

1. Die AfD war noch nie im Bundestag

Am 24. September werden aller Voraussicht nach sieben Parteien in den Bundestag gewählt: CDU, CSU, SPD, Linke, Grüne, FDP und die AfD. Die AfD ist die einzige Partei, die noch nie im Bundestag saß. Über sie und vor allem über ihre Kandidaten ist mit Abstand am Wenigsten bekannt. Viele AfD-Kandidaten haben überhaupt noch nie ein politisches Mandat gehabt, bevor sie in diesem Sommer für das höchste deutsche Parlament kandidieren.

2. Die Partei war schon häufiger auffällig

In der Vergangenheit sind hochrangige AfD-Mitglieder immer wieder mit rechtsextremen Äußerungen auffällig geworden. Alexander Gauland beleidigte SPD-Politikerin Aydan Özoguz. Björn Höcke forderte bezogen auf den zweiten Weltkrieg "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Alice Weidel will die Religionsfreiheit für den Islam aufheben und spricht bezogen auf die Nazizeit von einem angeblichen "Schuldkult" der Deutschen. Gauland und Weidel sind Spitzenkandidaten, Höcke Sprecher der AfD in Thüringen. Die Spitzenkandidaten anderer Parteien sind bisher nicht mit rassistischen oder rechtsextremen Äußerungen aufgefallen. Keine andere Partei wird seit Monaten dazu aufgefordert, sich glaubhaft von Rassismus und Rechtsextremismus zu distanzieren.

3. Rechtsextremismus ist ein wachsendes Problem

Deutschland scheint in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt zu sein. Rechtsextreme Aussagen werden immer mehr zur Normalität. Hetze und Hass und die Diskriminierung von Minderheiten schaden einer Gesellschaft. Besonders, wenn diese Hetze aus dem höchsten Parlament kommt. Diese Recherche prüft deshalb, ob die AfD tatsächlich Gegner einer gerechten, offenen und progressiven Gesellschaft für den Bundestag nominiert hat.

4. Nicht immer nur die Spitzenkandidaten befragen

Gerade in der AfD wird das öffentliche Bild sehr stark von den Spitzenkandidaten sowie wenigen weiteren hochrangigen Politikern dominiert. Über weitere AfD-Kandidaten ist so gut wie nichts bekannt. Im Bundestag werden jedoch Menschen, die auf Platz 50 der Liste einziehen genauso eine Stimme haben wie Alexander Gauland oder Alice Weidel. Wir haben uns deshalb ganz bewusst dazu entschieden, uns mit allen Kandidaten zu beschäftigen – statt nur mit den wenigen, bekannten AfD-Politikern.

5. Keine angeblich verkürzten Aussagen kritisieren

Immer wieder werfen die AfD und ihre Anhänger den Medien vor, diese würden ihre Aussagen aus dem Zusammenhang reißen und unzulässig verkürzen. Wir haben uns deshalb bewusst nicht nur einzelne Äußerungen, sondern so viel wie möglich von dem angesehen, was die Kandidaten in den vergangenen zwölf Monaten im Netz veröffentlicht haben. Dadurch wollten wir ein möglichst differenziertes Bild zeichnen, das einen besseren Blick auf die Partei und ihr Verhältnis zum Rechtsextremismus erlaubt, als einzelne Aussagen in einzelnen Interviews.

Der Job von Journalisten ist es nicht, über jeden kalkulierten Skandal einer Partei zu berichten – und damit das Spiel von Populisten mitzuspielen. Der Job von Journalisten ist es nicht, nur das zu berichten, was ihnen von Interessengruppen und Parteien aktiv vorgelegt wird. Der Job von Journalisten ist es, einen Schritt zurückzutreten und sich ein eigenes Bild zu machen. Genau das haben wir mit diesem Projekt getan.

Der Job von Journalisten ist es auch, auszuwählen. Wie kann ich mit meiner Arbeitszeit den größtmöglichen Mehrwert für diejenigen liefern, die meine Beiträge konsumieren? Wie kann ich trotz limitierter Ressourcen besonders gut zur öffentlichen Diskussion beitragen? Oder einfacher: Wie kann ich dieser Gesellschaft am Besten helfen?

In diesem Fall haben wir uns für einen AfD-Kandidatencheck entschieden, weil die Prüfung der knapp 400 AfD-Kandidaten die meisten und die relevantesten neuen Erkenntnisse versprochen hat. Oder um es im Journalistendeutsch zu sagen: Der vermutete Nachrichtenwert war deutlich höher als bei allen anderen Parteien.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir mit dieser Vermutung nicht ganz falsch lagen.

Unser Ergebnis und die Belege für alle Aussagen findet ihr hier.

Hier erklären wir die Methodik unserer Recherche.

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