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Warum ich Netflix‘ „Heartstopper“ sowohl traumatisch als auch zutiefst befriedigend finde

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Nick und Charlie liegen kuschelnd am Stand auf einem Handtuch
„Heartstopper“ (Netflix): Ein Handtuch reicht © Netflix

Wir alle haben eine Erste Liebe verdient ... vorzugsweise nicht mit 25 Jahren.

„Heartstopper“ ist erst vor Kurzem auf Netflix gelandet und schon jetzt sind alle ganz verliebt in diese wunderbare Serie. Das queere Liebesdrama - welches auf einem Webcomic von Alice Oseman basiert - hat beim Anschauen einen bestimmten Nerv bei mir getroffen. Hier sind die Gründe, warum ich „Heartstopper“ traumatisch finde und die Serie trotzdem sehr gerne mag ...

Anmerkung: in dem Post werden Neopronomen benutzt. Wenn du dich darüber informieren möchtest, was hinter dem Begriff steckt und wie man Neopronomen benutzt, kannst du das hier nachlesen.

Ich konnte mir „Heartstopper“ bereits vor ein paar Wochen ansehen. Kaum hatte ich es beendet, fing ich an der Netflix-Veröffentlichung entgegenzufiebern, damit jeder diese unglaubliche Serie anschauen kann. Jemand aus meinem Freundeskreis mag die Comics und hat mich irgendwann letztes Jahr dazu gebracht, sie zu lesen. Jetzt hat die Person mich gefragt, was ich von der Serie halte. „Sie ist wunderbar“, habe ich gesagt. „Ich glaube, du wirst sie lieben, es ist einfach so herzergreifend! Es hat mich aber auch traurig gemacht.“ Als sie mich gefragt hat, warum, habe ich zugegeben: „a) weil ich es gut nachvollziehen kann und b) weil ich nie das bekommen habe, was Nick und Charlie haben.“

Ich habe eine Menge LGBTQ+-Teenie-Serien gesehen, wie „Hollyoaks“, „Buffy - Im Bann der Dämonen“, „Glee“, „Love, Victor“, aber „Heartstopper“ ist anders für mich. Es kann daran liegen, dass die Serie ein einzigartiges Beispiel für ein queeres Teenie-Liebesdrama an einer britischen Schule ist. Für mich stecken so viele nostalgische Szenen und Details in der Serie: von Geburtstagen in der Bowlinghalle über explodierende Tintenfüller. Manches mag ein wenig übertrieben sein - was ist mit den Milchshake-Dates und den leidenschaftlichen Freundschaftsbekenntnissen? - aber ich denke mir einfach, warum auch nicht? Das Leben ist schwer und manchmal ist eine leicht überzuckerte Teenie-Liebesgeschichte genau das, was auch ein Arzt oder Ärztin verschreiben würde!

Das soll nicht heißen, dass „Heartstopper“ nicht realistisch ist. In einem Interview mit Alice Oseman stellt dey klar, dass es eine Serie über Teenager:innen FÜR Teenag:innen ist, anstatt einer Serie über Teenies für eine etwas ältere Zielgruppe à la „Euphoria“. Ich würde noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass die Serie vor allem für queere Jugendliche ist. Die Geschichte, die sehr nah an der Comicvorlage bleibt, stellt den Entdeckungsprozess von queeren Teenies so genau und sorgfältig dar, dass es manchmal schwierig anzusehen ist.

Nick und Charlie sitzen im Krankenzimmer auf einer blauen Liege und Nick hält eine Hand an Charlies Wange.
„Heartstopper“ (Netflix): Nick und Charlie im Krankenzimmer © Netflix

„Heartstopper“ wurde an meinem 29. Geburtstag veröffentlicht, was sich seltsam bedeutsam angefühlt und eine tiefergehende Überlegung bei mir angestoßen hat, wie sich LGBTQ+-Teenager:innen heutzutage fühlen müssen - zumindest laut der Serie/dem Comic.

Man kann die gleichen Momente der Panik beobachten, die queere Menschen beim Aufwachsen erleben: „Isaac wird nichts sagen“, sagt Charlie zu Nick in einer Szene, in der Isaac die beiden im Krankenzimmer der Schule sieht, den Eindruck eines Pärchens machend. In einer anderen Szene klickt sich Nick durch Google auf der Suche nach Antworten über seine Sexualität und geht auf ein Quiz, um herauszufinden, ob er schwul ist oder nicht - etwas, das ich definitiv auch als Teenager gemacht habe. Diesen Teil gibt es auch im Comic, aber aus irgendeinem Grund, in Kombination mit der Musik, den visuellen Details und Kit Conners phänomenalem Schauspiel, erschien es 1000% realer.

Nick und Charlies Geschichte auf dem Bildschirm zu verfolgen, hat mich traurig gemacht, weil ich mich in meinen Teenagerjahren nie verlieben konnte. Ich wünschte, das hätte ich sein können.

Ein großer Teil von „Heartstopper“ ist für mich nicht nur schwierig anzusehen, weil es so nachvollziehbar ist, sondern auch, weil Nick und Charlie schlussendlich ihre Zuneigung zueinander ausdrücken können und das hat mich ... einsam fühlen lassen. Es gibt einen Abschnitt gegen Ende der Serie, in dem beide Protagonisten ein Date am Meer haben. Den ganzen Tag über zeigen sie öffentlich ihre Zuneigung und machen einander Liebeserklärungen. Es ist eine der vielen Szenen, die ich geliebt habe, aber ich konnte leider auch nicht anders, als mich ein wenig traumatisiert davon zu fühlen. Da sind zwei 15-jährige queere Jungs, die zum ersten Mal verliebt sind und es ist wunderschön anzusehen, aber gleichzeitig war es schwierig, weil ich das selbst nie erleben konnte.

Auf der oberen Hälfte zeigt eine Google-Suchanfrage: am I gay?, unten ist eine Nahaufnahme von Charlies Augen, in denen Tränen schimmern.
„Heartstopper“ (Netflix): Charlie googelt nach Antworten © Netflix

Ich habe mit 15 noch sehr stark meine Sexualität verborgen und mich nicht ansatzweise wohl genug für ein „Coming Out“ oder für ein Date mit jemandem gefühlt.

Nick und Charlies Geschichte auf dem Bildschirm zu verfolgen, hat mich traurig gemacht, weil ich mich in meinen Teenagerjahren nie verlieben konnte und ich wünschte, das hätte ich sein können. In dem Alter hat es sich für mich wirklich unmöglich angefühlt. Kann sein, dass ich damals davon geträumt habe, dass mir jemand so eine von Herzen kommende Liebeserklärung macht, wie es Nick für Charlie auf der Bank tut ... Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern! Die Schichten meiner Verdrängung waren so undurchlässig, dass ich mir nicht mal erlaubt habe, so zu denken, um ehrlich zu sein. Das war in den 00er-Jahren. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie beengt sich homosexuelle Männer vor dem britischen Gesetz zur Entkriminalisierung von Homosexualität im Jahr 1967 gefühlt haben müssen, oder während der Jahre der Gesetzeserweiterung Clause 28, welche die „Förderung von Homosexualität“ verbot.

Es gibt sogar einen Moment in der zweiten Folge von „Heartstopper“, in dem Mr. Ajayi sagt: „Wenn ich mich als Teenager in einen Hetero-Jungen verknallt habe, habe ich es einfach unterdrückt und gelitten“ und ganz ehrlich ... SAME. Zu meiner Zeit und in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wurde man sehr dafür verurteilt, schwul zu sein. Auch nur die Vorstellung, sich an meiner Schule zu outen ... Ich habe wahrscheinlich erst mit 21 Jahren akzeptiert, dass ich schwul bin. Also habe ich 5-10 Jahre verdrängt, wer ich wirklich bin und mir nicht erlaubt, Gefühle für irgendjemanden zu entwickeln, was echt sche*ße ist.

Zwei weiblich gelesene Personen tanzen zusammen und halten sich dabei.
„Heartstopper“ (Netflix): Die Serie zeigt mehrere Formen queerer Liebe © Netflix

Mir „Heartstopper“ anzusehen kam einer Achterbahnfahrt gleich und obwohl die Serie nicht den bei mir bereits bestehenden Schaden rückgängig machen konnte, hat es mich extrem glücklich gemacht, zu sehen, wie die zwei Teenager sich verlieben und sich wohl genug fühlen, ihre Gefühle mit Freude auszudrücken. Wir alle haben eine erste Liebe verdient - homo, hetero, bi, queer, transgender, oder wie du dich sonst identifizierst - und sie in einem jungen Alter zu erleben, klingt wunderbar. Ich werde es wohl nie wissen, aber wenigstens habe ich jetzt „Heartstopper“ und das Wissen, dass junge queere Paare wie Nick und Charlie und Tara und Darcy heutzutage ein bisschen besser in der Lage sind, ihre Liebe öffentlich auszuleben. Und das ist tatsächlich ein ziemlich toller Ersatz.

Übersetzt von einem Post von Sam Cleal.

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