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Warum wir weiter über die AfD berichten müssen, auch wenn ihr das zusätzliche Stimmen bringt

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Von: Daniel Drepper

Aber wir Journalisten sollten klüger werden – und andere Schwerpunkte setzen. Ein Kommentar.

Wenn Medien häufiger über die AfD berichten, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Menschen die AfD wählen. Diese Vermutung wird seit Wochen überall diskutiert. Jetzt haben Politikwissenschaftler genau das in einer Analyse für BuzzFeed News bestätigt. Das heißt aber nicht, dass Journalisten nun nicht mehr über die AfD berichten sollten.

Es ist nicht die Aufgabe von meinen Kolleginnen und mir, eine Partei zu verhindern. Natürlich müssen wir als Journalisten Angriffe auf die offene Gesellschaft klar benennen, egal von welcher Seite sie kommen. Wir müssen bestimmte Grundwerte verteidigen, egal wo, egal für wen, egal wessen Agenda das nützt. Aber: Wir sind keine Aktivisten, sondern Journalisten.

Totschweigen ist kein Journalismus

Diese Trennung zwischen Journalismus und Aktivismus ist wichtig. Wenn ich gezielt für oder gegen eine bestimmte Gruppe oder Partei arbeite, wenn ich mich an eine Seite binde, wenn ich also gezielt versuche, die AfD totzuschweigen, dann ist das kein Journalismus mehr. Wenn Journalisten aber zu Aktivisten werden, dann verlieren wir das Vertrauen unseres Publikums. Wenn das Vertrauen fehlt, dann fehlt die Grundlage für gemeinsame Diskussionen. Und nur über eine gemeinsame Diskussion lassen sich die besten Lösungen für unsere Probleme finden.

Dazu kommt: Selbst wenn sich Journalisten vornehmen würden, die AfD totzuschweigen, sie könnten es nicht. Populisten haben sich längst ihre eigenen Kanäle aufgebaut. Viele Menschen konsumieren Informationen in den sozialen Medien. Dort ist die AfD schon jetzt stärker als alle anderen Parteien. Wenn Medien nun gar nicht mehr über die AfD berichteten, könnte die AfD dies nutzen, um sich selbst als Medienopfer darzustellen – noch mehr, als sie es ohnehin schon versucht.

In den USA hatte die Huffington Post übrigens genau das mit Donald Trump versucht: Sie hatte über seinen Wahlkampf als Unterhaltung berichtet, nicht als News. Ein gutes Jahr lang hielt die Redaktion das durch, ehe Arianna Huffington beschloss: Wir müssen Trump Ernst nehmen. Denn er ist eine Gefahr für die amerikanische Demokratie.

Unsere Aufgabe: Nachrichten berichten, auch über die AfD

Wenn etwas passiert, dass die Leben vieler Menschen beeinflusst oder voraussichtlich beeinflussen wird, dann ist das News. Und dann ist es unsere Aufgabe, darüber zu berichten. Das sind wir euch, unserem Publikum schuldig. Das gilt auch für Dinge, die AfD-Politiker tun.

Wir haben bei BuzzFeed News zuletzt als Erste darüber berichtet, dass Alexander Gauland wenige Wochen vor der Wahl gesagt hat, dass wir wieder Stolz sein sollten auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Das ist relevant. Weil es etwas aussagt über das Wesen dieser Partei und ihre wichtigsten Vertreter. Wir haben einen Ausschnitt der Rede veröffentlicht und analysiert. Das hatte Folgen: In den Talkshows vor und nach der Wahl haben zahlreiche Spitzenpolitiker Gaulands Aussagen als Beleg für den Rechtsextremismus der Partei zitiert.

Natürlich kann bei jedem Text über die AfD darüber diskutiert werden, ob diese spezifische Nachricht einen Wert für das Publikum hat – aber das gilt genauso für Texte über andere Parteien. Ich weigere mich, eigentlich berichtenswerte Nachrichten über die AfD gezielt zu unterdrücken, nur weil das eventuell zu höheren Umfragewerten für diese Partei führen könnte. Egal wie schlecht und gefährlich ich das Programm dieser Partei auch finden mag. Nachrichten unterdrücken ist kein Journalismus.

Es gibt wichtigere Dinge als die Themen der AfD

Das Problem sind nicht die Texte über die AfD. Das Problem ist, dass sich der öffentliche Diskurs ändert. Dass die populistischen Themen der AfD in die Diskussion einsickern und andere, wichtigere Themen verdrängen. Terror, Islam und Flüchtlinge werden weit häufiger diskutiert, als es eigentlich gerechtfertigt wäre. Alle großen Polit-Talkshows von ARD und ZDF diskutierten im Jahr 2016 in mehr als der Hälfte ihrer Sendungen über die typischen AfD-Themen. Und auch im TV-Duell zwischen Merkel und Schulz ging es mehr als die Hälfte der Zeit nur um diese Dinge.

Statt AfD-Themen in jeder Talkshow hoch und runter zu diskutieren, müssten wir klüger über die Probleme berichten, die wirklich wichtig sind. Über Bildung und Chancengerechtigkeit. Über das Gesundheitssystem und die Pflege. Über Arbeitsbedingungen, eine überforderte Justiz, die Umwelt und die Digitalisierung. Wir müssten über die Zukunft sprechen, nicht über die Vergangenheit. Unabhängig davon, was das mit den Umfragewerten der AfD macht.

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