Hass auf Schwule: Mann aus Bremen wird zu vier Jahren Haft verurteilt

  • Juliane Löffler
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Monatelang terrorisierte eine Person junge Männer aus homofeindlichen Motiven, BuzzFeed News berichtete darüber. Heute wurde der Täter zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Am heutigen Freitag ist in Bremen ein Mann verurteilt worden, weil er über Monate hinweg schwule Jugendliche und junge Männer stalkte sowie etliche Straftaten im Internet verübte. Der Prozess gegen den 32-jährigen Daniel S. ist einer der wohl drastischsten Fälle von Homofeindlichkeit der vergangenen Jahre. Vier Jahre nach den Taten fällte heute das Landgericht Bremen ein Urteil. Es handele sich um ein außergewöhnliches Verfahren, sagte der vorsitzende Richter Kemper bei der Urteilsverkündung. Ein Verfahren, „bei dem man beim ersten Lesen der Akte die Hände über dem Kopf zusammengeschlägt und fragt: Warum? Warum?“ Es handele sich um massivste Nachstellungstaten gegen junge homosexuelle Menschen. Mit dem Urteil ging das Schöffengericht über das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß hinaus und verurteilte den Täter trotz mildernder Umstände zu insgesamt vier Jahren und sechs Monaten Haftstrafe.

Die Staatsanwaltschaft hatte Daniel S. insgesamt 68 Taten vorgeworfen: unter anderem Störung des öffentlichen Friedens, Volksverhetzung, Bedrohung, Beleidigung, und zahlreichen Betrugsfälle, die er im Internet verübt haben soll. Besonders schwer aber wiegen die Nachstellungen, also die Stalking-Fälle: Der Täter terrorisierte vier junge homosexuelle Männer über Monate hinweg. Über den Fall des besonders schwer betroffenen Max O. hatte BuzzFeed News bereits Anfang 2019 berichtet.

Hunderte Nachrichten: Das Ausmaß der Taten ist nur schwer zu überblicken

Bis heute wird Hassgewalt gegen Lesben, Schwule, Bi- und Intersexuelle oder trans Personen in Deutschland nur lückenhaft erfasst. In einigen Bundesländern wird die Anzahl der Übergriffe gar nicht erfasst, nicht alle Länder geben Geld für konkrete Präventionsprojekte aus. Auch deshalb ist die Dunkelziffer der Gewalttaten gegen LGBT*s enorm hoch, ergab eine bundesweite Recherche von BuzzFeed News. Verurteilungen oder gar Gefängnisstrafen wegen Hassgewalt gegen LGBT*-Personen sind in Deutschland selten.

Der heute in Bremen verurteilte Daniel S. ist ein Extremfall: Das Ausmaß seiner Taten ist nur schwer zu überblicken, eine Chronologie kaum zu rekonstruieren: Der Täter sendete den Männern über Monate dutzende, teilweise hunderte Nachrichten über Facebook und auf ihre Handys, in denen er sie beleidigte und bedrohte. Er verschickte durch technische Manipulationen Morddrohungen in ihrem Namen oder nutzte Fake-Profile, um im Namen der Opfer Konzert- und Fußballkarten zu verkaufen. Die teils wütenden Käufer dieser nicht existierenden Karten überzogen die Opfer mit Regressforderungen. Daniel S. verteilte Plakate in der Stadt, in der er zwei der Opfer als schwul zwangsoutete. „JA ICH BIN SCHWUL UND DAS IST AUCH GUT SO“ stand auf einem Plakat, darunter ein Foto des Opfers. Auf anderen Plakaten habe auch die Handynummer eines Betroffenen gestanden. Noch Wochen später habe der Betroffene sie zerknüllt im Park gefunden.

Daniel S. kontaktierte auch Freunde und Familien der Opfer, verbreitete Unwahrheiten über sie, etwa dass sie klauten, Drogen dealten oder Krebs hätten, oder verbreitete Todesanzeigen über sie. Einem anderen Opfer schickte er eine Nachricht, in der stand: „ [...] Ich werde dich und deine ganze Familie töten, alle werden sterben.“ Den Opfern schrieb Daniel S. immer wieder, dass er wisse, wo sie sich aufhielten.

Die Folgen für die Opfer: Schlafstörungen, Panikattacken, Verfolgungsängste

Die Masse an wirren Nachrichten, Drohungen, Beleidigungen, das Netz an Fake-Profilen und Betrügereien – all das überforderte lange Zeit offenbar die Ermittler. Immer wieder ging zum Beispiel der Betroffene Max O. zur Polizei, doch von dieser fühlte er sich lange alleine gelassen, sagte er BuzzFeed News bereits 2019 in mehreren Gesprächen.

Als „riesiges Puzzle“, bezeichnete der Sprecher des Amtsgerichts Dierk Gerl die Ermittlungen der Polizei. „Es wurde mit uns gespielt“, sagte der Betroffene David R. Ein anderes Opfer sagte, es fühle sich an, als sei er „mit verbundenen Augen in eine Achterbahn gesetzt worden“.

„Die Taten waren geeignet, junge Menschen in die Verzweiflung zu treiben“, fasste es die Staatsanwältin Marlene Wieland in ihrem Plädoyer zusammen. Die Opfer berichteten vor Gericht von schwerwiegenden Folgen: Schlafstörungen, Panikattacken, Vertrauensverlust und Verfolgungsängste, Leben in ständiger Alarmbereitschaft, zerrüttete Familien.

Einer der Männer sagte aus, er habe begonnen, sich selbst zu verletzen. Ein anderer sagte, er habe das Haus nur noch in Notfällen verlassen. Wieder ein anderer beschrieb, wie sein Vater sich nach dem Zwangsouting von ihm abgekehrt habe. Er sei daraufhin als 16-Jähriger alleine nach Süddeutschland gezogen. Und einer der vier betroffenen Männer hat Deutschland nach den Attacken verlassen.

Bis heute, sagt Staatsanwältin Wieland, litten die Opfer an dem Erlebten.„Dass das alle einigermaßen heil überstanden habe, halte ich für Zufall“, sagte die Polizeiliche Ermittlungsführerin. Nicht jeder der Männer habe in der Zeit einen starken familiären Rückhalt gehabt.

„Wie ein riesiges, unübersichtliches Computerspiel“

Auf die Frage, warum er das alles tat, antwortete Daniel S.: „Ich wollte Ärger machen.“ Durch das Leid der anderen habe er sich besser gefühlt.

Daniel S. leidet laut eines durch das Gericht erstellten psychologischen Gutachtens an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung: Er sei überwiegend schizoid und dissozial, trug die Sachverständige Ute Franz vor. Zudem sei er spiel- und kaufsüchtig. Daniel S. ist bereits mehrfach vorbestraft. Er vermeide Realkontakt zu Menschen und habe sich in die virtuelle Welt des Internets zurückgezogen, sagte Franz. Schon als Kind sei gemobbt worden, der Vater sei alkoholkrank, der Stiefvater gewalttätig gewesen. Freunde habe er schon in seiner Kindheit kaum gehabt, pflege fast ausschließlich Kontakt zu seinen engsten Familienmitgliedern. In der analogen Welt könne er nur schwer Handlungen voraussehen, er sei „wie ein emotionaler Analphabet“.

Gleichzeitig wunderte sich die Gutachterin, wie gut sich Daniel S. im Internet auskannte und wie er die Strippen für seine Taten zog. Daniel S., der die Schule ohne Abschluss nach der neunten Klasse abbrach, sei im Internet fast so etwas wie hochbegabt. „Er hat es ein Stück weit zu seiner Hauptbeschäftigung gemacht“, sagte Franz. Tagelang verbrachte der Mann nach eigener Aussage in einem Internetcafé, von wo aus er die Opfer terrorisierte. Für ihn sei das Stalking „wie ein riesiges, unübersichtliches Computerspiel“ gewesen, sagte die Sachverständige.

Sein Schwulenhass sei durch ein traumatisches Erlebnis im Gefängnis vor mehreren Jahren entstanden: Dort sei S. von einem Mithäftling sexuell misshandelt worden. Gegen diesen irrationalen Hass habe der 32-Jährige kein Korrektiv gehabt, so die Sachverständige Franz, da er sozial stark isoliert gewesen sei. Er habe sich in seiner Abgeschiedenheit immer weiter in diesen Hass hineingesteigert. Dass der Mithäftling schwul gewesen sei, will S. daran erkannt haben, dass dieser ein rosa T-Shirt getragen habe. Seinen Hass richtete Daniel S. wahllos gegen Menschen, die er zuvor nicht gekannt hatte, beleidigte sie immer wieder auch als pädophil. In Kontakt mit seinen jungen Opfern kam er überwiegend über das digitales Jugendnetzwerk „Du bist nicht allein“.

Der Täter wurde als vermindert schuldfähig beurteilt

Heute, so seine Verteidigerin, habe sich die Haltung von Daniel S. verändert. Geholfen habe ihm dabei die Arbeit in einer Kultureinrichtung, wo er etwa mit schwulen Künstlern in Kontakt gekommen sei. S. lebt aktuell in einer betreuten Wohneinrichtung. Für die Taten hatte er bereits mehrere Monate in Untersuchungshaft verbracht und war einige Monate in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

Die Verteidigerin von Daniel S. hatte gefordert, diese psychiatrischen Einschätzungen bei der Strafe stärker zu berücksichtigen. „Herr S. ist krank“, sagte sie in ihrem Schlussplädoyer. Er habe das Ausmaß seiner Taten nicht verstanden. „Ich habe jetzt erst gemerkt, dass ich die Opfer richtig verletzt habe“, sagte S. am letzten Verhandlungstag. „Ich kann verstehen, dass mich die Opfer hassen, für das, was ich gemacht habe.“ Es tue ihm unendlich leid. Staatsanwältin Wieland war anderer Meinung. „Dass es sich um reale Personen mit Gefühlen handelte, ist ihm durchaus bewusst gewesen.“ Er habe die Sorgen der Menschen miterlebt. Ihm sei es gerade darauf angekommen, dass sie litten, weil sie homosexuell seien. Sie hatte vier Jahre und vier Monate Haft ohne Bewährung gefordert.

„Homosexualität gehört zur Normalität dazu“

Im Urteil schloss sich die Gerichtskammer dieser Einschätzung weitestgehend an: Daniel S. erhielt ein niedrigeres Strafmaß, weil er nur vermindert schuldfähig sei und die Taten früh und umfassend gestanden habe, so der vorsitzende Richter Kemper. Zudem wirke die lange Verfahrensdauer über vier Jahre strafmildernd. Doch er habe vorsätzliche gehandelt, hartnäckig und massiv, und habe „versucht die Fäden zu ziehen, im Leben dieser Männer“. Daniel S. wurde drei Jahre und sechs Monate für die Nachstellungen verurteilt sowie ein Jahr wegen Betrugs, mit dem er vor allem seine Spielsucht finanzierte.

Max O. sagt nach dem Urteil im Gespräch, er wisse nicht, was er fühlen soll. Er sei nicht sicher, ob sich der Täter durch die Haftstrafe ändere. „Ich habe vier Jahre Arbeit in dieses Verfahren gesteckt. Jetzt bekomme ich eine Pause. Ob es ein Schlussstrich ist, wird sich in vier Jahren zeigen.“

Die beiden Betroffenen Max O. und David R. sagen, dass ihnen nicht die Höhe der Strafe wichtig ist – sondern dass sich etwas verändert, auch die Sichtweise des Täters. Es brauche Aufmerksamkeit dafür, dass Homohass täglich vorkommt, sagt David R. gegenüber BuzzFeed News am Tag vor dem Urteil. „Er muss einfach verstehen, dass in Deutschland Homosexualität zur Normalität dazugehört.“

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