In den 20 größten deutschen Städten gab es zu Silvester nur 6 verletzte Rettungskräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst

  • Marcus Engert
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Seit Tagen wird über ein Problem diskutiert, das es nie gab: eine angebliche Explosion der Gewalt gegenüber Feuerwehr, Rettungskräfte und Polizisten in der Silvesternacht.

In den 20 größten deutschen Städten sind in der Silvesternacht 5 Mitarbeiter von Feuerwehr und Rettungsdienst verletzt worden - zwei davon ohne jeden Zusammenhang mit den Silvesterfeierlichkeiten. Auch die Zahl verletzter Polizisten war so niedrig, dass sie als nicht auffällig gilt. Das ergibt eine Recherche von BuzzFeed News.

Nach Silvester war eine bundesweite Diskussion über die Sicherheit von Einsatzkräften losgebrochen. Die „Tagesthemen” berichteten über „Retter in Not”, im Programm von „n-tv” dominierte am gestrigen Dienstag die „Empörung nach Silvesterangriffen” über mehrere Stunden das Programm. „Entsetzen und Empörung sind groß”, schrieb die Rheinische Post.

Politiker und Gewerkschafter forderten mehr Respekt für Uniformierte, einen besseren Schutz der Einsatzkräfte sowie härtere Gesetze. Dabei untermauern die von BuzzFeed News erfragten Zahlen die These, Silvester sei besonders auffällig oder gewalttätig gewesen, eindeutig nicht.

3 Verletzte bei Feuerwehr und Rettungsdienst

BuzzFeed News hat Feuerwehren und Rettungsdienste der 20 größten deutschen Städte kontaktiert und Bilanzmeldungen zur Silvesternacht ausgewertet. Demnach ergibt sich folgendes Bild:

In Frankfurt/M. und in Dortmund liegen noch keine Zahlen vor. Diese werden uns jedoch im Laufe der Woche mitgeteilt. Wir aktualisieren die Angaben anschließend hier.

Zwei der Verletzungen entstanden bei Einsätzen, die nichts mit Silvester zu tun haben. In München kam es zu einem „normalen Arbeitsunfall“, in Bochum sei die Verletzung „unspektakulär“, so die zuständigen Sprecher.

Ein Sprecher der Berliner Feuerwehr erklärte auf Anfrage von BuzzFeed News, man habe zwar Beschädigungen an Fahrzeugen und ein Kollege sei von einem Feuerwerkskörper leicht verletzt worden. Es sei jedoch unklar, ob das mit Absicht passiert sei oder nicht: „Die Leute stehen halt links und rechts und bewerfen sich, und wir fahren da durch”, so der Sprecher.

Die Kölner Innenbehörde erklärte gegenüber BuzzFeed News, Übergriffe auf Rettungskräfte seien die „absolute Ausnahme“ und die Lage sei „an jedem Karneval schwieriger”. Düsseldorf verzeichnete einen Fall von „verbaler Gewalt”, in Hannover seien Fahrzeuge mit Feuerwerkskörpern beworfen worden.

Verletzte Polizisten zu Silvester: Konstant niedrig

Auch die Zahl der Verletzen Polizistinnen und Polizisten blieb niedrig und lag in vielen Fällen unter dem Niveau der Vorjahre.

BuzzFeed News hat alle Innenbehörden um eine Aufstellung der in der Silvesternacht verletzten Beamtinnen und Beamten gebeten. Diese Grafik eigt die bisher eingegangenen Rückmeldungen. Zahlen, die uns noch erreichen, tragen wir jeweils nach.

Die Auswertung zeigt: bei zehntausenden eingesetzten Beamten wurde eine zweistellige Zahl von Verletzten registriert. Der Großteil gilt als leicht verletzt und konnte den Dienst weiter ausführen.

Der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer wies mit Blick auf die Zahlen in der Süddeutschen Zeitung auf ein anderes Problem hin: „Die Polizei gibt Zahlen heraus, sie interpretiert auch die Ereignisse, etwa die Anzahl der Verletzten. Doch hierin liegt das Problem. In der Statistik macht es keinen Unterschied, ob ein Beamter von einer Flasche getroffen wird, oder zum Beispiel einen Verdächtigen verfolgt und dabei umknickt.”

Darüber hinaus ist es bei Polizeieinsätzen nicht unüblich, sich nach Einsätzen im Zweifel vorsorglich verletzt zu melden, um im Falle von später auftauchenden Folgeschäden keine Nachteile bei Versicherungen und Versorgungsleistung zu erleiden.

Stimmungsmache ohne Grundlage?

Nach der Silvesternacht hatten Gewerkschaftler und Politiker bundesweit einen besseren Schutz von Einsatzkräften gefordert. Eine Google-Abfrage zeigt: dutzende Redaktionen griffen das Thema auf und verbreiteten Zitate von Gewerkschaftern und Innenpolitikern, ohne Zahlen oder Statistiken als Grundlage zu haben.

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, verlangte „endlich eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, dass Gewalt in keiner Weise akzeptabel ist". Die „Welt” zitierte Rainer Wendt, den umstrittenen Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (die halb so viele Polizisten vertritt wie die GdP), mit der Aussage, Attacken gegen Einsatzkräfte hätten angeblich „lebensbedrohliche Ausmaße”. Der Rhein-Neckar-Zeitung sagte Wendt, die Vorfälle seien „Tötungsversuche” gewesen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach von einem „Werteverfall”. Justizminister Heiko Maas (SPD) forderte härtere Strafen für Angriffe auf Rettungskräfte (dafür wurde bereits 2017 die gesetzliche Grundlage verschärft wurde). Die rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker regte Fahrverbote als Strafe an. Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, nannte die Vorfälle „unverantwortlich und widerwärtig“.

Ausgangspunkt für die hochkochende Diskussion war offenbar eine Meldung der Berliner Feuerwehr am Neujahrsmorgen:

Da dieser Meldung jede Einordnung fehlt - zum Beispiel Vergleiche zu Vorjahren, Angaben zur Stärke der Verletzungen oder zur Frage, ob die Schäden an Fahrzeugen vorsätzlich oder zufällig entstanden sind - dauerte es nicht lang, bis das Thema weitergedreht wurde.

Und schon bald darauf bewegte sich die Debatte in eine Richtung, die mit der Silvesternacht nichts mehr zu tun hatte.

Rainer Haubrich, ehemals „Redakteur für Architektur und Städtebau” bei der WELT, schaltete sich ebenfalls in die Diskussion ein.

Der Vorgang erinnert an den G20-Gipfel in Hamburg. Auch hier war im Nachgang von einer enormen Zahl verletzter Beamter die Rede. Auch diese Zahlen erwiesen sich damals nach Recherchen von BuzzFeed News als deutlich übertrieben.

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