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Warum Menschen in der Türkei nach und nach immer mehr Bücher verschwinden lassen

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In der Türkei werden immer mehr Bücher vernichtet - und immer mehr Menschen machen aus Angst mit.

Immer mehr Menschen in der Türkei entsorgen aus Angst vor Verfolgung heimlich Bücher. Denn immer mehr Bücher und Autoren werden von den Behörden als oppositionell eingestuft. Schon der jener Bücher birgt eine konkrete Gefahr für Menschen in der Türkei - egal ob sie gelesen wurden oder nicht, verschenkt oder erworben.

Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujin auf der documenta.

Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujin auf der documenta. © Thomas Lohnes / Getty Images

Als für die documenta, die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, in Kassel dieses Jahr ein riesiger Tempel nur aus Büchern aufgebaut wurde, befanden sich darunter auch 100 Bücher aus der Türkei. Das riesige Bauwerk bestand nur aus Büchern, die mal verboten waren oder es noch sind. Auch die Bibel, der Koran und das Kapital von Karl Marx waren darunter.

Autoritäre Staaten haben schon immer Bücher verboten und verbrannt. In der Türkei hingegen entsorgen die Menschen inzwischen ihre Bücher selbst - aus Angst vor Verfolgung.

Dort haben es regierungskritische Journalisten, oppositionelle Bücher und manche Schriftsteller wieder besonders schwer. Der Fall des inhaftierten WeltN24-Korrespondenten Deniz Yücel, die mit ihrem zweijährigen Sohn inhaftierte deutsche Übersetzerin Meşale Tolu und der in seinem Spanien-Urlaub zwischenzeitlich festgenommene Kölner Schriftsteller Dogan Akhanlı - das sind die in Deutschland bekanntesten Fälle. Mittlerweile ist die Türkei laut der “Plattform für unabhängigen Journalismus P24” mit 155 inhaftierten Medienmitarbeitern das weltweit größte Gefängnis für Journalisten.

Für viele stellt sich die Frage: Brot oder Buch?

Die Journalistin Canan Topçu beobachtet die Entwicklungen in der Türkei seit vielen Jahren und stellt fest: „Verbote von Büchern und die Verfolgung ihrer Verfasser, das zieht sich durch die türkische Republikgeschichte. Schon herausragende Schriftsteller und Dichter wie Nazim Hikmet wurden aus ihrer Heimat verbannt und geächtet." Insofern sei das alles kein ganz neues Phänomen. Doch ein Verbot von Büchern stoße in der Bevölkerung kaum auf Kritik, bemängelt Topçu: „Es gibt so gut wie keinen Protest auf diese Form der staatlichen Einflussnahme.“

Das hänge unter anderem auch damit zusammen, dass Bücher aufgrund der hohen Preise mitunter als Luxusprodukte gelten. Für viele stelle sich die Frage: Brot oder Buch?

Allein der private Besitz der Bücher, die in diesem Jahr im "Parthenon der Bücher" in Kassel einen Platz eingenommen haben, ist eine konkrete Gefahr für Menschen in der Türkei. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Bücher gelesen werden oder einfach nur das Regal schmücken, ob sie gekauft wurden oder ein Geschenk waren. „Vor allem Gülen-Bücher stehen auf der Liste inkriminierter Bücher. Diese im Regal zu haben, ist ein echtes Problem“, sagt Canan Topçu.

Eine Puppe, die Fethullah Gülen darstellen soll, während eines Protestes in der Türkei im Juli.

Eine Puppe, die Fethullah Gülen darstellen soll, während eines Protestes in der Türkei im Juli. © Chris Mcgrath / Getty Images

Der muslimische Geistliche Fethullah Gülen lebt im US-amerikanischen Exil und ist in der Türkei derzeit so unbeliebt wie nie zuvor. Gülens Bücher und Predigten waren auch in den 80er-Jahren verboten, er damals polizeilich gesucht. Heute wird er von der AKP-Regierung und der gesamten türkischen Opposition für den Putschversuch vom 15. Juli vergangenen Jahres verantwortlich gemacht. Gülen selbst und auch seine Sympathisanten weisen sämtliche Anschuldigungen zurück. Und Anhänger seiner Bewegung stehen in der Türkei derzeit unter Generalverdacht.

Genau um solche Bücher handelt es sich bei den Exemplaren, die in diesem Jahr auch in der Documenta ausgestellt waren. Der Journalist Süleyman Bag hat mit Freunden die Übergabe der Bücher organisiert. Bücher von Fethullah Gülen im Regal zu haben genüge als Beleg, um als Anhänger einer Terrororganisation zu gelten, sagt er.

Süleyman Bag erinnert an den Fall von Aysenur Parildak, einer türkischen Journalistin, die nur deshalb verhaftet wurde, weil Umzugshelfer beim Tragen von Kisten auf ihren Bücherbestand aufmerksam wurden und dies der Polizei meldeten. Sie arbeitete für die Tageszeitung Zaman, die als Abo-Prämie Bücher verschenkte. Viele dieser Bücher waren Niederschriften von Gülens Predigten, aber auch Bücher anderer Autoren waren darunter. Allein das Markenzeichen der zunächst verstaatlichten und anschließend geschlossenen Tageszeitung Zaman ist ein Grund, um die Bücher mit Terrorismus zu verbinden. Deswegen sitzt Parildak seit mehr als einem Jahr im Gefängnis.

Ein türkischer Nachrichtensender durchwühlt Müllsäcke voller Gülen-Bücher.

“Irgendwie schäme ich mich”

In der Türkei sorgte der Fall von Parildak für Aufsehen. Schnell sprach er sich herum. Die Menschen begannen, so unauffällig wie möglich Bücher zu vernichten. Cem Sasa, ein türkischer Exilant, erzählt, wie er seinen Bücherbestand Seite für Seite mit dem Essensmüll entsorgte. Weil er Angst vor Verfolgung hat und anonym bleiben möchte, ist sein Name hier geändert:

"Ich wollte nicht alle Bücher auf einmal wegschmeissen, denn dann hätten die Müllmänner unsere Bücher vielleicht entdeckt. Das Ganze hat zwei Wochen gedauert! Jeden Tag 3 Bücher. Ich hatte deswegen zwei Wochen lang Bauchschmerzen."

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Ein Freund von ihm habe eine andere Taktik gewählt: „Dort, hinter einem Hügel, hat mein Freund die Bücher wie einen Toten in der Erde vergraben“. Ein anderer wiederum habe seine Bücher in Kissenbezüge gelegt und dann in die Waschmaschine gesteckt: „Die Papierpampe hat er dann im Müll entsorgt“.

Die Bücher zu verbrennen habe sich als problematisch erwiesen, erklärt Cem Sasa. In einigen Fällen seien die Nachbarn auf die steigenden Rauchwolken aufmerksam geworden. „Das war für viele zu gefährlich. Deshalb sollen einige ihre Bücher lieber einbetoniert haben”, berichtet der Maler heute. „Diese Bücher zu vernichten ist ein äußerst merkwürdiges, sehr bedrückendes Gefühl. Irgendwie schäme ich mich, aber ich glaube schon, dass uns nichts anderes möglich war“.

Die Journalistin Canan Topçu sagt: das alles ist kein gutes Anzeichen für die Psyche der türkischen Bevölkerung. Die Menschen seien massiv eingeschüchtert und nicht mehr couragiert. „Die Einschüchterungstaktik wirkt. Ein Staat, der seine Bürger in so eine Situation bringt, ist zu verurteilen“, so Topçu.

Auch deutsche Bürger werden wegen ihren Büchern zur Rechenschaft gezogen

In der Türkei hat es bereits mehrere Festnahmen von deutschen Staatsbürgern gegeben. Nicht nur Bürger mit der doppelten Staatsbürgerschaft sind davon betroffen, auch Deutsche mit ausschließlich der deutschen Staatsbürgerschaft. Einer der ersten, der in der Türkei nach dem Putschversuch festgenommen wurde, wollte nur einen Sommerurlaub bei Verwandten machen - auch er möchte aus Angst vor Verfolgung anonym bleiben: „Wir hatten einige religiöse Bücher entsorgt, weil sie von mittlerweile verbotenen Verlagen gedruckt wurden. Das sind eigentlich nur Handbücher muslimischer Glaubenspraxis. Die Angst vor einer vermeintlich religiösen Partei reicht mittlerweile soweit, dass Menschen sogar ihre heilige Korane und Gebetsbücher entsorgen“.

Die Bücher landeten im Müll auf der Straße, „weil es uns nicht in den Sinn kam, dass die Ermittler im Müll rumwühlen würden“. Als es zum Verhör ins Polizeipräsidium ging, sahen sie plötzlich die Bücher im Revier. „Sie haben mich direkt damit konfrontiert. Ich war schockiert und gab zu, dass die Bücher uns gehörten“. Dann kam die Festnahme. Durch den Einsatz deutscher Behörden kam die Person zwar schnell wieder frei und kehrte nach Deutschland zurück. „Aber im Augenblick ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Deshalb möchte ich meinen Namen ungern preisgeben“.

In der Tat wurde das Verlagshaus "nt - nil tuna", ein Gülen-naher Verlag, durch den Staat, wie auch schon die Tageszeitung ZAMAN, unter Zwangsverwaltung gestellt und anschließend komplett geschlossen. Teile der Bevölkerung gingen auf Buchhandlungen los. Aufgebrachte Bürger rissen die Regale runter. Regale, die mit Weltliteratur aus dem Westen, aber auch mit vielen religiösen Büchern und Koranen bestückt waren. „Was die Regierung macht, hat mit Religion nichts zu tun. Es spielt insofern auch keine Rolle, dass auch religiöse Bücher unter die Zahnräder geraten, weil es da grundsätzlich keinen Respekt gibt“, kommentiert die Journalistin Canan Topçu solche Vorfälle.

Video vom Angriff auf den nt Verlag

Wenn Bücherläden brennen

Aber nicht nur Bücher des Predigers Gülen und solche mit dem Zaman-Logo darauf sind in der Türkei Zielscheibe der autoritären AKP-Regierung. Bücher von kurdischen Autoren, Literatur aus dem linkspolitischen Spektrum und Minderheiten haben in der heutigen Türkei große Probleme. Im September 2015 wurde als Reaktion auf einen Terrorakt der PKK, bei dem mehrere Sicherheitskräfte ermordet wurden, die Bürgerbewegung „Demos gegen den Terror“ ins Leben gerufen. Die als friedliche Protestmärsche gedachten Demos entwickelten sich durch Provokateure schnell zum Rachefeldzug nationalistischer Extremisten.

In der kleinen Stadt Kırşehir wurde der Bücherladen „Gül Kitap Evi“ in Brand gesetzt. Das primäre Ziel waren die Büroräume der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, aber auch der Buchladen durch Randalierer angegriffen und verwüstet. Der Inhaber der Buchhandlung Sait Akilli erklärte in einem Interview mit der Webseite radikal.com.tr, dass er weder Kurde noch Alevit sei, aber ein bekannter Linker. “Weil wir eine Mission haben, wurden wir von einem organisierten Mob angegriffen. Die Sicherheitskräfte haben nichts unternommen“.

Video Angriff auf Gül Kitap Evi

Die "neue Türkei" und ihre alten Methoden

Schon 2007 wurde in der Stadt Malatya im Osten der Türkei das Verlagshaus Zirve, der Verlag einer türkisch-christlichen Minderheit, Ort eines Attentats mit tödlichen Folgen. Dabei kamen ein Deutscher und zwei türkische Christen ums Leben. In den türkischen Medien wurde von einem religiös-fanatischen Motiv hinter der Tat gesprochen.

Im September artete ein Tumult vor dem Laden Köse Kitabevi (auf deutsch: Buchhandlung um die Ecke) in Istanbul zu einem größeren Angriff auf die kleine Buchhandlung aus. Der Laden gehört dem Bruder des am 19. Januar 2007 ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink. Dink war ein Verfechter des friedlichen Dialogs zwischen Armeniern und Türken. Sein Tod beschäftigt bis heute die Türkei und wurde bislang nicht lückenlos aufgeklärt. Das die Tumulte vor der Buchhandlung von einer Gruppe von Nationalisten ausgenutzt wurden, ist eine mögliche Erklärung. Der Betreiber gab allerdings eine andere Erklärung ab, in der er einen politischen Hintergrund verneinte.

Dass Bücher zum Politikum werden, ist kein neues Phänomen in der Türkei. Schon das Militärregime in den 60er Jahren hatte es auf die Bücher abgesehen: “Ich konnte zu der Zeit nicht einmal den Koran lesen”, blickt Hasan Ahmetoğlu aus Trabzon auf diese Zeit zurück. Der heute 80-jährige Rentner musste aus Angst vor den Militärs den Koran unter dem Heu in der Scheune verstecken: “Ich hatte fürchterliche Angst, dass ich sonst verhaftet werde.”

Eine der Lieblingsvokabeln von Erdogan ist die der “Neuen Türkei”. Für viele Menschen im Land dürfte der Unterschied zur alten Türkei so groß nicht mehr sein.

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