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Union Berlin-Mitarbeiter äußert sich offen zu Diskriminierungs-Vorwürfen

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Von: Daniel Drepper

Fussball, Junioren, Saison 2019/2020, 1. FC Union Berlin, offener Sichtungstag der Nachwuchsabteilung für Spieler der Ja

Lars Mrosko ist Fußball-Scout und leitet bis zum Sommer 2021 das Nachwuchs-Scouting von Bundesligist Union Berlin. © Matthias Koch / imago

Einer der wichtigsten Mitarbeiter im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin – Nachwuchs-Scout Lars Mrosko – äußert sich offen zu den Recherchen von BuzzFeed News Deutschland und Märkischer Allgemeiner Zeitung.

Von Laurenz Schreiner, David Joram, Stephan Henke und Daniel Drepper

Der Leiter der Nachwuchs-Scouting-Abteilung von Union Berlin, Lars Mrosko, stellt den Umgang seines Vereins mit Spielern in Frage, die türkischen- oder arabischen Migrationshintergrund haben. „Es gibt in Berlin riesige regionale Unterschiede, wo man dann als Verein auch eine gewisse Sensibilität und Feinfühligkeit mitbringen muss. Ob die Verantwortlichen von Union schon so weit sind, mit verschiedenen Klientel umzugehen, weiß ich nicht“, sagt Mrosko im Gespräch mit BuzzFeed News* und der Märkischen Allgemeinen Zeitung. „Es hat aber den Anschein, dass das vielleicht nicht so ist und man als Verein dazulernen kann.“

Union Berlin: Grundlegendes Problem in der Kommunikation, nicht nur mit den Spielern

Mrosko, der als Scout bereits für den FC Bayern München und den VfL Wolfsburg gearbeitet hat, kritisiert im Interview auch die Kommunikationspolitik des Vereins. Die Kommunikation bei Union sei „ein grundlegendes Problem. Es muss mehr gesprochen werden! Bei Union liegt nicht nur in der Kommunikation den Spielern gegenüber einiges im Argen.“ 

BuzzFeed News Deutschland und die Märkische Allgemeine Zeitung hatten in den vergangenen drei Monaten mit 18 ehemaligen Spielern sowie elf Eltern gesprochen. Dazu hatten wir mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins sowie mit Beratern gesprochen. Die am Dienstag dieser Woche veröffentlichten Recherchen zeigten, wie problematisch der Umgang mit Jugendlichen im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin ist. 

Vorwürfe gegen Union Berlin: Werden Kinder mit Migrationshintergrund schlechter behandelt?

Den neuen Cheftrainer des Zentrums, André Hofschneider, nannten mehrere Spieler und ihre Eltern einen Diktator. Die Betroffenen berichteten von zum Teil sehr harten disziplinarischen Maßnahmen, von fehlendem pädagogischen Gespür und von Willkür. Minderjährige Spieler, die jahrelang für den Verein gespielt haben, wurden offenbar ohne Erklärung von einem Tag auf den anderen rausgeworfen. Mehrere berichteten, danach massive psychische Probleme gehabt zu haben. 

Die Recherchen zeigten auch, dass die schlechte Behandlung offenbar vor allem Spieler mit Migrationshintergrund getroffen hat. Zahlreiche türkisch- oder arabischstämmige Familien fühlten sich von den Mitarbeitern des Bundesligisten benachteiligt und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Spielerberater warnten Jugendliche mit Migrationshintergrund, sich auf Union Berlin einzulassen, weil sie dort angeblich niemals so wertgeschätzt würden wie ihre Mitspieler ohne sichtbaren Migrationshintergrund. Und: In den Jahrgängen 2003 und 2004 ist die Quote von Spielern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund innerhalb von gut zwei Jahren – seit Hofschneiders Antritt als Cheftrainer – von über 40 auf zehn Prozent gefallen.

Auf detaillierte Fragen von BuzzFeed News und Märkischer Allgemeiner Zeitung wollte Union Berlin vergangene Woche zunächst nicht antworten. Am vergangenen Montag veröffentlichte der Verein dann aber doch unseren gesamten Fragenkatalog inklusive der Antworten auf der eigenen Webseite

Union Berlin wehrt sich und schreibt, es existiere keine „Ausländerquote“

In der veröffentlichten Stellungnahme schreibt Union Berlin von „anonymen Anschuldigungen“, mit denen der Verein seit mehreren Monaten konfrontiert werde. Der Verein betont das eigene soziale Engagement und die gute Betreuung der Kinder durch lizensierte Trainer und Sportpsychologen. „Die Auf- und Übernahmekriterien unseres NLZ sind auf die sportliche und schulische Leistungsfähigkeit sowie auf das Sozialverhalten ausgerichtet“, schreibt der Verein. „Andere Kriterien, wie Religionszugehörigkeit oder Migrationshintergrund, existieren nicht.“ Eine Ausländerquote existiere nicht. „Sie wäre weder mit der Satzung noch mit der Nachwuchskonzeption vereinbar.

Cheftrainer André Hofschneider reagierte nicht auf detaillierte Fragen von BuzzFeed News und Märkischer Allgemeiner Zeitung. Stattdessen hat er nun am vergangenen Donnerstag 90 Minuten lang mit der Berliner Zeitung über unsere Recherche gesprochen. Die Berliner Zeitung erscheint im Berliner Verlag, der seit längerem gemeinsam mit Union Berlin ein Fan-Heft namens „Eisern“ produziert.

„Ich will gewinnen. Die Trainer im NLZ wollen gewinnen. Wir alle wollen die besten Spieler auf den Platz bringen“, sagt Hofschneider der Berliner Zeitung. „Und da ist es völlig egal, welche Religion, Herkunft, Haut- oder Haarfarbe sie haben.“ Natürlich würden im täglichen Umgang miteinander auch mal Fehler passen, niemand sei perfekt. „Aber das passiert niemals mutwillig oder mit Vorsatz, wie es uns vorgeworfen wurde. Das schiebe ich weit von uns!“

Auch Scout Lars Mrosko sagt im Gespräch mit BuzzFeed News und Märkischer Allgemeiner Zeitung, dass es keine Ausländerquote im Verein gegeben habe. „Wenn es eine solche Quote im Verein gegeben hätte, hätte ich sofort fristlos gekündigt.“ Mroskos Vertrag als Scout läuft im Sommer aus, er hatte selbst bereits im Februar um eine Auflösung des Vertrages gebeten.

Cheftrainer von Union Berlin: „Er ist vielleicht anders geprägt worden und gibt das weiter.“

Mrosko bestätigt, dass alle Entscheidungen über Spieler-Entlassungen und -Verpflichtungen im Nachwuchsleistungszentrum von André Hofschneider getroffen werden. „Dafür ist er sportlicher Leiter, dafür wird er auch ordentlich bezahlt. Leider begründet er Entscheidungen nicht.“ Auf die Frage, inwiefern die Bezeichnung „Diktator“ auf das Verhältnis zwischen Hofschneider und den Spielern zutreffe, antwortete Mrosko: „André Hofschneider ist vielleicht anders geprägt worden in seinen jungen Jahren und gibt das jetzt letztendlich weiter.“

„André Hofschneider entscheidet sehr emotional“, sagt Mrosko. „Einem Spieler wurde mal im November ein neuer Vertrag hingelegt, weil er drei, vier Spiele überragend war. Im darauffolgenden Frühjahr wollte Union plötzlich den Vertrag auflösen, weil Hofschneider gesagt hat, dass er weg müsse. (...) Mit Jugendlichen kannst du so aber nicht umgehen.“ Mrosko sagt, er habe nach Veröffentlichung der Recherchen „eine Whatsapp bekommen von einem Trainerkollegen, der meint: Ja, genauso war es im Jahrgang 2003/2004, wie es im Bericht beschrieben wird.“ 

Ein ausführliches Interview mit Lars Mrosko gibt es bei unserem Kooperationspartner in dieser Recherche, der Märkischen Allgemeinen Zeitung.*BuzzFeed News Deutschland ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Wir recherchieren weiter zu Problemen in den Nachwuchsleistungszentren der Fußball-Bundesliga – und im Speziellen zu Union Berlin. Falls Sie Informationen oder Dokumente für uns haben, können Sie uns vertraulich unter recherche@buzzfeed.de kontaktieren.

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