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Chinas Lockdown-Drama geht weiter: 264 Millionen Menschen von Corona-Maßnahmen betroffen

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Von: Sven Hauberg

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Die Corona-Variante BA.5 breitet sich auch in China weiter aus. Die Behörden reagieren wie immer, wenn Infektionen auftreten: mit knallharten Maßnahmen.

München/Shanghai – Über viele Monate war es hierzulande eine Art allabendliches Ritual, dass in den Nachrichten die täglichen Corona-Zahlen vorgetragen wurden. Obwohl die Sommerwelle das Land fest im Griff hat, interessiert sich derzeit allerdings kaum noch jemand für die Anzahl der positiven Tests (am 19. Juli waren es laut Robert Koch-Institut mehr als 160.000 Neuinfektionen) – der Ukraine-Konflikt, die Gaskrise oder die Hitzewelle scheinen wichtiger. Ganz anders in China: Dort werden in den 19-Uhr-Nachrichten noch immer jeden Tag aufs Neue die aktuellen Covid-Zahlen präsentiert, und das, obwohl sie meist nur im dreistelligen Bereich liegen. 390 Neuinfektionen wurden in der vergangenen Woche im Schnitt jeden Tag gezählt, etwas mehr als die 340 in der Woche zuvor zwar, aus deutscher Sicht dennoch ziemlich wenig. Am Montag (18. Juli) kletterte die Zahl auf 699.

Dass dieser leichte Anstieg in China zu Besorgnis führt, liegt vor allem an der Null-Covid-Politik, an der das Land noch immer eisern festhält. Die Omikron-Variante BA.5 ist längst auf dem Vormarsch, die Politik aber bedient sich aus demselben Werkzeugkasten der Pandemiebekämpfung wie seit zweieinhalb Jahren. Jeder noch so kleine Ausbruch muss niedergeschlagen, jede Infektion mit dem Coronavirus verfolgt werden.

Wie das in der Praxis aussieht, konnte man unlängst in der Stadt Wugang in der zentralchinesischen Provinz Henan beobachten: Da durften die rund 320.000 Einwohner für mehrere Tage ihre Wohnungen nur noch in „dringenden Fällen“ verlassen, nachdem eine einzige Corona-Infektion nachgewiesen worden war. Kein Einzelfall: Die Großstadt Zhumadian reagierte unlängst auf zwei positive Corona-Tests ähnlich drastisch. Rund 1,5 Millionen Menschen leben in der Stadt, die südöstlich von Wugang liegt.

Corona in China: Rund 264 Millionen Menschen von Schutzmaßnahmen betroffen

Dutzende Städte in China stehen derzeit unter einem Lockdown, die japanische Nomura-Bank schätzte am Montag, dass rund 264 Millionen Menschen in 41 chinesischen Städten irgendeiner Form von Corona-Schutzmaßnahmen unterworfen seien – etwa 20 Millionen Menschen mehr als noch in der Vorwoche und mehr als doppelt so viele wie Anfang Juli. Zuletzt waren die eher ländlich geprägten Provinzen Gansu im Nordwesten des Landes und Guangxi, an der Grenze zu Vietnam, Infektionshotspots. Vor allem ein Coronaausbruch in Guangxi machte in China unlängst Schlagzeilen, weil in der dortigen Küstenstadt Beihai 2.000 Touristen strandeten, nachdem innerhalb von fünf Tagen mehr als 450 Menschen positiv getestet worden waren.

Auch in Shanghai, der wirtschaftlich bedeutendsten Stadt des Landes, werden noch immer neue Corona-Infektionen registriert. Am Montag waren es 23 neue Fälle, in der vergangenen Woche durchschnittlich 50 am Tag. Von Ende März bis Anfang Mai standen weite Teile der Stadt unter einem strikten Lockdown, das Bruttoinlandsprodukt in der Hafenstadt brach um 14 Prozent ein. Für viele der knapp 25 Millionen Einwohner bedeuten die erneuten Corona-Fälle, dass das große Testen wieder losgeht. Seit Dienstag müssen sich die Bewohner von neun Stadtbezirken innerhalb von drei Tagen zweimal testen lassen.

Chinas Wirtschaft leidet unter den Corona-Lockdowns

Die vielen Lockdowns in China schlagen sich längst negativ auf die Wirtschaftszahlen des Landes wieder. Am Freitag teilte das Pekinger Statistikbüro mit, dass das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik im zweiten Quartal um nur noch 0,4 Prozent zugenommen habe; im ersten Quartal war die chinesische Wirtschaft noch um 4,8 Prozent gewachsen. Damit ergibt sich für das erste Halbjahr 2022 ein Gesamtwachstum von 2,5 Prozent. Im März hatte Peking für das laufende Jahr ein Wachstumsziel von 5,5 Prozent ausgegeben, das allerdings kaum einzuhalten ist.

Auf dem Papier könnte am Jahresende dennoch eine Fünf vor dem Komma stehen, wenn die Wirtschaftsdaten für 2022 veröffentlicht werden – schließlich will sich Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping im Herbst in eine historische dritte Amtszeit wählen lassen. Auch wenn derzeit kaum etwas dafür spricht, dass ihm die Kommunistische Partei die Gefolgschaft entzieht, dürfte Xi dafür sorgen, dass seine kompromisslose Corona-Politik nicht als Gefahr für Chinas Wirtschaft angesehen wird.

Und so machen die Staatsmedien des Landes aus der Null-Covid-Strategie eine Erfolgsgeschichte: Während in den USA und Europa die Inflation steigt und noch immer Tausende Menschen täglich an Corona versterben, habe China nicht nur die Pandemie unter Kontrolle, sondern auch seine Wirtschaft. Da sei ein Wachstum von 2,5 Prozent im ersten Halbjahr doch gar nicht so schlecht, schrieb unlängst die Nachrichtenagentur Xinhua und zitierte nicht namentlich genannte „Wirtschaftswissenschaftler und Beobachter auf der ganzen Welt“ mit den Worten, „dass China mit seinem soliden wirtschaftlichen Fundament und seiner Widerstandsfähigkeit einer der zuverlässigsten Wachstumsmotoren der Welt bleibt“. Die Zahlen sprechen indes eine andere Sprache. (sh)

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