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Pharma-Industrie: Wie groß ist der Einfluss auf Ärzte-Fortbildungen?

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Videosprechstunde beim Arzt
Sechsstellige Sponsoring-Beiträge der Pharma-Industrie für Ärzte-Fortbildungen: Für Kritiker:innen verkörpert niemand so sehr das Problem, wie die „Esanum Academie“. © Monika Skolimowska / dpa

Hunderttausende Ärzt:innen müssen sich regelmäßig auf Seminaren fortbilden, der Markt ist umkämpft. Die Esanum Academie steht unter Verdacht, durch Pharma-Sponsoring die Ärzte zu beeinflussen. Das zeigen Recherchen von Ippen Investigativ.

Von Hristio Boytchev

Wäre Mark Klein kein Arzt, er könnte ein Arzt-Darsteller sein. Weißes Haar, graue Brille, faltenfreier Anzug. Viel vertrauenswürdiger kann ein Mensch nicht aussehen. Doch der Eindruck verflüchtigt sich, wenn Klein spricht.

Klein ist Facharzt, seit mehr als zehn Jahren berät er Menschen in seiner diabetologischen Schwerpunktpraxis. Anfang November 2020 spricht er auf dem „Hausarzt-Tag“ in Berlin über Therapie bei Typ-2-Diabetes. Es ist eine Fortbildung, die Ärzt:innen auf den neuesten Stand bringen soll, zum Wohle ihrer Patient:innen.

Soweit die Theorie. In der Praxis ist fraglich, wessen Interessen Klein wirklich im Sinn hat – die der Patient:innen oder den Umsatz von Pharmafirmen? Denn die Unternehmen bezahlen nicht nur die Veranstaltung, sondern manche davon auch Klein. (Aus presserechtlichen Gründen und aus Rücksicht auf die Sozialsphäre nutzen wir in diesem Text Pseudonyme für die drei Beispiel-Referenten des Hausarzt-Tages.) 

Pharma-Firmen fördern nicht nur die Veranstaltung, sondern auch die Ärzte

Der Arzt stellt in seinem Vortrag Medikamente von zwei Pharmafirmen vor, die sowohl ihn gefördert haben als auch die Veranstaltung sponsern. Für die Zuhörer:innen ist dieser Interessenkonflikt nur schwer nachzuvollziehen: Klein begründet seine Wahl mit Studien und seiner persönlichen Erfahrung, nicht mit dem Geld, das er von den Firmen erhält.

Klein schreibt auf Anfrage von Ippen Investigativ*, er lehne eine Stellungnahme zu unserer „unsachlichen und provokanten, inhaltlich auch teilweise falschen Anfrage“ ab. Und weiter: „Mein Vortrag entsprach den Regeln der Bundesärztekammer und repräsentierte den aktuellen Stand der Diabetologie. Alle auf dem deutschen Markt vorhandenen Präparate und die relevanten Studiendaten wurden erwähnt.“ Auf die Nachfrage, welche Teile der Anfrage sachlich falsch seien, reagiert er nicht.

Erst vor wenigen Monaten hatte eine Recherche von Ippen Investigativ gezeigt, dass zehntausende Ärzt:innen von der Pharma-Industrie gefördert werden, diese Interessenkonflikte aber systematisch nicht transparent machen. Bei den Recherchen zum Einfluss der Pharma-Lobby ist uns eine besonders problematische Einflussnahme durch die Industrie aufgefallen: Die Pharma-Industrie beeinflusst Ärzt:innen – und damit die Behandlung der Patient:innen – durch gesponserte Fortbildungen. Seit Jahren ist diese Einflussnahme ein gutes Geschäft. Und sie betrifft möglicherweise hunderttausende Patient:innen. Für Kritiker:innen verkörpert niemand so sehr das Problem, wie die „Esanum Academie“, die auch Kleins Vortrag organisiert.

Esanum-Seminare: 4-Sterne-Hotels und Catering – bezahlt von der Pharma-Industrie

Esanum bucht für seine Seminare 4-Sterne-Hotels samt Catering, lässt Professor:innen und Chefärzt:innen vortragen – und die Teilnehmer:innen müssen dafür nichts zahlen. Möglich machen das sechsstellige Sponsorenbeiträge aus der Pharmaindustrie. Das heißt: Die teilnehmenden Ärzt:innen sind das Produkt. Der Kunde ist die Pharma-Industrie. Sie bekommt die Inhalte geboten, die ihr zugutekommen. Und die Aufmerksamkeit der teilnehmenden Ärzt:innen. Werbung verpackt als Fortbildungsmaßnahme. So lautet der Vorwurf. 

Esanum ist nicht die Ausnahme – sondern ein Extrembeispiel einer verbreiteten Praxis. Eine Praxis, nach der in Deutschland mittlerweile ärztliche Fortbildungen und Pharma-Industrie scheinbar untrennbar verzahnt sind. Doch es gibt eine kleine Gruppe Menschen, die sich gegen die kommerzielle Unterwanderung der ärztlichen Fortbildungen zur Wehr setzen. Seit einigen Monaten wird um die Esanum-Seminare sogar vor Gericht gestritten. Der Ausgang dieses Verfahrens könnte die Fortbildung von Ärzt:innen in Deutschland grundlegend verändern.

Über 400.000 aktive Ärzt:innen gibt es in Deutschland. Sie sind dazu verpflichtet, sich regelmäßig fortzubilden. Dazu gehen sie in Seminare wie das von Esanum und sammeln Fortbildungs-Punkte. Darüber, wer die Punkte vergeben darf, wachen die Landesärztekammern.

Ausbildung von Ärzten: Kliniken, Kongresse, Ärztekammern konkurrieren

Um den riesigen Ausbildungsmarkt konkurrieren verschiedene Anbieter: Die Ärztekammern selbst, aber auch Kliniken, Kongresse, medizinische Zeitschriften – und Veranstalter wie Esanum. Wenn nun die Pharma-Industrie als Sponsor auftritt, können teure Fortbildungen billiger oder sogar gratis angeboten werden. Und die Pharma-Industrie kann fokussiert bei dutzenden oder gar hunderten Teilnehmer:innen für sich werben: Auf Werbeständen, Webseiten, im Flyer und – wenn es richtig gut läuft – in den Vorträgen selbst. Studien zeigen, dass die Einflussnahme funktioniert und von den Ärzt:innen teils nicht bemerkt wird

Sie kann offensichtlich geschehen, meist aber subtil. Ein Medikament, das eigentlich nicht erste Wahl ist, wird als besser oder gleichberechtigt präsentiert. Nichtmedikamentöse Optionen tauchen gar nicht auf oder die Studien werden so ausgewählt, dass Therapien oder Medikamente des Sponsors gut aussehen. Die Einflussnahme ist oft nur für gut informierte Experten zu erkennen.

Klein ist auf einem Monitor zu sehen, seine Stimme kommt aus Kopfhörern. Eigentlich sollte sein Vortrag im Berliner Mercure-Hotel vor Präsenz-Publikum stattfinden. Doch stattdessen wird die Veranstaltung wegen Covid-19 kurzfristig online abgehalten. Wir hätten uns die Vorträge gerne offiziell angeschaut, doch Veranstalter Esanum wollte uns nicht dabeihaben. Die Server-Kapazitäten seien begrenzt, schrieb uns die Pressesprecherin. Wir haben uns die Aufnahmen der Vorträge deshalb von einer Teilnehmer:in organisiert. Denn der „Hausarzt-Tag 2020“ scheint ein gutes Beispiel zu sein für das Vorgehen der Esanum Academie.

Hausärztetag bei Esanum: Für zehn Sekunden sehen Zuschauer:innen die Pharma-Förderung

„Zunächst eine Transparenzerklärung“, sagt der Diabetologe Mark Klein am Anfang seines Vortrags, „damit Sie sich ein Bild machen können“ und lässt mit seinem Pointer eine Power-Point-Folie einblenden. Etwa zehn Sekunden haben die Zuhörer:innen Zeit, dort die Namen der Pharma-Firmen zu lesen und zu verarbeiten, zu denen Klein finanzielle Verbindungen hat: AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Lilly, MSD, Novartis und Novo Nordisk.

Erinnern sich die Zuhörer:innen an all diese Namen, als Klein zehn Minuten später in seinem Vortrag unter anderem auf ein Kombinationspräparat eingeht, das von der Firma Lilly vertrieben wird? Lilly hat Klein persönlich unterstützt und ist auch Sponsor der Veranstaltung. In der Leitlinie zum Thema bekommt das Mittel keine Empfehlung. Klein erwähnt nicht, dass das Mittel von Lilly hergestellt wird und er von Lilly unterstützt wird. An anderer Stelle hebt Klein das Mittel „Empagliflozin“ hervor, das von Boehringer Ingelheim hergestellt wird – auch ein Sponsor der Veranstaltung und auch Förderer von Klein. Wieder erwähnt er weder den Hersteller noch seinen Interessenkonflikt. 

Mark Klein ist keine Ausnahme auf dem „Hausarzt-Tag“. Der Kardiologe und Chefarzt Boris Spahl spricht über „Hypertensive Herzerkrankung“, also hohen Blutdruck. Spahl – schlaksig, Geheimratsecken, Ellbogen-Patches am weiten Sakko – hat ernst zu nehmende Autorität: er trägt einen Professorentitel und publiziert regelmäßig wissenschaftlich.

Zahlungen von Pharma-Firmen wie Amgen, AstraZeneca, Bayer Vital oder Novartis

Arzt am Computer
„Als Veranstalter ärztlicher Fortbildungsmaßnahmen ist uns jede inhaltliche Einflussnahme auf die Vorträge und Äußerungen unserer Referenten verwehrt“, schreibt Esanum auf Anfrage. © Marijan Murat / dpa

Auch neben Wissenschaft und Klinik ist Spahl viel beschäftigt: Der Kardiologe gibt Zahlungen der Pharma-Firmen Amgen, AstraZeneca, Bayer Vital, Berlin Chemie, Boehringer Ingelheim, Daiichi Sankyo, MSD, Novartis, Novo Nordisk, Sanofi Aventis und Servier an. Die Zuschauer:innen haben weniger als sechs Sekunden Zeit, um die Folie mit 15 Namen kommerzieller Partner von Spahl zu verarbeiten. Zum Beispiel seine Beziehung zur Firma Servier. In seinem Vortrag empfiehlt Spahl gegen Bluthochdruck unter anderem ein Kombipräparat, das von der Firma Servier vertrieben wird – obwohl die einschlägigen Leitlinien zum Thema das Präparat nicht empfehlen

„Meine Vortragsinhalte sind unabhängig vom Organisator der Fortbildungsveranstaltung – schon immer gewesen und werden dies auch bleiben“, antwortet Spahl. Er empfehle in seinem Vortrag keine einzelne Kombination, sondern zeige im Gegenteil Studien mit verschiedenen Kombinationen und weise am Ende auf die Zusammenstellung aller erhältlichen Kombinationspräparate hin, „so dass sich die interessierten Zuhörer hier ihre gewünschten Kombinationen aus allen in D zugelassenen Präparaten selbst zusammenstellen können“, schreibt Spahl. Er bevorzuge aber wegen Vermeidung von Hautkrebs Indapamid und Chlorthalidon und sei dabei im Einklang mit allen Leitlinien. „Mir sind keine Vorgaben bekannt, wie lange wir unser Dia zu möglichen Interessenkonflikten zeigen müssen.“

Beim Online-Hausärzte-Tag folgt ein halbstündiger Werbeblock, bei dem einige immer gleiche Werbespots abgespielt werden: eine Leberzirrhose-Informationsseite, eine Hautcreme, Esanum Academie Eigenwerbung. Danach ist Ulf Franz dran, ein kahlköpfiger Herr mit Hornbrille. Wenn es in seinem Vortrag lebhafter wird, gestikuliert er und wackelt mit dem rechten Bein. Franz betreibt eine orthopädische Privatpraxis und spricht zu Osteoporose.

Ärzte-Fortbildung: Hochwertige wissenschaftliche Belege liefert der Vortragende nicht

Franz bezeichnet sich als „Orthopäde mit internistischer Vorgeschichte“ und sagt schon am Anfang des Vortrags, er wolle auch auf „Dinge eingehen, die nicht ganz dem Standard entsprechen“. Er erklärt: „Hier und dort bin ich natürlich im Rahmen der Ärztekammer und der einen oder anderen Firma unterwegs, das ist üblich.“ Auch hier haben die Zuschauer:innen weniger als zehn Sekunden Zeit, um sich die Namen durchzulesen: Ärztekammer Westfalen-Lippe, OSTAK, Omniamed Gmbh, Amgen GmbH, Recordati GmbH, Jentschura GmbH, esanum GmbH. Dabei wäre es auch hier wichtig, die Namen kritisch zu verarbeiten. Denn: In einer Folie eine Viertelstunde später empfiehlt Franz Hirse-Buchweizen-Brei gegen Osteoporose – einer der führenden Anbieter davon ist Jentschura. „Mit keiner anderen Diät kann auch nur eine annähernd vergleichbare qualitative Verbesserung der Ernährung erzielt werden!“, schreibt Franz auf seiner Folie. Hochwertige wissenschaftliche Belege für die These liefert er nicht. 

Franz antwortet, es sei „lächerlich“, ihm die Nennung vorzuwerfen. „Das Fehlen dieser konkreten Empfehlung in den wissenschaftlichen Leitlinien belegt Unkenntnis zur Erstellung und Bedeutung von Leitlinien“, schreibt Franz.

Osteoporose sei keine „schicksalshafte Erkrankung, sondern in der Regel Folge langjährig ungünstiger Ernährung im Gleichschritt mit unzureichender körperlicher Fitness“, argumentiert Franz. „Die Medizin erreicht im Interesse der Volksgesundheit die Bevölkerung nur dann, wenn sie aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft herunterkommt und konkrete Ernährungs-und Handlungs-Empfehlungen ohne Nennung von Produkt- oder Herstellen-Namen gibt.“ 

Klein, Spahl und Franz empfehlen Therapien, die teils nicht als Standard gelten – die also potentiell Zeit und Geld verschwenden und schlimmstenfalls Patient:innen gefährden können, wenn eine wirksamere Therapie ausbleibt oder aber unnötige und riskante Behandlungen zum Einsatz kommen. Andererseits passen die Empfehlungen auffallend gut zu den Förderern der drei Ärzte beziehungsweise den Sponsoren des Hausarzt-Tages. Zufall? Intention lässt sich schwer belegen. Klar ist aber, dass Fälle von aktiver Beeinflussung bekannt geworden sind. So kennt Ippen Investigativ Fälle, bei denen Firmen bei anderen Veranstaltern Referenten die fertigen Vortragsfolien geschickt haben sollen. 

Die Redner werfen die Vorwürfe zurück: Vorträge angeblich penibel kontrolliert

Die von Ippen Investigativ konfrontierten Redner weisen solche Vorwürfe zurück. „Eine Kombination oder ein Medikament, dessen Verwendung Patienten*innen “gefährdet“, finden Sie in meinem Vortrag nicht!“, schreibt Spahl. „Niemals zuvor wurden Vorträge von mir auf großen Veranstaltungen derartig penibel und wissenschaftsbasiert auf alle ev. unzulässigen oder unzureichend belegten Aussagen kontrolliert und gemeinsam optimiert!“, schreibt Franz.

„Als Veranstalter ärztlicher Fortbildungsmaßnahmen ist uns jede inhaltliche Einflussnahme auf die Vorträge und Äußerungen unserer Referenten verwehrt“, schreibt Esanum auf Anfrage. „Wir achten deren therapeutische Freiheit ebenso wie ihre Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Aus diesem Grund enthalten wir uns auch einer nachträglichen Kommentierung oder Bewertung von inhaltlichen Äußerungen unserer Referenten.“ Zur Dauer der Einblendung von Interessenkonflikterklärungen seien keine konkreten Vorgaben bekannt. 

Ärzte gegen Pharma-Einflussnahme: Mein Essen zahle ich selbst

Niklas Schurig ist einer der wenigen Ärzte, die sich aktiv gegen die Einflussnahme der Pharma-Industrie wehren. Der Allgemeinmediziner – schlank, Halbglatze, blaue Augen – ist im Vorstand einer Organisation, die sich für eine von der Pharmaindustrie unabhängige Ärzteschaft einsetzt. Die Organisation trägt den Namen MEZIS – „Mein Essen zahle ich selbst“. Schon früh waren Schurig die Pharma-Referenten suspekt, die sein Chef im Krankenhaus empfing. Sein Chef nahm luxuriöse Kugelschreiber und Feuerzeuge an. Und verschrieb seinen Patient:innen dann die Medikamente der entsprechenden Firmen.

Niklas Schurig steht in Hemd vor einem Bild.
Niklas Schurig kämpft mit der Organisation „Mezis“ gegen die „Durchseuchung“ des Fortbildungswesens für Ärzte. © privat

Schurig wollte das anders machen, bastelte sich selbst ein Schild auf dem stand „Ich empfange keine Pharma-Referenten“ und klebte es an seine Tür. Auch wenn Kolleg:innen davon irritiert sind, er hält sich bis heute daran. Die Referent:innen, die im Auftrag der Pharmafirmen von Praxis zu Praxis fahren, um die Produkte zu bewerben, würden ihn mittlerweile in Ruhe lassen, sagt Schurig, er stünde auf einer schwarzen Liste. Neulich sei dennoch eine Referentin in seiner Gemeinschaftspraxis im badischen Rastatt gewesen. Er habe ihr höflich erklärt, dass er sie nicht sprechen will. Sie habe daraufhin geweint, sagt Schurig – für ihn ein Zeichen dafür, dass diese Abweisung immer noch eine große Ausnahme ist.

Besonders hat es Schurig die „Durchseuchung“ des Fortbildungswesens durch die Pharmaindustrie angetan. Schurig will nicht akzeptieren, dass es in Deutschland Standard ist, dass Pharmafirmen medizinische Fortbildungen sponsern. Irgendwann regt sich Schurig so sehr auf, dass er entscheidet, in seiner Freizeit mit MEZIS etwas dagegen zu unternehmen. 2014 erklärt die Organisation, das gesponserte Fortbildungen abgeschafft gehören. Schurig fängt an, die Landesärztekammern auf besonders dubiose Veranstalter aufmerksam zu machen. 

Niklas Schurig kämpft gegen die Durchseuchung der Ärzte-Fortbildungen

Am Anfang sei man genervt gewesen, habe ihn ignoriert, sagt Schurig. Der Arzt wählt eine neue Strategie: Er wertet die Folien der Vorträge aus, die im Netz verfügbar sind und gleicht diese ab mit dem Sponsoring der Veranstaltungen – und auch mit Interessenkonflikt-Angaben der Referent:innen. Ähnlich, wie wir es mit dem Hausarzt-Tag von Esanum gemacht haben. 2018 erkennt Schurig bei einem bestimmten Veranstalter namens Omniamed, dass es „wie beim Bingo“ zugeht: Inhalt der Vorträge, die darin empfohlenen Medikamente, Sponsoring, Verbindungen der Referenten – alles passt perfekt aufeinander.

MEZIS veröffentlicht die Auswertung – und endlich, Jahre nach dem Beginn der Kampagne, reagiert die Landesärztekammer Baden-Württemberg und weigert sich im Herbst 2018 erstmals, eine Fortbildung von Omniamed zu zertifizieren. Das heißt: Bei einem Besuch dieses Seminars bekommen Ärzt:innen ihre Fortbildungspunkte nicht. Das schmälert die Attraktivität für Teilnehmer:innen erheblich – kostenloses Essen hin oder her.

Videosprechstunde beim Arzt
Veranstaltungen einfach durchzuwinken würde die „gesamte Fortbildungs-Landschaft für die Ärzteschaft ad absurdum“ führen, sagt Pedram Emami, Präsident der Hamburger Ärztekammer zu Ippen Investigativ. © Monika Skolimowska / dpa

Die Ablehnung löst ein Medienecho aus. Andere Ärztekammern folgen. Omniamed legt erst Widerspruch ein, verkündet dann aber plötzlich, sich vom deutschen Markt zurückzuziehen. Ein großer Erfolg für Schurig und MEZIS. Doch der währt nur kurz. 

Die Esanum Academie hat offenbar schon tausende Ärzt:innen weitergebildet

Nur wenige Wochen nach dem Rückzug von Omniamed nimmt die „Esanum Academie“ den Betrieb auf und bietet sogenannte Hausarzt-Tage an. Schurig sieht in Esanum den geistigen Nachfolger von Omniamed. „Alter Wein in neuen Schläuchen“, sagt Schurig. Schurigs Vorwurf: Viele Referent:innen, die schon bei Omniamed referierten, sind jetzt für Esanum tätig – mit ganz ähnlichen Vorträgen. Auch Klein, Spahl und Franz haben vorher für Omniamed gearbeitet. Eine Auswertung von Ippen Investigativ zeigt: Das trifft auf elf der 14 der Referenten der Veranstaltung in Berlin zu. Esanum veranstaltet zehn Seminare im Jahr, an denen nach eigenen Angaben jeweils bis zu 250 Ärzt:innen teilnehmen.

Wie schon Omniamed fällt auch Esanum den Ärztekammern bald negativ auf. Im September 2019 führt Esanum im Hamburger Radisson Blu-Hotel eine Fortbildungsveranstaltung durch und beantragt wie üblich die Zertifizierung durch die Ärztekammer der Stadt. Doch die Kammer lehnt ab. Die Begründung: Die Inhalte seien nicht frei von wirtschaftlichen Interessen und würden nicht den Fortbildungs-Empfehlungen der Bundesärztekammer genügen. Esanum legt Widerspruch ein. Als der Widerspruch abgelehnt wird, reicht die Firma im März 2020 Klage ein.

Ärzte-Fortbildung: Mehr als 100.000 Euro Pharma-Sponsoring für eine Veranstaltung

Vor Gericht präsentiert Esanum die Zahlen seines Seminars in Hamburg. Für die Veranstaltung hat Esanum 107.500 Euro Pharma-Sponsoring eingeworben – bei Kosten von lediglich 72.000 Euro. Ärzt:innen konnten kostenlos teilnehmen.

[Hier veröffentlichen wir den Gerichtsentscheid im Original.]

Die Ärztekammer argumentiert vor den Richtern, die Inhalte der Esanum-Veranstaltung seien überwiegend auf die Produktpalette der Sponsoren abgestimmt. Die Verschreibung von Medikamenten habe zu sehr im Fokus gestanden. Zudem sei die Höhe der Sponsorings unverhältnismäßig hoch.

All dem widerspricht Esanum. Die Firma argumentiert, ohne das Pharma-Geld sei die Firma „zur Insolvenz verdammt“. Der Eindruck erhärtet sich: Bei Esanum ist nicht die Fortbildung das Geschäftsmodell, sondern die Werbung.

Pedram Emami Präsident Hamburger Ärztekammer
Pedram Emami leitet die Hamburger Ärztekammer und kämpft vor Gericht gegen die Anerkennung von Esanum-Seminaren. © Naveed Nour

Das Verwaltungsgericht Hamburg entscheidet jedoch im September 2020 für Esanum. Die Landesärztekammer muss die Veranstaltung von Esanum zertifizieren. Die Richter begründen das vor allem damit, dass die Landesärztekammer zu einer Nicht-Zertifizierung von Esanum nicht befugt sei. Die Ärztekammer beharrt auf ihrem Standpunkt, will nicht zertifizieren und geht in Berufung. „Veranstaltungen einfach durchzuwinken“ würde die „gesamte Fortbildungs-Landschaft für die Ärzteschaft ad absurdum“ führen, sagt Pedram Emami, Präsident der Hamburger Ärztekammer zu Ippen Investigativ. Standards könnten nicht mehr eingehalten werden. Jetzt verhandelt das Oberverwaltungsgericht Hamburg den Fall, mit einem Ergebnis ist im Laufe des Jahres zu rechnen.

Es geht auch anders: Sporthallen statt Sterne-Hotels

„Das ist ja furchtbar“, sagt Wolfgang Tonn, als er hört, dass Esanum seine Fortbildungen kostenlos anbietet. Tonn – sportlich, sanfte Stimme – arbeitet seit mehr als zehn Jahren im ärztlichen Notdienst in Heidelberg. Irgendwann hätten ihm Kollegen gesagt, er solle doch sein Wissen teilen. Tonn entwickelt daraufhin ein Notdienst-Seminar, zunächst in Eigenregie. „Ich habe mich hingesetzt und überlegt: Was muss ein Arzt wirklich wissen?“

Von Anfang an war Tonn klar: Er will kein Geld von der Pharma-Industrie. Ihm sei schon lange bewusst gewesen, wie stark sogar führende Anbieter beeinflusst seien durch die Einflussnahme und dass sie dann verzerrtes Wissen vermittelten. Tonn bietet seine ersten Seminare zunächst in Heidelberg an. Doch er merkt schnell, dass Ärzt:innen sogar extra aus dem 600 Kilometer entfernten Hamburg anreisen. Also baut Tonn aus, stellt ein Team ein und expandiert. Zusätzlich zu seinen Notdienst-Seminaren bietet Tonn zunächst Hausarzt-Seminare an, später auch welche für Psychiater.

Tonns Fortbildungen sind nicht gratis, sondern kosten bis zu 640 Euro. Selbst bei diesen Preisen muss Tonn hart kämpfen, um kein Geld zu verlieren. Besonders angemessene Räume könnten leicht fünfstellige Beträge kosten, sagt Tonn, also hält er seine Vorträge auch gerne mal in einer Sporthalle. Für das Catering greift er mal auf eine Metzgerei zurück, mal muss sein Team selbst Salate schnippeln und Getränkekisten schleppen. Einmal fährt Tonn, nachdem er stundenlang selbst referiert hatte, um zwei Uhr nachts in die angemietete Küche – um die Spülmaschine für das Geschirr des nächsten Tages anzumachen. Überall spart Tonn, nur nicht bei der Qualität seiner Inhalte.

Anbieter wie Tonns „Hdmed“, die kein Sponsoring annehmen, sind die Ausnahme in Deutschland. Für Tonn ist das eine „enorme Wettbewerbsverzerrung“. Wo andere Firmen über Rücklagen verfügen und in der Covid-Krise auf Online umstellen, muss Tonn privates Geld in die Firma schieben und sein achtköpfiges Team in Kurzarbeit schicken. Tonn hat Existenzangst. Damit der Wettbewerb unter den Anbietern fair sei, müssten alle gleich viel Geld von der Industrie erhalten dürfen, sagt Tonn: gar keins.*Ippen Investigativ ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Ippen Investigativ – das Rechercheteam von IPPEN.MEDIA – arbeitet an aufwändigen Recherchen zu Korruption, Machtmissbrauch und Ausbeutung. Sie erreichen die Reporter:innen unter recherche@ippen-investigativ.de. Mehr Informationen über die Recherchen des Teams und Kontaktmöglichkeiten: ippen-investigativ.de

Ippen Investigativ und die Reporter:innen von followthegrant.org berichten weiter zur fehlenden Transparenz in der Wissenschaft. Sie erreichen das Rechercheteam unter info@followthegrant.org. Das Projekt „Follow the Grant“ wurde vom MIZ Babelsberg, vom Prototype Fund, von IJ4EU und vom Netzwerk Recherche gefördert.

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