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Vergewaltigt auf Europas Feldern - wir haben die beschuldigten Unternehmen in Berlin konfrontiert

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Den Unternehmen wird unter anderem vorgeworfen, dass Vorgesetzte Arbeiterinnen vergewaltigt und gekidnappt haben sollen.

Erntehelferinnen auf Erdbeerfeldern in Spanien werden von ihren Vorgesetzten missbraucht und ausgebeutet. Das hatte eine Recherche von BuzzFeed News Deutschland und Correctiv im vergangenen Frühjahr aufgedeckt. Ein Unternehmen, gegen das in diesen Fällen aktuell noch immer ermittelt wird, hat diese Woche trotzdem an der Fruit Logistica in Berlin teilgenommen, der größten internationalen Messe für Obst- und Gemüsehandel.

Eine Sprecherin der Messe verweist im Interview mit BuzzFeed News darauf, dass man eine „neutrale Plattform“ sei. Die Entwicklungsorganisation Oxfam kritisiert das Verhalten der Messe. „Aus Sicht von Oxfam wäre es wichtig, dass die Fruit Logistica sich den Fragen von Arbeitsrechten in der internationalen Fruchtindustrie stärker widmet“, schreibt Frank Braßel von Oxfam BuzzFeed News.

Oxfam setzt sich für die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechtsstandard in der Lieferkette ein. „Gravierende Probleme, wie sie BuzzFeed in Spanien aufgedeckt hat, können nicht ignoriert werden. Hierzu muss die Branche - und von daher auch die Fruit Logistica - Position beziehen“, schreibt Braßel.

Unter den mehr als 3200 Ausstellern in Berlin war auch der Erdbeerproduzent „Doñana 1998“. Gegen das Unternehmen wird in Spanien ermittelt. Zehn Erntehelferinnen werfen Vorgesetzten vor, sie sexuell belästigt und in einem Fall auch vergewaltigt zu haben. Die Frauen gaben in Aussagen gegenüber der Polizei und ihren Anwälten an, dass Vorgesetzte sie zur Prostitution gedrängt und ihnen nicht ausreichend Essen und Zugang zu medizinischer Versorgung gegeben hätten. Weitere 100 Frauen hatten im Sommer 2018 Strafanzeige gegen „Doñana 1998“ gestellt. Daraufhin soll das Unternehmen einen Großteil von ihnen entlassen und außer Landes gebracht haben. Gewerkschaften, Anwälte und spanische Medien sprachen von Kidnapping.

Manuel Matos (r.) mit Rafael Domínguez Guillén, dem Vorsitzendenen von Freshuelva.
Manuel Matos (r.) mit Rafael Domínguez Guillén, dem Vorsitzendenen von Freshuelva. © BuzzFeed News/Karsten Schmehl

Der Chef der Firma, Manuel Matos, wollte auch auf der Fruit Logistica keine konkreten Fragen von BuzzFeed News beantworten. Er bezeichnete die Recherche mehrfach als „Lüge, die nicht bestätigt und spekulativ ist“. „Wir sind uns sicher, dass wir nicht die Einzigen sind, die das meinen“, sagte Matos.

BuzzFeed News wurde trotz Drehgenehmigung mehrfach von Personen am Stand von „Doñana 1998“ daran gehindert zu filmen. Matos sprach von einer BuzzFeed News Reporterin als „Teil derer, die das alles erfunden haben“.

Die Anwältin Bélen Lujan Saez schreibt BuzzFeed News, dass das Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei. Der Richter wolle sich aber mit gewissen Aspekten nicht genauer beschäftigen - darunter eine Liste mit den Namen der 100 Erntehelferinnen, die „Doñana 1998“ im Sommer 2018 angezeigt hatten. Außerdem sei Berichterstattung über die Vorwürfe, darunter auch die Recherche von BuzzFeed News, nicht vor Gericht zugelassen worden.

Die Erdbeerproduktion in Huelva boomt wie nie zuvor

Rafael Domínguez Guillén von Freshuelva.
Rafael Domínguez Guillén von Freshuelva. © BuzzFeed News/Karsten Schmehl

Rafael Domínguez Guillén, Vorsitzender von Freshuelva, des Verbandes der Erdbeerproduzenten in der Region, wollte sich auf der Fruit Logistica nicht zu den Vorwürfen äußern. Es handele sich um ein juristisches Verfahren, zu dem er nichts sagen könne so Guillén. Politischer Unterstützung kann sich die Branche offenbar sicher sein, am vergangenen Donnerstag gab es auf der Messe ein Treffen zwischen „Freshuelva“ und der andalusischen Landwirtschaftsministerin Carmen Crespo. Die Erdbeerproduktion in Huelva boomt wie nie zuvor. Für 2019 prognostiziert die Branche einen weiteren Anstieg der Produktion auf 400.000 Tonnen. Schon 2018 lag der Umsatz bei fast einer Milliarde Euro, deutlich höher als noch im Vorjahr.

Der einzige Vertreter der beschuldigten Unternehmen, der auf der Fruit Logistica zu einem ausführlichen Gespräch mit BuzzFeed News bereit war, war Jaime Zaforas, Pressesprecher der Genossenschaft „Fréson de Palos“. Die Vertriebsgenossenschaft wird von dem Erdbeerproduzenten „Freserrano“ beliefert. Erntehelferinnen hatten BuzzFeed News gegenüber angegeben, dass der Chef von „Freserrano“ sie körperlich misshandelt und beschimpft hatte. Ein Frau hatte einen weiteren Vorgesetzten wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt. Das Verfahren wurde im Sommer 2018 eingestellt. Zaforas sagt im Gespräch mit BuzzFeed News, „Fréson de Palos“ beziehe weiterhin Erdbeeren des Unternehmens.

Pressesprecher der Vetriebsgenossenschaft „Fréson de Palos“, Jaime Zaforas.
Pressesprecher der Vetriebsgenossenschaft „Fréson de Palos“, Jaime Zaforas. © BuzzFeed News/Karsten Schmehl

Gäbe es auch nur den kleinsten Hinweis, dass die Vorwürfe gegen „Freserrano“ stimmen, so Zaforas, würde man die Zusammenarbeit sofort beenden. „Aber ohne ein rechtskräftiges Urteil können wir diesen Zulieferer nicht ausschließen“, so der Pressesprecher. Es gelte die Unschuldsvermutung. Außerdem solle man nicht alle Unternehmen in einen Topf werfen. „Es gibt viele Leute in der Branche, die sehr gute Arbeit leisten“, so Zaforas. „Fréson de Palos“ toleriere keinen Missbrauch von Arbeiterinnen und sei an einer Aufklärung von entsprechenden Vorwürfen sehr interessiert. Man habe in der nächstgelegenen Polizeistation gefragt, ob es Anzeigen gegen Mitarbeiter des Zulieferers gebe, doch dort habe nichts vorgelegen. Auch bei einem Besuch auf den Feldern sei „alles in Ordnung gewesen“, so Zaforas.

„Doñana 1998“ und „Freserrano“ lieferten nach Recherchen von BuzzFeed News auch Obst nach Deutschland. Aldi Süd hatte daraufhin angekündigt, keine Produkte mehr von diesen Erzeugern zu beziehen. Ein Pressesprecher von Aldi Süd bestätigt BuzzFeed News auf erneute Anfrage, dass sowohl Aldi Süd, als auch Aldi Nord nach wie vor kein Obst der Unternehmen beziehen. Bei der Genossenschaft „Fréson de Palos“, die nach eigenen Angaben nach wie vor von „Freserrano“ beliefert wird, haben laut Aldi zahlreiche externe Kontrollen stattgefunden. „Diese externen Überprüfungen blieben auch ohne Auffälligkeiten“, so der Sprecher.

Edeka ging nicht darauf ein, ob sie Produkte der genannten Unternehmen beziehen. Lidl hat auf die Anfrage von BuzzFeed News bislang nicht reagiert. Rewe Group und Metro Group beziehen beide nach eigenen Angaben keine Erdbeeren, Blaubeeren, Mandarinen, Orangen oder Himbeeren der Unternehmen.

BuzzFeed News konfrontiert Erdbeerproduzenten auf der Fruit Logistica mit Vorwürfen gegen sie

UPDATE

11.02.2019, 10:32

Wir hatten zunächst geschrieben, dass Aldi Nord auf unsere Anfrage nicht reagiert habe. Dabei hatte der Pressesprecher von Aldi Süd auch im Namen von Aldi Nord auf unsere Anfrage geantwortet. Die entsprechende Stelle im Text wurde daher korrigiert.

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