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Mehr als 50 weitere Männer erheben Vorwürfe gegen den weltweit anerkannten HIV-Spezialisten Heiko J.

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Von: Juliane Löffler

Durch die #MeToo-Debatte, sagen viele der Männer, habe sich ihre Haltung verändert.
Durch die #MeToo-Debatte, sagen viele der Männer, habe sich ihre Haltung verändert. © Illustration: Christina Baeriswyl

Einem von Deutschlands bekanntesten HIV-Spezialisten wird sexueller Missbrauch an fünf seiner Patienten vorgeworfen, derzeit läuft ein Strafverfahren gegen ihn. Ippen Investigativ hat mit dutzenden weiteren Männern gesprochen, die angeben, ebenfalls Übergriffe oder Missbrauch durch ihn erlebt zu haben. Der Arzt streitet die Vorwürfe ab. Er sieht sich einer orchestrierten Kampagne ausgesetzt.

Angebliche Komplimente über den Penis. Mutmaßliche Küsse in der Praxis. Berührungen während der Behandlung, die von Patienten als Masturbation bezeichnet werden. Einladungen zu privaten Treffen. Dutzende Männer werfen einem von Deutschlands bekanntesten HIV-Spezialisten vor, sie sexuell missbraucht oder belästigt zu haben. Die Untersuchungen bei ihm beschreiben sie in Gesprächen mit Ippen Investigativ als „unnötig“, „eklig“ und „erniedrigend“. 

Seit April 2021 verteidigt sich der Berliner Arzt vor dem Berliner Amtsgericht gegen sexuellen Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses. Fünf ehemalige Patient:innen werfen dem Mediziner vor, seine Machtposition ausgenutzt zu haben, um sich an ihnen zu vergehen, Ippen Investigativ berichtet regelmäßig über den Prozess. Eine der Opferzeugen ist eine Frau, die eine Transition hinter sich hat.

Der Arzt weist die Vorwürfe von sich. Er habe kein sexuelles Interesse an den Patienten und die Untersuchungen seien stets medizinisch indiziert. Die Praxis, welche besonders unter schwulen und bisexuellen Männern stadtbekannt ist, hat sich auf die Behandlung von Geschlechtskrankheiten spezialisiert. Dort, so die Verteidigung, werde nach US-amerikanischem Vorbild untersucht, eine spezielle und unkonventionelle Herangehensweise. Dazu gehöre ein lockerer Umgang mit den Patienten, indem etwa das „Du“ angeboten werde – oder auch eine umfangreiche und besonders gründliche Sexualanamnese, die besonders bei Männern, die Analverkehr haben, sinnvoll sei. Das sei wohl von einigen Patienten missverstanden worden. Objektiv medizinisch erforderliche Behandlungen würden als Straftat ausgelegt, sagte einer der drei Verteidiger:innen des Arztes vor Gericht. 

Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Die Verteidigung verweist umgekehrt auch auf die Verdienste der schwulen Kiezpraxis. 50.000 Patienten seit ihrem Bestehen, 50 entdeckte Adenokarzinome durch Abtasten, das rechtzeitige Entdecken von Analkrebs und den Vorstufen. Heiko J. ist eine wichtige Vertrauensfigur für die schwule Community, und ein mächtiger Arzt. All seine Untersuchungsmethoden, so steht es in einem Papier, dass die Verteidigung zum Prozessauftakt der Presse aushändigte, entsprechen den anerkannten medizinischen Leitlinien.

Vorwürfe gegen HIV-Spezialist

Könnte alles ein großes Missverständnis sein? Viele weitere Personen, die inzwischen Vorwürfe gegenüber Ippen Investigativ äußerten, sehen das nicht so. Im September 2019 hatten BuzzFeed News (mittlerweile: Ippen Investigativ*) und VICE die Missbrauchsvorwürfe erstmals öffentlich gemacht. Der Arzt ging anwaltlich gegen die Berichterstattung vor, sie wurde in erster Instanz in weiten Teilen gerichtlich verboten. Die Medien gingen in Berufung, 16 Monate später wurden die Texte vom Kammergericht Berlin zu großen Teilen wieder zugelassen. 

Seit der Berichterstattung vor fast zwei Jahren haben sich mehr als 60 weitere Personen bei uns gemeldet, um von weiteren Vorwürfen zu berichten. Mehr als 50 schilderten mutmaßliche Grenzverletzungen, Übergriffe und sexuellen Missbrauch, die sie selber, so sagen sie, durch den Arzt erlebt hätten. Die Erzählungen dieser angeblichen Ereignisse erstrecken sich auf einen Zeitraum von 1997 bis 2019. Mit sieben weiteren Personen hatten BuzzFeed News und VICE für die erste Recherche ausführlich gesprochen. Fünf weitere sind derzeit als Nebenkläger:innen in dem Strafprozess vor dem Amtsgericht Berlin beteiligt. 

Sollten die zahlreichen Hinweise stimmen, würde es sich um einen der weitreichendsten MeToo-Fälle der vergangenen Jahre in Deutschland handeln. Es gibt einzelne Personen, die uns mitgeteilt haben, sie hätten gute Erfahrungen in der Praxis gemacht. „Ich habe in meinem Leben keinen anderen Arzt kennengelernt, der so professionell seinen Job erledigt, so gut berät und so gewissenhaft ist“, schreibt ein Mann, der anonym bleiben möchte. „Ich fühle mich in der Praxis und bei Herrn [...] hervorragend aufgehoben.“ Ein anderer Mann schreibt per Email: „Ich bin froh einen Arzt wie ihn zu haben und ich weiß damit stehe ich nicht allein.“ 

Viele der Personen, die uns gegenüber Vorwürfe erheben, sagen ebenfalls, der Arzt sei fachlich exzellent und habe ihnen sehr geholfen, zu ihnen zählen auch mehrere Personen, die HIV-positiv sind. Einige von ihnen sagten, sie seien deshalb auch nach den angeblichen Übergriffen weiterhin in seine Praxis gekommen. Zugleich schildern sie uns in etlichen Gesprächen und E-Mails teils schwerwiegende Vorwürfe. 

Viele der Männer sagen, sie hätten anderen von ihren Erlebnissen erzählt. Viele Jahre waren die Vorwürfe anscheinend ein offenes Geheimnis in der queeren Szene. Etliche Berater und Mitarbeiter von LGBT*-Organisationen sowie andere HIV-Spezialisten berichteten uns, die Vorwürfe gekannt zu haben. Die Ärztekammer ermittelte bereits 2013 zu den Vorwürfen. Dort sind seit 2002 mindestens zehn Verwaltungsvorgänge zu dem Arzt angelegt, darunter zwei Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlichen sexuellem Missbrauch. Worum es in den anderen Fällen inhaltlich geht, teilt die Ärztekammer auf Anfrage nicht mit. Auch die Polizei ermittelte, 2014 übernahm die Staatsanwaltschaft.

Wir haben den Arzt auf mehreren Seiten detailliert mit allen in diesem Text erwähnten Vorwürfen konfrontiert. Auf die darin enthaltenen Schilderungen der Quellen geht der Arzt nicht detailliert ein. Sein Anwalt schreibt, wir sollten ihm die Namen der Personen nennen, welche die von uns wiedergegeben Behauptungen aufstellen, damit zu Einzelheiten Stellung genommen werden könne, und um zu überprüfen, ob und weshalb sie Patienten in der Praxis waren und ob ihre Schilderungen durch Beweismittel, zum Beispiel Zeugen, widerlegt werden könnten. Um überhaupt detailliert Stellung nehmen zu können, müsse dann auch geprüft werden, ob eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht vorliege. 

Wir haben den über 50 Personen, mit denen wir sprachen, zugesichert ihre Namen nicht zu nennen. Quellenschutz ​​ist einer der wichtigsten Grundsätze im Journalismus, wir halten uns an diese Vereinbarungen. Die von ihnen aufgestellten Behauptungen haben wir mit allen Möglichkeiten der journalistischen Sorgfaltspflicht überprüft. Wir haben Dokumente wie Arztberichte, Rezepte oder Laborberichte, private Nachrichten zwischen dem Arzt und seinen Patienten eingesehen und mit etlichen Freund:innen und Partnern gesprochen, um die Erzählungen der Quellen zu überprüfen. Mehrere Personen haben ihre Schilderungen mit einer Eidesstattlichen Versicherung bezeugt. 

Jahrelange Sprachlosigkeit über #MeToo-Vorwürfe

Viele Jahre wurde über die Vorwürfe nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Das hat sich seit unserer Recherche und dem Beginn des Strafverfahrens verändert.

Der Fall zeigt, wie schwer es Behörden fällt, mit Missbrauchsvorwürfen umzugehen. Im Strafprozess stehen viele der Opferzeugen vor großen Erinnerungslücken der Ereignisse, welche sich vor rund einem Jahrzehnt zugetragen haben sollen. Einige sind durch den Prozess schwer belastet und wollen mit dem mutmaßlich Geschehenen endlich abschließen. Auch der Arzt muss seit Jahren mit den ungeklärten Vorwürfen leben. Die jahrelange Sprachlosigkeit über die Vorwürfe sexualisierter Gewalt, ist exemplarisch für den grundsätzlichen Umgang mit dem Thema in Deutschland. Und sie schadet allen.

Hier schildern wir die Ereignisse der mutmaßlichen Opfer anhand ihrer Erinnerungen. Die Bewertung der Vorwürfe müssen gegebenenfalls Gerichte klären, es gilt die Unschuldsvermutung.

Carlos.

Carlos sagt, der Arzt habe seine Lippen an seinen Penis gelegt. Er habe unwillentlich auf den Boden ejakuliert. Wie paralysiert sei er gewesen, habe Panik bekommen, sagt er am Telefon. Der Arzt soll dann begonnen haben, sich seinen Gürtel zu öffnen. Er habe Stopp gesagt, sagt Carlos. Der Arzt habe aufgehört, sich entschuldigt und ihm Tücher gereicht, um sich zu reinigen, berichtet Carlos weiter. Dann habe der Arzt das Ejakulat vom Boden aufgewischt. 

Carlos kommt aus Spanien und heißt eigentlich anders. Er sagt, er sei 2011 von dem Arzt missbraucht worden. Damals lebte Carlos seit wenigen Wochen in Deutschland, war Mitte 20, sprach kein Deutsch, freute sich auf ein aufregendes Leben in Berlin. 

Obwohl der Arzt sehr nett gewesen sei, habe er sich bei ihm nicht wohl gefühlt, sagt Carlos. Bei einer ersten Untersuchung auf Grund eines Infektions-Verdachts, der sich später nicht bestätigt habe, habe der Arzt ihn mehrere Minuten rektal mit dem Finger untersucht. „Er penetrierte mich [....] Langsam, sehr langsam, aber es fühlte sich an wie Sex. Es fühlte sich nicht an wie eine medizinische Untersuchung“, beschreibt der Mann die Untersuchung. Er habe eine unwillentliche Erektion gehabt. Da der Arzt ihm gesagt habe, er müsse ihn erneut medizinisch kontrollieren, sei er noch einmal hingegangen. Bei diesem Termin soll es zu der Situation gekommen sein, bei dem der Arzt seinen Mund an den Penis des Patienten gelegt haben soll.

Auf die hier geschilderte Situation ist der Arzt in einer detaillierten Anfrage von uns nicht genauer eingegangen. Insgesamt weist der Arzt die Vorwürfe stets zurück und verweist darauf, dass Behandlungen medizinisch notwendig gewesen seien – er habe kein sexuelles Interesse an seinen Patienten. Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. im derzeit laufenden Strafverfahren nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Ippen Investigativ liegen keine Unterlagen vor, die zweifelsfrei belegen, dass Carlos in der Praxis war. Doch der Mann beschreibt einen ungewöhnlichen Untersuchungsstuhl, den viele andere Männer Ippen Investigativ gegenüber gleichlautend beschrieben haben: eine Art umgedrehter Gynäkologiestuhl, auf dem er bäuchlings und mit gespreizten Beinen gelegen habe, das Gesicht Richtung Boden gewandt. Auch im Strafprozess ist dieser Stuhl immer wieder Thema, in der Praxis Prokto-Stuhl genannt. 

Drei Freunde von Carlos bestätigen Ippen Investigativ gegenüber, dass der Mann mit ihnen ausführlich über die von ihm geschilderten Situationen gesprochen habe, teilweise kurz nach dem mutmaßlichen Vorfall, teils auch Jahre später. Mehrere Chat- und Sprachnachrichten belegen, dass Carlos mit diesen Personen im Zusammenhang mit unserer ersten Veröffentlichung im September 2019 zu den Vorwürfen kommuniziert hat. 

Carlos hat sich am 12. September 2019 an BuzzFeed News gewendet, wenige Tage nach der ersten Veröffentlichung der Vorwürfe durch BuzzFeed News und VICE. „Ich habe es nicht vergessen. Über all die Jahre nicht“, schreibt er per Email. Heute mache er sich Vorwürfe, dass er damals nicht zur Polizei gegangen sei. Er sei in einer verletzlichen Situation gewesen und habe gedacht, dass niemand ihm glauben würde.

Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie seit Jahren von den Vorwürfen gewusst hätten. Viele schwiegen. Die Berliner Schwulenberatung versicherte an Eides statt, dass ihr seit den 90er Jahren mindestens 100 Beschwerden aufgrund „sexueller Grenzverletzungen“ gegen den Arzt bekannt geworden seien.

Auf die hier geschilderte Situation ist der Arzt in einer detaillierten Anfrage von uns nicht genauer eingegangen. Insgesamt weist der Arzt die Vorwürfe stets zurück und verweist darauf, dass Behandlungen medizinisch notwendig gewesen seien – er habe kein sexuelles Interesse an seinen Patienten. Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. im derzeit laufenden Strafverfahren nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Die Behörden.

Im Juni 2013 beschloss der Vorstand der Berliner Ärztekammer, ein Untersuchungsverfahren gegen den Arzt einzuleiten. Es bestehe der Verdacht, dass er seine Berufspflichten verletzt und an mehreren Patienten sexuelle Handlungen vorgenommen sowie anzügliche Bemerkungen gemacht habe. Weil die Staatsanwaltschaft übernahm, wartet die Ärztekammer seit acht Jahren auf das Urteil am Amtsgericht und kann deshalb in diesen Fällen nicht weiter ermitteln.
Die Anwälte des Arztes argumentierten den Behörden gegenüber mehrfach, seine Untersuchungen seien fachgerecht. Zu sexuellen Übergriffen sei es nie gekommen. 

Im Jahr 2016 wollte die Ärztekammer dem Arzt auf Grund der Vorwürfe mit sofortiger Wirkung die Weiterbildungsbefugnis entziehen: die Zeugenaussagen seien glaubhaft, und es deute nichts auf vorsätzliche Falschaussagen hin. Nach einem Widerspruch des Arztes hob das Verwaltungsgericht Berlin im gleichen Jahr diese berufsrechtliche Maßnahme wieder auf: Der Arzt habe die Vorwürfe substantiiert bestritten und detailliert begründet, warum die Untersuchungen medizinisch indiziert und fachgerecht gewesen seien. Aus den Zeugenaussagen ergebe sich keine Gewissheit und die Zweifel reichten nicht aus, um mit sofortiger Wirkung festzustellen, dass Heiko J. zur Weiterbildung persönlich nicht geeignet sei, so das Verwaltungsgericht. 

Zudem, so steht es in dem Urteil, unterziehe sich Heiko J. einer Einzelsupervision bei einer Diplom-Psychologin. Und er habe die Beschwerden zum Anlass genommen, Patienten vor Untersuchungen im Intimbereich eine schriftliche Aufklärung vorzulegen, den Untersuchungsablauf zu besprechen und sich die Einwilligung der Patienten schriftlich erteilen zu lassen. Es bestehe kein Grund für „sofortiges Handeln zur Gefahrenabwehr“. Diese Entscheidung bestätigte 2017 das Oberverwaltungsgericht. Ob der Arzt auch langfristig noch weiterbilden darf, ist unklar: Das Hauptverfahren ist noch offen, auch hier wird das Urteil des Strafgerichts maßgeblich sein. 

Für die Zulassung des Arztes ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin (Lageso) zuständig. Auch hier wurde mit einer schriftlichen Anhörung des Arztes im November 2016 ein Verfahren gegen Heiko J. eingeleitet. Das Lageso wollte prüfen, ob die Approbation des Arztes möglicherweise zum Ruhen gebracht werden solle, er also für einen längeren Zeitraum nicht hätte praktizieren dürfen. Das gesamte Verfahren wurde jedoch wenige Monate später ausgesetzt – die Sach- und Rechtslage sei bis heute nicht ausreichend belastbar geklärt, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit. Konkret: Auch diese Behörde wartet auf das erstinstanzliche Urteil aus dem Strafprozess. So entspreche es der Rechtslage, schreibt das Lageso.

Als der HIV-Arzt im vergangenen Jahr mit einem Unterlassungsbegehren gegen die Berichterstattung von BuzzFeed News und VICE vorging, begründete das Berliner Landgericht sein Urteil unter anderem damit, dass es derzeit nicht notwendig sei, potentielle Patienten öffentlich vor möglichen sexuellen Übergriffen in der Praxis zu warnen. Ein Grund: Ende 2013 ging bei der Ärztekammer eine unterschriebene Selbstverpflichtungserklärung ein: Der HIV-Spezialist werde Untersuchungen bei Patienten nur noch durchführen, wenn eine weitere Person dabei sei. Dass in der Praxis und von Heiko J. proktologische Untersuchungen nicht mehr alleine durchgeführt werden, versicherten auch Mitarbeitende der Praxis sowie der Arzt später in eidesstattlichen Erklärungen.

In Gesprächen mit Ippen Investigativ geben hingegen mehrere Personen an, dass sie seit 2014 von dem Arzt alleine, auch im Intimbereich, untersucht worden seien und es dabei teilweise zu Übergriffen gekommen sei. Zwei Personen versicherten dies gerichtlich an Eides statt. Keine unserer Quellen berichtete in den etlichen Gesprächen, eine schriftliche Einwilligung für die Untersuchung unterschrieben zu haben.

Auf die hier geschilderte Situation ist der Arzt in einer detaillierten Anfrage von uns nicht genauer eingegangen. Insgesamt weist der Arzt die Vorwürfe stets zurück und verweist darauf, dass Behandlungen medizinisch notwendig gewesen seien – er habe kein sexuelles Interesse an seinen Patienten. Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. im derzeit laufenden Strafverfahren nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Die Recherche.

Seit unserer ersten Veröffentlichung im September 2019 hat Ippen Investigativ von mehr als 60 Personen telefonisch oder per Email Hinweise erhalten, die weitere Vorwürfe gegen den Arzt enthalten. Mehr als 50 Personen geben an, selber betroffen zu sein. Mit dutzenden von ihnen haben wir ausführlich gesprochen und geschrieben. 

Der Arzt selbst sieht sich als Opfer. Sein Anwalt schrieb in Reaktion auf unsere erstmalige Veröffentlichung, die Berichterstattung vernichte den Arzt beruflich, sozial und persönlich. Es gebe Hinweise, dass die Strafanzeigen teilweise von einem der Zeugen des Strafrechtsprozesses gesteuert seien. Die bisherige Berichterstattung von BuzzFeed News und VICE sei „Hinrichtungsjournalismus“. Der Arzt weist die Vorwürfe zurück. In den Fällen, die ihm etwa im Strafrechtsverfahren bekannt geworden seien, habe es für die Untersuchungen einen medizinischen Anlass gegeben. Die Quellen seien „Heckenschützen, die aus dem Hinterhalt verleumden“.

Von einigen der Quellen wissen wir, dass sie sich untereinander persönlich kennen. Wir haben jedoch keine Hinweise darauf, dass die dutzenden Quellen sich untereinander abgesprochen haben, um den Arzt zu schaden. Mit den fünf Nebenkläger:innen aus dem derzeit laufenden Strafrechtsprozess haben wir nicht gesprochen.

Wir haben den Arzt unter anderem gefragt, ob es Belege gibt, welche die These einer orchestrierten Kampagne stützen. In seiner kurzen Stellungnahme verweist der Anwalt des Arztes uns gegenüber auf Hinweise aus dem Strafverfahren vor dem Amtsgericht Berlin im Juli 2021. Dort wurden E-Mails durch den Verteidiger des Arztes verlesen, welche aus den Akten des Verfahrens stammen und einer der Nebenkläger verfasst hatte. Er warf darin seiner Anwältin vor, sie habe zu seinem Nachteil gehandelt und versucht, ihn zu einer Falschaussage zu bewegen. Die Aussage eines anderen Nebenklägers hatte Zweifel an der psychischen Gesundheit dieses Mannes aufgeworfen. Der Vorsitzende Richter sagte, er habe die E-Mails bislang für nicht erheblich gehalten. Das weitere Vorgehen in diesem Fall wird nun geprüft.

Die Quellen.

Viele der Personen, die sich seit der Veröffentlichung bei Ippen Investigativ gemeldet haben, arbeiten im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb, sind akademisch gebildet. Darunter sind mehrere Künstler, Uni-Professoren, eine Person aus dem diplomatischen Dienst, ein Rechtsanwalt, ein Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, ein Psychiater.

Viele andere kommen aus dem Ausland oder sagen, dass sie zum Zeitpunkt des Praxisbesuches keine Krankenversicherung gehabt hätten. „German doctors are weird“, haben wir immer wieder gehört. Mehrere der Personen, mit denen wir gesprochen haben, sind HIV-positiv. Einige von ihnen sagen, dass sie dringend die Postinfektionsprophylaxe PEP benötigten, die nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eine HIV-Ansteckung verhindern kann. Andere sagten, sie hätten zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Übergriffe an psychischen Erkrankungen wie Depressionen gelitten. 

Alle Personen, die in dieser Recherche zu Wort kommen, haben Angst vor rechtlichen Konsequenzen und davor, erkannt und in der Folge stigmatisiert zu werden. Um die mutmaßlich Betroffenen zu schützen, nennen wir ihre Namen nicht. Mehrere Personen haben im Rahmen unserer abgemahnten Berichterstattung 2019 eidesstattliche Versicherungen zur Vorlage bei Gericht unterzeichnet, in denen sie unter Angabe ihres vollen Namens die Vorwürfe ausführlich schildern.

Die Art, wie viele Männer von diesen angeblichen Erlebnissen berichten, zeigt, wie normalisiert sexualisierte Gewalt in der schwulen Community lange war und teilweise noch ist. Etliche Männer, mit denen wir gesprochen haben, beschreiben die Untersuchungen als sexualisierte Gewalt, „Machtmissbrauch“ und „Übergriff“. Trotzdem sagen mehrere, es sei nicht schlimm gewesen. Er sei nicht das erste Mal gewesen, dass sie angegrabscht worden seien. Sie hätten darüber gelacht. Sie seien nicht traumatisiert.

Andere aber beschreiben, wie verletzt sie sich nach den Untersuchungen gefühlt hätten. Sie verwenden Wörter wie hilflos, verwirrt, schmutzig. Manche sagen oder schreiben, sie hätten sich schuldig gefühlt, weil sie die Situation nicht gestoppt hätten, oder womöglich falsche Signale gegeben hätten.

Für einige sind die spezifischen Fragen in den Interviews schwer zu ertragen. Sie schreiben nach den Gesprächen, dass sie aufgewühlt sind, es ihnen schlecht gehe. Einige haben den Kontakt zu uns abgebrochen.
Und wieder andere können ihre Erzählungen nur schwer einordnen. Sie sagen, sie hätten nach der Untersuchung ein komisches Gefühl gehabt. Sie seien verunsichert gewesen. Ich habe nicht verstanden, was da gerade passiert, hören wir immer wieder in den Interviews. Sie hätten ihrem Arzt vertraut.

Durch die #MeToo-Debatte, sagen viele der Männer, habe sich ihre Haltung verändert. „Die Gleichgültigkeit, mit der ich dem damals begegnet bin, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen“, sagt uns ein Mann im Gespräch. „In Teilen der Schwulenszene“, sagt ein anderer, „ist schon die Erwartung, dass dein Körper zur Verfügung steht. Du gibst diese Autonomie über deinen Körper ab. In einer Art und Weise, bei der Frauen seit Jahren sagen: Das geht nicht mehr.“

Es ist denkbar, dass einige der Personen, welche sich mit Missbrauchsvorwürfen gemeldet haben, die Situationen falsch verstanden haben. Dass sie die Behandlung nach vielen Jahren anders empfunden haben, beeinflusst von der öffentlichen Berichterstattung, dem Strafprozess. Andererseits hat der Arzt, glaubt man ihren Schilderungen, mögliche Missverständnisse offenbar nicht nur nicht zu verhindern gewusst – sondern klare Grenzen überschritten.

Es gibt Teile der Schilderungen, die in schwer zu definierende Graubereiche fallen. Bei denen man argumentieren könnte, dass ein Arzt ganz besonders gründlich sein will, besonders freundlich oder ein besonders vertrauensvolles Verhältnis herstellen möchte, in der großen, queeren Kiezpraxis.

Viele der Männer erzählen, der Arzt habe sie väterlich an Armen, Beinen, Rücken, Brust, Knie, Kopf, Wange, Schenkel oder Hand gestreichelt. Ihnen in Notlagen geholfen. Sie getröstet. Sie umarmt und geduzt, mit Küssen auf die Wange begrüßt, ohne vorherige Absprache. Einige sagen, sie hätten sich von der Aufmerksamkeit geschmeichelt gefühlt. Andere sagten, sie wollten diese angeblichen Berührungen nicht, hätten aber still gehalten, weil sie etwas von dem Arzt brauchten. Medikamente. Ein Attest. Wohlwollen für die weitere Behandlung.

Viele Männer erzählten, dass sie sich für die Untersuchung komplett entkleiden sollten. Andere sagen, er habe sie nach sexuellen Vorlieben gefragt, obwohl dies ihres Erachtens nach für die Behandlung unerheblich gewesen sei. Viele erzählen auch, dass sie am Penis oder Anus untersucht wurden, obwohl sie mit Beschwerden wie einer Augenentzündung oder Halsschmerzen in die Praxis gekommen seien.

Mehrere Männer erzählen aber auch, dass sie die Sprache des Arztes als sexualisiert wahrgenommen haben. Ob er gerne ficke oder gefickt werde, habe der Arzt ihn gefragt, sagt ein Mann, der angibt, 2016 eigentlich zum Impfen in die Praxis gekommen zu sein. Der Arzt habe ihn auch gefragt, ob er einen großen Penis habe. 

Ein Mann sagt, er habe den Eindruck gehabt, der HIV-Arzt habe sehen wollen, ob ihn die Intimuntersuchung in irgendeiner Weise errege. Wieder andere beschreiben das Verhalten während der Untersuchungen als „flirten“ oder „anbaggern“. Ein Patient, der als Psychiater arbeitet, sagt: „Es war in Sekunden klar, was da los ist. Ich wusste, was der macht.“ Mehrere sagen, sie hätten den Eindruck gehabt, der Arzt habe bei ihnen mit seinen Handlungen eine Erektion provozieren wollen.

Besonders streitig, das zeigt sich auch im aktuell laufenden Strafverfahren, sind Details der Untersuchungen an Penis, Anus und Prostata. 

Das „Melken“ des Penis etwa, um Exprimat zu gewinnen, ist eine medizinische Handlung, die zwar heute nicht mehr üblich ist, aber noch immer als ärztliche Leistung abgerechnet werden kann. Und auch das mehrfache Drücken der Prostata kann einen medizinischen Sinn haben. Wann aber wird eine medizinische Untersuchung zu einem sexuellen Übergriff? Der Arzt sagt, seine Untersuchungen seien immer medizinisch indiziert, sie entsprechen medizinischen Standards. Viele der ehemaligen Patienten behaupten in den Gesprächen, sie hätten die Handlungen als Masturbation oder Stimulation empfunden. 

Die Anwälte von Heiko J. verweisen in ihrer Stellungnahme auf die Zeugenvernehmung eines Dermatologen im Strafprozess. Dieser Hautarzt hatte vor Gericht ausgesagt, dass  einer der Nebenkläger laut der medizinischen Akte rund ein Dutzend Mal zu proktologischen Untersuchungen zu ihm gekommen sei. Der Hautarzt schilderte, dass zu jeder dieser Arzt von Behandlungen auch die Prostata zwingend mit untersucht werden müsse. Laut des Anwalts habe der Mediziner bestätigt, dass bei einem Check auf Geschlechtskrankheiten die Haut auf Veränderungen untersucht werden muss und sich deshalb in diesen Fällen die Patienten vollständig entkleiden müssten

Es ist denkbar, dass manche unserer Gesprächspartner eine medizinische Situation falsch interpretiert haben. Viele der uns geschilderten Handlungen aber sind – sollten sie wie von den Patienten beschrieben so stattgefunden haben – medizinisch nur sehr schwer zu erklären.

Mehrere Männer sagen, der Arzt habe ihre Prostata massiert oder einen Finger in ihrem Anus gehabt und gleichzeitig ihren Penis berührt oder gerieben, teilweise habe dieses Reiben mit der ganzen Hand stattgefunden. Für diese Handlung könne es aus seiner Sicht keinerlei medizinischen Anlass geben, schreibt uns auf Nachfrage der Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. Einige Männer sagen, die Untersuchung im Analbereich und der Prostata habe mehrere Minuten lang gedauert. Der Pressesprecher schreibt, die Untersuchung der Prostata dauere in der Regel nur wenige Sekunden.

Einzelne sagen, der Mund des Arztes habe ihr Genital berührt oder sei kurz davor gewesen. Mehrere Männer sagen, der Arzt habe sie auf den Mund oder den Hals geküsst oder versucht sie zu küssen. Mehrere sagen, der Arzt habe ihnen die Hand in den Schritt gelegt. Einzelne sagen, der Arzt habe sich vor ihnen teilweise entblößt.

Einige sagten, sie hätten die Behandlung mit Worten oder Gesten abgebrochen. Andere sagen, sie seien verwirrt gewesen oder wollten instinktiv aus der Situation flüchten.

Mehrere Personen sagen, der Arzt habe private Treffen vorgeschlagen. Zum Kaffeetrinken. Zum Biertrinken. Ins Kino. Weitere sagen, Doktor J. ihnen seine Handynummer gegeben oder sie ungefragt unter ihrer Privatnummer kontaktiert. Ein Mann sagt, der Arzt habe angeboten, zum Fiebermessen zu ihm nach Hause zu kommen. Drei Männer sagen, dass sie in der Wohnung des Arztes gewesen seien und es dort zu intimen und sexuellen Handlungen gekommen sei. Teilweise seien sie in die Wohnung gegangen, um dort medizinische Informationen oder Medikamente zu erhalten. 

Einige stellten viele Jahre nach den angeblich erlebten Übergriffen eine Strafanzeige oder wendeten sich an Strafrechtsanwältinnen. Bei drei Personen leitete die Staatsanwaltschaft Berlin nach unserer Veröffentlichung im September 2019 ein Ermittlungsverfahren ein, alle drei wurden mittlerweile eingestellt: Es sei anhand der Zeugenaussagen unklar, ob dem Arzt überhaupt strafrechtlich relevantes Verhalten nachgewiesen werden könne, zudem seien die Fälle verjährt, schreibt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage. In einem vierten Fall stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Verjährung ein.

Die Ärzte.

Über die Jahre dürften dutzende, vielleicht sogar hunderte Mitarbeiter:innen für die große Praxis des HIV-Spezialisten gearbeitet haben. Wir haben einige dieser ehemaligen Mitarbeiter:innen kontaktiert. Doch nur einzelne waren bereit, mit uns zu sprechen.

Ein ehemaliger Arzt der Praxis meldet sich kurz nach der ersten Veröffentlichung 2019 telefonisch bei uns. Er halte es für seine Bürgerpflicht, uns aus dem Praxisalltag zu berichten, sagte er. Wenig später spricht ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter mit uns. Er habe sich aus Solidarität mit den mutmaßlichen Opfern entschieden, mit uns zu sprechen.

Beide stimmen zu, ihre Schilderungen bei Gericht vorzulegen. Beide bleiben anonym, aus Angst vor beruflichen Konsequenzen. Sie halten den Arzt noch immer für eine mächtige Figur im Medizinbetrieb. Mächtig genug, um ihre Karrieren zu zerstören.

Regelmäßig habe der Arzt Patienten aus seiner Sprechstunde „herausgezerrt“, schreibt einer der Ärzte in einem Protokoll für Ippen Investigativ. Er habe das als „hochgradig unprofessionell“  empfunden, da es seinem Empfinden nach keinen ärztlichen Grund dafür gegeben habe. Es habe sich jedoch stets um gutaussehende und jüngere Patienten gehandelt. Mehrfach hätten ihm Patienten berichtet, dass der bekannte HIV-Spezialist ihnen fragwürdige oder anzügliche Komplimente gemacht habe. Jahre später, hunderte Kilometer entfernt in einer anderen Stadt, hätten ihm 2019 zwei Patienten von Übergriffen erzählt, bis hin zu sexuellem Missbrauch. „Ein Schock“ sei das gewesen, schreibt der Arzt. Da sei ihm klar geworden, dass es sich nicht um Einzelfälle handeln könne.

Auf die hier geschilderte Situation ist der Arzt in einer detaillierten Anfrage von uns nicht genauer eingegangen. Insgesamt weist der Arzt die Vorwürfe stets zurück und verweist darauf, dass Behandlungen medizinisch notwendig gewesen seien – er habe kein sexuelles Interesse an seinen Patienten. Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. im derzeit laufenden Strafverfahren nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Mehrere ehemalige Patienten haben uns davon berichtet, mit anderen Mitarbeiter:innen der Praxis über die Vorfälle gesprochen zu haben oder dass sie diese gebeten hätten, nicht mehr von J. behandelt zu werden. „Ich kann dir auf jeden Fall zusichern, dass du den Arzt deines Vertrauens für die Untersuchung bekommst“, schreibt eine ehemalige Praxismitarbeiterin 2007 per E-Mail an einen damaligen Patienten. Die E-Mail liegt Ippen Investigativ vor. 

Auf mehrfache Nachfrage von Ippen Investigativ reagieren diese Mitarbeiter:innen nicht oder bestreiten, dass Patienten ihnen gegenüber solche Vorwürfe geäußert hätten. Sie würden sich an derartige Gespräch nicht erinnern.

Mehrere weitere Mitarbeiter:innen der Praxis erklärten in den verschiedenen gerichtlichen Verfahren, dass sie die Vorwürfe der Patienten nicht bestätigen können. Dass der Rückhalt aus der Praxis gegenüber dem Vorgesetzten groß ist, zeigt sich auch im aktuellen Strafrechtsverfahren – dort sitzen zu jedem Termin Mitarbeitende zur Unterstützung von Heiko J.

Auch die Reaktionen auf die Vorwürfe und das laufende Gerichtsverfahren waren in den vergangenen Monaten gespalten: Die renommierte Kiez-Praxis ist akademische Lehrpraxis der Charité. Auf Anfrage teilt die Pressestelle der Charité mit, dass die Lehrarzttätigkeit von Heiko J. bis zur juristischen Klärung ruhen wird. Mehrere Jahre war der Arzt auch Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Aids, ein wichtiger Zusammenschluss von Fachärzten. Im Herbst 2019 schrieb der Vorstand in einem Brief an den Arbeitskreis, dass der Vorstand die Zusammenarbeit mit dem Mediziner bis zur Klärung der Vorwürfe nicht fortführen könne. Der Vorstand legte dem Arzt nahe, sein Amt ruhen zu lassen. Heiko J. trat nicht noch einmal an. Zugleich veröffentlichte er weiterhin medizinische Studien und im Frühjahr 2020 interviewte ein großer TV-Sender den Arzt für einen Beitrag und lobte dessen Praxis. Von den vielen Vorwürfen war keine Rede. 

Ein Papierflieger auf dem Arm.

Carlos sagt, er sei nach dem angeblichen Übergriff sehr aufgebracht gewesen. Noch am selben Abend habe er mit seinem besten Freund in Spanien telefoniert, sie kennen sich von früher aus der Schule. „Ich wollte nicht, dass dieser Dämon, dieses Geheimnis in mir emotional weiter wächst“, erinnert sich Carlos im Gespräch, er habe darüber sprechen wollen. Der Freund erinnert sich in einem Telefonat mit Ippen Investigativ an das Gespräch, das im Jahr 2011 stattgefunden haben soll. Carlos sei damals in einem Schockzustand gewesen.

Am nächsten Morgen habe er entschieden, in die Praxis zu gehen, um den Arzt zu konfrontieren, sagt Carlos. Im Gespräch erinnert er sich, er habe das schreckliche Gefühl loswerden wollen, dass er gehabt habe. Er erinnere sich genau an die Situation am Morgen, es sei sehr früh gewesen und J. habe sich mit zwei anderen Ärzten unterhalten. Der Arzt sei mit ihm in ein Behandlungszimmer gegangen. Dort habe Carlos ihm gesagt, dass es nicht okay sei, was er getan habe, dass er sich extrem unwohl gefühlt habe. Der Arzt habe ihm gesagt, es sei okay, und er müsse die Behandlung nicht bezahlen. Carlos habe abgelehnt und die offenstehende Summe bar beglichen.Auf die hier geschilderte Situation ist der Arzt in einer detaillierten Anfrage von uns nicht genauer eingegangen. Insgesamt weist der Arzt die Vorwürfe stets zurück und verweist darauf, dass Behandlungen medizinisch notwendig gewesen seien – er habe kein sexuelles Interesse an seinen Patienten. Die Verteidigung des Arztes geht davon aus, dass Heiko J. im derzeit laufenden Strafverfahren nach dem bisherigen Gang der Beweisaufnahme freizusprechen ist.

Danach habe er sich schuldig gefühlt, sagt Carlos. Er habe noch mehrere Monate nach dem angeblichen Besuch in der Praxis Schwierigkeiten gehabt, mit anderen Männern intim zu sein. Bis heute trägt Carlos ein Tattoo, das für diese Zeit steht. Es ist ein Papierflieger, ein Zeichen für die Fragilität einer Reise. Erst nach einigen Monaten habe sich sein Denken über den mutmaßlichen Übergriff verändert. Carlos sagt, er habe schließlich erkannt, dass es nicht seine Schuld gewesen sei. „Auf jeden Fall war das, was er getan hat, einfach falsch.“ 

Alle in diesem Text geschilderten Vorwürfe sind nicht gerichtsfest bewiesen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Redaktionelle Unterstützung: Thomas Vorreyer

*Ippen Investigativ ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Ippen Investigativ – das Rechercheteam von IPPEN.MEDIA – arbeitet an aufwändigen Recherchen zu Korruption, Machtmissbrauch und Ausbeutung. Sie erreichen die Reporter:innen unter recherche@ippen-investigativ.de. Mehr Informationen über die Recherchen des Teams und Kontaktmöglichkeiten: ippen-investigativ.de

Für Hinweise erreiche Sie unsere Reporterin Juliane Löffler unter juliane.loeffler@buzzfeed.de oder 0170 - 70 60 140

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