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MeToo-Prozess gegen HIV-Arzt: Ehemaliger Patient erhebt schwere Vorwürfe

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Von: Juliane Löffler

Elf Verhandlungstermine sind am Amtsgericht Tiergarten angesetzt

Elf Verhandlungstermine sind am Amtsgericht Tiergarten angesetzt © Sonja Wurtscheid, dpa

Ein Berliner Arzt steht wegen sexuellen Missbrauchs an fünf Patient:innen vor Gericht. Ein Nebenkläger sagt, der Arzt habe ihn am Penis stimuliert und versucht zu küssen, der Arzt bestreitet das.

Ein Berliner Arzt steht wegen sexuellen Missbrauchs an fünf Patient:innen vor Gericht. Ein Nebenkläger sagt, der Arzt habe ihn am Penis stimuliert und versucht zu küssen, der Arzt bestreitet das.

Der dritte Prozesstag gegen den weltweit anerkannten HIV-Mediziner beginnt mit einem überfüllten Saal. „Hier sind viel zu viele Zuschauer”, sagt der vorsitzende Richter Rüdiger Kleingünther. Wegen der Corona-Pandemie stehen nur zwölf Plätze für Zuschauer:innen und Presse zur Verfügung, einige Personen verlassen den Saal. Schon an den vorherigen Prozesstagen hatten nicht alle Zuschauer:innen einen Platz bekommen.

BuzzFeed News Deutschland und VICE hatten erstmals im September 2019 Vorwürfe gegen den Arzt öffentlich gemacht. Die Recherchen beruhen unter anderem auf Gesprächen mit sieben Männern. Die Männer hatten dem Arzt neben den strittigen Intimuntersuchungen auch sexuell motiviertes Verhalten vorgeworfen: Küssen sowie sexualisierte Kommentare über ihren Körper und ihre Genitalien. Ein Mann sagte, der Arzt habe versucht, Oralverkehr an ihm vorzunehmen. Der Arzt bestritt diese Vorwürfe. Die Erlebnisse dieser Männer sind nicht Teil des vor wenigen Tagen begonnenen Strafverfahrens.

Am zweiten und dritten Prozesstag, am vergangenen Montag und am heutigen Donnerstag, wurde der erste Zeuge vernommen. Er tritt auch als Nebenkläger auf. Die Befragung dauerte an beiden Tagen jeweils mehrere Stunden. Der Mann ist ehemaliger Patient der Praxis und gibt an, dass es bei einer Untersuchung durch den Arzt zu sexuellen Handlungen gekommen sei. Die Praxis gilt seit Mitte der Neunziger Jahre als schwule Szenepraxis und ist in der Schwulencommunity weithin bekannt.

Arzt soll sich in den Schritt gefasst haben und versucht haben, ihn zu küssen

Der Arzt habe dem Patienten an die Wange gefasst und mindestens zwei Mal aufgefordert,  sich vollständig zu entkleiden, sagte der Zeuge. Er habe sich bei einer Prostatauntersuchung gewundert, warum diese so lange gedauert habe. Nach einer rektalen Untersuchung habe ihn der Arzt ohne Handschuhe am Penis berührt, diesen gedrückt und die Vorhaut vor und zurückgeschoben, so dass er eine Erektion bekommen habe. Der Arzt soll sich in den Schritt gefasst haben und versucht haben, ihn zu küssen. Der Arzt habe ihm gegenüber außerdem geäußert, es sei „total verboten“. Währenddessen sei die Behandlungstür abgeschlossen gewesen. Für den Patienten habe es sich bei einem Teil der Behandlung eindeutig um sexuelle Handlungen gehandelt.

Der Arzt weist die Vorwürfe von sich. Es habe sich um rein medizinische Untersuchungen ohne sexuelle Motivation gehandelt. Er habe keine Erinnerungen an den Zeugen, laut seiner medizinischen Akte war bei dem fraglichen Termin ein weitere Arzt in Weiterbildung anwesend. Auch der erinnere sich laut Aussage des Arztes nicht an den Patienten. Eine rektale Untersuchung des Patienten habe laut der medizinischen Akten stattgefunden, auch sei in der fraglichen Zeit das Zimmer abgeschlossen worden, um zu verhindern, dass andere Personen plötzlich hineinplatzen. Von innen haben man die Tür jedoch mit einem Knopfdruck öffnen könne. 

Der Patient kam wegen der Behandlung von Feigwarzen in die Praxis und wurde dort über mehrere Monate hinweg behandelt. Bei drei der Untersuchungen war der beschuldigte Arzt laut der medizinischen Akte anwesend. Zu den Übergriffen sei es dem Zeugen zufolge beim letzten Termin für die Abschlussuntersuchung gekommen. Dabei habe der Arzt ihn rektal untersucht und seinen Penis gemolken, um Sekret für einen Harnröhrenabstrich zu erhalten.

Die Behandlung habe laut Verteidigung medizinischen Richtlinien entsprochen

Laut der Verteidigung entsprach die gesamte Behandlung medizinischen Richtlinien. Zuvor hatte Rechtsanwalt Stefan König für seinen Mandanten vorgetragen, die Methoden in der Praxis seien unkonventionell und könnten daher von Patienten missverstanden werden. So biete man ihnen zum Beispiel ganz neutral das Duzen oder Siezen an und pflege ein Arzt-Patienten-Verhältnis mit vergleichsweise niedrigen Hierarchien. Für sexuelle Handlungen, etwa den angeblich versuchten Zungenkuss, habe es laut der Verteidiger nicht die geringste Veranlassung gegeben.

Der Patient sagte, er habe sich mit den Vorwürfen an einen Freund gewendet, welcher als Berater bei dem Verband Schwulenberatung tätig sei. Er habe sich an die Patientenbeauftragte des Landes Berlin gewendet, dort aber nicht unterstützt gefühlt – er habe mit ihr nicht gut über das Thema Sexualität sprechen können. Er habe sich außerdem mit einem Mann ausgetauscht, der in diesem Verfahren ein weiterer Nebenkläger ist. Ende 2013 meldete der Zeuge die Vorwürfe bei der Ärztekammer, seine Anwältin stellte danach Strafanzeige.

Der beschuldigte Arzt äußerte sich am vergangenen Montag, am zweiten Verhandlungstag, zu den Vorwürfen und erklärte ausführlich die medizinische Prozedur, die der medizinischen Akte zufolge an dem Patienten vorgenommen wurde. Der Arzt bezeichnete sich als HPV-Spezialist, also als Experte für das Virus, welches die Feigwarzen hervorrufen kann. Daher sei er bei der Untersuchung besonders gründlich und habe auch eine umfassende Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten nachholen wollen.

Bei der Untersuchung könne man mehrfach auf die Prostata drücken, um Sekret für einen Harnröhrenabstrich zu gewinnen. Er kündige diese Handgriffe zuvor an. Dies entspreche den medizinischen Leitlinien. 


Küsschen rechts und links zur Begrüßung in der Praxis

Die Staatsanwältin versuchte am zweiten Verhandlungstag zunächst die räumlichen Gegebenheiten in dem Behandlungszimmer zu umreißen, in dem die mutmaßlichen Übergriffe passiert sein sollen. Es handelt sich um einem Raum für proktologische Untersuchungen. Die Staatsanwältin und fragte nach der Größe des Raumes, nach Lichtverhältnissen und Möbelstücken. Zum Entkleiden, so stellte sich bei der Befragung heraus, gibt es in diesem Raum keinen extra abgetrennte Bereich. Der Arzt entgegnete, dass dies in der von ihm vorrangig behandelten schwulen Szene normal sei, hier seien Menschen offener und hätten weniger Probleme, sich auszuziehen. Das Ausziehen sei notwendig, da Geschlechtskrankheiten teilweise über die Haut erkennbar seien. Zum Abschluss im Behandlungsablauf, erklärte der Arzt, könne man melkende Bewegungen am Penis machen, um das Ergebnis für einen Abstrich zu optimieren und ein Exprimat zu gewinnen.

Zu den Vorwürfen des Zeugen sagte er, dass er laut medizinischer Akte einen Harnröhrenabstrich vorgenommen habe. Er habe noch nie erlebt, dass jemand bei einem solchen Abstrich eine Erektion hatte, die Prozedur sei unangenehm und schmerzhaft.

Der beschuldigte Arzt sagte, er selbst ziehe Grenzen bei der Behandlung. Er gebe ausgewählten und langjährigen Patienten teilweise ein Küsschen rechts und links zur Begrüßung. Wenn ein Patient reinstürme, ihn umarme und Küsschen auf die Wangen drücke, sei ihm dies zuviel, antwortete er auf die konkrete Nachfrage der Staatsanwältin. Er würde nicht von sich aus einen Patienten umarmen. Es gebe aber Patienten, die mit ihrem erigierten Penis vor seiner Nase herumwedelten und fragten, wie er die Erektion fände. Er würde dann etwa sagen, wunderbar, aber man solle mit der Behandlung weitermachen. In diesen Kreisen, so der Mediziner, könne auch ein Arztbesuch sexualisiert werden, ohne dass es der Arzt überhaupt merke. „Das ist unser Alltag, wir kommen damit gut zurecht.“ Die Patienten seien in der Regel zufrieden mit der Behandlung in der Praxis.

In der Regel komme es bei rektalen Untersuchungen nicht zu einer Erektion. Männer die mit Männern Sex haben, seien aber eher stimuliert als Heteros, welche den Analkanal nicht als Sexualorgan nutzten. Er sage dann „Du musst dich nicht entschuldigen, freu dich, dass es so gut funktioniert“ – und mache professionell weiter.

Eine Praxis, in der schwule Männer über Sex sprechen können

Laut der Aussage des Zeugen sei es in seinem Fall anders abgelaufen. Er habe die Praxis zunächst sehr positiv wahrgenommen, „Ich wollte eine Praxis, in der ich als schwuler Mann über Sex oder die Art wie ich Sex habe sprechen kann“, sagte er. Die Ereignisse hätten ihn verwirrt. Kurz nach dem Verlassen der Praxis habe er noch am selben Tag ein Gedächtnisprotokoll verfasst. Er habe wenige Tage darauf auch seinem Psychoanalytiker davon erzählt, der die Schilderungen als „skandalös“ bewertet habe. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters entband der Zeuge den Analytiker von der Schweigepflicht, damit dieser sich zu dem Gespräch äußern kann. In Behandlung sei der Zeuge dort vorrangig wegen Depressionen gewesen, sagte er.

Viele Fragen drehten sich an den beiden Verhandlungstagen um das fragliche Gedächtnisprotokoll des Zeugen, mehrfach wurde daraus verlesen. Darin schildert der mutmaßliche Opferzeuge unterschiedliche Gedanken, die er als ambivalent beschrieb. „Was, wenn einfach zwei erwachsene Männer ausgelotet haben, was geht und was nicht?“, wird aus dem Schriftstück verlesen. Heute sehe er das anders, beschrieb der Mann mehrfach. Er habe es trotz aller Verwirrung auch ganz geil gefunden, steht ebenfalls in dem Schriftstück – diese Gedanken seien ihm heute unangenehm.

„Ich frage sie mal ganz direkt: Haben Sie sich überwältigt gefühlt?“, fragte die Staatsanwältin. „Ja“, antwortete er Mann. Er hätte es damals nicht so benennen können und sei nicht in der Lage gewesen, Nein oder Stopp zu sagen.

Fragen zu den Gedanken des Mannes stellte am heutigen Donnerstag auch Günter Köhnken, ein Experte auf dem Gebiet der Aussagepsychologie. Er war etwa Gutachter im Prozess gegen Jörg Kachelmann und wird in diesem Strafprozess Gutachten über die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Zeugen erstellen. Beauftragt wurde er von den Verteidiger:innen des Arztes.

Befragung durch den Psychologen Günter Köhnken

„Was ist Ihnen genau durch den Kopf gegangen, als sie in der Situation waren?”, fragte Köhnken und bat den ehemaligen Patienten, sich noch einmal zurück zu versetzen. Er habe versucht, das, was er erlebte, in Einklang zu bringen mit einer unkonventionellen Arztpraxis, die er eigentlich genau deshalb mochte, so der Zeuge. Was er gedacht habe, als der Arzt nach einem Abstrich den Penis des Mannes erneut in die Hand genommen habe, so Köhnken? „Ich weiß es nicht mehr.“ 

Seine Erinnerungen an die Ereignisse vor acht Jahren sind lückenhaft. Er denke ungern an den Punkt zurück, an dem ihm klargeworden sei, dass es sich um eine sexualisierte Situation gehandelt habe, sagt der Mann. Im Gerichtssaal machte er beim Sprechen längere Pausen. „Ich versetze mich in die Situation zurück“ er sagt, „gut“ sagt Köneken. Er habe gedacht hier geht es um Sex, sagt der Mann.

Auch die Verteidiger befragten den Zeugen intensiv. Warum er unterschiedliche Angaben über die Anzahl der Finger des Arztes in seinem Anus gemacht habe, wollte etwa Verteidiger König wissen. Zunächst habe er bei der Ärztekammer angegeben, dass es mehrere Finger gewesen seien, später sei es jedoch nur noch ein Finger gewesen. Da habe er sich hinterher korrigiert, so der Zeuge. Er habe die Untersuchung nicht gesehen, er habe gemutmaßt in dem Bemühen, alle Fragen der Ärztekammer zu beantworten. 

Ein anderer Verteidiger des Arztes, Johannes Eisenberg, fragte den Zeugen, warum er in seinem Gedächtnisprotokoll nicht geschrieben habe, dass der Arzt keine Handschuhe getragen habe. Das sei ihm in dem Moment nicht hauptsächlich relevant erschienen, so der Mann.

Laptop des Zeugen soll zur Überprüfung einer Datei geprüft werden

Der Zeuge litt den medizinischen Unterlagen zufolge schon vor seinen Besuchen in der Praxis des Arztes an Beschwerden. Diese seien schon vor zehn Jahren behandelt worden. Bei welchem Arzt, wollte Verteidiger Eisenberg wissen. Das wisse er nicht mehr, sagte der Mann. „Das glaube ich Ihnen nicht“, sagte Eisenberg. Der Rechtsanwalt fragte weiter, ob die „da reingeguckt“ haben mit dem Finger – und streckte die Hand mit erhobenem Mittelfinger in Richtung des Angeklagten. Raunen auf der Zuschauerbank. Später sagte er, er habe mit dem Mittelfinger den Untersuchungsvorgang zeigen wollen. 

In der Verhandlung am heutigen Donnerstag ging es auch um die Frage, inwiefern man das Gedächtnisprotokoll des Zeugen überprüfen könne. Das Schriftstück ist offenbar erst zu Beginn der Strafverhandlung zur Akte gelangt und wurde offenbar weder bei Stellung der Strafanzeige noch bei der Aussage vor der Ärztekammer vorgelegt. Ob er sich darüber nicht gewundert habe, will Verteidiger König wissen. Der Zeuge antwortete, er habe nicht vorgehabt, das Protokoll zu verheimlichen und habe seiner Anwältin vertraut. 

Die Rechtsanwälte des Arztes fragten, ob der Mann seinen Laptop für eine Überprüfung der Datei dem Gericht zur Verfügung stellen würde, was dieser bejahte. Im Gegensatz dazu lehnte es der Zeuge ab, Tagebuchaufzeichnungen aus der betreffenden Zeit vorzulegen. Dort habe er Gespräche mit seinem Psychoanalytiker festgehalten. 

Verteidiger Eisenberg fragte den Zeugen auch nach den Namen von Freunden, mit denen er vor dem Datum der mutmaßlichen Tat über das Thema sexualisierte Gewalt gesprochen hatte. Das sei wichtig, um das Hintergrundwissen und den Erfahrungshorizont des Zeugen zu begreifen. Die Frage musste der Zeuge nicht beantworten. „Das betrifft den persönlichen Lebensbereich“, entschied Richter Kleingünther.

Das Erlebnis in der Praxis habe in seiner Therapie eine große Rolle gespielt, Schaden habe er heute nicht davongetragen, sagte der Zeuge im Laufe der Befragung durch die Staatsanwältin. Der größte Stressfaktor sei, dass sich das Verfahren bis heute hinziehe. 

Die Verhandlung wird am 3. Mai fortgesetzt. BuzzFeed News wird das Verfahren weiter journalistisch begleiten. 

Die Redaktion von BuzzFeed News Deutschland berichtet regelmäßig über Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und MeToo Zuletzt hat BuzzFeed News hier ausführlich über den Missbrauch durch Ärzte in Deutschland und die unzureichende Strafverfolgung dieser Taten berichtet. Sie erreichen die Redaktion unter recherche@buzzfeed.de.

Unsere Reporterin Juliane Löffler erreichen Sie unter juliane.loeffler@buzzfeed.de oder 0170 - 70 60 140

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