1. BuzzFeed
  2. Recherchen

Trans Politikerin kämpft gegen das Transsexuellengesetz

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Juliane Löffler

Tessa Ganserer im Deutschen Bundestag in Berlin

Tessa Ganserer im Deutschen Bundestag in Berlin © Charlotte Schmitz

Tessa Ganserer gilt bis heute rechtlich als Mann. Um ihren Personenstand zu ändern, muss sie zwei psychologische Gutachten vorlegen, intime Fragen über ihr Privatleben beantworten, ein Verfahren vor Gericht durchlaufen. Die Landtagsabgeordnete kämpft gegen das Transsexuellengesetz. 

Tessa Ganserer tritt an, die mächtigste Queerpolitikerin des Landes zu werden. Im April wurde die Landtagsabgeordnete aus Bayern von den Grünen für einen aussichtsreichen Listenplatz im Bundestag nominiert. Ab Herbst könnte sie damit die erste trans Abgeordnete im deutschen Bundestag sein.

Trotzdem wird ihr Geschlecht bis heute rechtlich nicht anerkannt. Um ihren Personenstand zu ändern, muss sie zwei psychologische Gutachten vorlegen, intime Fragen über ihren Körper und ihr Privatleben beantworten, ein Verfahren vor einem Amtsgericht durchlaufen. Für sie kommt das nicht in Frage. „Entwürdigend“, nennt Ganserer das. 

Transsexuellengesetz: Hunderte oder tausende Euro für die Korrektur des Geschlechtseintrages

BuzzFeed News Deutschland* hat die Politikerin zwei Jahre bei ihrem Kampf für Anerkennung begleitet. Exklusive Einblicke in ihr Berufs- und Privatleben zeigen, wie sie einerseits zu einem Star der LGBT*-Community wurde, gleichzeitig an Deutschlands Umgang mit trans Personen verzweifelte. Aus der schweren Zeit vor ihrem Coming Out ist sie gestärkt hervorgegangen.

„Ich weiß, wer ich bin“, sagt sie im Gespräch mit BuzzFeed News. „Ich werde mich nicht vor einen Richter stellen, und auch nicht mehrere tausend Euro dafür bezahlen, damit mich der Staat in meinem Geschlecht akzeptiert.“ Die Verfahren ziehen sich oft Monate oder Jahre und kosten Betroffene bis zu 3000 Euro.

Das 40 Jahre alte Transsexuellengesetz ist heute eine Gesetzesruine, viele Regelungen sind mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht für ungültig erklärt. Etwa die Pflicht, sich sterilisieren zu lassen, um rechtlich das Geschlecht zu korrigieren. Diese Regelungen wurde 2011 abgeschafft. Ab 2022 werden trans Personen offiziell nicht mehr als psychisch krank gelten, entschied die WHO vor zwei Jahren.

Queerpolitische Anträge haben im Bundestag meist schlechte Chancen

Bereits zum zweiten Mal wurden im Koalitionsvertrag Verbesserungen angekündigt, doch bislang gibt es keine politische Einigung. Die Union hält an einer verpflichtenden medizinischen Beratung fest, Fachverbände sind strikt dagegen, da sie es für pathologisierend halten. Die Oppositionsparteien Grüne, Linke und FDP erzwangen vergangene Woche eine namentliche Abstimmung im Bundestag für ein sogenanntes Selbstbestimmungsgesetz, was das Verfahren stark vereinfachen soll. Änderungen von Vornamen und Geschlechtseintrag sollen demnach auch vor dem Standesamt möglich sein. Sie scheiterten deutlich, eine Mehrheit zu erzielen. Angela Merkel gab keine Stimme ab.

Um das Transsexuellengesetz endlich durch eine moderne Regelung zu ersetzen, will die ehemalige forstpolitische Sprecherin aus Bayern nun in den Bundestag. „Es kann nicht sein, dass andere Personen über die Rechte von trans Personen sprechen, ohne dass ihre Stimmen gehört werden“, sagt sie. Auch andere Themen liegen ihr am Herzen, „Ich habe das gesamte Regenbogenspektrum im Blick“, sagt sie. Sie ist sicher, dass allein ihre Anwesenheit im Bundestag für mehr Akzeptanz und Verständnis sorgen wird. Allein wird sie wahrscheinlich nicht sein: Die 27-jährige Nyke Slawik, Klimaexpertin der Grünen aus NRW, ist ebenfalls trans und hat gute Aussichten in den Bundestag einzuziehen.*BuzzFeed News ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Die Redaktion von BuzzFeed News Deutschland berichtet regelmäßig über die LGBTI*-Community, über Machtmissbrauch und Hassgewalt. Sie erreichen die Redaktion unter recherche@buzzfeed.de.

Auch interessant