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„Mit Ketten an Tische gefesselt“: Überlebende berichten von Umerziehungslagern in China

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Von: Sven Hauberg

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Gulbahar Haitiwaji, Kelbinur Sidik und Gulbahar Jelilowa (von links)
Gulbahar Haitiwaji, Kelbinur Sidik und Gulbahar Jelilowa (von links) waren in Lagern in Xinjiang. © Sven Hauberg

Hunderttausende Menschen sollen in Umerziehungslagern in Chinas Provinz Xinjiang eingesperrt sein. Drei Überlebende berichten, was sie in der Haft erlebten.

München – Die Uigurin Gulbahar Haitiwaji war nach China gekommen, um ein paar Rentendokumente zu unterzeichnen. Doch dann verschwand sie für drei Jahre in einem Umerziehungslager. Mehrere Jahre schon hatte sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Frankreich gelebt. Doch Ende 2016 erhielt sie einen Anruf von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, einer Ölfirma in der sogenannten Autonomen Region Xinjiang. Damit sie ihre Rentenansprüche erhalte, müsse sie persönlich nach China kommen und die Dokumente unterschreiben, sagte man ihr. Und so bestieg sie in Paris ein Flugzeug und reiste nach Xinjiang, in die Stadt Karamay im äußersten Nordwesten Chinas.

„Als ich ankam, haben sie mir meinen Pass abgenommen“, erzählt die 56-Jährige Ende Mai bei einem Treffen in München. Dann brachte man sie auf eine Polizeiwache und zeigte ihr ein Foto ihrer Tochter Gulhumar, die in Paris an einer Demonstration für die Unabhängigkeit Xinjiangs von China teilgenommen hatte. Ihre Tochter sei eine Terroristin, sagten die Beamten, und sperrten Gulbahar Haitiwaji in eine Zelle. „Die chinesische Regierung hat mir vorgeworfen, der Partei gegenüber nicht loyal zu sein. Das war mein Verbrechen.“

Mehrere Monate habe man sie in Gefängniszellen festgehalten, erzählt sie. Dann brachte man sie in eine „Schule“. Doch die vermeintliche Lehranstalt entpuppte sich als Umerziehungslager. Die Insassen mussten kommunistische Lieder singen, Chinesisch pauken und Aussprüche von Staats- und Parteichef Xi Jinping auswendig lernen. „Ich lebte in einer Zelle, in der neun Betten standen“, erzählt Gulbahar Haitiwaji. „Doch in Wirklichkeit musste sich manchmal 30 oder 40 Frauen die Zelle teilen.“ Eine Toilette habe es nicht gegeben, die Notdurft mussten die Gefangenen in einem Eimer verrichten. Elf Stunden am Tag wurden die Frauen „unterrichtet“, miteinander sprechen durften sie nicht. „Und wir hatten keinerlei Kontakt zur Außenwelt.“

Chinas Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang: „Wir wurden mit Ketten an Tische gefesselt, sodass wir uns nicht bewegen konnten“

Die Behandlung durch die Wärter, sagt Haitiwaji, war grausam. „Wir wurden mit Ketten an Tische gefesselt, sodass wir uns nicht bewegen konnten“, erzählt sie, den Tränen nahe. „Manchmal zwei, drei Stunden, manchmal einen ganzen Tag oder länger.“ Sie nahm ab, wurde krank. Zweimal im Jahr hätten alle Frauen eine Spritze bekommen, angeblich eine Impfung. „Ich glaube aber, dass man uns mit dem Spritzen unfruchtbar gemacht hat“, sagt sie. Drei Jahre lang war Haitiwaji eingesperrt, bis ein Richter sie auf einmal für unschuldig erklärte und sie im August 2019 das Lager verlassen konnte. Zuvor hatte die Regierung in Frankreich diplomatischen Druck auf China ausgeübt.

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Berichte über die Umerziehungslager in Xinjiang gibt es seit Jahren. Die chinesische Regierung stritt deren Existenz zunächst ab und sprach später, als die Beweise nicht mehr zu leugnen waren, von „Ausbildungszentren“. Die Menschen seien dort freiwillig, heißt es aus Peking. Man wolle den muslimischen Uiguren helfen, von extremistischen Gedanken wegzukommen und sich für die Arbeitswelt fit zu machen. Aussagen wie die von Gulbahar Haitiwaji aber zeigen, dass von Freiwilligkeit keine Rede sein kann. Hunderttausende Uiguren, so schätzen Menschenrechtler, sitzen gegen ihren Willen in den Lagern. Die USA und mehrere andere Länder sprechen bereits von einem Genozid, der darauf abziele, die Kultur der Uiguren zu vernichten.

„Das Ziel der chinesischen Regierung ist es, das uigurische Volk zu zerstören“, sagt auch Kelbinur Sidik. Sidik, 52 Jahre alt, arbeitete 2017 als Chinesischlehrerin, zunächst in einem Lager für Männer, später in einem für Frauen. Man hatte ihr gesagt, sie werde Analphabeten in Ausbildungszentren unterrichten, erzählt sie. „Als ich ankam, habe ich aber realisiert, dass es nicht wie eine Schule aussieht, sondern wie ein Gefängnis. Alle trugen dieselbe Uniform und waren mit Ketten gefesselt. Schlafen mussten sie auf dem Boden.“ Die Insassen duften nur zweimal am Tag auf die Toilette, Duschen gab es nicht. „Die Männer wurden stundenlang verhört, manchmal auch gefoltert“, erzählt Sidik, die heute in den Niederlanden lebt. „Sie wurden nicht beim Namen gerufen, sondern nur bei ihrer Häftlingsnummer.“ Im Lager für Frauen wurden den Insassinnen die Haare geschoren, „sie bekamen Medizin, um ihre Periode zu stoppen und um sie zu sterilisieren“, sagt Sidik beim Treffen in einem Münchner Hotel.

China: UN-Menschenrechtskommissarin besucht Xinjiang

Seit ein paar Tagen befindet sich Michelle Bachelet in Xinjiang, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Dass Bachelet die Lager zu sehen bekommt, ist unwahrscheinlich. Menschenrechtsorganisationen befürchten, man werde Bachelet nur zeigen, was sie sehen solle. Die Beweise für die Lager aber sind erdrückend.

Zuletzt veröffentlichten internationale Medien Anfang der Woche unter dem Namen „Xinjiang Police Files“ Tausende Fotos von Inhaftierten, dazu Reden von chinesischen Politikern, Internierungslisten und Schulungsunterlagen der Sicherheitsbehörden. Informationen über rund 300.000 durch die Behörden registrierte Chinesen, vor allem Uiguren, befinden sich unter den Dokumenten, die aus einem gigantischen Datenleck stammen, das dem deutschen Anthropologen Adrian Zenz zugespielt worden war. „Es ist wie ein Fenster in einen Polizeistaat, über den ja so wenige Informationen rausdringen. So etwas haben wir noch nie gesehen“, sagte Zenz dem Spiegel, der an der Auswertung der Daten beteiligt war.

Dieses Foto aus den „Xinjiang Police Files“ soll weibliche Häftlinge im Bezirksgefängnis von Tekes zeigen.
Dieses Foto aus den „Xinjiang Police Files“ soll weibliche Häftlinge im Bezirksgefängnis von Tekes zeigen. Es entstand den Angaben zufolge im Jahr 2017. © Adrian Zenz/Journal of the European Association for Chinese Studies/Part of the Xinjiang Police Files/dpa

Gulbahar Jelilowa wurde 1964 in Kasachstan geboren, viele Jahre lang reiste die uigurische Geschäftsfrau immer wieder nach Xinjiang. Auch sie ist nach München gekommen, um über die Lager zu sprechen. Auf ihrem Handy zeigt sie das Foto eines Dokuments der chinesischen Sicherheitsbehörden. Ihr Name und ihr Geburtsdatum sind auf dem einseitigen Blatt Papier vermerkt, außerdem steht da, dass sie im Verdacht stehe, „an der Beihilfe zu terroristischen Aktivitäten beteiligt zu sein”. Jelilowa war im Mai 2017 von Kasachstan nach Xinjiang gereist, wie so oft. Doch kurz nach ihrer Ankunft in der Provinzhauptstadt Urumqi nahm man sie fest, legte ihr das Dokument vor, sagte, sie solle unterzeichnen. „Aber ich bin keine Terroristin“, sagt sie. Auch als man sie mit Stöcken schlug, weigerte sie sich, zu unterschreiben.

China: Eingesperrt in einem Lager in Xinjiang

Schließlich brachte man sie in das Internierungslager Nummer 3 in Urumqi. Man nahm ihr ihren kasachischen Pass ab, stellte ihr chinesische Dokumente aus. „Sie haben mich einfach zur Chinesin gemacht“, erzählt die Uigurin. Leben musste sie in einer Zelle, die so voll war, dass immer nur ein Teil der Frauen schlafen konnte; die anderen, sagt sie, mussten stehen und warten, bis sie an der Reihe waren, sich auszuruhen. „Als ich in die Zelle geschickt wurde, habe ich zu weinen angefangen“, erzählt sie. „Eine Frau kam auf mich zu und sage, ich solle nicht weinen. Wir wissen alle, dass wir unschuldig sind. Wenn wir weinen, kommen die Wächter und bestrafen uns.“ Nach drei Monaten in dem Lager habe man sie erstmals befragt. „Sie wollten wissen, ob ich oder jemand in meiner Familie betet“, erzählt Jelilowa. Man habe sie gefesselt, sie durfte nicht auf die Toilette, wurde mit einem elektrischen Schlagstock geschlagen.

Während der Dolmetscher ihre Worte übersetzt, kommen Gulbahar Jelilowa die Tränen. Dann erzählt sie, es habe Vergewaltigungen im Lager gegeben, außerdem Schläge. Und jede Woche zwei Tabletten, dazu alle zehn Tage eine Spritze. Junge Frauen, sagt sie, hätten ihre Monatsblutung verloren. Anderen habe man ihre neugeborenen Babys weggenommen und ihnen Pillen gegeben, um den Milchfluss zu stoppen. Offizielle Daten aus China zeigen, dass die Geburtsraten in Xinjiang seit Jahren dramatisch sinken – die Regierung, so Experten, wolle ganz offensichtlich die Uiguren zur Minderheit im eigenen Land machen.

China spricht von „Jahrhundertlüge“ – Olaf Scholz von Menschenrechtsverletzungen

Gulbahar Jelilowa wurde schließlich im August 2018 aus dem Lager entlassen – „nach einem Jahr, drei Monaten und zehn Tagen“. Die Regierung von Kasachstan hatte sich offenbar für ihre Freilassung eingesetzt. Heute lebt sie in Paris und erzählt anderen von ihren Erlebnissen. „Man sagte mir, ich solle nicht verraten, was ich gesehen habe. Sonst würde man mich verfolgen und mich töten“, erzählt sie. „Aber das hält mich nicht ab.“ Gulbahar Haitiwaji, die 2016 aus Frankreich nach China gereist war und anschließend eingesperrt wurde, hat über ihre Zeit in den Lagern ein Buch geschrieben. „Ich lebe heute in einem freien, demokratischen Land und sollte in Sicherheit sein“, sagt sie. „Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass mir chinesische Agenten folgen, dass mein Leben in Gefahr ist, weil wir die Wahrheit über die chinesische Regierung sagen.“

Datenleaks wie die „Xinjiang Police Files“ und Zeugenaussagen von Frauen wie Gulbahar Haitiwaji, Kelbinur Sidik und Gulbahar Jelilowa zeigen das ganze Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang. Man könne nicht mehr „wegsehen, wenn Menschenrechte verletzt werden, wie wir das gerade in Xinjiang sehen“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz kurz nach Veröffentlichung der neuen Beweise. Die Regierung in Peking aber spricht weiter von einer „Jahrhundertlüge“, allen Belegen zum Trotz.

Gulbahar Haitiwaji ist sich sicher, dass ihre Kultur überleben werde, dass es China nicht gelinge, sie auszulöschen. „Wir haben eine lange Geschichte“, sagt sie über ihre Heimat Xinjiang. „Wir sind stark genug, um unsere Identität zu bewahren.“ (sh)

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