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Missbrauchsvorwürfe: Prozessauftakt gegen weltweit anerkannten HIV-Arzt

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Von: Juliane Löffler

Amtsgericht Tiergarten
Amtsgericht Tiergarten © Sonja Wurtscheid, dpa


Mehrere Personen aus der Queer-Community werfen ihrem ehemaligen Arzt vor, sie sexuell missbraucht zu haben. Auch BuzzFeed News hatte über zahlreiche Vorwürfe gegen den Berliner Arzt berichtet.

Am Montag hat in Berlin am Amtsgericht Tiergarten der Strafprozess gegen einen weltweit renommierten HIV-Arzt begonnen, dem sexueller Missbrauch an Patienten in fünf Fällen vorgeworfen wird.

Der Arzt führt eine erfolgreiche Praxis mit Schwerpunkt Infektiologie in Berlin, eine Anlaufstelle während der Corona-Pandemie. Bekannter aber ist die Praxis als LGBT*-Schwerpunktpraxis, in der vor allem Männer versorgt werden, die mit Männern Sex haben (MSM).

Laut Anklage hat der Arzt das besondere Vertrauen seiner Patienten ausgenutzt: Er habe sie aufgefordert, sich nackt auszuziehen und habe sie im Intimbereich berührt, um sich sexuell zu erregen. Er habe onanierende Bewegungen gemacht oder die Patienten gestreichelt und manipuliert, so dass vier der Zeugen eine Ejakulation gehabt hätten, auch das geht aus der Anklageschrift hervor.

Es sei zu Missverständnissen bei den Untersuchungen gekommen

In der Verhandlung selbst äußerte sich der Arzt zu diesen Vorwürfen nicht. Stattdessen hielt einer seiner Anwälte ein etwa 30-minütiges Eröffnungsstatement. Darin trug er vor, bei den Untersuchungen handele es sich um unkonventionelle Untersuchungsmethoden aus den USA.

Vor allem um Geschlechtskrankheiten oder Hodenkrebs frühzeitig zu erkennen, entsprächen diese teils ungewöhnliche Methoden anerkannten medizinischen Leitlinien. Anerkannt sei so auch das „Melken“ des Penisses zur sogenannten Exprimatsgewinnung oder das vollständige Ablegen der Kleidung. Zudem würden in der Praxis Maßnahmen angeboten, um Vertrauen herzustellen, und etwa das Duzen angeboten. Das sei ungewöhnlich, Patienten hätten teils ein anderes Verständnis von Hierarchien im Arzt-Patienten-Verhältnis. So sei es wohl zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen bei den Untersuchungen gekommen.

Dass es bei diesen Untersuchungen eine sexuelle Motivation gegeben habe, streitet der Arzt ab. Die Zeugen hätten dies phantasiert.

Um zu klären, inwiefern es sich bei diesen Untersuchungen um legitime Behandlungsmethoden handelt, soll nun erneut ein medizinisches Gutachten erstellt werden. Ein erstes Gutachten liegt dem Gericht bereits vor. Zudem soll ein Gutachter eingesetzt werden, um die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu beurteilen.

Eine für den ersten Tag der Verhandlung bestellte Zeugin erschien nicht. Ein Attest bescheinige ihr, nicht verhandlungsfähig und psychisch labil zu sein, erklärte ihre Anwältin. Sie war zum Zeitpunkt der Anklage ein Mann, ist heute eine Frau. Die Anwältinnen der Geschädigten wiesen mehrfach darauf hin, dass die Verhandlung eine hohe Belastung für die Zeug:innen darstelle. Die Gegenseite argumentierte hingegen, die Zeugen seien nicht glaubwürdig und würden lügen.

Einige der Vorwürfe wird ein medizinisches Gutachten wohl nicht bewerten, da sie nicht mit angeblichen Behandlungsmethoden zu rechtfertigen sein dürften. So soll der Arzt versucht haben, einen Patienten auf den Mund zu küssen und sexualisierte Kommentare gemacht haben.

Das Schöffengericht am Amtsgericht Berlin-Tiergarten
Das Schöffengericht am Amtsgericht Berlin-Tiergarten © Juliane Löffler für BuzzFeed News

Weitere Vorwürfe aus Recherchen von BuzzFeed News

Auch BuzzFeed News hatte zuvor über zahlreiche Vorwürfe gegen den Arzt berichtet. Diese waren von mehreren Personen erhoben worden, die nicht Teil des Strafverfahrens sind. Mit sieben Männern hatten die BuzzFeed News-Reporter:innen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Herbst 2019 ausführlich gesprochen. Sie hatten dem Arzt neben den strittigen Intimuntersuchungen ebenfalls sexuell motiviertes Verhalten vorgeworfen: Küssen sowie sexualisierte Kommentare über ihren Körper und ihre Genitalien. Ein Mann sagte, der Arzt habe ihm einen Zungenkuss gegeben. Ein anderer sagte, der Arzt habe versucht, Oralverkehr an ihm vorzunehmen.

Der Arzt bestritt diese Vorwürfe. Für die Berichterstattung wurden BuzzFeed News und VICE abgemahnt und gingen dagegen in Berufung. Nach einem Urteil des Kammergerichts, welches die Entscheidung des Landgerichts in großen Teilen revidierte, ist die Recherche nun seit wenigen Tagen in gekürzter Fassung wieder online verfügbar.

Elf Verhandlungstermine am Amtsgericht Berlin

Offen ist derzeit noch, ob durch die lange Verfahrensdauer die Fälle nun verjähren könnten. Bereits im Sommer 2014 hatte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen beendet, im Jahr 2016 hatte sie Anklage erhoben. Der zuständigen Ärztekammer sind die Vorwürfe sogar noch länger bekannt. Der Prozessauftakt wurde zuletzt wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben.

Den Vorwürfen sei über Jahre hinweg nicht hartnäckig nachgegangen worden, finden Mitarbeiter der Schwulenberatung, die gegenüber BuzzFeed News angaben, die Vorwürfe seit vielen Jahren zu kennen. Sie schrieben 2020 einen Brief an den Berliner Justizsenator Dirk Behrendt, der BuzzFeed News vorliegt: Es könne nicht im Sinne von irgendjemand sein, „dass die massiven Vorwürfe [...] wegen drohender Verjährung in 2021 möglicherweise nicht aufgeklärt werden können“. Der Justizsenator antwortete, er könne auf gerichtliche Verfahren keinen Einfluss nehmen.

Für den Prozess sind elf Termine angesetzt, die Verhandlung wird am 26. April fortgesetzt.

Die Redaktion von BuzzFeed News Deutschland berichtet regelmäßig über Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und MeToo Zuletzt hat BuzzFeed News hier ausführlich über den Missbrauch durch Ärzte in Deutschland und die unzureichende Strafverfolgung dieser Taten berichtet. Sie erreichen die Redaktion unter recherche@buzzfeed.de.

Unsere Reporterin Juliane Löffler erreichen Sie unter juliane.loeffler@buzzfeed.de oder 0170 - 70 60 140

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