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True Crime – die Faszination von wahren Fällen

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Die Netflix-Doku „Amanda Knox“ verzeichnet hohe Zugriffszahlen
Die Netflix-Doku „Amanda Knox“ verzeichnet hohe Zugriffszahlen © Netflix/Courtesy Everett Collection / IMAGO

Die True-Crime-Serie hat sich als erfolgreiches Format bewährt. Alle Infos über die Geschichte des Genres, seine Inhalte, Formate und erfolgreiche Netflix-Produktionen.

Mainz – Das Phänomen True Crime ist keineswegs neu. Die Gattung entstand bereits Mitte des 20. Jahrhunderts und fand zunächst eine Heimat im angloamerikanischen Raum. Alsbald entdeckten die TV-Anstalten den Reiz des Themas für sich und räumten der True-Crime-Serie sukzessive mehr Sendeplatz ein. Das hiesige Fernsehen sprang anhand des vom Mainzer Haussender ZDF produzierten Formats „Aktenzeichen XY ungelöst“ auf den Zug auf. Das von Eduard Zimmermann erdachte und moderierte Magazin verzeichnete ab 1967 hohe Einschaltquoten. Es war das erste „True Crime“-Vehikel im deutschen TV. Auch die seit den Nullerjahren auf Sendung befindliche Neuauflage (Moderation: Rudi Cerne) lockt regelmäßig ein Millionenpublikum vor die Bildschirme.

True Crime: Definition

Die Gattung der True-Crime-Serien behandelt per Definition „wahre beziehungsweise reale Verbrechen“. Das bedeutet, dass tatsächliche Kriminalfälle nacherzählt werden. Dies geschieht wahlweise im Serien-, Film- oder Dokuformat. Entweder wird ein realer Fall anhand von Zeitzeugen und polizeilichen Ermittlern nachgestellt, oder ein tatsächliches Verbrechen dient als Grundlage für eine fiktive, schauspielerisch unterstützte Aufbereitung. Als Hintergrund fungieren stets reale Kriminalfälle, wobei zumeist Morde oder andere Kapitalverbrechen verhandelt werden. Ihre Aufbereitung fokussiert in der Regel die spezielle Vorgehensweise der Täter, die oft aus niederen Beweggründen heraus handeln. So sind es nicht selten Serienmörder, die im Zentrum der Geschichten stehen. Von den Psychopathen geht eine (un-)heimliche Faszination aus, die die True-Crime-Produzenten für sich zu nutzen wissen. Darüber hinaus ergänzt sich die Serialität der Bluttaten optimal mit der Serialität des Sendeformats, das ebenfalls auf Wiederholung, Variation, Steigerung und Fortsetzung ausgerichtet ist.

True Crime: Fälle der erfolgreichsten Serien

Bevor das Thema True Crime in Serie gegossen wurde, eroberte es den Buchmarkt. Hintergrund für erste Publikationen im Bereich True Crime waren zwei Fälle, die aufgrund ihrer Kaltblütigkeit für viel Aufsehen sorgten. „Kaltblütig“ ist denn auch der Titel des von Truman Capote verfassten Bestsellers. Capote rekapituliert die Tötung einer Farmerfamilie durch zwei Landstreicher, die in dem Anwesen Geld vermuteten. Als sich dies als Irrtum herausstellte, ermordete das Duo die gesamte Familie und steckte zudem deren Haus in Brand. Vor der Niederschrift seines Buches „In Cold Blood“ besuchte Truman Capote einen der Täter mehrfach in der Todeszelle und nahm dessen Schilderungen in seinen 1965 erschienenen Tatsachenbericht auf. Der kommerzielle Erfolg von „Kaltblütig“ wurde lediglich von „Helter Skelter“ (1974) übertroffen. Vincent Bugliosi und Curt Gentry widmen sich in ihrer True-Crime-Story dem Ritualmord an der Schauspielerin Sharon Tate durch den Sektenführer Charles Manson und dessen Mitstreiter.

Das Internet befeuert den Trend

Das Potenzial des Themas erkennend, widmete sich in der Folge auch das Fernsehen der Aufarbeitung besonders perfider Verbrechen. Die Quoten waren stabil und sicherten den TV-Anstalten eine gewisse Aufmerksamkeit. Mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Internets beziehungsweise der sozialen Medien explodierte diese Aufmerksamkeit. Ablesen lässt sich der gegenwärtige Boom an den hohen Zugriffszahlen der True-Crime-Podcasts und einiger einschlägiger Foren, in denen sich nicht selten mehrere Millionen Menschen versammeln. Jeder einzelne User ist aufgefordert, seine Meinung zu einem bestimmten Fall mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Dies führt mitunter zu interessanten Neubewertungen scheinbar eindeutiger Indizien. Wie im Fall des sogenannten Golden State Killers, dessen Verbrechen auf Betreiben einer Online-Community neu aufgerollt wurde. Treibende Kraft hinter der Wiederaufnahme des Falls und der Überführung des Täters war die Hobby-Kriminologin Michelle McNamara.

True Crime: Serien-Formate

Während zunächst nur Privatsender auf das Format der True-Crime-Serie setzten, sind es nunmehr auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die das Thema für sich entdeckt haben und entsprechend unterfüttern. Hintergrund: True-Crime-Serien generieren hohe Einschaltquoten, was wiederum von Relevanz für potenzielle Werbekunden ist. Sogar Pay-TV-Anbieter zollen dem Trend Tribut und passen sich den Wünschen ihrer Kunden an. So hat der Bezahlsender Sky vor Kurzem einen Spartenkanal namens Sky Crime aus der Taufe gehoben: wahre Verbrechen rund um die Uhr. Für Fans ein echtes Muss. Genau wie die Reihe „Dunkle Seelen: Gespräche mit einem Serienkiller“, die in der ZDF-Mediathek zur Ansicht bereit liegt. Der auftretende US-Journalist Chris Cuomo befasst sich unter anderem mit dem Frauenmörder Joel Rifkin. 17 Morde werden Rifkin zur Last gelegt, allesamt begangen in den 90er-Jahren. Neben dem Angeklagten kommen Angehörige und Profiler zu Wort.

Wird man als Killer geboren?

Die Intention eines ganzheitlichen Blickwinkels verfolgt auch die Streaming-Reihe „Born To Kill: Als Mörder geboren?“, die bei TVNow verfügbar ist. Mittlerweile wurden vier Staffeln produziert, was den Erfolg erahnen lässt. Jede Folge widmet sich einem anderen Mordfall, wobei die Motivation des Täters in den Mittelpunkt der Aufarbeitung rückt. Cary Stayner ist ein solcher Täter. Im Jahr 1999 tötete er vier Menschen. Ihre Leichen wurden allesamt in Kalifornien aufgefunden – inmitten des berühmten Yosemite Nationalparks.

Mördermann macht Quote

Deutsche Straftäter hat der Streaming-Dienst Joyn im Angebot – und einen deutschen Juristen, der zahlreiche Mörder, Vergewaltiger, Erpresser und Totschläger vor Gericht vertreten hat. Die Rede ist von Uwe Krechel, der aus Quotengründen als „Mördermann“ firmiert. Mehr als 300 „schwere Jungs“ hat Krechel versucht heraus zu pauken, was selbstredend nur in den wenigsten Fällen gelungen ist. Die True-Crime-Serie taucht in den bewegten Arbeitsalltag des Strafverteidigers ein, der mental und emotional regelmäßig zwischen den Antipoden Abscheu und Faszination oszilliert.

True Crime: Serien bei Netflix

Neben anderen Streaming-Diensten spielt vor allem Netflix die Karte True-Crime-Serie aus. Die Zahlen geben dem amerikanischen Anbieter recht: Echte Verbrechen generieren echte Aufmerksamkeit. Dabei gilt: Je verstörender das Sujet, desto höher die Klickzahlen. Beispiel: „Ted Bundy – Selbstporträt eines Serienmörders“. Bundy wurde 1989 hingerichtet, weil er (mindestens) 30 Menschen auf dem Gewissen hat. Eine Bestie? Mitnichten, denn der eloquente Jurastudent war alles andere als ein Irrer. Immer wieder gelang es ihm, junge Frauen, zumeist Studentinnen, unter einem Vorwand in seinen VW-Käfer zu locken, wo er sie überwältigte und tötete. Ihre (zerstückelten) Leichen verbrachte er zumeist in unbewohnte Waldgebiete, wo er die Frauen verscharrte. Die Tonbandmitschnitte mit der Originalstimme Ted Bundys geben Aufschluss über seinen Lebenswandel. Was Fakt und was Fiktion ist, bleibt unklar, denn Bundy war ein Meister der Verstellung, der Täuschung und der Ausflucht.

Der Engel mit den Eisaugen

Irgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit bewegt sich auch die Protagonistin der Netflix-Doku „Amanda Knox“. Die US-Amerikanerin soll 2007 während eines Studienaufenthalts in Italien ihre Mitbewohnerin getötet haben. Im Jahr 2009 wurde sie wegen Mordes zu 26 Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre später hob das Berufungsgericht das Urteil auf. 2014 wurde der Fall neu aufgerollt, was für Amanda Knox erneut eine hohe Haftstrafe zur Folge hatte. Im Jahr darauf wurde sie endgültig freigesprochen. Innerhalb der Dokumentation bezieht Amanda Knox, von der Presse zum „Engel mit den Eisaugen“ stilisiert, erstmals persönlich Position und schildert ihre Sicht der Dinge. Ob Knox die Wahrheit sagt, weiß nur sie allein.

Neben „Amanda Knox“ verzeichnet Netflix momentan bei folgenden True-Crime-Serien hohe Zugriffszahlen:

Laut Netflix befindet sich eine Serie über den nekrophilen Serienmörder Jeffrey Dahmer in der Entstehung. „Monster: The Jeffrey Dahmer Story“ soll noch 2021 abrufbar sein.

True Crime: Serien in der Kontroverse

So erfolgreich True-Crime-Serien aktuell sein mögen: Ob ihres Inhalts und der Art und Weise ihrer Aufbereitung lösen sie regelmäßig Kontroversen aus. Kritiker des Formats werfen den Produzenten vor, mit dem Leid unschuldiger Menschen Quote machen zu wollen. Zudem sei das Genre voyeuristisch und bediene in erster Linie die Schau- und Sensationslust seiner Zielgruppe. Die oft spekulative und bemüht investigative Note der Serien hinterlasse einen fadenscheinigen Eindruck. Darüber hinaus reklamiere man einen illusorisch hohen Grad an Wahrheit für sich.

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