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Spargel: Undercover-Recherche zeigt niedrige Löhne und Intransparenz bei Thiermann

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Spargel-Fotos und Innenräume sowie eine Hand mit Blasen.
Unser Reporter hat eine Woche lang undercover für Spargelkönig Thiermann gearbeitet – und deckte ein intransparentes System, niedrige Löhne und Corona-Verstöße auf. © Montage: BuzzFeed News

Nettolöhne von sechs Euro pro Stunde, bar auf die Hand: Unsere Undercover-Recherchen legen Ausbeutung bei Spargelkönig Thiermann nahe. Ein Arbeitsrechtler sieht „starke Indizien“, dass der Betrieb den Mindestlohn nicht einhält. Dieser dementiert die Vorwürfe.

von ŁUKASZ GRAJEWSKI und JONAS SEUFERT

Einer nach dem anderen kommt aus der Tür, in der Hand je ein kleines Bündel Geldscheine. Die jungen Männer haben die Feldklamotten gegen Sportjacken und Röhrenjeans getauscht, die Arbeit ist getan. Auf dem Parkplatz des Betriebs „Thiermann“ in Mötzow in Brandenburg warten die Minibusse und Autos, die sie zurück nach Polen und Rumänien bringen werden. Im Büro bekommen die Arbeiter ihren Lohn, dann reisen sie ab. Es ist kalt, es regnet, alle haben es eilig. 

Dann bin ich dran. 

Ich gehe die Treppe hoch, hinein in das Büro, am Tresen sage ich meinen Namen: Łukasz Grajewski. Auf einem Blatt Papier zeigt mir die Frau, was ich verdient habe. Ich sehe die Lohnabrechnung zum ersten Mal. Ich habe eine Woche undercover in einem der größten Spargelbetriebe Deutschlands recherchiert, als polnischer Saisonarbeiter. Davon habe ich fünf Tage gearbeitet, jeweils zwischen 10 und 15 Stunden. Auf dem Zettel stehen nur vier Tage. 

„Entschuldigung, da kann etwas nicht stimmen“, sage ich auf polnisch.

„Warten Sie“, sagt die Frau und verschwindet. 

Währenddessen kommen weitere Arbeiter herein, sie unterschreiben kommentarlos, stecken das Bargeld ein und verschwinden. Niemand kontrolliert die Abrechnung, das Ganze dauert nur 30 Sekunden. 

Nach zehn Minuten legt die Frau mir eine neue Abrechnung vor, forsch zeigt sie mit dem Finger unten auf den Zettel: „Hier unterschreiben, bitte.“ Ich prüfe erneut: Mir ist nicht klar, wie sich die unterschiedlichen Tageslöhne berechnen, aber nun stimmt die Anzahl der Tage. Ich bitte um eine Kopie meines Arbeitsvertrags und meiner Lohnabrechnung. 

„Die gibt es bei uns nicht“, sagt die Frau. 

„Ich brauche die aber“, sage ich.

„Nein, das geben wir nicht raus. Wenn Sie jemanden kennen, der deutsch spricht, wenden Sie sich an das deutsche Büro.“

Ich füge mich und verlasse das Büro – ohne Dokumente und mit 226,75 Euro in bar.

Später rechne ich nach. In den fünf Tagen habe ich laut meinen eigenen Aufzeichnungen insgesamt 49 Stunden und 40 Minuten gearbeitet. Auf der Abrechnung standen 296,75 Euro, 70 Euro davon habe ich für Essen und Unterkunft gezahlt. Ohne diesen Abzug komme ich auf einen Stundenlohn von 5,97 Euro netto, der mir in bar ausgezahlt wird. Mehr als 3,50 Euro unter dem Brutto-Mindestlohn von 9,50 Euro.

Eine Woche Undercover-Recherche und Gespräche mit 27 Saisonarbeitern

Verstößt einer der größten Spargelbetriebe in Deutschland systematisch gegen den Mindestlohn? Recherchen von BuzzFeed News Deutschland zeigen, dass der Betrieb „Thiermann“ ein System der Intransparenz geschaffen hat, das es zumindest leicht machen könnte, den jährlich mindestens 1500 Saisonarbeiter:innen weniger als die gesetzlich vorgeschriebenen 9,50 Euro brutto pro Stunde zu bezahlen. Das zeigen Gespräche mit 27 polnischen Saisonarbeiter:innen des Betriebes sowie neun Mitarbeiter:innen von Beratungsstellen und Gewerkschaften. Und das zeigen auch unsere eigenen Undercover-Recherchen bei Thiermann. 

Der Betrieb lässt Arbeitsverträge, Lohn- und Arbeitszeitabrechnungen zwar unterschreiben – aber er behält sie offenbar systematisch ein. 

Keiner der Arbeiter, mit denen wir gesprochen haben, besitzt diese Dokumente, kein Berater kennt sie. „Im Jahr 2021 macht jeder seriöse Arbeitgeber einen schriftlichen Arbeitsvertrag und eine Lohnabrechnung, die er an den Arbeitnehmer herausgibt“, sagt Dr. Sven Jürgens, Anwalt für Arbeitsrecht. „Der Umstand, dass die Dokumente offenbar einbehalten werden, deutet darauf hin, dass der Betrieb etwas zu verbergen hat.“

Die Firma Thiermann antwortet auf eine detaillierte Anfrage von BuzzFeed News über eine Augsburger Anwaltskanzlei. Diese schreibt, dass die Saisonarbeiter schriftliche Arbeitsverträge erhielten und diese im Büro aufbewahrt würden. Die Verträge würden auf Wunsch auch ausgehändigt. Der Vertrag unseres Reporters ist jedoch trotz mehrfacher Nachfrage auch fast drei Wochen später nicht ausgehändigt worden.

Thiermann bezahlt viele seiner Mitarbeiter:innen nach Akkord. Geld gibt es nicht pro Stunde, sondern pro Kilo Spargel. Wer auf dem Feld schnell arbeitet und geübt ist, kann am Tag im Idealfall bis zu 200 Euro verdienen. Wir haben mit 27 Saisonarbeiter:innen gesprochen und sind dabei auf sieben konkrete Fälle gestoßen, bei denen es Hinweise gibt, dass der Mindestlohn nicht gezahlt wurde, drei weitere ergeben sich aus Lohnlisten, die wir einsehen konnten.

Polnische Arbeiterinnen aus zwei unterschiedlichen Arbeitsgruppen berichten in einzelnen Gesprächen übereinstimmend, 6,80 Euro netto die Stunde erhalten zu haben. Ein Mann, der Hilfsarbeiten auf dem Feld übernimmt, sagt, er bekomme 6,60 Euro netto die Stunde. Aus Akkordlisten, auf denen die Tageslöhne kommuniziert werden, sind für drei Rumänen Summen notiert, die einen Stundenlohn von 7,23 Euro netto ergeben. Ob Sozialabgaben gezahlt wurden? Krankenversicherung? Lohnsteuer? Kann man nicht sagen, weil niemand, mit dem wir sprechen, einen Vertrag oder eine Lohnabrechnung ausgehändigt bekommt – obwohl die Arbeiter:innen einen gesetzlichen Anspruch auf eine Lohnabrechnung haben.

Thiermann will auf Anfrage nicht auf Einzelfälle eingehen, schreibt aber, dass sich die Firma selbstverständlich „bei der Vergütung seiner Erntehelfer strikt an die gesetzlichen Vorgaben zum Mindestlohn“ halte. „Die Abzüge für Steuern und Sozialabgaben ergeben sich aus dem jeweils individuellen sozialversicherungsrechtlichen Status sowie der individuellen Steuerklasse (einschließlich steuerlicher Freibeträge) der Mitarbeiter.“ Pauschale Angaben zum individuellen Nettoverdienst ließen sich daher nicht treffen. Die Mitarbeiter seien bei der Unfallversicherung angemeldet, im Krankheitsfall gewähre Thiermann bereits ab dem ersten Tag die gesetzliche Lohnfortzahlung. Anfallende Krankenkosten übernehme Thiermann direkt.

Verstößt Thiermann gegen den Mindestlohn? Arbeitsrechtler spricht von „starken Indizien“

Thiermann hat ein System der Intransparenz geschaffen, das dem Betrieb nützt und den Arbeiter:innen schadet. Ein undurchsichtiges System, das das Machtgefälle zwischen deutschem Betrieb und ausländischen Arbeiter:innen verstärkt. Wie sollen polnische, rumänische oder ukrainische Arbeiter:innen gerechte Löhne einfordern, wenn sie nicht einmal Dokumente ausgehändigt bekommen, auf denen ihre Arbeitszeit und der Lohn vermerkt ist? 

Eva Kocher Portrait
„Die niedrigen Löhne sind allemal erklärungsbedürftig“, sagt Eva Kocher, Professorin für Arbeitsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. © olusegun adekanye (SHAGGY) / b7k

Eva Kocher, Professorin für Arbeitsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, sieht darin auch ein rechtliches Problem. „Man kann nicht sicher sagen, ob es sich um Mindestlohnverstöße handelt, weil nicht klar ist, welche Abzüge der Betrieb macht“, sagt sie. „Aber diese niedrigen Löhne sind allemal erklärungsbedürftig.“ Ähnlich sieht das der Berliner Arbeitsrechts-Anwalt Sven Jürgens, dem wir genauso wie Kocher unsere Recherchen vorgelegt haben. „Das sind starke Indizien, dass es sich bei den gezahlten Löhnen um Mindestlohnverstöße handelt,“ sagt er. Der Mindestlohn sei so gestaltet, dass er in der Regel fast vollständig beim Arbeitnehmer ankommen sollte. „Bei gezahlten Netto-Stundenlöhnen zwischen 6 Euro und 7,50 Euro muss der Arbeitgeber schon erklären, warum das so wenig ist.“ Thiermann widerspricht dieser Einschätzung: „Es gibt keinerlei Indizien für Mindestlohnverstöße. Der Unterschied zwischen dem Brutto-Mindestlohn von € 9,50 und dem ausbezahlten Netto-Entgelt ist eine Folge der individuellen Steuer- und Sozialversicherungs-Abzüge.“

Das einzige offizielle Dokument, das Thiermann an seine Arbeiter:innen herausgibt, ist ein einseitiger Anhang zum Arbeitsvertrag. Auf der A4-Seite steht, dass Thiermann sich an den gesetzlichen Mindestlohn hält. Zudem, dass die Arbeiter:innen den jeweiligen Tageslöhnen zustimmen, wenn sie die Löhne nicht innerhalb von einem Tag reklamieren. 

Kocher und Jürgens halten diesen Absatz für unwirksam. „Die Verjährungsfrist beim Mindestlohn beträgt laut Gesetz drei Jahre, darauf kann nicht verzichtet werden“, sagt Kocher. „Die Arbeiter sollen hier offensichtlich von einer genaueren Überprüfung abgehalten werden.“ Auch Jürgens sagt: „In meinen Augen dient diese Klausel vor allem der Abschreckung der Saisonkräfte.“ Thiermann antwortete nicht auf konkrete Fragen zu diesem Vertragsanhang. 

Arbeitsrechts-Anwalt Sven Jürgens
„Das sind starke Indizien, dass es sich bei den gezahlten Löhnen um Mindestlohnverstöße handelt,“ sagt der Berliner Arbeitsrechts-Anwalt Sven Jürgens. © Sven Jürgens

Und auch an anderer Stelle nimmt es Thiermann offenbar mit mit der Durchsetzung von Vorschriften nicht ganz so ernst: Im Brandenburger Teil des Betriebs Thiermann wurden Corona-Regeln mehrfach nicht durchgesetzt. Arbeiter:innen trugen keine Masken, Abstände wurden nicht eingehalten, Quarantänegruppen gebrochen, während zeitgleich an einem anderen Standort des Betriebs in Niedersachsen mehr als 100 Saisonarbeiter:innen mit Covid-19 infiziert waren. Thiermann schreibt, es bestand und bestehe für alle Thiermann-Betriebe „ein detailliertes Hygienekonzept. Bei konkreten Infektionen haben wir eng und vertrauensvoll mit den zuständigen Gesundheitsbehörden zusammengearbeitet, deren jeweilige Anweisungen maßgeblich sind.“

Thiermann ist nicht der einzige Spargelbetrieb in Deutschland, gegen den Saisonarbeiter:innen Vorwürfe erheben. In Gesprächen mit Beratungsstellen in sechs Bundesländern erfahren wir von 13 unterschiedlichen Betrieben, in denen es Missstände geben soll: Heruntergekommene Unterkünfte, falsch dokumentierte Arbeitsstunden, hohe Abzüge für Verpflegung und Unterkunft. Und immer wieder: Ein mögliche Bezahlung unter dem Mindestlohn. Der Zoll hat im Jahr 2020 wegen Verstößen gegen das Mindestlohngesetz insgesamt 93 Verfahren gegen landwirtschaftliche Betriebe geführt und Bußgelder in Höhe von 150.000 Euro verhängt – mehr als in allen Jahren zuvor. Ob Thiermann darunter ist, verraten die Beamten nicht: Steuergeheimnis und Sozialdatenschutz. Thiermann schreibt, seine Betriebe würden mehrmals jährlich vom Zoll unangemeldet überprüft. „Ebenso werden regelmäßig Sozialversicherungsprüfungen und Lohnsteuerprüfungen durchgeführt.“ Bei all diesen Prüfungen „gab und gibt es keinerlei Beanstandungen“, schreibt Thiermann.

Die Initiative Faire Landarbeit, ein Zusammenschluss aus Beratungsstellen und Gewerkschaften im gesamten Bundesgebiet, hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben bei Feldbesuchen mit rund 2500 Saisonarbeiter:innen gesprochen. „Die Höhe der Löhne ist eine der ganz zentrale Beschwerden bei den Besuchen und in der Beratung“, sagt Benjamin Luig, Koordinator der Initiative. Viele Beschäftigte verdienten weniger als erwartet – oder versprochen. „In manchen Fällen gehen Beschäftigte am Ende des Monats mit Summen um die 1000 Euro nach Hause, die nicht mehr viel mit dem Brutto-Mindestlohn zu tun haben.“ 

Benjamin Luig Portrait
„Die Höhe der Löhne ist eine der ganz zentrale Beschwerden bei den Besuchen und in der Beratung“, sagt Benjamin Luig, Koordinator der Initiative Faire Landarbeit. © Benjamin Luig

Der Spargelbetrieb Thiermann ist bekannt in Polen: 10.000 Kommentare aus zwölf Jahren

Der Betrieb Thiermann ist unter polnischen Saisonkräften bekannt. In einem polnischen Forum finden sich mehr als 10.000 Kommentare aus zwölf Jahren. Es sind positive dabei, pünktliche Bezahlung, saubere Unterkünfte. Es finden sich aber auch viele negative. 

„Man weiß nicht, bis wann man arbeitet und für wie viel. Man sollte jeden Tag Abrechnungen bekommen, damit man das überprüfen kann, aber das gibt es nicht. Und seien wir mal alle ehrlich... Wer legal arbeiten will, es ist nicht diese Firma... weil sie keinen Vertrag gibt.“

„Vieles hängt vom Preis pro Kilogramm ab, der vom Büro festgelegt wird.“ Der Lohn liege zwischen 50 und 120 Euro, abhängig vom Feld, der Arbeitszeit, dem Tempo der Abholung.

„Sie behandeln dich unter dem Niveau der Menschenwürde, wie einen Hund, der 24 Stunden am Tag arbeiten muss und keine Freizeit hat.“

Auf konkrete Einzelfälle wollte Thiermann in seiner Antwort an BuzzFeed News nicht eingehen.

Wir recherchieren immer wieder zu prekären Arbeitsbedingungen von osteuropäischen Arbeitsmigrant:innen in Deutschland. Oft steht am Ende Aussage gegen Aussage – die Arbeiter:innen machen Vorwürfe, der Betrieb dementiert, die Beleglage ist dünn, weil es wenige Dokumente gibt. Journalist:innen haben in der Regel keinen Zugang zum Arbeitsplatz. Auch gegen die „Thiermann-Gruppe“ haben Medien Vorwürfe erhoben, doch der Betrieb wies sie knapp zurück. Um den Hinweisen nachzugehen, wollen wir die Arbeitsbedingungen selbst vor Ort dokumentieren. Also recherchiert Łukasz verdeckt, als Saisonarbeiter.  

Die Ankunft auf dem Spargelhof: Geld gibt es pro Stunde

Ein Anruf bei der richtigen Nummer und akzentfreies polnisch, das genügt mir für einen Job als Saisonarbeiter bei Thiermann. Der Betrieb rekrutiert seine Arbeiter:innen selbst, es gibt eine Webseite auf polnisch und rumänisch. Am Telefon bestätigt eine Angestellte, dass im Akkord bezahlt werde. Geld gibt es pro Kilo, nicht pro Stunde. 

„Ein erfahrener Arbeiter verdient bis zu 100 Euro am Tag“, sagt sie. „Ein Anfänger nur 50 Euro.“ Bei acht Stunden Arbeitszeit könnten das weniger als der Mindestlohn sein.

„Sie wissen, dass das harte Arbeit ist?“, sagt die Frau am Ende des Gesprächs.

„Ich weiß“, antworte ich.

„Gut, dann kommen Sie am Freitag.“

Meine Arbeit beginnt dort, wo sie eine Woche später zu Ende geht: Im Mitarbeiter-Büro im brandenburgischen Mötzow. Ich betrete den Raum, fülle einige Zettel mit persönlichen Angaben aus, dann streckt mir eine Frau einen dünnen Stapel Papier entgegen: Mein Arbeitsvertrag. Zeit zum Lesen habe ich nicht. Mit der einen Hand hält die Frau die obere Hälfte zu, mit der anderen blättert sie unten Seite um Seite auf und zeigt mir, wo ich unterschreiben soll. Den Vertrag behält sie, die letzte Seite reißt sie heraus und reicht sie mir über den Tresen.

Thiermann schreibt auf Anfrage, dass selbstverständlich „bei Unterzeichnung des Arbeitsvertrages keine Stellen abgedeckt“ werden. „Dem Erntehelfer wird lediglich von Mitarbeitern des Personalbüros gezeigt, wo die Unterschrift zu erfolgen hat.“

Am Ende bekomme ich im Büro drei Masken und eine Flasche Desinfektionsmittel. Einen negativen Corona-Test habe ich am Vortag bereits gemacht. Die nächsten zehn Tage, sagt die Frau, werde ich in Gruppenquarantäne mit meiner Arbeitsgruppe verbringen. Das soll einen flächendeckenden Ausbruch verhindern, falls sich einzelne Mitarbeiter:innen infizieren. Es wird anders kommen, ich werden in unterschiedlichen Gruppen an unterschiedlichen Orten arbeiten. 

Ein Fahrer bringt mich zu den Unterkünften einige Kilometer weiter. Am Rand einer Landstraße stehen drei längliche Reihenhäuser im Wald, dahinter beginnen die Spargelfelder. Am Eingang steht ein Schild: Privatgelände. Außer den Saisonarbeitern, scheint mir, wohnt hier niemand. Die Zimmer sind klein, spartanisch eingerichtet, rechts ein Doppelbett, links ein einzelnes, wegen Corona teilen sich dieses Jahr nur zwei Mitarbeiter ein Zimmer. Am Fußende zwei alte Kühlschränke, in der Mitte ein Tisch. Küchen und Bäder teilen wir uns mit zehn Kollegen. Überall liegt Staub und Sand von den Spargelfeldern. 9,80 Euro werden täglich jede:r Arbeiter:in für Unterkunft und Verpflegung vom Lohn abgezogen.

Heizung, T-Shirt und Fenster
Gemeinsam mit anderen Arbeitern lebt unser Autor eine Woche auf dem Spargelhof der Firma Thiermann in Mötzow. © Lukasz Grajewski / BuzzFeed News Deutschland

Die Arbeiter, merke ich in den folgenden Tagen, verlassen das Gelände nur zum Einkaufen. Sie gehen nicht spazieren, sie gehen nicht an den nahe gelegenen See. Es kommt aber auch niemand sonst auf das Gelände. Wir leben isoliert im Wald.

Am Abend komme ich mit zwei polnischen Kollegen ins Gespräch. Sie kommen in der 13. Saison zu Thiermann. In Polen nehmen sie dafür Urlaub. „Man kann viel verdienen, wenn man die ganze Saison von April bis Juni arbeitet, können es bis zu Zehntausend Euro sein“, sagt der eine. Ich sage, dass ich zum ersten Mal da bin. Die beiden nicken anerkennend. „Du musst morgens gut essen“, sagt der andere. „Du musst dich an die Schmerzen gewöhnen. Du musst eine starke Psyche haben. Und du musst hart arbeiten, sonst verdienst du hier kein Geld.“

Thiermann ist einer der größten Spargelbetriebe und beliefert die großen Supermärkte

Der Betrieb Thiermann gilt als einer der größten Spargelbetriebe in Deutschland. Der Chef: Heinrich Thiermann, 78 Jahre alt, rundes Gesicht, Schiebermütze, strenger Blick. Für seine Arbeit erhält er viel Anerkennung. Medien bezeichnen ihn gerne als „Spargelkönig“. 2018 verlieh der brandenburgische Ministerpräsident Woidke Heinrich Thiermann den Landesverdienstorden. Er sei ein erfolgreicher Landwirt und vorbildlicher Förderer des gesellschaftlichen Lebens in der Region. Einem Medienbericht zufolge hat Heinrich Thiermann den Betrieb 1964 von seinen Eltern übernommen. Aus einem mittelgroßen Schweinemastbetrieb in Niedersachsen hat er über die Jahrzehnte ein Spargel-Imperium aufgebaut.

Stammsitz des Betriebs ist Scharringhausen, rund 80 Kilometer nordwestlich von Hannover. Aber Thiermann baut auch in Brandenburg Spargel an, in Mötzow und in Kloster Lehnin, keine 100 Kilometer westlich von Berlin. 

Portraits zeichnen ein besonnenes Bild von Heinrich Thiermann, der aber auch aufbrausend werden kann, wenn etwas nicht funktioniert. Nach der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 beschwerte er sich im Magazin stern: Die Politik habe aus seinem Betrieb eine „Papierfabrik“ gemacht, alleine sechs Büroangestellte müssten sich um den Mindestlohn kümmern. In der Berliner Zeitung drohte er damit, dass er mit seinen Feldern nach Rumänien abwandern müsse. Aktuell streitet er mit dem Landratsamt um einige Hundert Hektar Spargelfelder in Brandenburg, die Thiermann laut der Behörde ohne Genehmigung in einem Vogelschutzgebiet angelegt hat. Thiermann schreibt, es gebe „inzwischen erfolgversprechende Mediationsgespräche“.

Spargelernte in Niedersachsen
Heinrich Thiermann leitet eine ganze Gruppe an Spargel- und Fruchtbetrieben. Der 78-Jährige sagt, er bezahle stets mindestens den Mindestlohn. © Ingo Wagner/dpa

Wenn es um die Bezahlung seiner Saisonarbeiter geht, ist Thiermann wortkarger. Vor einigen Wochen berichtete unter anderem die Deutsche Welle über Arbeiterinnen, die sich in der Corona-Quarantäne im Betrieb im niedersächsischen Kirchdorf eingesperrt fühlten und weniger als sieben Euro die Stunde ausgezahlt bekämen. Thiermann versicherte in der regionalen „Kreiszeitung“ knapp: Alle Arbeiter würden nach dem Mindestlohn bezahlt. Auch auf unsere Anfrage hin geht er nicht auf Einzelfälle ein, sondern verweist allgemein darauf, dass sich die Firma selbstverständlich an alle gesetzlichen Vorgaben zum Mindestlohn halten würde.

2019 veröffentlichte der rbb einen Bericht, wonach auf dem Brandenburger Betrieb ukrainische Studierende als „Praktikanten“ arbeiteten, in Wahrheit aber die gleiche Arbeit machten wie andere Saisonarbeiter:innen. Der Vorwurf: Thiermann wolle den Lohn drücken. Thiermann dementierte. Der Beitrag des rbb ist nicht mehr online. Thiermann schreibt, der Betrieb habe lediglich im Jahr 2019 ukrainische Studenten als Praktikanten beschäftigt. „Zum Lehr-bzw. Studienplan in der Agrarwirtschaft gehören auch praktische Arbeiten. Die Bezahlung der Praktikanten erfolgte nach dem gesetzlichen Mindestlohn.“

Der Betrieb „Thiermann“ ist in Wahrheit nicht ein einzelnes Unternehmen. Die Familie Thiermann herrscht über ein Geflecht aus mindestens zehn Firmen, sie baut laut Geschäftsberichten neben Spargel auch Heidelbeeren und Getreide an, mästet Schweine, verwaltet Immobilien, produziert Strom. In Mötzow, wo ich als Saisonarbeiter recherchiere, sitzt etwa die „Domstiftsgüter Brandenburg Spargel u. Beerenfrüchte GmbH & Co. KG“. Mein Arbeitsvertrag läuft über die „Spargelhof Beelitz GmbH & Co. KG“. Thiermann beschäftigt aktuell nach eigenen Angaben mehr als 1500 Saisonarbeiter in seinen Betrieben in Niedersachsen und Brandenburg. 

Thiermann hat Medienberichten zufolge in der Vergangenheit Spargel an große Supermarktketten geliefert, etwa Lidl und Aldi. In Supermärkten in Leipzig finden wir Spargel von einer Vertriebsgesellschaft, deren Firmenadresse identisch mit einem Thiermann-Betrieb ist. Er ist besonders günstig. Bei Netto kostet das Kilo 6,66 Euro, bei Aldi nur 5,33 Euro.

Tag 1 auf dem Spargelhof: Wannen statt Felder

Ich dachte, ich würde Spargel stechen. Stattdessen stehe ich am ersten Tag um sechs Uhr morgens unter einem riesigen Pavillon-Dach. Etwa 200 rechteckige Wannen reihen sich darunter, jede einzelne so groß, dass mehrere Menschen hineinpassen würden.

Unsere Aufgabe: Die Spargelkisten, die frisch vom Feld kommen, annehmen, scannen, in die Wasser-Bottiche stellen, nach ein paar Stunden wieder herausnehmen, in die Halle bringen. Dort sortieren Arbeiter:innen am Fließband die weißen Stangen. Jede Wanne fasst 18 Kisten Spargel, jede Kiste wiegt 20 bis 25 Kilo.

Dann kommen meine Kollegen, neun kräftige Polen, die den Job seit Jahren machen. Zwei ältere Rumänen, die mit mir anfangen, geben nach ein paar Minuten auf. Die Kisten seien zu schwer, signalisieren sie mit ihren Händen, sie wollten lieber aufs Feld, um Spargel zu stechen. Die Polen schauen sie mit Verachtung an.

Ich versuche, dem Rhythmus der Kollegen zu folgen – Wannen fluten, Kiste heben, Kiste absetzen – aber ich bremse das Tempo. Jedes Mal überlege ich, was als nächstes kommt. Bei meinen Kollegen sitzt jeder Handgriff perfekt.

Um 7 Uhr die erste kurze Pause. Die Männer nehmen mich mit zu ihren Wohnungen, die direkt neben der Halle liegen. Sie nennen sie „Pathologie“. Die Bewohner der Pathologie nehmen für sich in Anspruch, am meisten zu arbeiten – und am meisten zu trinken, deshalb der Name. Sie machen anzügliche Kommentare über die Frauen, die in der Halle arbeiten. Auf die Saisonarbeiter auf dem Feld schauen sie verächtlich herab.

In der ersten Pause gibt es auch den ersten Wodka aus dem Schnapsglas. Einer macht Kaffee und dreht die Musik auf volle Lautstärke. Ein heftiger Remix von David Guetta, dröhnender Bass, der Beat prescht nach vorn. Nach ein paar Minuten müssen wir zurück an die Arbeit.

Ein paar Stunden später kommt der Vorarbeiter auf mich zu. Er sagt mir, dass ich 500 Euro die Woche verdienen könne. Eine Woche mit sieben Arbeitstagen, zwischen acht und 13 Stunden pro Tag. Die Arbeiter selbst wissen nicht, wie viel sie am Ende bekommen werden. Einer sagt, es werden heute sicherlich mehr als 100 Euro sein. Ein anderer sagt: „Ich arbeite jetzt seit zwei Wochen hier und habe noch keine Abrechnung gesehen.“ Die offizielle Regel laut Vorarbeiter: Alle bekommen 35 Euro pro Tag plus einen Akkordlohn, den wir uns als Gruppe verdienen. Je mehr Kisten wir schleppen, je mehr Wannen wir fluten und ablassen, desto mehr Geld bekommen wir am Ende – alle zusammen. 

Erntehelfer für Spargelernte gesucht
Bei Spargelkönig Thiermann werden osteuropäische Saisonarbeiter pro Kilo Spargel bezahlt. Manche Löhne sind auffallend niedrig. © Silas Stein/dpa

Thiermann schreibt auf Anfrage, er zahle seinen Mitarbeitern über den Mindestlohn hinaus Leistungsprämien, „die bei routinierten Mitarbeitern zu einer deutlichen Aufstockung ihres Verdienstes führen“. 

Die Arbeit geht bis zum Abend: Kiste heben, Kiste abstellen, Becken fluten, Becken ablassen. Das Wasser, das dann aus den Wannen schießt, steht uns kurz bis zu den Knöcheln. Wir tragen alle Gummistiefel. Um 20 Uhr kann ich nicht mehr, ich bin erschöpft  und kann die schweren Kisten kaum noch stapeln. Wir arbeiten mit kurzen Pausen seit 14 Stunden. Der Vorarbeiter scherzt. „Lukasz wird wahrscheinlich morgen nicht zu uns kommen!“ Um 21 Uhr bringt uns der Bus endlich zurück in die Unterkunft.

Am zweiten Tag geht es besser. Ich gewöhne mich an den heftigen Lärm in der Halle. Das Wasser rauscht durch die Schläuche, die Maschinen dröhnen, Laster und Busse kommen und fahren, meine Kollegen schreien. Im Hintergrund läuft laute Musik: Polnische Schlager, Techno, Rap. Ein Kollege zieht eine Stange Spargel aus einer Kiste und zeigt sie mir. Er sagt nur ein Wort: „Geld.“

In einer Pause am Nachmittag fallen alle auf ihre Betten und Stühle. Auf dem Tisch stehen Kekse und Kaffee. Das Zimmer riecht nach Käsetoasts. Und für einen Moment ist es ganz still, keine Musik, wir schweigen. Es ist der schönste Moment dieser Woche.

Nach ein paar Tagen fällt mir auf: Ich habe bisher noch keine Deutschen getroffen. Die Wannen-Arbeiter sind Polen, in der Halle arbeiten Pol:innen und Rumän:innen. 

Spargelstecher: Erst Polen, dann Rumänen, jetzt Georgier

Die Rekrutierung von Saisonarbeiter:innen verschiebt sich seit Jahren weiter nach Osten. 2005 bezeichnete die WELT den Stammbetrieb von Thiermann in Niedersachsen noch als „Klein-Warschau“, weil im Frühling so viele polnische Arbeiter:innen kamen. Mittlerweile arbeiten vor allem Rumän:innen bei Thiermann. Die Arbeiter:innen aus Polen, mit denen wir sprechen, kommen meist seit mehreren Jahren. Einige leiten als Vorarbeiter:innen nun andere an.

Die Verschiebung geht aber noch weiter. Dorthin, wo die Löhne niedriger und die Armut größer ist. Die Löhne in Polen und auch in Rumänien sind gestiegen. Immer weniger Menschen sind deshalb bereit, zu den Bedingungen der Betriebe zu arbeiten. Berater:innen für mobile Beschäftigte haben in den vergangenen Jahren vermehrt Arbeiter:innen aus der Ukraine auf den Feldern getroffen. In diesem Jahr dürfen über eine Vereinbarung der Bundesagentur für Arbeit erstmals rund 5.000 Saisonarbeiter:innen aus Georgien in der Landwirtschaft arbeiten. Es soll 80.000 Bewerbungen gegeben haben.

Mit den ersten warmen Tagen steigt für die Spargelbetriebe der Druck. Ob die Ernte gut ausfällt, hängt von der Witterung ab. Wie viele warme Tage gibt es? Wie viel regnet es?

Es hängt aber auch davon ab, ob der Betrieb genügend Saisonarbeiter:innen rekrutieren kann. Denn die Spargelernte ist Handarbeit, jede Stange muss gestochen, auf dem Hof gewaschen, geschnitten und in Güteklassen eingeteilt werden. Nicht für alles gibt es Maschinen.

Vergangenes Jahr haben die Spargelbauern wegen der Coronakrise wohl nur einen Bruchteil ihrer Ernte einfahren können. Die Grenzen waren zunächst dicht. Schließlich konnten doch noch 80.000 Saisonarbeiter:innen per Flugzeug kommen. Auch Thiermann ließ Charterflüge aus Rumänien einfliegen. Dieses Jahr sind die Grenzen offen, es war Zeit für Planung, doch Corona-Auflagen gibt es noch immer. 

Saisonarbeiter:innen dürfen laut Gesetz 70 Tage im Jahr sozialversicherungsfrei beschäftigt werden. Bundestag und Bundesrat verlängerten diese Zeit in diesem Jahr auf 102 Tage. Die Begründung: Ausgerechnet Corona. So könnten die Menschen länger bleiben, es bräuchte insgesamt weniger Saisonarbeiter:innen, also weniger Reisen.  

Sozialversicherungsfrei heißt: Die Betriebe müssen keine Beiträge für die Kranken- oder Rentenversicherung zahlen, lediglich einen Pflichtbeitrag zur Unfallversicherung. Es kann also sein, dass Saisonarbeiter:innen nicht krankenversichert sind, wenn sie auf den Spargelfeldern arbeiten. Einige Betriebe schließen deshalb günstige Krankenversicherungen für rund 50 Cent pro Arbeiter:in und Tag ab – aber sie sind in diesem Jahr noch freiwillig. Ab 2022 soll sich das ändern. 

Dabei wäre ein Krankenversicherungsschutz für alle Saisonarbeiter:innen gerade während der Coronakrise wichtig. Die Gewerkschaft IG BAU schätzt, dass sich im Frühjahr 2020 mehr als 300 Saisonarbeiter:innen mit Covid-19 infiziert haben. Die Unterkünfte sind klein, während der Arbeit kommt es immer wieder zu beengten Situationen, etwa in den Transportbussen. Trauriger Höhepunkt im vergangenen Jahr: Der Tod eines Arbeiters in einem Spargelbetrieb in Südbaden.

In meinem Bett soll zuvor jemand positiv getestet worden sein

Auch als ich meinen Mitbewohner kennen lerne, kommen wir sofort auf Corona zu sprechen. Noch bevor er mich richtig begrüßt, weist er mich darauf hin, dass in meinem Bett vorher jemand positiv getestet wurde. Dem Landratsamt Potsdam-Mittelmark, in dem die beiden Thiermann-Betriebe in Mötzow und Lehnin liegen, waren am 20. Mai zwei Corona-Fälle bei Thiermann bekannt.

Ich erfahre, dass mein Mitbewohner ebenfalls in Quarantäne kam. Er sagt, er habe sich schwach gefühlt und den Geruchssinn verloren. Aber sein Test sei negativ gewesen. Das Schlimmste für ihn: Er habe in den neun Tagen kein Geld verdienen können, sagt er. Die Firma habe in der Zeit lediglich die Kosten für Unterkunft und Verpflegung übernommen, die den Arbeiter:innen sonst vom Lohn abgezogen werden – 9,80 Euro pro Tag. Thiermann äußert sich auf unsere Nachfrage nicht zu dem konkreten Einzelfall, betont aber, dass im Krankheitsfall stets vom ersten Tag an die gesetzlich vorgeschriebene Lohnfortzahlung beginne.

Es scheint mir in den folgenden Tagen, als existierten die Corona-Regeln oft nur auf den Papieren, die an den Zimmertüren hängen. Der Betrieb kontrolliert sie nicht regelmäßig. Die Arbeiter finden sie lästig. „Wir kommen zum Arbeiten, nicht um in unseren Zimmern zu sitzen.“ So oder so ähnlich höre ich es immer wieder.

In der Nacht dringt das Husten der Kollegen durch die dünnen Wände zu mir. Schwer zu sagen, ob das von den staubigen Feldern kommt, von den vielen Zigaretten – oder vom Coronavirus. Sie melden sich nicht, weil sie nicht in Quarantäne wollen. Viele Arbeiter scherzen über das Virus. Wenn einer hustet, sagen sie: „Was, Corona?“ Oder: „Du Mutant!“

Am schlimmsten ist es in den Bussen zum Feld. Viele Arbeiter tragen keine Masken. Oder sie tragen sie am Kinn oder unter der Nase. Als ein anderer Bus eine Panne hat, nimmt unser Fahrer eine Gruppe Rumänen mit zum Feld. Es ist gerammelt voll, kein Abstand, kaum Masken. Der polnische Vorarbeiter ruft: „Masken auf oder zurück nach Rumänien!“ Er selbst trägt keine Maske. 

„Für alle Thiermann-Betriebe bestand und besteht ein detailliertes Hygienekonzept“, schreibt Thiermann. Der gesundheitliche Schutz der Arbeiter habe dabei oberste Priorität. Auf konkrete Fragen zu den beschriebenen Situationen ging Thiermann in seinen Antworten nicht ein.

151 infizierte Saisonarbeiter:innen im niedersächsischen Kirchdorf: „Wie im Arbeitslager“

Zur gleichen Zeit infizieren sich rund 300 Kilometer weiter im niedersächsischen Betrieb von Thiermann immer mehr Saisonarbeiter:innen mit dem Coronavirus. Der erste Fall tritt laut Thiermann am 18. April auf, schnell sind mehr als 100 Infektionen bekannt. Zum Zeitpunkt des Ausbruchs arbeiten mehr als 1000 Saisonkräfte in dem Betrieb. Die Behörde ordnet eine Quarantäne an. Die Nicht-Infizierten kommen in eine Arbeitsquarantäne, sie können weiter Spargel ernten, dürfen sich aber nur zwischen dem Arbeitsplatz und der Unterkunft bewegen. Aber einige Arbeiter:innen weigern sich. „Wir haben Angst, uns anzustecken und wollen nicht mehr in der Halle arbeiten“, sagt Maria Nowak (Name geändert) später im Gespräch mit mir am Telefon. „Hier ist es wie in einem Arbeitslager.“

Spargelernte bei Kirchdorf
Plastikmeere in der deutschen Provinz: Auf den Höfen der Firma Thiermann arbeiten jedes Jahr mehr als 1500 osteuropäische Saisonarbeiter. Einige beschweren sich über die Bedingungen. © Silas Stein/dpa

Einige Frauen wenden sich an Beratungsstellen, Deutsche Welle und Taz berichten. Erst am 14. Mai löst sich die Situation für einen Teil der Frauen auf, nachdem der polnische Konsul mit Heinrich Thiermann und dem Gesundheitsamt spricht

Die Öffentlichkeit soll davon möglichst wenig mitbekommen. Eine Sicherheitsfirma behindert am Tag des Gesprächs mit dem Konsul ein Team des ZDF. Eine Journalistin veröffentlicht die Aufnahmen via Twitter. Am Ende, als die Journalist:innen abgereist sind, erhält die Gruppe von etwa 30 Frauen ihr Geld und kann nach Polen zurückkehren. Unter ihnen auch Maria Nowak. Sie sagt, sie habe etwas mehr als 2200 Euro für zwei Monate Arbeit bekommen. Ihre Stunden hat sie nicht regelmäßig notiert. Thiermann habe die Frauen aber auch für die zwei Wochen bezahlt, in denen sie nicht gearbeitet haben.

Wir stehen mit insgesamt sechs Frauen aus drei Arbeitsgruppen in Kirchdorf in Kontakt. Keiner der Frauen wurden Arbeitsverträge oder Lohnabrechnungen ausgehändigt. Per Telefon informieren sie uns über Tageslöhne und Arbeitszeiten. Sie geben an, in Gruppen von zwölf Personen mit identischen Arbeitszeiten und Löhnen gearbeitet zu haben. Fotos von vor Ort aushängenden Tagesabrechnungen belegen das. Im Schnitt ergibt sich ihren Angaben zufolge ein Stundenlohn von 6,80 Euro netto vor Abzügen für Unterkunft und Essen. Auf einem Zettel hat eine der Frauen Arbeitszeiten und Tageslöhne notiert. An neun Tagen hat sie nach eigener Aussage je acht Stunden gearbeitet und dafür jeweils 57,80 Euro bekommen. Ein Stundenlohn von 7,23 Euro netto. Auf Fragen zu konkreten Einzelfällen wollte Thiermann nicht antworten.

Die Frauen kommen nach eigenen Angaben seit vielen Jahren zum Arbeiten nach Kirchdorf.  Ola Kowalska sagt, sie habe im vergangenen Jahr eine Arbeitsbescheinigung und ein Steuerdokument im Büro verlangt. Sie habe die Dokumente nicht bekommen, stattdessen habe die Mitarbeiterin ihr gedroht. „Sie hat gesagt: Wenn du Dokumente willst, dann kannst du im nächsten Jahr nicht mehr hier arbeiten.“ Kowalska sagt auch, sie habe ihre Vorarbeiterin 2020 auf den deutschen Mindestlohn angesprochen. „Sie hat geantwortet: Deutschland hat seine Gesetze, wir haben unsere eigenen.“ Auf konkrete Fragen hierzu antwortete Thiermann nicht.

Eine Woche später erzählt Kowalska am Telefon, dass sie ebenfalls positiv auf das Coronavirus getestet worden sei – einen Tag vor ihrer geplanten Abfahrt. Sie sei in Quarantäne, habe Probleme mit der Atmung gehabt, Schmerzen bis in die Fingerspitzen. „Ich weiß nicht, wie das enden wird“, sagt sie. „Ich will einfach nur weg.“ Bis zum vergangenen Freitag hatten sich nach Angaben des niedersächsischen Landkreises Diepholz insgesamt 151 Mitarbeiter:innen von Thiermann mit Covid-19 infiziert.

Tag 4 auf dem Spargelhof: Endlich aufs Feld, für 50 Cent pro Kilo

Nach drei Tagen wechsle ich trotz Gruppenquarantäne die Gruppe. Ich soll aufs Feld, Spargel Stechen. Thiermann schreibt auf Anfrage, dass ich nur ausnahmsweise und „unter Einhaltung des Hygienekonzepts“ in eine andere Gruppe gewechselt sei, da meine erste Aufgabe „für einen nicht geübten Arbeiter“ zu anspruchsvoll gewesen sei. 

Ich stehe um 5.30 Uhr auf, mein Mitbewohner schärft da bereits sein Stechmesser. Je schärfer, desto glatter die Stiche, desto schneller die Arbeit, desto mehr Geld. Auf dem Feld zahlt Thiermann nach Akkord, Gesprächen mit Mitarbeiter:innen zufolge sind es Anfang Mai zwischen 43 und 50 Cent pro Kilo. 

Die Gewerkschaft IG BAU hat eine simple Rechnung aufgemacht: Würde man einem Arbeiter drei Euro pro Stunde mehr zahlen, würde der Kilopreis im Laden nur um 30 Cent steigen – wenn ein Arbeiter zehn Kilo pro Stunde sticht, was sehr wenig ist. 

Die Felder von Thiermann sind riesig, Meere aus Plastik. Hunderte Meter schieben sich die Erdwälle durch die Landschaft, einer neben dem anderen bis zum Horizont. Kurz vor Ankunft bricht Hektik aus. Die Türen des Busses gehen auf, die Arbeiter stürmen heraus, sie haben sich die längsten Bahnen mit dem meisten Spargel bereits ausgeguckt, sie nehmen die Kisten in die Hand, sie stellen die „Spargelspinne“ in Position, los geht‘s. Die „Spinne“ hebt die Folien, unter denen der Spargel wächst, automatisch an und fährt mit den Arbeitern mit.

Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Schließlich erklärt mir ein älterer Arbeiter hastig, was ich zu tun habe. Zuerst muss die Folie in die Spargelspinne. Folie von der Befestigung lösen, durch die Spinne ziehen, wieder am Holzpflock befestigen. Unter der Spinne liegt nun die Erde frei, dort soll ich den Spargel stechen. Man erkennt ihn an den feinen Rissen in der Erde, manchmal brechen auch die weiße Köpfchen durch. Den Kopf mit einer Hand greifen, mit der anderen Hand in die Erde eintauchen und etwa 30 Zentimeter unter der Erde den Spargel mit einem kräftigen Stich abschneiden. Danach das Loch mit einer Maurerkelle schließen. Mit drei kräftigen Stößen befördert der Mann drei glatte Stangen nach oben. 

Spargelfelder mit Spargelspinne vor dunklem Himmel
Die Spargel-Felder von Spargelkönig Thiermann, auf denen unser Reporter undercover gearbeitet hat. © Lukasz Grajewski / BuzzFeed News Deutschland

Ab jetzt bin ich auf mich alleine gestellt. Immer mehr Abstand entsteht zwischen mir und den anderen Arbeitern, nach einer halben Stunde bin ich allein im Plastikmeer. Das Stechen ist mühsam, ich treffe die Stangen nicht, ich breche die Köpfe ab, mein Rücken schmerzt von der gebückten Haltung. Bis zum Mittag habe ich zwei Kisten gefüllt, rund vierzig Kilo. Mein Mitbewohner hat fünf Kisten geschafft. 

Mittags essen wir in den Unterkünften. Ich hole meinen Teller, fast alle anderen kommen mit einem Topf. Wir essen Nudeln, Salat, Koteletts, Würste, so viel es geht. Polnische Frauen kochen für den Betrieb. Wer Zeit hat, wetzt sein Spargelmesser.

Wer genug sticht, verdient auch gut. Die meisten Arbeiter in meiner Gruppe haben seit Jahren Übung. Sie schaffen rund 250 Kilo am Tag, je nach Witterung. Aber was, wenn man weniger sticht? Ich schaffe 80 Kilo, das wären rund 40 Euro für etwas mehr als acht Stunden Arbeit. Der Vorarbeiter gibt regelmäßig Akkordlisten durch die Reihen, mal abends, mal auf der Rückfahrt im Bus. Einige Arbeiter notieren sich die Beträge, andere geben sie achtlos weiter. Ich entdecke darauf immer wieder Namen, hinter denen kleine Zahlen stehen. Ein paar Dutzend Kilo Spargel, 60 Euro Tageslohn.

Ich bekomme langsam Übung, aber am Nachmittag des zweiten Tages kommt der Vorarbeiter zu mir. „Scheiße, was ist das für ein Scheiß, den du da machst?“, sagt er. „Das ist verdammt kurz!“ Er zeigt auf den Spargel in der Kiste. „Würdest du den so kaufen?“ Zur Strafe soll ich am nächsten Tag nicht arbeiten, ein Tag auf dem Zimmer, ein Tag ohne Geld. „Dann zeig mir wie man richtig sticht, verdammt!“, sage ich. Der Vorarbeiter nimmt das Messer und erklärt: „Du tauchst zu nah am Spargel in die Erde, du musst weiter weg ansetzen.“ Er macht es vor und zieht jedes Mal eine pralle Stange Spargel aus der Erde. Ich bin genervt, aber ich versuche seine Anweisungen umzusetzen. Nach einer Stunde taucht er wieder auf und schaut in meine Kiste: „Na wenn du willst, kannst du es ja doch“, sagt er und lacht. „Vielleicht bleibst du ja doch bei uns?“ Es ist ein billiges Kompliment, aber es wirkt: Ich fühle mich besser. 

Thiermann schreibt, ohne Kenntnis des konkreten Sachverhaltes könne die Firma zu den geschilderten Vorgängen keine Aussage treffen. „Sicher ist jedoch, dass gegenüber Erntehelfern weder „Bestrafungen“ vorgenommen noch „Drohungen“ ausgesprochen werden. Falls diese Aussagen so getroffen wurden, handelt es sich um unwahre Tatsachenbehauptungen.“ Mögliche Gründe für die Anordnung, nicht zu arbeiten, könnten laut Thiermann eine Erkrankung oder das Erreichen der gesetzlichen Höchst-Arbeitszeit sein. „Alle Mitarbeiter von Thiermann sind gehalten, den Erntehelfern jederzeit respektvoll und freundlich zu begegnen.“ Schließlich bestehe in der Landwirtschaft bereits seit langem ein Wettbewerb der Unternehmen um gute Erntehelfer.

Der Vorarbeiter verteilt auch die Zeitabrechnungen und Akkordlisten, die die Arbeiter unterschreiben, bevor er sie wieder einsammelt. Als ich Mitte der Woche den Stundenzettel bekomme, sind die Zeit falsch notiert. Mehrere Arbeiter, mit denen ich spreche, sagen, dass die Arbeitszeiten oft nicht stimmten.

Thiermann schreibt, die Arbeitszeiten würden im Lohnbüro nach Erhebung durch die Gruppenleiter erfasst. „Diese Aufstellung der geleisteten Arbeitsstunden erhalten die Mitarbeiter zur Kenntnis und Prüfung. Sollte einmal ein Fehler unterlaufen, sind Reklamationen selbstverständlich möglich. Die Korrektur erfolgt dann umgehend.“

Um 17 Uhr bin ich mit dem Stechen fertig, aber der Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Der Vorarbeiter schickt mich los, um einige Folien wieder auf die Erdhügel zu schieben, die der Wind heruntergeblasen hat. Während ich die Folien auf die Wälle hieve, frage ich mich, ob ich für diese Arbeit überhaupt bezahlt werde. Auch die erfahrenen Arbeiter brauchen dafür eine Stunde am Tag.

Nach der Arbeit komme ich vor der Unterkunft mit einem Mann ins Gespräch, der offenbar nur Hilfsarbeiten auf dem Feld erledigt. Folien öffnen und schließen etwa. Und er ist der einzige, den ich treffe, der rein pro Stunde bezahlt wird. 6,60 Euro, sagt er, bekomme er pro Stunde ausbezahlt.

Die Arbeiter wissen, dass sie schlecht bezahlt werden. „Wir sollten 150 Euro am Tag bekommen“, sagt einer. Oder: „Ein Euro pro Kilo, damit könnten wir entspannt arbeiten.“ Das wäre der doppelte Akkordlohn. Und doch weiß kaum jemand vom Mindestlohn, auf den die Saisonarbeiter:innen Anspruch haben. In Brandenburg arbeiten jährlich mehrere Tausend Saisonarbeiter:innen in der Landwirtschaft. An die zuständigen Beratungsstellen wenden sich in der Regel nur einige Dutzend Arbeiter:innen pro Jahr. 

Für viele ist es so oder so ein guter Deal. So funktioniert das Lohngefälle zwischen Deutschland und Osteuropa. 9,50 Euro beträgt der Brutto-Mindestlohn in Deutschland. In Polen sind es etwa 3,60 Euro, in Rumänien 2,80 Euro, in der Ukraine 1,20 Euro.

Das System Thiermann: intransparent, willkürlich, auffallend schlecht bezahlt

Das System Thiermann ist komplex. Da ist die Bezahlung kurz vor Abfahrt, die den Arbeiter:innen wenig Verhandlungsspielraum lässt. Da ist der Akkordlohn, der unter den Arbeiter:innen eine Art Wettbewerb auslöst. Da sind die Zeitabrechnungen, die von den Arbeiter:innen nicht ernst genommen werden, weil sie angeblich sowieso nicht stimmen. 

Und da ist die Tatsache, dass keine:r der Arbeiter:innen, mit denen wir sprachen, Verträge, oder Lohnabrechnungen ausgehändigt bekamen. Das macht es enorm schwierig, Verstöße nachzuweisen. 

Am Ende hole ich mir Hilfe bei einer Beraterin des DGB-Projekts „Faire Mobilität“. Die Beraterin setzt ein Schreiben auf und bittet Thiermann um Vertrag und Lohnabrechnung. Bis heute gab es keine Reaktion. Auch als Journalisten haben wir Thiermann gebeten, uns die Dokumente auszuhändigen. Was in dem Vertrag stand, wie viele Stunden abgerechnet wurden, welche Abgaben Thiermann für mich bezahlt hat, all das weiß ich bis heute nicht.

Update, 10. Juni 2021

Nach Rücksprache mit Anwälten von Thiermann haben wir in folgendem Absatz eine zusätzliche Stellungnahme Thiermanns angefügt: „Bei gezahlten Netto-Stundenlöhnen zwischen 6 Euro und 7,50 Euro muss der Arbeitgeber schon erklären, warum das so wenig ist.“ Thiermann widerspricht dieser Einschätzung: „Es gibt keinerlei Indizien für Mindestlohnverstöße. Der Unterschied zwischen dem Brutto-Mindestlohn von € 9,50 und dem ausbezahlten Netto-Entgelt ist eine Folge der individuellen Steuer- und Sozialversicherungs-Abzüge.“

In folgendem Satz haben wir zudem die Worte „mit der Durchsetzung von“ eingefügt. „Auch an anderer Stelle nimmt es Thiermann offenbar mit der Durchsetzung von Vorschriften nicht ganz so ernst.“

Wir haben außerdem zwei Stellen um insgesamt fünf Sätze gekürzt, in denen es um angeblich willkürliche Strafen der Vorarbeiter geht.

Łukasz Grajewski und Jonas Seufert recherchieren immer wieder zu Arbeitsausbeutung in Deutschland, etwa zur Fleischindustrie oder zur häuslichen Pflege. Für diese Recherche arbeitete Lukasz eine Woche undercover im Thiermann-Betrieb in Mötzow und sprach mit den Arbeiterinnen in Kirchdorf. Jonas recherchierte Daten zum Betrieb und sprach mit Berater:innen und Experten zum Mindestlohn. Lukasz hat den Arbeitslohn, den er von Thiermann bekommen hat, an eine gemeinnützige Organisation in Polen gespendet. 

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