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So frustriert sind Schwangere über die Beratungsgespräche, wenn sie über eine Abtreibung nachdenken

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Von: Juliane Löffler

„Ich ging mit einem unsicheren Gefühl hin und kam mit dem Gefühl der völligen Zerstörung raus.“

Massive Schuldgefühle, Depressionen, ein System, das fachlich eine Katastrophe ist. So beschreiben Frauen ihre negativen Erfahrungen mit den verpflichtenden Beratungen vor einem Schwangerschaftsabbruch.

Denn wenn schwangere Frauen in Deutschland abtreiben wollen, benötigen sie ein Beratungsgespräch. Nur mit einem schriftlichen Nachweis darüber können sie eine Schwangerschaft abbrechen, ohne sich strafbar zu machen.

Doch die Gespräche in den Beratungsstellen werden von den zuständigen Behörden kaum überprüft, zeigen Recherchen von BuzzFeed News Deutschland.

Zudem erheben mehrere Quellen schwere Vorwürfe gegen einen der größten Anbieter solcher Gespräche, Donum Vitae. Offenbar laufen die Beratungen in Deutschland nicht immer ergebnisoffen ab, obwohl dies gesetzlich so vorgeschrieben ist. Auch Anti-Abtreibungsorganisationen nutzen die Beratungspflicht für ihre Ziele. Recherchen von BuzzFeed News zeigen, wie der Verein Pro Femina gezielt Frauen manipuliert, damit diese sich für eine Schwangerschaft entscheiden.

Mehrere Frauen haben sich nach unseren Recherchen mit ausführlichen Erfahrungsberichten per E-Mail bei uns gemeldet. Vier dieser Berichte veröffentlichen wir mit dem Einverständnis der Frauen, die auf eigenen Wunsch anonym bleiben. „Meine Abtreibung ist nach wie vor sensibles Thema, nur sehr wenige Menschen wissen davon. Meinen Eltern könnte ich beispielsweise nie davon erzählen“, begründete dies etwa Anna aus Bayern in ihrer Email an uns.

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Christina K. aus Hessen

Ich war damals schwanger zu einem tatsächlich beschissenen Zeitpunkt. Ich hatte meinen ersten Sohn einen Monat vorher beerdigen müssen, weil er schwer krank auf die Welt gekommen ist und es nicht geschafft hat.

Ich bemerkte die Schwangerschaft 2004 etwa einen Monat nach seiner Beisetzung und war völlig durcheinander: Ich war noch in Therapie wegen Depression und frisch verliebt, was auch schon schräg war – diese Gleichzeitigkeit von Glück und Schmerz. Ich bin tatsächlich zu der Beratung gegangen, weil ich unsicher war.

Die Beratung ließ keine Option. Ich ging mit einem unsicheren Gefühl hin und kam mit dem Gefühl der völligen Zerstörung raus. Ich hatte gehofft, dass mir Möglichkeiten aufgezeigt werden, so wie beim ersten Kind. Ich war unsicher, weil mein erstes Kind so schwer krank war. Ich dachte: Vielleicht können die mir Ärztinnen empfehlen, die sich mit Erbkrankheiten auskennen oder sowas.

Die Beratung war schlimm. Die Abtreibungsklinik war schlimm. Die Schuldgefühle habe ich noch heute. In der Zeit danach wurde meine Depression massiv schlimmer, bis ich irgendwann mit einem Brotmesser in der Küche saß, um mir Schmerzen zuzufügen, weil ich ein Kind verloren und eines getötet hatte.

Wenn ich zurückschaue auf diese Zeit und wenn ich mir vor meinem eigenen beruflichen Hintergrund (ich bin Diplom-Sozialpädagogin) überlege, was damals geschehen ist, möchte ich behaupten, dass die Person, die mich beraten hat, einfach ihren Job nicht gemacht hat. Sie hat verantwortungslos gehandelt.

Im Übrigen denke ich, dass die Einrichtung einer einmaligen einstündigen Beratung im Falle von Unsicherheiten wegen einer bestehenden Schwangerschaft ein verdammt schlechter Witz ist. Würde ich eine junge Frau beraten, müsste ich dafür fachlich mindestens vier bis acht Stunden einplanen, um tatsächlich unterstützend wirken zu können. Was auch bedeuten würde, dass ich ihr in jedem Fall eine weitere Begleitung ermöglichen müsste (bei mir oder eben KollegInnen).

Dass Beratungsstellen Druck ausüben, glaube ich gerne. Eventuell wirkt dieser Druck nicht immer in dieselbe Organisations-bezogene Richtung. Aber: Niemand kann die Qualität der Beratung sicherstellen, wenn die Frauen einmal kommen, „beraten“ werden und wieder gehen. Fachlich ist dieses System eine Katastrophe, vor allem wenn wir mal davon ausgehen, dass die Konfliktfälle wirklich ernsthafte Konflikte haben.

Katrin S. aus Nordrhein-Westfalen

Mit 21 habe ich mich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, da ich trotz Verhütung von meinem damaligen Freund ungewollt schwanger geworden bin. Ich war damals erst einen Monat mit ihm zusammen. Ich ging zu der Beratungsstelle und war generell schon unzufrieden damit, dass ich überhaupt dort hin musste, um mich zu rechtfertigen.

Ich kann mich noch genau an eine Stelle im Gespräch erinnern, die mich im Nachhinein wirklich wütend gemacht hat. Ich habe geweint – nicht, weil die Entscheidung mir schwer fiel, sondern weil ich generell unzufrieden war, überhaupt in diese Situation gekommen zu sein und meine Hormone eben auch etwas unausgeglichen waren.

Die Frau in der Beratung hat dies so interpretiert, dass ich den Abbruch gar nicht will, obwohl ich ihr das klar gemacht habe. Als ich ihr dann nochmal versichert habe, dass das meine Entscheidung und im Einklang mit meinem damaligen Freund steht, der mir in jedem Fall Unterstützung versprochen hat, fragte sie: „Warum weinen Sie dann?“ Ich fand diese Frage unmöglich, weil ich mich nicht dafür rechtfertigen wollte, traurig zu sein.

Niemand wünscht sich, in so eine Situation zu kommen und für mich war das gesamte Gespräch der absolut negativste Teil meiner Erfahrung. Die Frauenärzte haben komplett professionell reagiert und mich gut und unvoreingenommen beraten. Bis heute geht es mir gut mit der Entscheidung, aber das Gespräch in der Beratungsstelle war mit Abstand der schlimmste Teil des Ganzen.

Seit Monaten wird in Deutschland wieder über Abtreibungsrechte gestritten.
Seit Monaten wird in Deutschland wieder über Abtreibungsrechte gestritten. © Michele Tantussi / Getty Images

Anna aus Bayern

Nachdem ich herausgefunden habe, dass ich schwanger bin, bin ich schnellstmöglich in einer großen Stadt in Ostdeutschland zu einer Beratung gegangen, bei der die Beraterin alles richtig gemacht hat. Ich wurde zwar nicht „ergebnisoffen“ beraten, weil mein Partner und ich gleich zu Beginn gesagt haben, dass wir abtreiben wollen; aber wir durften in einer befreiten Atmosphäre von meiner vorangegangenen Krankheit und der Traurigkeit unserer Situation reden, in der wir uns aber mit der Entscheidung sicher waren.

Die Beraterin meinte auch, es wäre eine Illusion, zwei 30-jährigen Menschen diese schon getroffene Entscheidung wieder ausreden zu wollen. Diese Art der Beratung würde sie nur machen, wenn sie den Eindruck hätte, jemand hätte aufgrund seiner jungen Jahre oder Zweifel keine Sicherheit über die Konsequenzen einer solchen Entscheidung.

Das Vertrauen ist auch deswegen entstanden, weil uns der Beratungsschein gleich zu Beginn hingelegt wurde. Meinem Freund und mir hat das unglaublich viel Mut gemacht. Soviel Mut, dass wir uns entschieden haben, einen geplanten Heimaturlaub in Niederbayern doch anzutreten.

Ich dachte, jede Beratung wäre so gut und hilfreich.

Dort kamen mir allerdings Zweifel, ob ich noch eine Woche bis zum medikamentösen Abbruch in der Stadt in Ostdeutschland gute Miene zum bösen Spiel machen könnte und ich habe bei einer Beratungsstelle vor Ort angerufen, um zu erfahren welche Ärzte in der Umgebung abtreiben. Ich wollte dann schon in Bayern zum Arzt zu gehen. Innerhalb von zwei Minuten habe ich das am Telefon bitter bereut. Die Beraterin sagte, dass sie mir keine Adressen eines Abtreibungsarztes geben würden, weil sie ja nicht wissen können, wie ich an anderer Stelle beraten worden bin – obwohl ich ihr sagte, dass ich bereits einen Beratungsschein hätte und diesen auch vor Ort vorzeigen könne.

Ich habe dann noch am Telefon den Plan aufgegeben in Bayern abzutreiben. Ich kann niemanden Böswilligkeit unterstellen. Aber was heißt das, wenn in einem Land verschiedene Beratungsstellen eine staatliche „Lizenz“ für Beratungsgespräche haben, die Scheine untereinander aber nicht anerkennen?

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Therese B. aus Nordrhein-Westfalen

Ich habe 2014 selbst einen Schwangerschaftsabbruch gehabt und vorab einen Termin bei einem staatlich anerkannten Beratungsanbieter vereinbart. Eigentlich wäre ich lieber zu Pro Familia gegangen, diese hatten so kurzfristig aber leider keinen Termin frei, so dass mir keine andere Wahl blieb.

Das Gespräch war zu Beginn sehr nett und wir haben über meine momentane Situation gesprochen. Wohnung, Einkommen, Partner, Eltern. Also alles, was irgendwie relevant bei der Entscheidung sein könnte. Ich habe gleich zu Beginn des Gesprächs gesagt, dass ich mich bereits für einen Abbruch entschieden habe.

Das lag unter anderem an der momentanen Situation: Studium gerade abgebrochen, der potentielle Kindsvater stand kurz vor einem dreijährigen Auslandsaufenthalt, mit meinen Eltern hatte ich kaum Kontakt. Und ich habe mich mit 23 Jahren ganz einfach noch nicht bereit gefühlt.

Was mich in diesem Gespräch sehr verwundert und im Nachhinein auch sehr verletzt hat, war die Frage, wie es zur Schwangerschaft gekommen sei. Ich konnte es mir nicht genau erklären, da wir immer verhütet hatten. Es muss also das Kondom irgendwie kaputt gegangen sein, ohne dass wir es bemerkt hatten.

Die Frau der Beratungsstelle wollte mir aber einreden, dass ich unbewusst schwanger werden wollte, weil ich mit meiner momentanen Situation unzufrieden sei. Sie sagte, dass viele Frauen in solchen Moment schwanger würden und dann in diesem Kind ihr Glück fänden.

So wurde mir ein unfassbares Schuldgefühl eingeredet, was mich auch lange nach dem Abbruch noch begleitet hat. Bei der Verabschiedung fragte sie mich dann auch mehr oder weniger direkt, ob ich den Beratungsschein denn wirklich benötigte, weil ich das Kind eigentlich ja haben wolle. Unbewusst hätte ich mich schließlich für die Schwangerschaft entschieden.

Von meiner Entscheidung bin ich nicht abgewichen. Aber auf Grund der Beratung ging es mir vor, währenddessen und nach dem Abbruch wesentlich schlechter und ich hatte lange Zeit mit den Worten der Beraterin zu hadern.

– Alle Protokolle wurden zum besseren Verständnis redaktionell bearbeitet, ohne Sinn und Inhalt zu verändern. –

Habt ihr schlechte Erfahrungen in Beratungsstellen gemacht und wollt uns davon erzählen? Dann schreibt unserer Reporterin eine Email an juliane.loeffler@buzzfeed.com oder meldet euch unter 030 275 908 66.

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