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Hinter verschlossener Tür

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Von: Juliane Löffler

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Symbolbild © Illustration: Russlan.eu

Einer der wichtigsten HIV-Ärzte Deutschlands soll seine Patienten missbraucht haben. Nach Recherchen von BuzzFeed News und VICE könnten dutzende Männer betroffen sein.

Von Juliane Löffler und Thomas Vorreyer

Dieser Text erschien zuerst am 6. September 2019. Wegen einer rechtlichen Auseinandersetzung war der Text rund 19 Monate lang offline. Nach einem Urteil des Kammergerichts Berlin ist die Recherche nun in gekürzter sowie an einigen Stellen aktualisierter Fassung wieder verfügbar.

Analuntersuchungen und Prostatamassagen ohne ersichtlichen Grund. Masturbation. Sich nackt ausziehen müssen. Versuchter Oralverkehr. Kussversuche. Das ist nur ein Bruchteil der mutmaßlichen Übergriffe, die der bekannte Berliner Allgemeinmediziner und HIV-Arzt Dr. Heiko J. an seinen Patienten verübt haben soll. Das zeigen Recherchen von BuzzFeed News und VICE.

J. soll dabei seine besondere Vertrauensposition als Arzt systematisch ausgenutzt haben und sich Opfer in besonders verletzlichen Situationen gesucht haben: darunter Männer, die befürchteten, sich mit HIV infiziert zu haben, Männer, die keinen deutschen Pass und keine Versicherung haben. Was die mutmaßlich Betroffenen eint: Sie sind alle jung und schwul oder bisexuell.

600 Analuntersuchungen führt der Arzt jährlich durch. So steht es in einem Dokument von 2013, das BuzzFeed News einsehen konnte. Wie weitreichend das Ausmaß der mutmaßlichen Übergriffe ist, ist schwer zu sagen.

BuzzFeed News und VICE wissen von mehr als 30 Personen, die von mutmaßlichen Übergriffen und sexualisierter Gewalt durch den Arzt berichten: in Facebook-Kommentaren, in Online-Bewertungen, in rechtlichen Verfahren. In nahezu jedem Gespräch, das wir geführt haben, haben wir von weiteren möglichen Betroffenen erfahren. Zu etlichen von ihnen haben wir Kontakt aufgenommen, sieben haben sich bereit erklärt, ausführlich mit uns zu sprechen. Noch immer gehen wir weiteren Hinweisen nach. Hunderte Seiten Dokumente, Interviews mit LSBTI*-Organisationen, Screenshots und Gespräche mit Personen aus dem direkten Umfeld der mutmaßlich Betroffenen bestätigen die Vorwürfe.

BuzzFeed News und VICE haben Heiko J. mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert, den er nicht beantwortet hat. Über seinen Rechtsanwalt ließ er mitteilen, er könne aus den Schilderungen keinen konkreten Patienten erkennen, „unbeschadet der Tatsache, daß diese Schilderungen unzutreffend sein müssen“. Heiko J. lasse sich nicht von wirtschaftlichen oder rassischen Gesichtspunkten bei der Behandlung, deren Geschwindigkeit oder deren Ausstattung leiten. Er richte die Behandlung seiner Patienten zudem nicht nach eigenen Vorlieben aus.

Auch im Zuge der presserechtlichen Auseinandersetzung um diesen Text wies der Arzt die Vorwürfe als falsch zurück. Es hätten keine Untersuchungen mit sexueller Motivation stattgefunden, sondern bei diesen Vorwürfen handele es sich um Falschbehauptungen, die unter anderem von Neidern orchestriert wurde. BuzzFeed News und VICE liegen keinerlei Hinweise für eine solche Orchestrierung vor. 

Während der Recherche ergibt sich von Dr. J. das Bild eines Arztes mit zwei Seiten. Da ist der international renommierte Mediziner: Ein schwuler Arzt, Anfang 60, der 1994 eine Praxis für die schwule Szene eröffnet, mitten in einem Berliner Regenbogenkiez. Jemand, den Menschen, mit denen wir sprachen, „mutig“ nennen, und „engagiert“. Ein erfolgreicher Arzt: Die HIV- Schwerpunktpraxis hatte laut dem Magazin der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin im Jahr 2015 so viele neue HIV-Patienten wie keine andere in Europa. Ein Arzt, der mithilft, neue HIV- Medikamente auf den Markt zu bringen. Der auf Aids-Konferenzen in Moskau und Melbourne spricht und von der New York Times interviewt wird, aber auch Medien wie ZEIT Online, der Welt und RTL als „HIV-Spezialist“ dient. Der sich für die medizinische Versorgung Geflüchteter einsetzt und Patienten väterlich duzt. Die Personen, mit denen wir gesprochen haben, nennen ihn den HIV-Papst.

Aber da ist auch der Heiko J., der im April 2021 vor Gericht stehen wird – angeklagt in fünf Fällen des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungsverhältnisses. Dem Patienten sexualisierte Gewalt vorwerfen. Der Patienten ohne ersichtlichen Grund anweise, sich auszuziehen. Der ihnen vermeintliche Komplimente über ihre Genitalien mache. Der scheinbar ohne medizinische Notwendigkeit minutenlang ihre Prostata und ihren Penis stimuliere. Und der Medikamente im Austausch gegen sexuelle Übergriffe verschreibe.

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Hast du sexualisierte Gewalt oder Übergriffe in der Praxis J. erlebt und möchtest uns davon berichten? Dann melde dich bei unserer Reporterin unter juliane.loeffler@buzzfeed.de oder per Telefon: 0170 - 70 60 140, auch verschlüsselt über Signal.

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Die Vorwürfe werden uns von Personen aus Beratungsstellen und Behörden bestätigt. Ein langjähriger Mitarbeiter der Berliner Schwulenberatung sagt, in seiner Abteilung seien seit den 90er Jahren mindestens 100 Beschwerden aufgrund „sexueller Grenzverletzungen“ gegen den Arzt bekannt.

Seit 2013 führt die Berliner Ärztekammer ein berufsrechtliches Ermittlungsverfahren gegen J. und vernahm mindestens sechs Zeugen. Die Ärztekammer ist unter anderem dafür zuständig, dass sich Ärzte an ihre Berufspflichten halten. Wenn sich Vorwürfe gegen einen Arzt erhärten, kann die Kammer mit ihrem Ermittlerteam eine Untersuchung führen – ähnlich wie eine Staatsanwaltschaft. Einem Arzt die Zulassungen entziehen, kann sie aber nicht.

2014 übernahm die Staatsanwaltschaft Berlin den Fall. 2016 erhob sie Anklage in fünf Fällen. Der Prozess soll im April 2021 am Amtsgericht Tiergarten starten.

Viele unserer Gesprächspartner sagen, sie würden andere Männer seit Jahren vor J. warnen. Und immer wieder fiel in den Gesprächen ein Satz: „Alle wissen davon.“

J. praktiziert weiter. Bis heute.

Die folgenden Schilderungen beruhen auf Gesprächen mit mehreren Personen, mit welchen BuzzFeed News und VICE über mehrere Wochen in Kontakt standen und die nachweislich Patienten in der Praxis waren. Ihre Aussagen sind gestützt durch Chatverläufe, Nachrichten, Gespräche mit ihnen nahestehenden Personen und weitere Dokumente wie Tagebucheinträge oder medizinische Unterlagen. Die Schilderungen von fünf Personen wurden in der Veröffentlichung vom September 2019 an dieser Stelle ausführlich dargestellt. Aufgrund des presserechtlichen Urteils werden diese Vorwürfe, Handlungen und Äußerungen hier in stark gekürzter Form wiedergegeben.

Adam

Adam soll von J. erst be- und dann misshandelt worden sein. [...] Beim Gespräch mit BuzzFeed News lehnt er mit ausgestreckten Beinen auf einer Couch – eine lässige Pose, doch seine Stimme ist erregt und er spricht in schnellen, klaren Sätzen. 

Adam heißt in Wahrheit anders. Da er rechtliche Konsequenzen fürchtet, nennen wir weder bei ihm noch bei anderen mutmaßlich Betroffenen den richtigen Namen oder Merkmale, durch die diese Menschen erkannt werden könnten. 

2011 sei Adam in die Praxis J. gegangen, um sich die Ergebnisse eines HIV-Tests abzuholen. Eine E-Mail und ein Laborbericht belegen, dass Adam in diesem Jahr Patient in der Praxis war. 

„Sich mit HIV zu infizieren, war als schwuler Mann zu dieser Zeit noch eine große Bedrohung“, sagt Adam. Zu der Zeit ist die sogenannte HIV-PrEP noch nicht erhältlich: Wer die Medikamente für die Prä-Expositions-Prophylaxe dauerhaft nimmt, kann sich vor einer Ansteckung mit dem Virus schützen. Adam ist zu dem Zeitpunkt Mitte zwanzig, gerade nach Berlin gezogen. Er ist nicht in Deutschland geboren, sein Visum ist zeitlich begrenzt. Seit er 17 Jahre alt ist, lasse er sich alle sechs Monate auf HIV testen. Das gehöre im Leben eines sexuell aktiven schwulen Mannes dazu, sagt er. Adam kennt den Ablauf. „If something changes, you panic.“ 

An diesem Tag, in der Praxis von Dr. J., bekommt Adam Panik. 

„Der Arzt würde gerne mit Ihnen unten im Labor über Ihre Ergebnisse sprechen“, habe eine Sprechstundenhilfe ihm gesagt. Der Termin sei um 16 Uhr gewesen, daran erinnert sich Adam genau. Eine Mitarbeiterin habe ihn eine Wendeltreppe hinunter in ein Untergeschoss begleitet, dort habe er in einer Bibliothek gewartet. Adam beschreibt ein großes Bücherregal voll mit Fachliteratur über HIV, auf dem langen Tisch liegen Süßigkeiten, Snacks, Getränke. Auch andere mutmaßlich Betroffene schildern den Raum so. 

Dreißig Minuten lang habe er dort gewartet, allein. „Ich habe panische Angst bekommen. Ich bin ins Bad gegangen und habe mich übergeben. In dem Moment war ich überzeugt, dass ich HIV habe, weil mir so etwas noch nie zuvor bei einem HIV-Test passiert war.“ Dann habe Dr. J. ihn durch eine Flügeltür in sein Behandlungszimmer gebeten. 

Adam schildert gegenüber BuzzFeed News, dass er sehr panisch gewesen sei, geweint und gezittert habe. Der Arzt habe ihm dann mitgeteilt, dass das Ergebnis negativ sei, ihn getröstet und ihm dann gesagt haben, er werde ihn untersuchen.

[...]

J. habe ihn gebeten, seine Hose herunterzuziehen. Noch nie zuvor habe er sich ausziehen müssen, als er seine HIV-Ergebnisse erhalten habe, sagt Adam. Er habe sich hingelegt, der Arzt habe seinen Unterkörper und seinen Penis untersucht. Der Mann schildert gegenüber BuzzFeed News, der Arzt habe mehrere Minuten lang Handlungen an ihm vollzogen, die er als eindeutig sexuell motiviert empfunden habe – und für die er keine medizinische Notwendigkeit erkannt habe. Der Arzt habe ihm währenddessen Komplimente gemacht. Der ehemalige Patient sagt, er habe die Behandlung dann angebrochen. [Inhalte des Textes wurden an dieser Stelle zusammenfassend gekürzt]

 [...]

Adam habe seine Hose hochgezogen. Der Arzt habe gefragt, ob alles in Ordnung sei. [...] Und er habe gesagt: ‚Nein, ich gehe. Wir sind fertig.“

In den Jahren, auf welche die gegenüber BuzzFeed News berichteten Vorwürfe der ehemaligen Patienten datieren, spricht Heiko J. unter anderem auf der International Aids Conference und leitet als Präsident zweimal den größten deutschen Kongress zu sexueller Gesundheit – im Berliner Rathaus. Aber er findet auch Zeit für kleinere Veranstaltungen: 2014 hält J. laut Programmankündigung einen Vortrag in einem Schöneberger Café für HIV-positive Menschen. Der Titel: „Vorsorgeuntersuchungen in der Männermedizin – wie gut achtet Dein Arzt auf Dich?“ 

Bei J. soll jeder Patient selbst „über Nähe und Distanz entscheiden können“, schreibt das Fachmagazin Ärzteblatt 2007 über ihn. Adam sagt, der Arzt habe seine Emotionen manipuliert und seine Verletzlichkeit ausgenutzt, um sich an ihm zu vergreifen. Hinterher sei er geschockt gewesen, sagt Adam. Er sagt auch, er habe die Übergriffe damals weniger schwerwiegend wahrgenommen als heute. „I wasn’t traumatized. I was just glad I did not have HIV.“ 

Heute hat sich Adams Denken über den mutmaßlichen Übergriff verändert. Auch deshalb hat er sich entschieden, mit uns zu sprechen. Er fragt sich, was passiert wäre, wenn er den Arzt nicht gestoppt hätte [...]. Erst jetzt verstehe er, wie weitreichend und folgenschwer die Vorwürfe gegen Dr. J. seien.

In der schwulen Community werden sexuelle Übergriffe kaum erkannt

Mit der weltweiten MeToo-Debatte hat sich das Bewusstsein über sexualisierte Gewalt und Übergriffe auch innerhalb der LSBTI*-Community verändert. Zu Beginn des Jahres las Adam in sozialen Medien von anderen Betroffenen. In der Facebook-Gruppe einer großen queeren Berliner Partyreihe hatte eine Person ein Meme über die Praxis J. veröffentlicht. Das Bild hat mittlerweile mehr als 250 Interaktionen, Dutzende Nutzer haben darunter andere Personen getaggt. Das Meme ist eine Anspielung auf zwei Sexpartner, die sich Tage später für einen Geschlechtskrankheiten-Check in der Praxis wieder treffen. Allem Anschein nach eine Situation, in der sich viele in der Gruppe wiedererkennen. Doch die Diskussion in den Kommentaren nimmt eine andere Richtung. „Belästigt er immer noch Menschen sexuell?“, fragt jemand, „Warum praktiziert er noch?”, ein anderer.

Adam will kurz nach dem Vorfall im Jahr 2011 mit mehreren Personen darüber gesprochen haben. Auch die Erinnerung von Adams Langzeitpartner stützen die Erzählung von Adam, Chatverläufe aus der Zeit zeigen, dass sie sich über das Thema ausgetauscht haben. [...] Adams Partner sagt, er selbst kenne rund zehn weitere Personen, die von Übergriffen in der Praxis erzählt hätten. 

Rückblickend hätten sie zur Polizei gehen sollen, sagt der Partner. Doch in der schwulen Community würden sexuelle Übergriffe kaum erkannt. „Wir lernen nicht, was sexualisierte Gewalt ist”, sagt er im Gespräch. 

Würde die Polizei Männer ernst nehmen, die erzählen, ihr schwuler Arzt habe sie sexuell missbraucht? Adam meldet den Vorfall nicht bei Behörden oder Organisationen. „Was sollte ich machen? Direkt zur Polizei gehen und ihnen erklären, was passiert ist? Es waren nur er und ich im Raum. Ich war neu im Land und kannte die Hilfsstrukturen nicht.“

Bis auf einen mutmaßlichen Betroffenen hat sich keine der Personen, mit denen wir gesprochen haben, selbst an die Polizei gewandt. Manche, weil sie ihre Erinnerungen als unwichtig beiseite schoben. Andere, weil sie wie Adam nicht wussten, wie sie den mutmaßlichen Übergriff beweisen sollten. Eine Person zeigte J. nicht an, weil sie dachte: „Er wird damit durchkommen.“

Die Vorwürfe, welche mehrere Personen schildern, ähneln sich in verschiedenen Aspekten. Mehrere Personen sagen, dass sie sich entkleiden sollten oder intim untersucht wurden, obwohl sie mit Symptomen wie etwa Halsschmerzen in die Praxis gekommen seien. Mehrere der Männer sagen, sie hätten Intimuntersuchungen eindeutig als sexuell motiviert empfunden. Sie beschreiben diese Berührungen als „Massagen” und „Masturbation”. Sie sagen außerdem, dass diese Berührungen bei vergleichbaren Untersuchungen in anderen Arztpraxen so noch nie erlebt hätten. 

Der Arzt sagt, diese Untersuchungen entsprechen legitimen Untersuchungsmethoden. Dies geht aus den Unterlagen der presserechtlichen Auseinandersetzung hervor. 

Zudem berichten mehrere Männer von sexualisierten Handlungen des Arztes: Der Arzt habe sie Behandlungszimmer geküsst, umarmt, gestreichelt, ihnen dabei Komplimente über ihren Körper oder ihre Genitalien gemacht. Ein Mann sagte, der Arzt habe versucht, seinen Penis in den Mund zu nehmen. Sie beschreiben diese Kontakte im Nachhinein als Missbrauch und Übergriff, mehrere berichteten, von den Handlungen überrascht oder angeekelt gewesen zu sein. Mehrere beschreiben auch, dass sie kein deutsch konnten, keine Versicherung hatten, dringend auf Medikamente angewiesen gewesen seien und sich einer abhängigen Situation befunden hätten.

Der Arzt bestreitet diese Schilderungen.

Mehrere Personen sprechen auch über das Stigma, dem sie als Männer, die mit Männern Sex haben, ständig begegnen. „Mit schwuler Sexualität ist es so: Leute sagen mir ständig Sachen wie: ‚Oh, ihr seid doch nur ein Haufen Schlampen. Das mit dir beim Doktor, ist das nicht einfach eine Fantasie?‘“, sagte eine Person im Gespräch. 

Wer in Berlin HIV-positiv ist oder als Mann mit Männern schläft, landet bis heute häufig in der Praxis J. Sie hat sieben Tage die Woche geöffnet, 365 Tage im Jahr – und ist eine der größten ihrer Art in Berlin. Laut Website arbeiten dort mehr als 40 Personen [Stand 2019]. Kein Berliner HIV-Schwerpunktarzt, keine -ärztin und keine -praxis hat mehr Bewertungen auf Google und dem Arztbewertungsportal Jameda als Heiko J. und die Praxis J. Er selbst stellt sich als queerfreundlich dar: Auf der Praxis-Website steht, man verstehe sich „seit jeher als ein Teil der queeren Community“.

Mark

Aus dieser Community greife sich Dr. J. ganz gezielt Patienten heraus, erzählen mehrere ehemalige Patienten. Sie sprechen immer wieder von einem bestimmten Beuteschema. Er habe etwa Vorlieben für beschnittene Männer oder Personen aus dem Kunst- und Kulturbetrieb. Eine dieser Personen ist Mark.

[Inhalte des Textes wurden an dieser Stelle zusammenfassend gekürzt]

„Jedes Mal, wenn ich einen Test machte, flackert das wieder auf“, sagt Mark drei Jahre nach dem mutmaßlichen Übergriff von J. Wir treffen ihn in einem Café in Kreuzberg. Er beschreibt, dass der Arzt ihm Komplimente gemacht habe und anzügliche Äußerungen über ihn getätigt haben soll, im Zusammenhang damit auch einen Arm um ihn gelegt habe. Mark sagt, er habe dies als sehr verstörend und übergriffig empfunden. Er erzählte unmittelbar danach seinem Partner davon und hielt die Erlebnisse in seinem Tagebuch fest. Zudem versicherte er die Vorwürfe an Eides statt vor Gericht. 

„Ich habe mich gefragt, ob ich falsche Signale gegeben habe“, sagt Mark. Am meisten ärgere ihn heute, dass er „wie gelähmt“ gewesen sei. „Man lernt daraus“, sagt er. Heute würde er einen Aufstand machen und eine Anzeige erstatten. Die Verletzung, wegen welcher er in die Praxis kam, habe er schlussendlich bei einem anderen Arzt untersuchen und behandeln lassen.

Der Anwalt des Arztes schreibt, die Vorwürfe seien falsch. Der Arzt lasse sich nicht von wirtschaftlichen oder rassischen Gesichtspunkten bei der Behandlung, deren Geschwindigkeit oder deren Ausstattung leiten. Er richte die Behandlung seiner Patienten zudem nicht nach eigenen Vorlieben aus.

[...]

Christopher

Auch ein weitere ehemaliger Patient aus der Praxis sagt, dass J. sich gezielt Leute aussuche, die kein Deutsch sprechen, keine Versicherung haben und vielleicht nicht einmal hier leben, weil sie sich niemals öffentlich äußern würden. Patienten wie ihn. 

Drei Personen haben uns erzählt, dass sie davon abhängig gewesen seien, dass J. ihnen Medikamente verschrieb. Christopher ist einer von ihnen. Er sagt, er sei mit dem Verdacht einer akuten HIV-Infektion von einem Krankenhaus an J. verwiesen worden. Er benötigte die HIV-PEP, die Notfalltherapie, die in fast allen Fällen eine Infektion unterbinden kann. 

Christopher war damals Mitte 20, er stammt aus dem Ausland und hatte keine Krankenversicherung. Uns liegen Informationen vor, die bestätigen, dass er an einer Studie von J. teilnahm und deshalb Medikamente im Wert von mehreren hundert Euro gratis erhielt, die er sich sonst wohl nicht hätte leisten können. Christopher sagt, dass dies die PEP-Medikamente sind, die er benötigte, um eine mögliche HIV-Infektion zu verhindern. 

J. muss wissen, wie sich Patienten fühlen, die befürchten, sich mit HIV angesteckt zu haben. Bis heute hat er an mindestens 30 klinischen Studien mitgewirkt. In den vergangenen Jahren hat J. außerdem sowohl die aktuell gültigen Deutsch-Österreichischen Leitlinien für die HIV-PEP als auch die PrEP-Leitlinien mitentwickelt. Er weiß genau, wie man Patienten den Leitlinien zufolge helfen müsste. 

[Inhalte des Textes wurden an dieser Stelle zusammenfassend gekürzt]

Auch Christopher beschreibt ähnliche Berührungen, wie andere Menschen, die dem Arzt gegenüber Vorwürfe erheben. Er sagt, dass der Arzt verschiedene intime Zonen seines Körpers gleichzeitig berührt habe und er diese Berührungen als eindeutig sexualisiert empfunden habe. Der Arzt habe außerdem einen sexualisierten Kommentar über seinen Anus gemacht.

Er habe gedacht: „Ich gehe verdammt niemals wieder zu diesem Arzt. Was er macht, ist so abgefuckt und falsch.“

Im Zuge der nach der Veröffentlichung erfolgten, rechtlichen Auseinandersetzung zu diesem Text bestritt J. die Darstellungen umfassend. Es habe keine sexualisierte Motivation für beschriebene Untersuchungen gegeben. Soweit die im Artikel geschilderten Behandlungen überhaupt stattgefunden hätten, seien sie medizinisch notwendig gewesen. Keine der Personen, die im Artikel Vorwürfe schildert, habe ein förmliches Untersuchungsverfahren angestrengt.   

An den ehemaligen Patienten „Christopher“ habe er keine Erinnerung, nach Aktenlage habe er den Mann nicht behandelt, sondern ein Mitarbeiter. Er bestreitet, Patienten sexuell motiviert berührt zu haben oder ein außerärztliches Interesse an ihnen entwickelt zu haben. 

Die Vorwürfe, um die es in dem Strafprozess gehe, seien von einer Person „orchestriert” worden. 

Nach dem Einschreiten der Ärztekammer habe er umgehend reagiert, um Zweifel an seinem  ärztlichen Ethos zu beseitigen. Seit 2014 führe er daher proktologische Untersuchungen oder Genitaluntersuchungen stets im Beisein einer weiteren Person durch. 

BuzzFeed News hat im Zuge des presserechtlichen Verfahrens zwei Eidesstattliche Versicherungen von ehemaligen Patienten vorgelegt, die sagen, sie seien 2016 und 2019 von dem Arzt im Intimbereich untersucht worden, ohne dass eine dritte Person im Raum anwesend gewesen sei, und hätten übergriffiges und missbräuchliches durch ihn erfahren. J. blieb bei seiner Darstellung. 

Immer wieder erzählen Personen, wie wichtig die Praxis als Institution für die schwule Community in Berlin sei. Ein Ort, der benötigt werde. Dass J. sie verstehe. Sie sagen aber auch: Sie wollen, dass der Arzt mit den mutmaßlichen Übergriffen aufhört, dass er bestraft wird. Die zwei Seiten Heiko J.s – sie sind möglicherweise auch ein Grund dafür, dass die vielen Vorwürfe bis heute ein offenes Geheimnis bleiben konnten.

Teil zwei der Recherche: Der HIV-Arzt Dr. Heiko J. soll seine Patienten missbraucht haben. Seit Jahren wissen Beratungsstellen und Staatsanwaltschaft Bescheid. Warum darf er bis heute praktizieren?

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Die Redaktion von BuzzFeed News Deutschland berichtet regelmäßig über Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und MeToo Zuletzt hat BuzzFeed News hier ausführlich über den Missbrauch durch Ärzte in Deutschland und die unzureichende Strafverfolgung dieser Taten berichtet. Sie erreichen die Redaktion unter recherche@buzzfeed.de.

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