„Ich komme nicht mit“ – Die Geschichte von Naghibollahs Abschiebung

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Als die Polizisten kommen, schneidet sich Naghibollah S. den Arm auf. Acht Stunden später sitzt er trotzdem im Flugzeug nach Kabul. Seine Freunde, seine Verlobte und seine WG verzweifeln. In Deutschland reißt er ein Loch. In Afghanistan steht er auf der Straße. Chronik eines von mehr als 500 Einzelfällen.

Mitarbeit: Sayed Jalal Shajjan, Kabul

Gegen halb elf am Morgen klingelt die Polizei an der dunkelgrünen Holztür der WG im Leipziger Westen, in der Naghibollah S. wohnt. Nachbarn haben die Beamten ins Haus gelassen, einer seiner Mitbewohner macht die Tür auf. Die Polizisten betreten den Flur. Sie sind gekommen, um Naghibollah mitzunehmen.

Nach 8.000 Kilometern Flucht durch Afghanistan, Pakistan, Iran, die Türkei, Griechenland, Ungarn und Österreich; nach fast vier Jahren in Deutschland und unzähligen Behördengängen soll Naghibollah abgeschoben werden.

Als er 2015 in Deutschland ankommt ist er gerade einmal 17 Jahre alt und allein. Fast vier Jahre später hat er ein Zimmer in einer WG, Freunde und eine Verlobte. Aber all das ist an diesem 24. April nicht wichtig. Wichtig ist nur ein Beschluss, und der lautet: „vollziehbar ausreisepflichtig“.

Wenige Minuten später wird Naghibollah versuchen, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Verglichen mit anderen Abschiebungen ist die von Naghibollah weder besonders brutal noch besonders dramatisch – und all das Drama, das trotzdem in ihr steckt, hat es nie in die Nachrichten geschafft.

Hinter den Kulissen dieser Recherche: Hier den Podcast hören.

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Dabei gibt es Zweifel, ob Afghanistan für Zivilisten überhaupt sicher ist. Die UN-Unterstützungsmission für Afghanistan sagt, das Land sei nicht sicher – und weist in ihrem aktuellen Bericht auf eine traurige Premiere hin: Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr Zivilisten von der afghanischen Armee und dem US-Militär getötet, als von Terroristen. Es gab unzählige Selbstmordattentate, sogar auf den Flughafen der Hauptstadt Kabul, auf das Innenministerium und Polizeiposten.

Die deutsche Botschaft in Afghanistan war wegen dieser Sicherheitslage lange geschlossen, Konsularabteilung und Visastelle sind es bis heute. Menschen werden trotzdem dorthin abgeschoben. Denn Teile des Landes seien sicher, sagt die Bundesregierung. Und außerdem, so das Innenministerium 2016, hätte „die Talibanführung ihre Kämpfer wiederholt glaubhaft und eindeutig angewiesen (...), zivile Opfer zu vermeiden (...).“

Seit die Abschiebe-Flieger wieder nach Afghanistan starten, seit Dezember 2016 also, hat Deutschland mehr als 500 Menschen dorthin zurückgeschickt. Und genau so wird dann darüber gesprochen. Über Statistiken. Über Zahlen. Über Flüge.

Um die Menschen, die in den Flugzeugen sitzen, geht es meist nicht. Nur manchmal, wenn die Polizei Geflüchtete aus Schulklassen holt oder sich jemand im Flugzeug aus Protest gegen die Abschiebung nicht hinsetzen will, kommt so eine Abschiebung bundesweit in die Medien.

In den allermeisten Fällen aber passiert: nichts.

Die Abschiebung

Als die Polizisten kommen, versteht Naghibollah erst gar nicht, was passiert. Seine Mitbewohnerin Yasemin schon. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, spricht Dari, beginnt zu übersetzen. Erst letzte Woche sei die Duldung verlängert worden. Der Anwalt habe da noch gesagt, man brauche sich keine Sorgen machen, so lange man mitarbeite und kooperativ sei. Und jetzt stehen die Beamten doch hier? Da müsse ein Fehler vorliegen.

Naghibollah wird unruhig, sucht etwas, beginnt, in seinen Sachen zu wühlen. Er sagt immer wieder, dass er nicht mitkommt. Aus dem Flur hören seine Mitbewohner, wie ein Polizist per Funk nachfragt. Als der Polizist zurückkommt, heißt es, alles habe seine Richtigkeit: „Vollziehbar ausreisepflichtig.“ Nur langsam wird Naghibollah und seiner WG klar: Das hier ist ernst. All die vielen Termine bei Ämtern, die Schule, die Kurse, die ganzen Papiere. Fast vier Jahre in Deutschland – sie enden hier und jetzt.

Naghibollah klettert auf das Hochbett. Er schaut runter zu seiner Mitbewohnerin. Sie schaut hoch zu ihm. Er will nicht gehen, sagt er. Sie wolle das auch nicht, sagt sie. Einer der Polizisten sagt, es sei besser, er würde sich nicht wehren, nur für den Fall, er wolle später nochmal legal einreisen.

„Der schneidet sich gerade komplett den Arm auf!“

Einer der Beamten steigt auf die kleine schwarze Couch neben Naghibollahs Bett. Er versucht, zu sehen, was Naghibollah da oben treibt. Und dann geht alles ganz schnell.

„Was hast du da?“ – „Nichts!“ – „Komm jetzt, zeig!“ Kurz ist Stille, dann ruft der Beamte: „Der schneidet sich gerade komplett den Arm auf!“ So erinnert sich seine Mitbewohnerin Yasemin an den Dialog. Der Beamte hastet zur Leiter des Hochbetts. Ein anderer ruft Yasemin zu, sie solle einen Notarzt rufen. In der Küche nebenan funkt der dritte Beamter ebenfalls nach dem Rettungsdienst.

Da sind es schon vier Schnitte. Über den ganzen Unterarm. Vom Handgelenk bis zum Ellenbogen. Die Wunde ist tief, glatt. So glatt, dass es erst gar nicht blutet. „Es wirkte so, als sei sein kompletter Arm aufgespalten“, erinnert sich Yasemin. Und dass sie aus dem Zimmer geschickt wurde. Einer der Beamten habe immer wieder „Warum machst du das? Warum machst du sowas?“ gerufen.

In seinem Zimmer hören sie Naghibollah weinen, schreien. Er klingt hilflos. „Das wird jetzt wehtun“, sagt ein Polizist. Denn jetzt blutet Naghibollah – so stark, dass sie die Wunden mit Kissen und einer Decke abdrücken müssen.

Als die Beamten später die Personalien der WG aufnehmen, murmelt ein Polizist, dass man Naghibollah eigentlich anzeigen könnte, er habe ja schließlich Widerstand geleistet. Dass er nichts davon habe, ihn anzuzeigen, antwortet ein Kollege. Der dritte verlässt die Wohnung: „Was für eine Scheiße! Wenn ich das gewusst hätte… ich wär’ nicht auf Arbeit gekommen.“

Erst kommt noch mehr Polizei, dann der Notdienst. „Der wollte sich in den Arm schneiden, hat aber nur Fett erwischt“, so erinnert sich seine Mitbewohnerin Yasemin an einen Dialog zwischen Polizei und Rettungssanitätern. Naghibollah wird in ein Krankenhaus gefahren. Ob man ihn erreichen könne, wie, wann, wo, will die WG wissen. Das könnten sie nicht sagen, sagt ein Beamter.

Und dann sind Notarzt, Polizisten und Naghibollah weg. Es ist das letzte Mal, dass ihn die Freunde sehen werden.

1 Monat vor der Abschiebung

Für Naghibollah und seine Freunde fühlt sich das alles wie der Beginn einer Katastrophe an. Doch tatsächlich geht hier etwas zu Ende, das vor Wochen begann und von dem sie alle einfach nur nichts ahnten. Die Behörden haben über Naghibollahs Schicksal längst entschieden.

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Schon vor Wochen stellte die Landesdirektion Sachsen auf seinen Namen ein „Europäisches Reisedokument für die Rückkehr illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger“ aus. „26.03.2019“ steht auf dem Papier.

Ein Passersatz. Naghibollah hat keinen Ausweis, wie so viele Afghanen, die in Deutschland Schutz suchen. Ohne Ausweis kann man in ein anderes Land nicht einreisen, also kann man auch nicht abgeschoben werden. Die Behörden haben deshalb begonnen, Schutzsuchende zu verpflichten, bei der Passbeschaffung mitzuwirken. Viele dachten, wenn sie das täten, würde das ihre Chancen verbessern; Beamte würden das sicher als guten Willen ansehen. Doch kaum war der Pass da, so erzählen es Menschen, die Flüchtlinge beraten, folgte nicht selten die Abschiebung.

Also sprach es sich herum: Sich um den Pass bemühen ist gut. Sich ohne Erfolg um einen Pass bemühen, ist besser. Inzwischen hat die EU ein sogenanntes Rücknahmeabkommen mit Afghanistan geschlossen – nun können auch Menschen ohne Pass dorthin abgeschoben werden. Innenminister Horst Seehofer will genau diesen Kurs weiter fahren. Sein Haus hat dazu das sogenannte „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ vorgelegt. Aus Sicht der Behörden, nach Aktenlage, war Naghibollahs Abschiebung eine geordnete. Für Naghibollah und seine Freunde aber fühlt sich das ganz anders an.

1 Stunde nach der Abschiebung

In der Notaufnahme brauchen die Ärzte fast 40 Stiche, um die Wunden zu nähen. Doch Naghibollah ist reisetauglich, sagen sie. Das heißt nicht, dass die Verletzung nicht schwer ist. Es heißt nur, dass er auf dem sechseinhalb Stunden langen Flug nach Kabul wohl nicht sterben wird. Was nach dem Aussteigen in Afghanistan mit ihm passiert, dafür trägt die Bundesrepublik Deutschland keine Verantwortung mehr.

Der mit rund 40 Stichen genähte Arm von Naghibollah nach der Behandlung in der Notaufnahme.

Als die WG die Notaufnahme erreicht, ist Naghibollah schon nicht mehr dort. Er sitzt in einem Fahrzeug der sächsischen Bereitschaftspolizei, auf dem Weg nach Düsseldorf, die Hände gefesselt, einen Helm auf dem Kopf – Standard bei drohender Selbstverletzung. Ein Arzt ist nicht dabei.

In Leipzig weiß man von all dem nichts. Die WG, seine Freunde, die Familie seiner Verlobten. Sie alle sind verzweifelt auf der Suche nach Antworten. Sie rufen bei der Polizei an, beim Flughafen in Düsseldorf, bei der Ausländerbehörde, beim BAMF. Niemand kann oder will ihnen sagen, wo Naghibollah jetzt ist. Seine Nummer ist nicht erreichbar.

Am frühen Abend ruft einer von Naghibollahs Freunden einen Reporter von BuzzFeed News an. Weil man sich von früher kennt, aus Uni-Zeiten. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“ sind seine ersten Worte. Und dass ihnen niemand etwas sagen will, sie nicht wissen, wo Naghibollah jetzt ist. Ob man jemanden, der so schwer verletzt ist, überhaupt nach Düsseldorf fahren und wegfliegen darf? Und dass das alles eigentlich gar nicht sein kann, weil er „wirklich einer von den Guten“ ist. „Der hat keiner Fliege was zuleide getan.“ Es gibt zu diesem Zeitpunkt nur Fragezeichen, keine Antworten.

10 Stunden nach der Abschiebung

Gegen 21 Uhr meldet sich Naghibollah plötzlich doch. Er ruft seine Verlobte an. Und er sitzt tatsächlich in Düsseldorf. In einer Halle. Mehr weiß er nicht. Ob es weitergeht, wie es weitergeht, ob mit Bus oder Flugzeug, wann, wohin – er hat keine Ahnung.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. (...) Der hat keiner Fliege was zuleide getan.“

Eine Stunde später, am Mittwoch, den 24. April 2019 um 22:02 Uhr, startet eine Maschine der Titan Airways von Düsseldorf nach Kabul, gechartert von der Bundesrepublik Deutschland. Geplant waren 60 Abschiebungen, tatsächlich an Bord sind 32 volljährige afghanische Männer, davon 18 Straftäter. Außerdem fliegen 69 Beamte der Bundespolizei, ein Arzt, ein Dolmetscher und ein Frontex-Beamter mit.

Die letzten Sammelabschiebungen nach Afghanistan kosteten jeweils um die 300.000 Euro. Am nächsten Morgen wird zu dieser Abschiebung in den Medien nur eine kurze Meldung erscheinen. Gegen sieben Uhr Ortszeit sei der Flieger in Kabul gelandet, steht dort.

Ob Naghibollah an Bord war, das wissen seine Freunde immer noch nicht. Sie gehen mit dieser Ungewissheit ins Bett und sie wachen am Donnerstag mit ihr auf.

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Einer der Freunde schreibt per WhatsApp:

[09:01]: Oh Mann, ich mach mir übelst Vorwürfe dass wir das nicht haben kommen sehen.

[09:02]: Wir waren viel zu naiv.

[09:02]: Jetzt agieren wir hektisch rum, wo es zu spät ist.

Das Telefonieren geht weiter. Sie erreichen Naghibollahs Anwalt nicht. Der ist bei Gericht, die Sekretärin darf nichts sagen. Aber irgendwann sickert langsam die Erkenntnis durch: Gäbe es gute Nachrichten, hätten sie längst ein Signal.

Um 11 Uhr dann erreichen sie den Anwalt und damit die Gewissheit: Naghibollah war an Bord. Naghibollah wurde abgeschoben.

24 Stunden nach der Abschiebung

Es ist Donnerstagmorgen. Naghibollah steht in Kabul am Flughafen. In einer Stadt, in der er niemanden kennt. Es sind zwölf Grad, für den Nachmittag ist leichter Regen angemeldet.

Er hatte nur zehn Euro dabei, darum galt er in Deutschland als bedürftig und hat noch 50 Dollar von der Bundespolizei bekommen. Dazu kommt sein Handy und das, was er am Körper trägt. Damit hat er Deutschland verlassen.

Es sei „sichergestellt, dass die zurückgeführten Personen bei ihrer Ankunft in Kabul am Flughafen angemessen empfangen und betreut werden“, schreibt uns ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage. Dazu seien Vertreter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen vor Ort, dazu ein Vertreter der deutschen Botschaft sowie die zuständigen afghanischen Behörden und ein Arzt. Die Abgeschobenen könnten „das Angebot einer von der Bundesregierung geförderten psychosozialen Beratungsstelle in Anspruch nehmen.“

Naghibollah sagt, der Arzt habe nur einen kurzen Blick auf den verletzten Arm geworfen. Von einer Beratungsstelle habe ihm niemand erzählt. Weder afghanische noch deutsche Beamte hätten ihn angesprochen. Kurz: ihn habe gar niemand in Empfang genommen.

Die afghanische Nichtregierungsorganisation Amaso twittert etwas ähnliches: „Zum ersten Mal gab es keine Unterstützung und die Abgeschobenen waren gezwungen, sich in Kabul selbst einen Platz zum Schlafen zu suchen.“ Statt eines Schlafplatzes wie bisher hätten die Abgeschobenen von den IOM-Mitarbeitern 12.500 Afghani erhalten, rund 140 Euro.

Naghibollah S. im Shahr-e Naw Park, an der Stelle, an der er seine erste Nacht verbracht hat.

Das Innenministerium bestätigt auf Nachfrage: Ja, mittlerweile biete man in Kabul keine Übernachtungen oder Lebensmittel mehr an, sondern zahle etwas Geld aus. Das „erlaube den Betroffenen eine größere Freiheit, indem sie den Betrag entsprechend ihrer eigenen individuellen Bedürfnisse nutzen können“, schreibt ein Sprecher.

Wenn man sich gut auskennt, dann reichen 140 Euro in Kabul für eine runde Woche. Wenn man sich nicht auskennt, für zwei Tage. Naghibollah kennt sich nicht aus. Er kennt hier niemanden. Er entscheidet, das Geld für Essen, Trinken und Kleidung zu sparen. Die erste Nacht in Kabul schläft er im Shahr-e Naw Park – einem Ort, der bei Drogenabhängigen beliebt ist. Die zweite Nacht verbringt er in einer Moschee. Dort ist es zwar kalt und es gibt keine Decken, aber es ist besser als im Park. Erst danach kann er bei entfernten Verwandten seiner Verlobten unterkommen.

„Ich wünschte, ich hätte wenigstens ein paar Sachen packen können“, sagt Naghibollah, als wir ihn in Kabul treffen. „Ich wurde wie ein Krimineller behandelt, mir wurden die Hände gefesselt, und das trotz der Verletzungen an meinem Arm.“

2 Tage nach der Abschiebung

Zwei Tage nach seiner Abschiebung schickt Naghibollah ein Bild nach Deutschland. Es zeigt ihn in der Moschee, auf dem Boden sitzend. Vor ihm stehen Schalen mit Reis, Brot und Gemüse. Er ist barfuß und hat sich eine schwarze Kurta gekauft, die übliche Kleidung für Männer, um nicht aufzufallen.

Er schläft nicht auf der Straße, er hat etwas zu essen. Zum ersten Mal stellt sich bei seinen Freunden in Deutschland ein kleines Gefühl der Erleichterung ein.

Für den nächsten Tag sind sie zum Telefonieren verabredet.

3 Tage nach der Abschiebung

Samstagmittag, drei Tage nach der Abschiebung, sitzen seine ehemaligen Mitbewohner und seine Freunde in der WG-Küche. „Ich mach’ ihn jetzt mal auf laut“, sagt Yasemin. Und dann ist er plötzlich dran. 6.500 Kilometer entfernt.

„Hallo Naghib, hier ist Luci!“
„Ja, Hi! Wie gehts?“
„Jaaa….Naja. Und dir?“
„So lala. Geht so.“

Naghibollah zwei Tage nach seiner Abschiebung in einer Moschee in Kabul.

Sie reden über den Arm. Weil das etwas Konkretes ist. Etwas, das man begreifen kann. Wo alle wissen, was zu tun ist. Naghibollah sagt, er sei damit in einem Krankenhaus gewesen.

„Wenn du merkst, dass dein Arm weh tut oder durchblutet, musst du auf jeden Fall zum Arzt gehen“, sagt Luci. „Ja, ich hab Antibiotika. Drei mal am Tag ich muss nehmen“, sagt Naghibollah. Im Hintergrund hört man Kinder, ab und zu hupt ein Auto.

Wie es dort aussieht, wo er jetzt steht, davon haben seine Freunde keine Vorstellung, kein Bild. Naghibollah hingegen weiß genau, wie es am anderen Ende der Leitung aussieht. Er kennt den Küchentisch der WG, der an einem Bein wackelt. Er kennt das bequeme Sofa daneben. Er kennt die Teetassen. Die Balkontür. Noch vor fünf Tagen saß er genau hier.

Ob er noch länger dort schlafen könne, wo er jetzt ist? „Ich weiß nicht“, antwortet er. Nach 25 Minuten ist alles gesagt. Einen Plan gibt es nicht.

„Wir vermissen dich, Naghib.“
„Ich auch, ich vermisse euch.“
„Pass auf dich auf.“
„Ja, danke, du auch.“


Dann legt er auf.

Naghibollah ist abgeschoben. Und all die Fragezeichen, die er in den zurückliegenden Jahren für sich in Deutschland klären konnte, sind jetzt wieder da.

Findet er eine Wohnung? Was kostet die? Was kostet ein Tag Leben überhaupt? Wo kommt das Geld her? Findet er einen Job? Sollte er eine Ausbildung machen? Wann darf er wieder reisen?

Endlose Fragen, aber wenigstens fühlen sie sich so an, als könne man sie lösen, vielleicht auch von Deutschland aus, und immerhin: Es gibt etwas zu tun. Nur, was dann? Was, wenn der Leerlauf, die Langeweile, die Perspektivlosigkeit kommt? Naghibollah hatte schon in Deutschland Panikattacken, Angststörungen, Depressionen. Wie soll das in Kabul werden, wo ihn niemand in eine Klinik fährt, wenn es schlimm wird?

5 Tage nach der Abschiebung

Es ist jetzt Montagabend, der 29. April. Naghibollah lebt seit fünf Tagen in Kabul. Er schreibt, es gehe ihm gut, aber wie sicher kann man sich da sein? Die Unterstützergruppe trifft sich erneut.

Diesmal sind auch zwei Afghanen dabei, die selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, und die darum gebeten haben, hier nicht mit ihren echten Namen genannt zu werden: Aziz, der sich in der Demokratiebewegung und der Unabhängigen Wahlkommission engagierte und bis heute viele Leute in Kabul kennt, und Tareq, der lange Zeit im Iran war, wo Naghibollah vielleicht hin will, weil zwei seiner Schwestern und seine Mutter dort sind. Auf keinen Fall, sagt Tareq. Das sei noch viel gefährlicher.

„In Iran leben ist derzeit echt Scheiße. In Kabul ist nicht alles teuer, und wenn man lange genug sucht, findet man vielleicht einen Job. Aber in Iran, als Flüchtling, als Afghane, da findet man gar nix. Und alles ist teuer“, sagt Tareq. „Und wenn er nach Iran reisen will, muss er sich auch um seine Mutter und Schwester kümmern. Dann muss er die finanzieren, unbedingt, das geht sonst nicht. Aber er kann dort nicht Asyl beantragen, er bekommt keinen Ausweis und so. Er muss dann illegal dort leben und immer aufpassen, dass die Polizei ihn nicht aufgreift.“

Warum er nicht zu seinem Vater könne, in die Region Kunduz, fragt Aziz. Weil das nicht geht, sagt Yasemin, das Verhältnis sei… Yasemin stockt. Die beiden Mitbewohnerinnen schauen sich an. Das Verhältnis sei schwierig, sagt Yasemin.

Die Frage liegt auf der Hand. Wenn der Vater doch nach wie vor dort lebt, warum geht er nicht zu ihm? Die Antwort steckt in zwei Dokumenten, die jetzt auch auf dem WG-Tisch liegen. Das erste Dokument ist ein Brief seines Vaters:

Die Taliban-Miliz war bis zu meinem Wohnhaus eingedrungen und hat mich mit dem Tod bedroht. Sie erwarteten, dass sich meine Söhne ihnen anschließen. Aber die Ehepartnerinnen meiner Söhne waren streng dagegen. (…) Schließlich versuchte die Taliban-Miliz, mich damit zu bedrängen. Sie wollten, dass ich meinem Sohn einrede, mit der Taliban zusammenzuarbeiten. Ich wusste jedoch aus Erfahrung, dass die Taliban-Miliz Kinderschänder sind und zur Pädophilie tendieren, welche gegen die Vorschriften der Religion und des Glaubens sind. Sie missbrauchen die Minderjährigen und gutaussehenden Jugendlichen. (…) Das Leben für mich und meiner Familie unter der Terrorherrschaft der Taliban-Miliz war zur Hölle geworden. (…) Ich wurde verprügelt. Sie haben mich bedroht und gewarnt, dass, wenn Naghibollah nach Afghanistan zurückkehren sollte, sie ihn ermorden werden. (…) Hiermit möchte ich daher die deutsche Behörde bitten, die über die Weltöffentlichkeit der Kriegslage und terroristischen Aktivitäten der Taliban informiert ist, meinem Sohn Naghibollah Schutz zu gewährleisten.

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Das zweite Dokument stammt vom Kommandeur der Sicherheitskräfte in der Provinz Kunduz:

Nach den Ermittlungen im genannten Dorf (…) wurde festgestellt, dass die Person (…) tatsächlich im genannten Dorf wohnt und Probleme mit der Taliban-Miliz hatte. Die bewaffnete Taliban-Miliz beabsichtigte durch Terroranschläge, Ermordungen und Bedrohungen im Kriegszustand seinen Sohn Naghibollah zu einem Mittäter zu machen. (…) Sie haben ihm gesagt, dass, falls sein Sohn Naghibollah nach Afghanistan zurückkehrt, er von Mudjahiddin des islamischen Emirat Afghanistan getötet wird.

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Beide Übersetzungen tragen einen Datumsstempel: den 26. April 2019. Sie kamen zwei Tage zu spät. Am 24. April 2019 wurde Naghibollah abgeschoben.

Man wird nicht mehr herausfinden, ob sie etwas hätten ändern können, doch möglich wäre es. Denn will man als Flüchtling anerkannt werden, reicht es nicht, dass im Heimatland Krieg ist. Man muss individuell belegen, dass das eigene Leben in Gefahr ist. Daran scheitern die meisten Anträge – erstmal. Wer aber neue Beweismittel vorlegen kann, die einen Schutzbedarf belegen, der kann einen Folgeantrag stellen. In diesem zweiten Antrag kommen darum oft viel genauere Angaben auf den Tisch der Richter oder der Entscheider im BAMF. Weil sich um Nachweise bemüht wurde. Weil die Geflüchteten mittlerweile besser beraten wurden und genauere Angaben machen. Oder weil sie weniger aus Stolz oder Scham verschweigen.

Für Naghibollah trifft das alles zu, aber auf seinem Weg durch die deutsche Bürokratie war das nicht sein größtes Problem. Sein größtes Problem war Christina Herrig, seine Anwältin. Nachdem Naghibollahs erster Antrag auf Anerkennung als Flüchtling abgelehnt wird, bleiben zwei Wochen Zeit, um Klage einzureichen. Das hat sie getan – nach fast fünf Monaten. Zu spät, viel zu spät, und selbst ein wohlwollender Richter muss das jetzt ablehnen, weil die Klage gegen die Ablehnung nicht fristgerecht eingegangen ist. Damit ist Naghibollahs Ablehnung rechtskräftig und seine Abschiebung beschlossen.

Ein Fehler, der nicht mehr auszubügeln ist. Sie könne „überhaupt nicht nachvollziehen, wie es zu dieser Abweichung gekommen ist“, schreibt sie Naghibollahs Paten in einer Mail, die Unterlagen liegen BuzzFeed News vor. „Ich kann es jetzt nicht ändern und ich wüsste leider auch niemanden, der es ändern könnte.“ Auf mehrfache Anfrage von BuzzFeed News per E-Mail, Telefon und SMS hat Christina Herrig nicht reagiert.

Im Oktober, als sein neuer Anwalt trotzdem einen Folgeantrag vorbereitet, schreibt Naghibollah in einen Fragebogen:

„Seit zwei Monaten haben Taliban mein Vater geschlagen und haben nachgefragt ob wo ich bin wir wissen dass dein Sohn nach Deutschland gereist ist und zum Ungläubige geworden ist wenn wir ihn sehen dann töten wir ihn (...) Wenn ich afghanistan war und klein war anfang der 2015 sind Taliban zur uns nach Hause gekommen dann wollten mich zu Tanzen hin bringen dann hat mein Vater Angst gehabt dann hat er mich mit mein Tante nach Deutschland geschickt“

Neben den Schlägen, dem Terror, den Todesdrohungen wirkt ein Wort fast wie ein Versehen: Tanzen. Die Taliban wollten ihn zum Tanzen bringen, steht dort. Und womöglich liegt da die Antwort auf viele Fragen in Naghibollahs Leben. Und wenn sein Vater von Pädophilie schreibt, vom Missbrauch, hat das genau damit zu tun.

Denn in Afghanistan gibt es eine alte Tradition: Bacha Bazi, was übersetzt so viel wie Knabenspiel heißt. Reiche und mächtige Männer halten sich Jungen, die auf Festen für sie tanzen, oft in Frauenkleidung, geschminkt, mit ausgestopften Brüsten. Und sie missbrauchen diese Jungen. Es ist ein Statussymbol: Je mächtiger ein Mann, desto mehr Jungen hält er sich. Oft sind es lokale Polizeichefs, hohe Militärs und Taliban-Kommandeure. Die Tanzjungen werden extra ausgebildet, manchmal weiterverkauft und sie müssen das tun, bis der Bartwuchs einsetzt. Die Vereinten Nationen sagen, in der Region um Kunduz, wo Naghibollahs Vater lebt, war Bacha-Bazi besonders weit verbreitet.

Doch Naghibollah hat in Deutschland kaum darüber gesprochen. „Wir haben da nur einmal drüber gesprochen und ich hatte ihn gefragt, ob das ein Grund sei, warum er da nicht wieder hin will. Und da meinte er: Ja. Die Erinnerung sei einfach zu schlecht“, erinnert sich Yasemin.

Man kann lange darüber spekulieren, ob all das Naghibollahs Chancen auf eine Anerkennung als Flüchtling verbessert hätte, wäre es nur rechtzeitig in den Akten gelandet. Unwahrscheinlich ist es nicht, aber herausfinden wird er das nicht mehr. Wer abgeschoben wurde, für den gilt eine Wiedereinreisesperre, 30 Monate sind es bei Naghibollah. Erst danach könnte er einen neuen Antrag stellen.

9 Tage nach der Abschiebung

Es ist der neunte Tag nach der Abschiebung, Freitag der 3. Mai, und Naghibollah telefoniert wieder mit seinen Freunden in Leipzig. Dem Arm gehe es gut, sagt er. Seine Mitbewohnerin fragt nach dem Kopf, nach der Psyche. Nicht so gut, sagt Naghibollah Er hat nur noch 4.000 Afghani, rund 45 Euro.

Naghibollah muss wieder durch die Stadt laufen, er muss die Moschee wiederfinden. Obwohl es dort kalt ist, wie er seinen Freunden in Deutschland schrieb, obwohl sie keine Decken haben und mit ihm noch drei andere Männer dort schlafen. „Das scheint meine einzige Zuflucht in Afghanistan zu sein“, hatte er zuvor unserem Reporter erklärt. „Ich kann nirgendwo hingehen, ich kann nicht nach Kundus gehen, weil die Sicherheitslage dort am schlechtesten ist. Wenn ich dorthin gehe, werde ich von den Taliban getötet. Ich kann auch nicht zu meiner Familie in den Iran gehen; wenn ich in den Iran gehe, werde ich von der iranischen Regierung gezwungen, in Syrien zu kämpfen, und ich habe so viele meiner Freunde in Syrien verloren.“

10 Tage nach der Abschiebung

Sonntag, 5. Mai. An diesem Abend beginnt der Ramadan. Naghibollah ist seit zehn Tagen in Afghanistan. Er hat kein Zuhause, keinen Ausweis, keine Adresse, er kann kein Konto eröffnen und kein Geld empfangen. Seine Freunde haben über unzählige Ecken und nach endlosen Versuchen doch noch jemanden gefunden, der sich bereit erklärt hat, zu helfen: Sie überweisen ihm Geld, er gibt es Naghibollah. Wer er ist, dürfen wir zu seinem Schutz nicht schreiben. Naghibollah schläft inzwischen bei einem entfernten Freund seines Vaters.

Seine ehemalige Mitbewohnerin schreibt per WhatsApp in die Gruppe, in der sich seine Unterstützer austauschen: „Er meint, dass er Bescheid gibt, wenn er weiß für wie lange er da bleiben kann und ob er bald ein neues Zimmer braucht. Das sei jetzt erstmal gut, sagt er.“ Es ist die vierte Zwischenlösung in zehn Tagen. Alle wissen: Naghibollah braucht einen Plan. Ein Ziel. Aber wie soll man ihm das beibringen? Wie beginnt man überhaupt ein aufgezwungenes Leben?

Sein Ziel war Deutschland. Ein Ziel, auf dass er langsam und beschwerlich hinarbeiten konnte, aber immerhin gab es etwas, um darauf hinzuarbeiten. In Etappen, die Namen hatten: Pakistan – Iran – Türkei – Griechenland – Ungarn – Österreich.

„Ich habe meine Reise begonnen, um ein besseres und friedlicheres Leben zu finden. Jetzt bin ich in einer viel schlimmeren Situation als davor“, sagt Naghibollah, als wir ihn in Kabul treffen. Man kann das durchaus eine Leistung nennen, diese Reise zu schaffen, zu überstehen. Aber es ist eine Leistung, die jetzt nichts mehr zählt.

„Deutschland war für mich mehr als nur ein Zuhause. Ich hab gelernt, hatte Sprachunterricht, ich hatte meine Freunde, meine Hoffnung – meine Zukunft war da. Aber hier habe ich Nichts.“

Naghibollah S. am Flughafen in Kabul, fünf Tage nach seiner Abschiebung.

BuzzFeed News recherchiert weiter zum Thema. Habt ihr Tipps oder Hinweise? Dann meldet euch bei unserem Reporter Marcus Engert : marcus.engert@buzzfeed.com. Marcus ist auch über WhatsApp und Signal zu erreichen: +49 163 / 25 23 21 7. Für Hinweise und vertrauliche Dokumente haben wir außerdem einen anonymen und sicheren digitalen Briefkasten.

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Wie wir an dieser Recherche gearbeitet haben

BuzzFeed News ist über WhatsApp mit Naghibollah in Kontakt, Sayed Jalal hat Naghibollah in Kabul für BuzzFeed News getroffen. Wir haben mit Behörden, Freunden und Paten von Naghibollah gesprochen. Unser Reporter ist außerdem seit dem Tag der Abschiebung Mitglied einer WhatsApp-Gruppe, in der sich die Unterstützer austauschen und war bei deren Treffen dabei. Dokumente und Unterlagen der beteiligten Behörden liegen uns vor, wir haben mit beiden Anwälten von Naghibollah Kontakt aufgenommen – und wir werden Naghibollahs Geschichte weiter verfolgen.

Blick hinter die Kulissen: Unsere Reporter sprechen über diese Recherche – in der aktuellen Ausgabe unseres Podcasts „Unterm Radar“

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