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Ibuprofen, Viagra, Ritalin: Krebsverdacht bei tausenden Medikamenten

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Der Stoff Titandioxid steht unter Krebsverdacht, er steckt auch in vielen gängigen Medikamenten. Jetzt wird ein Verbot geprüft.

Der Stoff Titandioxid steht unter Krebsverdacht, er steckt auch in vielen gängigen Medikamenten. Jetzt wird ein Verbot geprüft. © imago

Die EU-Lebensmittelbehörde hat den Farbstoff Titandioxid als „nicht mehr sicher“ bewertet, ein Verbot des Zusatzstoffs für Süßigkeiten oder Kuchenglasur zeichnet sich ab. Doch die Verbindung steckt EU-weit auch in rund 30.000 Medikamenten.

Von Martin Rücker

Ibuprofen-Tabletten, Cholesterinsenker, Viagra-Pillen oder das Antibiotikum Ciprobay: Die europäischen Arzneimittelbehörden prüfen derzeit, ob ein Stoff in diesen Medikamenten Krebs verursachen könnte. Und ob dieser Stoff deshalb nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in Medikamenten verboten werden muss. Sollte das passieren, hätte die Pharmaindustrie ein Problem, denn es fehlen Alternativen.

Titandioxid: Krebsverdächtiger Stoff seit den 1960ern in Lebensmitteln

Es geht um Titandioxid, einen wahren Wunderstoff: Billig herzustellen, färbt er die Zuckerglasur blütenweiß, bringt Farben in Bonbons zum Leuchten, sorgt auf Schokolinsen für einen glatten Überzug. Seit den 1960er-Jahren setzen Lebensmittelhersteller den Zusatzstoff in zahlreichen Produkten ein. Damit könnte bald Schluss sein: Geht es nach der Europäischen Kommission, wird Titandioxid von den Zutatenlisten verschwinden. Dort taucht die Verbindung oft unter dem Kürzel „E 171“ auf. 

Vor wenigen Tagen stufte die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA den weit verbreiteten Farbstoff als „nicht mehr sicher“ ein. Als Lebensmittel-Zusatz steht Titandioxid im Verdacht, erbgutschädigend und krebsauslösend zu wirken. Der Stoff sammele sich im Körper an. Deshalb gibt es der Behörde zufolge keine sichere Menge, die Menschen zu sich nehmen können. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides will den EU-Staaten deshalb vorschlagen, Titandioxid die Zulassung als Lebensmittel-Zusatzstoff zu entziehen, auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner sprach sich Anfang Mai schon für ein EU-weites Verbot aus. In der Schweiz kündigten die Behörden bereits an, dass E 171 in Lebensmitteln spätestens Ende des Jahres Geschichte sein soll – welche Übergangsfristen in den EU-Staaten greifen könnten, ist offen. 

Julia Klöckner und ein paar Kekse.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner will den krebsverdächtigen Stoff Titandioxid in Lebensmitteln EU-weit verbieten. Aber was ist mit Medikamenten? © dpa

Arzneimittelbehörden leiten Prüfung von Titandioxid ein

Die EFSA-Bewertung hat auch die Arzneimittelbehörden in Aktion versetzt. Denn als Hilfsstoff ist die verdächtige Verbindung in zahlreichen Medikamenten enthalten. Formal hat die europäische Lebensmittelbehörde zwar nur das Risiko von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff  bewertet – doch die Parallelen zu Arzneimitteln sind offensichtlich: Wie in Kaugummi und Backdekor sorgt das Pigment in Filmtabletten und Kapseln für strahlendes Weiß und glatte Oberflächen, die Pillen werden ebenso geschluckt wie Schokonüsse, von manchen Patienten täglich. 

Auch für Medikamente wird Titandioxid deshalb jetzt hinterfragt. Auf Anfrage erklärte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dass ein Abstimmungsverfahren zwischen den europäischen Zulassungsbehörden bereits eingeleitet worden sei. Unter dem Dach der Europäischen Arzneimittelagentur EMA solle beraten werden, welche Folgen die EFSA-Bewertung für Arzneimittel hat. Ein Sprecher des BfArM erwartet Expertengespräche bereits für die nächsten Tage, gab er auf Anfrage bekannt. 

Die EMA bestätigte, dass der Einsatz von Titandioxid in Arzneimitteln auf dem Prüfstand steht: „Derzeit wird diskutiert, wie das EFSA-Gutachten auf Pharmazeutika zu übertragen sein könnte“, schreibt die in Amsterdam ansässigen Behörde auf Anfrage. In „einem nächsten Schritt“ werde die EMA Informationen an die Europäische Kommission übermitteln, die dann über das weitere Verfahren entscheiden muss. Konkrete Termine stünden noch nicht fest.

In Europa gibt es 30.000 Medikamente mit Titandioxid

Die Prüfung ist für Verbraucher wie für die Pharmaindustrie gleichermaßen von Bedeutung: Für Patienten geht es um die Frage, ob sie sich durch die Einnahme von Pillen gesundheitlichen Risiken aussetzen, die nichts mit dem Wirkstoff und dessen Nebenwirkungen zu tun haben. Für die Hersteller geht es um die Frage, ob sie die Zusammensetzung tausender Medikamente ändern müssen – denn in der Pharmaindustrie ist Titandioxin geradezu omnipräsent.

Allein in Deutschland enthalten mehr als 13.500 Medikamente den Stoff Titandioxid, darunter auch bekannte Mittel wie Viagra.

Allein in Deutschland enthalten mehr als 13.500 Medikamente den Stoff Titandioxid, darunter auch bekannte Mittel wie Viagra des Herstellers Pfizer. © dpa / Uli Deck

Bayer nutzt es für sein Antibiotikum Ciprobay, Ratiopharm für Ibuprofen-Schmerztabletten und den Cholesterinsenker Simvastatin. Der Stoff steckt in Pfizers Viagra-Pillen ebenso wie in manchen Ritalin-Präparaten von Novartis – und das sind nur einige Beispiele von vielen. Wer in der „Gelben Liste“, einem Arzneimittelverzeichnis für Deutschland, nach Titandioxid sucht, erhält mehr als 13.500 Treffer. Die Europäische Kommission schätzt, dass in der EU 30.000 Medikamente mit Titandioxid auf dem Markt sind. 

Dies zu ändern, wäre für die Pharmaindustrie nicht nur mit beträchtlichen Entwicklungskosten verbunden – es ist eine Aufgabe, die überhaupt nicht leicht zu lösen ist. 

Ersatz von Titandioxid schwierig: Pharmaindustrie fehlen Alternativen

Bei Lebensmitteln ist Titandioxid einfach verzichtbar, es hat nur eine ästhetische Funktion. Bei Medikamenten hat der Stoff der Europäischen Arzneimittelagentur zufolge jedoch auch eine schützende Wirkung: Als Überzugsmittel sichert das Titandioxid die Qualität und Stabilität der Wirkstoffe, schützt sie beispielsweise vor UV-Licht. Es müssten daher „andere Überlegungen zur Nutzen-Risiko-Bewertung“ gemacht werden als bei Lebensmitteln, so der BfArM-Sprecher. Doch einen potenziell krebserregenden Stoff will wohl kein Patient in seiner Pille haben, das Problem der EFSA-Einschätzung bleibt also bestehen. 

Erschwerend kommt hinzu: Es fehlt offenbar an Alternativen. Unter Berufung auf die Pharmaindustrie geht die Europäische Kommission davon aus, dass Titandioxid derzeit durch keinen anderen Stoff direkt ersetzt werden kann. Die Kommission will die EMA daher auch mit einer Bewertung der Umsetzbarkeit von Alternativen beauftragen – „sofern dies überhaupt möglich ist, ohne die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der Arzneimittel zu beeinträchtigen.“ 

Die Herstellung tausender Medikamente hängt also an einem Stoff, den Behörden bei Lebensmitteln als potenziell krebserzeugend einstufen. Weder das deutsche BfArM noch die EMA oder die Europäische Kommission wollten sich auf Fragen zu ihrer Position in dieser vertrackten Lage äußern. Entsprechend schwierig dürfte das Prüfverfahren werden. Die EMA deutet einen längeren Prozess an: „Dies wird ein umfangreiches Vorhaben sein, das in den kommenden Monaten diskutiert werden muss.“ 

Verbot von Titandioxid könnte drastische Folgen für Medikamente haben

Je nach Ausgang kann das Verfahren drastische Folgen für den Arzneimittelmarkt haben. Angesichts der Masse betroffener Produkte steht die Pharmaindustrie vor einer gewaltigen Herausforderung. Wie bewertet sie das Risiko für die Patienten? Wie weit ist die Forschung nach Alternativen? 

Das Logo des Pharmakonzerns Pfizer.

Die Bewertung von Titandioxid habe man „zur Kenntnis genommen“, schreibt das Unternehmen Pfizer auf Anfrage. © Arno Burgi/dpa

Mehrere Hersteller reagierten zunächst nicht auf Anfragen dazu – oder kurz angebunden, wie Pfizer. Die EFSA-Bewertung habe man „zur Kenntnis genommen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, es folgen einige allgemeine Floskeln: Die Verwendung von Hilfsstoffen unterliege „strengen Prüfungen und Standards“, die Studienlage würde „fortwährend“ beobachtet. Für alles Weitere verwies der Konzern auf den Verband der Titandioxidhersteller. Der warnt bereits seit einiger Zeit vor weitreichenden Folgen, würde der Einsatz des Farbstoffs in Medikamenten beschränkt oder gar verboten: Neue Zulassungsverfahren für Arzneimittel könnten nötig werden, Hersteller sogar Präparate vom Markt nehmen, wenn ihnen eine Reformulierung zu teuer wäre. 

Warnhinweise für Farben, Bedenken bei Haarspray

Zweifel an der Sicherheit von Titandioxid bestehen bereits seit Jahren. Die Gefahr ist abhängig davon, wie das Pigment aufgenommen wird und wie groß seine Partikel sind. Problematisch scheinen den Wissenschaftlern zufolge vor allem kleine Nanoteilchen zu sein – und die Inhalation von Titandioxid. Unter dem Protest der Farbenindustrie, der das Pigment als „der mit Abstand wichtigste Rohstoff“ gilt, stufte die EU die Verbindung Anfang 2020 als „karzinogen beim Einatmen“ ein. Die Folge: Von Oktober 2021 an müssen bestimmte titandioxidhaltige Farbpulver einen Warnhinweis („nicht einatmen“) tragen. Auch für flüssige Farben, die gesprüht werden könnten, soll dies teilweise gelten. Als unsicher stufte ein EU-Gremium zudem das Einatmen von Titandioxidteilchen aus Haarsprays ein.

Als Lebensmittel-Zusatzstoff galt Titandioxid hingegen lange Zeit als unkritisch. Noch 2016 hegte die EFSA trotz bestehender Unsicherheiten und Datenlücken keine Sicherheitsbedenken. Dies änderte sich schrittweise mit einer Studie, die französische Wissenschaftler 2017 vorlegten: Sie verabreichten Ratten Titandioxid über eine Sonde sowie mit dem Trinkwasser und stellten Veränderungen im Darm fest, die sie als krebsverdächtig einstuften. 

Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen, doch seit der Veröffentlichung ging es hin und her: Die EFSA sah zunächst keinen Anlass für eine Neubewertung, dagegen brachte die französischen Lebensmittelbehörde 2019 die Regierung in Paris mit einer Studienauswertung dazu, Titandioxid in Lebensmitteln vom 1. Januar 2020 an für zunächst ein Jahr zu verbieten. Auch die EFSA prüfte schließlich neu, wertete dabei auch sämtliche neuen Studien aus und revidierte mit der im Mai 2021 veröffentlichten Stellungnahme ihre bisherige Haltung: Titandioxid könne „nicht mehr als sicher“ eingestuft werden. Der Krebsverdacht wurde zwar nicht bewiesen, er konnte aber eben auch nicht ausgeräumt werden. 

Titandioxid: Ein höheres Krebsrisiko ist nicht auszuschließen

„Ein entscheidender Faktor für diese Schlussfolgerung ist, dass wir Genotoxizitätsbedenken nach dem Verzehr von Titandioxidpartikeln nicht ausschließen konnten. Nach oraler Aufnahme ist die Resorption von Titandioxidpartikeln zwar gering, sie können sich jedoch im Körper ansammeln“, erklärte Prof. Maged Younes, Vorsitzender des EFSA-Sachverständigengremiums für Lebensmittelzusatzstoffe und Aromastoffe. Mit anderen Worten: Wer titandioxidhaltige Lebensmittel verzehrt, muss nicht damit rechnen, akut krank zu werden – ein höheres Krebsrisiko ist jedoch nicht auszuschließen. 

Problematisch bei der Aufnahme durch Schlucken gelten Titandioxidpartikel in Nanogröße. Die bräuchte die Lebensmittelindustrie zwar gar nicht – denn für die gewünschte Farb-Wirkung ist eine Lichtstreuung erforderlich, die größere Teilchen bewirken. Doch zahlreiche Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass die Partikel bei lebensmitteltauglichem Titandioxid in unterschiedlichen Größen enthalten waren, fast immer mit einem relevanten Anteil an Nanopartikeln. Das ist nun offenbar auch das Problem der Pharmaindustrie. 

Möglicherweise könnte Titandioxid auch in Zahnpasta krebserregend sein

In vielen Zahncremes ist das unter Krebsverdacht stehende Titandioxid – dabei könnten Hersteller den Stoff ganz einfach weglassen.

In vielen Zahncremes ist das unter Krebsverdacht stehende Titandioxid – dabei könnten Hersteller den Stoff ganz einfach weglassen. © Christin Klose/dpa

Und noch eine weitere Produktgruppe rückt ins Blickfeld: Zahncreme. Viele Hersteller setzen in ihren Rezepturen ebenfalls auf Titandioxid, darunter Blend-a-med und dm – „zur Färbung“, wie es bei Marktführer Colgate ausdrücklich heißt. Nicht nur die Zähne sollen strahlend weiß werden, offenbar muss es auch die Pasta sein. Selbst verbreitete Kinderprodukte enthalten den umstrittenen Zusatz, in den Inhaltsangaben auf der Tube meist versteckt hinter dem Pigmentnamen „CI 77891“. Wie sicher Titandioxid in Zahnpasta ist, darüber besteht offenbar Unklarheit: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) könne derzeit „nicht beurteilen“, inwieweit die EFSA-Bewertung auf Titandioxid in Zahnpasta übertragbar sei, es lägen schlicht keine Daten vor, welche Partikelgrößen in Zahncreme zu finden sind. 

Aus Sicht des BfR geht es „in erster Linie“ um die kleinen Mengen Zahncreme, die Menschen versehentlich verschlucken. Offen bleibt, ob auch der Kontakt mit der Mundschleimhaut zu Risiken führen kann. Eine norwegische Studie kam 2017 zu dem Schluss, dass Titandioxid in Nanopartikelgröße die Schleimhaut durchdringen kann. Entwarnung will keine Behörde geben – und auch hier soll jetzt intensiv geprüft werden. Deutschland werde sich „dafür einsetzen, dass der für kosmetische Mittel zuständige wissenschaftliche Ausschuss [der Europäischen Kommission, Anm. der Redaktion] für Verbrauchersicherheit (SCCS) die neue Bewertung der EFSA für den Lebensmittelzusatzstoff Titandioxid in Bezug auf kosmetische Mittel – insbesondere Zahnpasta – prüft“, erklärte eine Sprecherin von Bundesministerin Julia Klöckner. Senkt der Ausschuss seinen Daumen, darf Titandioxid in Zahnpasta nicht mehr eingesetzt werden. Die Hersteller hätten es hier jedoch bedeutend einfacher als die Pharmaindustrie: Sie könnten den Farbstoff – schon jetzt – einfach weglassen. 

[Offenlegung: Der Autor war bis Februar 2021 Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, die sich für ein Verbot von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff ausspricht. Seit März arbeitet er wieder als freier Journalist. Die Recherche basiert auf öffentlich zugänglichen Dokumenten und offiziellen Stellungnahmen von Behörden. Sie ist von der Redaktion – wie alle Recherchen von BuzzFeed News – im Detail geprüft worden. Die wichtigsten Quellen haben wir verlinkt.]

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