1. BuzzFeed
  2. Serien & Filme

Die Gewalt in „Texas Chainsaw Massacre“ ist brutal, aber lässt mich kalt - das macht mir Angst

Erstellt:

Von: Mika Engelhardt

Kommentare

Ein Bild aus dem Film „Texas Chainsaw Massacre“ zeigt den Killer Leatherface
Holt schon mal den Wischmop: Wo Leatherface auftaucht, ist das Blutvergießen nicht weit. © Imago/Netflix

MEINUNG

Netflix hat die Fortsetzung der Horror-Reihe „Texas Chainsaw Massacre“ veröffentlicht. Die Gewalt schockt kaum noch, sind wir zu abgestumpft?

Die Szene wird wohl als eine der ikonischsten Horrorfilm-Szenen des Jahres in die Annalen eingehen. Nachdem Leatherface zu seiner alten, grausigen Gestalt zurückgefunden hat, steigt der Killer in einen Bus voller feiernder Siedler:innen, die in einer kleinen, abgelegenen Stadt ein neues Leben anfangen wollen. Die zücken erst unbekümmert die Handys und filmen den Wahnsinnigen. Doch sehr schnell breitet sich der Horror aus, als Leatherface beginnt, sich durch die Menge zu metzeln.

Die Szene ist vermutlich die brutalste in der späten (und gleichnamigen) Fortsetzung zum Horrorschocker „Texas Chainsaw Massacre“ aus dem Jahr 1974, der in Deutschland damals „Blutgericht in Texas“ genannt wurde. Obwohl er weit entfernt von den Gewaltexzessen der Fortsetzung ist, löste der Film damals einen echten Sturm aus. In Deutschland stand er viele Jahre wegen „Gewaltverherrlichung“ auf dem Index und ist erst seit den 2010ern wieder erhältlich.

Aber wie das so ist mit älteren Horrorfilmen, würde „Blutgericht in Texas“ die junge Generation heute kaum noch schocken. Der Film setzt nicht auf übertriebene Gewalt, weil das mit den filmischen Mitteln damals gar nicht möglich war, sondern auf puren Horror. Auch der neue, direkt auf Netflix erschienene „Texas Chainsaw Massacre“ hat einige spannungsgeladene Szenen auf Lager, besonders die Flucht der Protagonistin Mel vor Leatherface in dessen Haus. Aber 2022 steht die Gewalt deutlicher im Fokus als noch vor fast 50 Jahren.

„Texas Chainsaw Massacre“: Blut im Überfluss

Und gewalttätig ist der Film wirklich. Neben der bereits angedeuteten Busszene sehen wir, wie jemandem der Arm gebrochen wird, nur um die Person dann mit dem eigenen Knochen zu erstechen. Menschen werden in der Mitte zersägt, mit der Kettensäge hochgehoben, durch die Luft geschleudert, von spitzen Gegenständen durchbohrt und geköpft. Guten Appetit! Dass das ganze nicht zur platten Schlachtplatte verkommt, ist dem soliden Cast und einigen kreativen Einfällen zu verdanken, die „Texas Chainsaw Massacre“, wenn man den Magen dafür hat, echt sehenswert machen.

Die Protagonist:innen von „Texas Chainsaw Massacre“ (2022) sind auf einem von Netlfix veröffentlichten Bild zu sehen
Die idealistische Jugend will sich ein schönes Leben auf dem Land machen. Doch die Idylle trügt. © Imago/Netflix

Einerseits wird hier mit Klischees über Städter:innen gespielt, die sich auf dem Land verwirklichen wollen, aber keine Ahnung vom Leben und den Gepflogenheiten dort haben. Andererseits gibt es spannende Anstöße zum Verhalten gegenüber Schwächeren, dem filmischen Umgang mit Figuren, die nach vielen Jahren zurückkehren („Halloween“ lässt grüßen) und der Film macht sogar ein paar Schritte, um die Wogen zwischen Waffenkritiker:innen und -befürworter:innen zu glätten - besonders in den Staaten ist das Thema nach wie vor hochaktuell und brisant.

Aber machen wir uns nichts vor. Wir gucken „Texas Chainsaw Massacre“ nicht wegen der politischen Kommentare, sondern weil wir möglichst kreative Kettensägen-Kills sehen wollen. Und die bekommen wir in Massen. Während der erste Kill mit dem eigenen Knochen noch richtig schön wehtut und überrascht, stellte sich bei mir aber im weiteren Verlauf des Films eine gewisse Gewaltmüdigkeit ein, die ich neuerdings immer häufiger beim Sehen von Horrorfilmen erlebe. In der Busszene wandte ich mich an meinen Freund und sagte: „Ich finde es echt traurig, dass diese unglaubliche Gewalt mich so kaltlässt.“

Slasher wie „Texas Chainsaw Massacre“ schockieren nicht mehr

Damit sind wir bei der Crux angelangt. Horrorfilme haben heutzutage alle Möglichkeiten, die Gewalt glaubhaft auf die Leinwand (oder auf den Bildschirm) zu bringen. Und wie ich bereits gesagt habe, ist der neue „Texas Chainsaw Massacre“ weitaus brutaler als das Original. Warum gibt es also keinen Aufschrei wie 1974? Warum nehmen wir solche Gewaltexzesse nur noch mit einem Schulterzucken hin und futtern weiter unsere Chips? Seit dem Ende des Filmes grüble ich über diese Fragen - und habe Antworten gefunden.

Zuerst muss betont werden, wie gewöhnt man als Horrorfilm-Fan mittlerweile an brutale Gewalt ist. Allein in den vergangenen paar Monaten hatten wir mit „Halloween Kills“, „Scream“ und jetzt „Texas Chainsaw Massacre“ drei heftige Slasher, die nicht mit Blut und Gewalt geizen. Und es gibt noch weitaus mehr. Wenn man so viele ähnliche Filme sieht, stellt sich eine gewisse Immunität gegen Grausamkeit ein. Ein Mensch wird in der Mitte durchgeschnitten? Nicht schlimm. Das kenn‘ ich schon!

Das Slasher-Dilemma: Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ müssen immer brutaler werden

Slasher-Horror muss sich also immer wieder toppen, um dem inzwischen blutrünstigen Publikum mehr als ein Schulterzucken zu entlocken. Das ist eine Entwicklung, die mir nicht gefällt, denn die Morde in „Texas Chainsaw Massacre“ sollten schockieren. Dass wir so gewaltaffin geworden sind, ist traurig, denn es lässt die Gewalt und die Morde bedeutungslos werden. Ein Slasher lebt natürlich von Morden, aber vielleicht brauchen wir mal wieder neue Ideen von kreativen Filmemacher:innen, um dem Genre neue Aspekte als nur mehr und mehr Gewalt abzugewinnen.

Die Figur Sally ist in einer Szene des Films „Texas Chainsaw Massacre“ (2022) zu sehen.
Wieder da: Die Protagonistin Sally kehrt in „Texas Chainsaw Massacre“ nach 50 Jahren zurück. Der Film geht mit der Figur ungewöhnliche Wege, die das Publikum eigentlich mehr treffen sollten. © Imago/Netflix

Denn Gewalt ist immer am schockierendsten, wenn sie eben nicht bedeutungslos ist. Dann kann sie blutig ausgespielt oder auch nur angedeutet sein, der Effekt auf das Publikum ist einfach deutlich stärker, wenn die Szenen etwas mit uns machen. Als Beispiele fallen mir hier „The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino und „Promising Young Woman“ von Emmerald Fennel ein.

Tarantino spielt seine Gewalt explizit aus, aber sie macht einen solchen Eindruck, weil wir die Figuren schon zwei Stunden lang kennengelernt haben. Wenn ihnen etwas wehtut, tut es uns auch weh. Und „Promising Young Woman“ muss einen zentralen Tod nicht mal zeigen und schockiert durch die bloße Brutalität der Tat trotzdem. Da reicht der Gedanke. Diese Art von Gewalt bleibt nach dem Film bei den Zuschauer:innen - und das ist genau die Art, von der ich gerne in Zukunft wieder mehr sehen will.

Horrorfilme haben viel Potenzial: „Texas Chainsaw Massacre“ braucht die exzessive Gewalt gar nicht

Denn seien wir mal ehrlich, ganz unbedenklich kann es nicht sein, dass wir bei extremer Gewalt nicht zusammenzucken und weggucken wollen. Sind wir als Menschen nicht darauf konditioniert, Gewalt zu fürchten? Ich werde jetzt nicht die Moralkeule auspacken und sagen: „Gewaltfilme und Videospiele versauen unsere Jugend“, denn das glaube ich nicht. Aber wenn ich mich selbst dabei ertappe, dass ich während der blutigen Buss-Szene vollkommen kalt bleibe, dann macht mir das schon etwas Sorgen.

Ich gucke gerne Horrorfilme. Übernatürliche Haunted House-Schocker, aber auch ab und an einen guten Slasher. Das Genre hat viel Potenzial und ich kann dem viel abgewinnen. Deshalb bitte ich alle Horror-Filmemacher:innen: Überdenkt euren Ansatz zu Gewalt! Muss wirklich alles explizit gezeigt werden? Kommen durch brutale Szenen Gefühle auf? Mit ein bisschen mehr Sorgfalt könnten diese Filme einen deutlich größeren Effekt haben und trotzdem schockieren. Wenn wir danach wieder ein wenig mehr Angst vor echter Gewalt haben, ist das umso besser. Denn sollen Horrorfilme nicht vor allem abschrecken und Angst machen?

Auch interessant

Kommentare