Exklusive Recherche zu Millionenstudie

Staatsanwaltschaft ermittelt nach Fälschungsskandal gegen Top-Psychologen

Hans-Ulrich Wittchen, zur Zeit der Aufnahme noch am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.
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Hans-Ulrich Wittchen, zur Zeit der Aufnahme noch am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Vor zwei Jahren hatte BuzzFeed News über Fälschungsvorwürfe gegen einen Dresdner Psychologie-Star berichtet. Nun hat eine Untersuchungskommission Hinweise auf Fehlverhalten zutage gefördert – und die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt.

Von Hristio Boytchev

Als all die anderen Drohungen nicht greifen, versucht es Professor Hans-Ulrich Wittchen bei dem Rektor seiner Universität. „Lieber Hans, mir fällt es inzwischen schwer „lieber“ zu schreiben“, beginnt Wittchen, einer der prominentesten Psychologie-Professoren Deutschlands, in einer E-Mail an den damaligen Rektor der TU Dresden. 

Der Rektor solle die Untersuchung stoppen, die gerade gegen ihn angelaufen ist. Sonst gebe es, so schreibt Wittchen, ein bundespolitisches Erdbeben. Die Untersuchung der TU Dresden gegen Wittchen behindere ein wichtiges Gesetzgebungs-Projekt. Das löse „Wut und massiven Ärger in Berlin“ aus und könne sich auch auf die Universität auswirken. „Ich möchte Dich [...] noch einmal persönlich und vertraulich davor warnen, dass Du hier ein extremes Risiko eingehst.“ Die Mail von April 2019 endet mit: „halte Dich aus dem Projekt raus! Herzliche Grüße, Uli“.

Ein Fälschungsskandal rund um eine 2,4 Millionen Euro-Studie – und 1000 Seiten Dokumente

Die Drohung ist Teil von rund 1000 Seiten Dokumenten, die BuzzFeed News Deutschland zu einem der mutmaßlich größten deutschen Forschungsskandale der vergangenen Jahre vorliegen. Und die mittlerweile nicht mehr nur eine Untersuchungskommission der TU Dresden beschäftigen, sondern auch die Dresdner Staatsanwaltschaft. Es geht um die angebliche Manipulation einer Psychologie-Studie, die die Behandlung von Patient:innen in ganz Deutschland verändern sollte. Und es geht um 2,4 Millionen Euro aus dem Haushalt der Krankenkassen – von denen möglicherweise zehntausende Euro veruntreut wurden. 

Die Dokumente geben Einblick in ein System von Täuschung, Betrug und Druck, dass an Wittchens Institut innerhalb der TU Dresden geherrscht haben soll. Sie zeigen, wie Wittchen, einer der wichtigsten Psychologie-Professoren Deutschlands, versucht haben soll, mit der Manipulation wissenschaftlicher Daten davon zu kommen. Und wie andere Entscheidungsträger an der TU Dresden offenbar nicht genug dagegen unternommen haben.

Wittchen will sich BuzzFeed News Deutschland gegenüber nicht zu den konkreten Vorwürfen in diesem Text äußern, da sie Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzung seien. Er beteuert aber wiederholt seine Unschuld. Die Studie sei wissenschaftlich korrekt erstellt. „Ich weise die Manipulations-Vorwürfe der Kommission ebenso wie die eines vorsätzlichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens als unbegründet und falsch zurück“, schreibt Wittchen. Er habe zudem „zu keinem Zeitpunkt unkorrekte Abrechnungen erstellt oder unzulässige Vertragsbeziehungen begründet“.

BuzzFeed News machte die Fälschungsvorwürfe erstmals Anfang 2019 öffentlich

Erstmals öffentlich werden die Vorwürfe gegen Wittchen im Februar 2019. Damals berichtet zunächst BuzzFeed News Deutschland, danach auch Spektrum der Wissenschaft und weitere Medien. Hans-Ulrich Wittchen ist Herausgeber eines Standard-Lehrbuchs in klinischer Psychologie, langjähriger Institutsdirektor an der TU Dresden, Mitautor des einschlägigen Psychiatrie-Diagnose-Systems. Und ausgerechnet er soll eine von den Krankenkassen geförderte, millionenschwere Studie manipuliert haben. 

Die Studie ist von besonderer Bedeutung: Sie sollte die Weichen stellen für die gesamte psychosoziale Versorgung in Deutschland. Auf ihrer Grundlage sollte entschieden werden, welche psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland in Zukunft wie viel Personal bekommen.  Dazu haben Forscher der mit der TU Dresden verbundenen „Gesellschaft für Wissens- und Technologietransfer“ (GWT) unter Wittchen zahlreiche Kliniken stichprobenartig vermessen. 

Daten von Kliniken sollen verdoppelt worden sein

Doch von den 93 Einheiten, die untersucht werden sollten, seien tatsächlich nur etwa 73 wirklich erfasst worden, so steht es im Abschlussbericht der Untersuchungskommission – für den Rest sollen auf Wittchens Anleitung Daten unter anderem verdoppelt worden sein. Die Forscher nahmen laut Abschlussbericht die notierten Daten von einer Klinik und schrieben sie zusätzlich unter dem Namen einer zweiten Klinik auf.

Erst als sich zwei Hinweisgeber beim Ombudsmann der TU Dresden melden, gerät der mutmaßliche Betrug ins Wanken. Die Universität setzt eine Kommission ein, die den potentiellen Skandal aufrollen soll – und sie tut es. Sie bestätigt nicht nur die Verdopplung der Daten, sondern findet viele weitere Hinweise auf mutmaßliches Fehlverhalten verschiedenster Art. 

An der TU Dresden war Hans-Ulrich Wittchen über Jahre ein Star. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er eine 2,4 Millionen Euro teure Studie manipuliert haben soll.

Der Auftraggeber der Studie, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, will die Wittchen-Studie nach den Vorwürfen in der jetzigen Form nun doch nicht mehr nutzen. Die Personalbemessung in den deutschen Psychiatrien ist ohne die Analyse erfolgt. Die 2,4 Millionen Euro haben die Krankenkassen also bisher umsonst ausgegeben. 

Über den Kommissionsbericht hatten bereits die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“ berichtet. BuzzFeed News liegen nun zusätzliche Dokumente vor, die zeigen, wie verzweifelt sich Wittchen zwei Jahre lang gegen die Aufarbeitung gewehrt hat, wie er Druck auf die Hinweisgeber ausgeübt hat – und welch zweifelhafte Rolle andere Personen an der TU Dresden eingenommen haben.

Der Star-Forscher soll Hinweisgeber unter Druck gesetzt haben

Im Bericht ist zu lesen, wie Wittchen der Kommission ihre Zuständigkeit abstreitet. Wie er die Originaldaten erst heraus gibt, als ihn ein Gericht dazu zwingt. Wie er die Hinweisgeber erst unter Druck setzt und dann anfleht, ihn zu verschonen. Wie er einen ehemaligen Staatsminister als Anwalt beauftragt. Wie er offenbar Kollegen Gutachten schreiben lässt, die ihn entlasten sollen – ohne dass die Kollegen dafür Zugriff auf die Daten bekommen. Und wie er offenbar auch dann noch täuscht, als ihm die Kommission längst auf die Schliche gekommen ist. 

Dem meisten Druck sind die zwei Hinweisgeber ausgesetzt, die die Aufklärung angestoßen haben. Wittchen droht mal mit juristischen Konsequenzen, mal mit disziplinarrechtlichen. Er soll einem von ihnen „Sprechverbot“ erteilt haben. Er versucht, sie kündigen zu lassen. Er beschuldigt sie, selbst für die Unregelmäßigkeiten in der Studie verantwortlich zu sein.

Die Angriffe gegen die beiden Hinweisgeber setzen sich über Monate der Untersuchung fort. Mal schreibt Wittchen: „Ihr Lieben, Wie Ihr dieser Nachricht entnehmen könnt, sehe ich mich von einer Verleumdungskampagne beschmutzt! Ich werde entsprechend das GBA Projekt zum Ende des Monats beenden – und das Strafgeld bezahlen, um mich mit allen Rechtsmitteln gegen diese Sauerei zu wehren.“

„Deswegen bitte ich Dich flehentlich“, schreibt der Professor an die Hinweisgeber

Mal appelliert er an das große Ganze: „Deswegen bitte ich Dich flehentlich im Interesse der GWT, TUD und vielen unschuldigen Betroffenen: Akzeptiere meine Entschuldigung für etwaige Verletzungen, (…) und lass uns nach Lösungen und Bedingungen suchen (…), damit diese Katastrophe mit unermesslichem Flächenschaden abgewendet werden kann.“ 

Einer der Hinweisgeber notiert in einer Mail, wie Wittchen Monate nach dem Start der Ermittlungen in sein Zimmer gekommen sei und verkündet haben soll, die Zusammenarbeit mit der Kommission sei aus Datenschutzgründen womöglich strafrechtlich relevant, die Ethikkommission bereite schon eine Anzeige vor. Wittchen habe ihm gesagt, dass es sein könne, dass er, der Hinweisgeber, dann nicht mehr Psychotherapeut werden könnte. 

Ein anderes Mal soll Wittchen den beiden Hinweisgebern ein vorformuliertes Schreiben zur Unterzeichnung hingelegt haben, laut dem sie alle Vorwürfe zurücknehmen und sich entschuldigen. Beide verweigern die Unterschrift.

Immer neue, teils widersprüchliche Erklärungen für die Vorwürfe

Gleichzeitig findet Wittchen immer wieder neue und teils widersprüchliche Erklärungen für die Vorwürfe, so geht es aus dem Bericht der Kommission hervor. Der abgegebene Abschlussbericht des Projektes, in dem die Kommission die Manipulation findet, sei gar kein Abschlussbericht, sondern nur eine vorläufige Version.

Die Verdopplung der Daten habe er laut des Berichts zudem nur vorübergehend eingesetzt, um früher die Daten hochrechnen zu können. Das sei vom Auftraggeber, dem Gemeinsamen Bundesausschuss, so gewünscht worden. Der sagt zu dieser Behauptung jedoch, sie sei „frei erfunden“.

Später argumentiert Wittchen, die vorgenommenen Änderungen seien wissenschaftlich in Ordnung. Es handele sich um „Imputationen“ der Art „Hot-Deck“, so gehe man mit „Missing Values“ um, alles vollkommen „lege artis“. Immer wieder führt Wittchen neue Begrifflichkeiten und Erklärungen ein und reiht seitenweise verwirrende Fach- und Fremdwörter aneinander.

Die Kommission schreibt, die Verstöße seien vorsätzlich begangen worden

Es braucht mehrere externe Statistikprofessoren als Gutachter, zusätzliche parallele Untersuchungen und zwei Jahre, um zum Schluss zu kommen: „Die Kommission stellt damit fest, dass die von Prof. Wittchen zur Rechtfertigung der Doppelungen vorgebrachten Argumente widersprüchlich und in der Sache durchweg unzutreffend sind.“ Die Kommission geht von einer schwerwiegenden Manipulation aus. „Aufgrund ihrer Untersuchungen kommt sie zu dem Schluss, dass die Verstöße nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich begangen worden sind.“

Die Kommission folgert auch, dass Wittchen nach Beginn der Untersuchung weiter getäuscht und manipuliert hat, um seine vermeintliche Unschuld zu beweisen. „Die Kommission hat im Laufe der Untersuchung leider zur Kenntnis nehmen müssen, dass Prof. Wittchen nicht nur über ein erhebliches kontrafaktisches Behauptungs- und Beharrungsvermögen verfügt, sondern auch die Bereitschaft hat erkennen lassen, durch Täuschungen und Manipulationen die Untersuchung von Beginn an in die Irre zu führen“, schreibt sie in ihrem Bericht. 

Die Kommission formuliert den Verdacht, dass Wittchen Dokumente manipuliert haben könnte, um zu beweisen, dass alles rechtens war – darunter Präsentationsfolien, Vermerke und womöglich sogar Unterschriften. Doch die Untersuchung fokussiert sich auf das wissenschaftliche Fehlverhalten und überlässt mögliche weitere Betrügereien den Behörden. So hatte die Kommission den Verdacht, dass Wittchen Unterschriften von Kliniken gefälscht haben könnte, die gar nicht am Projekt teilgenommen haben. „Die Manipulationen sind so erheblich, dass es naheliegt, auch eine strafrechtliche Verantwortlichkeit zu überprüfen. Dies zu veranlassen ist Aufgabe der Universität und der GWT“, schreibt die Kommission. 

Die Tochter des Professors soll 40.000 Euro erhalten haben

Auch die Veruntreuungsvorwürfe werden nur angerissen. Der Bericht gibt Hinweise dafür, dass Wittchen seine Tochter in dem Projekt beschäftigt habe – ohne dass sie oder ihre vorgebliche Arbeit von anderen Mitarbeitern wahrgenommen wurde. Laut Dokumenten, die BuzzFeed News eingesehen hat, war die Beschäftigung offenbar Vollzeit und hat sich über einen Zeitraum von fast zwei Jahren erstreckt. Wittchens Tochter soll dafür mehr als 40.000 Euro erhalten haben. Auf Anfrage von BuzzFeed News will sie sich zu den Vorwürfen nicht öffentlich äußern.

Auch Wittchens Sohn spielt im Kommissionsbericht eine Rolle. Es geht um Programmierleistungen im Wert von 16.000 Euro für Software, die im Projekt genutzt werden soll. BuzzFeed News liegt der Vertrag der GWT mit dem Programmierer vor. Doch ehemalige Mitarbeiter geben an, den Programmierer oder eine Zuarbeit von ihm nie wahrgenommen zu haben. Auch sei der Auftrag zu einer Zeit erteilt worden, als bereits eine andere Software verwendet wurde und die mit ihr zu erledigenden Aufgaben größtenteils schon abgeschlossen waren. Der Programmierer schreibt auf seinem Lebenslauf nichts von einer Zusammenarbeit mit der GWT oder der TU Dresden. Er gibt jedoch an, eine App für die Firma von Wittchens Sohn programmiert zu haben. 

Das passt zu der Behauptung eines Hinweisgebers, die im Kommissionsbericht auftaucht. Die angeblich für das Projekt programmierte App habe stattdessen dem Sohn als Start in die Selbstständigkeit gedient, schreibt der Hinweisgeber an die Kommission. Weder Wittchens Sohn noch der Programmierer haben sich auf Anfrage von BuzzFeed News zu diesen konkreten Vorgängen geäußert. Eine App sei ihm nicht bekannt, es habe auch keine derartigen Hilfen als „Start in die Selbstständigkeit“ gegeben, schreibt der Sohn aber. „Das habe und hatte ich nicht nötig und würde ich aus Prinzip nicht annehmen.“ 

Hat die TU Dresden genug für die Aufklärung des Forschungsskandals getan?

Was die Aufarbeitung der eigentlichen Vorwürfe angeht, so kritisiert die Kommission zunächst, dass die Hinweisgeber nicht besser geschützt wurden. Sie blieben während der Ermittlungen Wittchen unterstellt. Als einer der Hinweisgeber ein Arbeitszeugnis bei der GWT beantragt, landet die Anfrage bei Wittchen – der dann ein schlechtes Zeugnis ausstellt.

Unter den Kolleg:innen Wittchens, die offenbar aktiver hätten eingreifen können oder müssen, drängt sich vor allem ein Name auf: Katja Beesdo-Baum, stellvertretende Leiterin des Projekts, Nachfolgerin Wittchens als Direktorin des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und seine langjährige Mitarbeiterin.

Glaubt man dem Kommissionsbericht, dann hat Beesdo-Baum eher nicht zur Aufklärung beigetragen. Ein Hinweisgeber sagt dem Bericht zufolge über Beesdo-Baum, sie habe „nicht mehr vor, die Sache zu bereinigen, weil es Prof. Wittchen nicht zuzumuten ist, sich zu blamieren“. Sie habe versucht, auf ihn einzureden, berichtet der Hinweisgeber laut Kommissionsbericht. „Wir bekommen das alles schon wieder hin“ habe sie gesagt. 

„Ab da war mir bewusst, dass hier lediglich weiter manipuliert wird und nichts für die Aufklärung getan wird“, sagt der Hinweisgeber. Auch später habe ihn Beesdo-Baum zu überzeugen versucht, seine Aussage zurückzunehmen.

Kolleg:innen haben offenbar nur unzureichend zur Aufklärung beigetragen

Der zweite Hinweisgeber bestätigt die Vorwürfe. „Im Laufe der Woche kam es dann mehrfach zu Versuchen seitens Prof. Wittchen und Prof. Beesdo-Baum, mich zu einem Rückzieher beim Ombudsmann zu bewegen, solange die Kommission noch nicht eingeschaltet war“, wird er im Bericht zitiert. Beesdo-Baum habe betont, dass Wittchen seine „Fehler“ einsehe, geht aus einer E-Mail hervor, die Buzzfeed News vorliegt. „Sie meinte, es sei wichtig, jetzt eine Lösung zu finden und das Projekt zu retten.“

Wenige Tage, nachdem BuzzFeed News im Februar 2019 erstmals über die Vorwürfe berichtet hatte, beruft Beesdo-Baum eine außerordentliche Sitzung des Instituts ein. Dort seien die Mitarbeiter des Instituts auf ihre Geheimhaltungspflicht hingewiesen worden, berichtet ein Professor, der damals anwesend war, im Bericht. Die Mitarbeiter hätten „das Gefühl gehabt, einen Maulkorb verpasst zu bekommen“. Der Professor sagt, Katja Beesdo-Baum habe nicht zufriedenstellend agiert, möglicherweise infolge einer persönlichen Befangenheit.

Beesdo-Baum antwortet auf Anfrage, dass die Kommission ihr kein wissenschaftliches Fehlverhalten vorwerfe. „Hinsichtlich der Wahrnehmung meiner Rolle nach dem Aufkommen der Vorwürfe gegen den Projektleiter wird eine Aufarbeitung im Kreis der Beteiligten erfolgen“, schreibt sie.

Kritisiert wird auch der übrige, mit namhaften, zum Teil auch externen Wissenschaftlern besetzte Lenkungsausschuss, der den Fortgang des Projekts überwachen sollte. Von ihm sei zu erwarten gewesen, dass er „beim Aufkommen von Vorwürfen diesen ernsthaft nachgeht“, schreibt die Kommission. „Dies vermag sie nur bei wenigen der (ehemaligen) Mitglieder zu erkennen.“ Stattdessen sei die Rolle der meisten Ausschussmitglieder eher die einer „Brandmauer gegen Vorwürfe“ gewesen.

Ein Mitglied des wissenschaftlichen Lenkungsausschusses schreibt etwa an die Hinweisgeber: „Kann/soll die Situation irgendwie deeskaliert werden, und wenn ja, wie? Ich befuerchte, dass sonst eine langwierige Pruefung der Daten angesetzt werden muss, die nur Verlierer hat“, unter anderem „Dich und andere Mitarbeiter“. Das Ausschussmitglied will eine Anfrage nicht beantworten, weil es den Untersuchungsbericht nicht bekommen habe.

Der Professor verteidigt sich gegen die Betrugsvorwürfe auf 70 Seiten

Trotz all der Vorwürfe und der deutlichen Worte der Kommission kämpft Wittchen bis heute weiter. Der Endversion der Untersuchung liegt eine 70-seitige Stellungnahme von ihm bei, in der er jegliche Unredlichkeit abstreitet. An der TU Dresden zirkuliert er einen offenen Brief, in dem er sich verteidigt. 

Dabei sind die jetzt veröffentlichten Vorwürfe offenbar nur ein Teil des sich entwickelnden Skandals. Die Universität lässt mittlerweile Korruptionsvorwürfe extern untersuchen. Der Rechtsanwalt der TU Dresden prüft rechtliche Schritte, eine Entscheidung soll ab Mitte April getroffen werden. Eine Wirtschaftsprüfungskanzlei ist von der GWT „mit einer tiefgreifenden, umfassenden Untersuchung“ beauftragt worden. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie erachtet die von der Kommission vorgelegten Vorwürfe als „sehr schwerwiegend“ und hat ihr internes Ehrengericht eingeschaltet, das Wittchens Mitgliedschaft entziehen könnte. Und der Auftraggeber, der Gemeinsame Bundesausschuss, klagt wegen der immer noch nicht abgenommenen Studie.

Die Staatsanwaltschaft befasst sich seit Februar mit den Vorwürfen

Seit Ende Februar ist auch die Staatsanwaltschaft Dresden mit den Vorwürfen befasst. Wittchen gibt an, sich im Februar selbst angezeigt zu haben. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ gibt die Staatsanwaltschaft auf eine schriftliche Anfrage von BuzzFeed News keine Details der Ermittlungen preis, auch nicht zu ihrem Gegenstand – außer, dass sie andauern und noch „einige Zeit in Anspruch nehmen“ werden. Und dass sie schon liefen, bevor Wittchens Anzeige – im März – einging.

Die beiden Hinweisgeber haben mittlerweile neue Stellen. Der Gang zum Ombudsmann sei nicht einfach gewesen, schreibt einer der beiden in seinem Abschlussstatement für den Bericht. Er habe Angst gehabt, als Nestbeschmutzer und Verräter zu gelten. „Trotzdem möchte ich an dieser Stelle all jenen mit edlen Motiven Mut machen, den Schritt zu wagen und offen Kritik an etwaigem Fehlverhalten zu äußern, seien es noch so renommierte Wissenschaftler“, schreibt der Hinweisgeber in seinem Statement. „Ich wünsche mir, dass auch die TU Dresden aus diesem Fall positive Schlüsse zieht, Tatsachen schafft, ein leuchtendes Vorbild ist und eine Vorbildrolle im Umgang mit guter wissenschaftlicher Praxis einnimmt.“ 

Auch Wittchen ist weitergezogen. Seit 2017 hat er eine Gastprofessur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Dort hat er eine Forschungsgruppe geleitet, die der Uni zufolge extern finanziert worden sei. Nach dem Bekanntwerden der Anschuldigungen und der Stellungnahme habe sich die Universität entschieden, den Gastwissenschaftlervertrag mit Wittchen ab dem April 2021 aufzulösen, teilt die Sprecherin mit. „Herr Prof. Wittchen hat der Vertragsauflösung nicht zugestimmt, so dass das Vertragsverhältnis nun ohne Vergütung ruhen gelassen wird.“ Die Pressemeldung von 2017, mit der die Gastprofessur Wittchens verkündet worden war, ist seit wenigen Wochen von der Webseite der Universität verschwunden.

Diese Recherche ist eine Kooperation mit „Science“.

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