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Lockdown-Albtraum in Shanghai geht zu Ende – Deutschland spürt Auswirkungen aber weiter

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Von: Sven Hauberg

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Nach Beginn der Corona-Lockerungen trafen sich viele Menschen an Shanghais berühmter Uferpromenade „Bund“.
Nach Beginn der Corona-Lockerungen trafen sich viele Menschen an Shanghais berühmter Uferpromenade „Bund“. © Hector Retamal/AFP

Die meisten der 26 Millionen Einwohner Shanghais dürfen ihre Wohnungen wieder verlassen. Der Endlos-Lockdown belastet die deutsche Wirtschaft aber weiter enorm.

München/Shanghai – Zwei Monate waren die meisten der rund 26 Millionen Einwohner Shanghais in ihren Wohnungen oder Wohnanlagen eingesperrt. Nun öffnet sich Chinas Wirtschaftsmetropole langsam, der wochenlange Lockdown geht zu Ende. Rund 22,5 Millionen Menschen, in deren Wohngebieten es seit 14 Tagen keinen Corona-Fall gegeben hat, dürften ihre Wohnungen verlassen. Geschäfte öffneten am Mittwoch (1. Juni) wieder, öffentlicher und privater Verkehr wurden – wenn auch mit Einschränkungen – wieder aufgenommen.

„Mit einem bis zu 72 Stunden alten PCR-Test darfst du überall hin. Restaurants sind noch zu, nur Abholung und draußen sitzen, aber ansonsten ist alles auf“, erzählt Ioana Kraft, General Manager der EU-Kammer in Shanghai. Der PCR-Test könnte allerdings noch ein Flaschenhals werden, sagt Kraft. Die Zeit laufe ab dem Moment der Entnahme, aber oft brauche es Zeit, bis die Ergebnisse da sind. Nicht jeder schaffte es in der Stadt daher gleich ins Büro. Aber überall auf den Straßen waren auf einmal wieder Menschen, viele von ihnen mit Maske. „Manche wollten auch nur einfach zum Friseur“, sagt Kraft. „Ich glaube, wer noch zu Hause ist, ist das einfach deshalb, weil er oder sie es nicht fassen kann.“

China: „Alles daran setzen, den durch den Virusausbruch verlorenen Boden wieder gutzumachen“

Andere Einwohner bestätigen, dass die Straßen Shanghais voller Menschen sind – als ob nie etwas gewesen sei. Auch alle U-Bahnen fahren, und die Menschen können erstmals seit Ende März wieder den Fluss zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt überqueren. Die neuen Freiheiten gelten allerdings nicht für jeden: Ausgenommen sind Nachbarschaften, die als Risikogebiete identifiziert sind; laut chinesischen Staatsmedien befinden sich außerdem noch rund 200.000 Menschen in Quarantäne. Weiter geschlossen bleiben Kindergärten, Grund- und Mittelschulen sowie Kinos und Fitnessstudios.

An den internationalen Flughäfen Pudong und Hongqiao soll der Flugbetrieb nach und nach wieder aufgenommen werden. Am Mittwoch werden rund 100 Passagierflüge erwartet – deutlich weniger als die rund 1700 Flüge, die an beiden Airports an einem durchschnittlichen Tag im vergangenen Jahr abgefertigt worden waren.

„Wir werden das Leben und die Geschäfte wieder normalisieren“, erklärten das Komitee der Kommunistischen Partei in Shanghai und die Stadtverwaltung in einer Stellungnahme. „Shanghai wird alles daran setzen, den durch den Virusausbruch verlorenen Boden wieder gutzumachen.“ China verfolgt seit Beginn der Corona-Pandemie eine Null-Covid-Strategie: Bereits wenige positive Fälle reichen, um Nachbarschaften oder ganze Städte abzuriegeln. In Shanghai hatten die Beschränkungen Ende März für zunächst fünf Tage auf der Ostseite des Huangpu-Flusses begonnen. Dann aber wurde der Lockdown auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Auf dem Höhepunkt der Corona-Welle waren 27.000 Neuinfektionen an einem Tag registriert worden; zuletzt waren es am Mittwoch nur noch elf neue Fälle.

China: Lockdowns belasten Weltwirtschaft massiv

Was nach einem Erfolg in der Pandemie-Bekämpfung klingt, hat allerdings einen hohen Preis. Aufgrund des Lockdowns war die Versorgungslage für viele Einwohner zeitweise stark eingeschränkt, Lebensmittel wurden knapp, Medikamente wurden oftmals spät oder gar nicht geliefert. Die drakonischen Maßnahmen hatten zu heftigen Protesten der Bürger geführt, auch in den sozialen Medien. Meist wurden die Online-Proteste aber schnell zensiert. Dennoch verbreiteten sich immer wieder Aufnahmen, die Zusammenstöße von verzweifelten Anwohnern und Behördenmitarbeitern zeigten.

Auch die Wirtschaft litt enorm unter den Einschränkungen. Experten halten es für unwahrscheinlich, dass China aufgrund des Lockdowns in Shanghai und in vielen anderen Städten sein selbstgesetztes Ziel von 5,5 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr erreichen kann. In Chinas herstellendem Gewerbe sind die Aktivitäten einem wichtigen Konjunkturbarometer zufolge im Mai den dritten Monat nacheinander geschrumpft – wenn auch nicht mehr ganz so schnell. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) des Wirtschaftsmagazins Caixin stieg nach Angaben vom Mittwoch leicht von 46 im Vormonat auf 48,1 Punkte. Unter der kritischen Marke von 50 Punkten ist allerdings von einem Rückgang der industriellen Tätigkeit auszugehen. „Die Covid-Ausbrüche in verschiedenen Regionen belasten die Wirtschaft weiter“, kommentierte der Caixin-Ökonom Wang Zhe. „Sowohl das Angebot der Produktionals auch die Nachfrage haben weiter nachgelassen.“

China: Schließung des Shanghaier Hafens beeinträchtigt Lieferketten

Die Fabrikschließungen und der deutliche Kapazitätsrückgang am Shanghaier Hafen – dem größten der Welt – haben zudem noch immer Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten. Das bekommen zunehmend auch deutsche Unternehmen zu spüren. Bei der jüngsten Unternehmensumfrage des Ifo-Instituts im Mai klagten 77,2 Prozent der Firmen über Materialengpässe und Lieferprobleme, nach 75 Prozent im April. „Die Schließung von Häfen in China hat für viele Unternehmen die Situation weiter verschlechtert“, sagte am Montag Ifo-Umfragenleiter Klaus Wohlrabe in München. Die massive Störung der Logistikkette wird die wirtschaftliche Erholung demnach merklich verzögern. Rund die Hälfte der Unternehmen sagte in der Umfrage, dass die Lockdowns in China die Lieferprobleme verschärft hätten. Nahezu alle Schlüsselindustrien seien stark betroffen, am meisten der Maschinenbau, in dem 91,5 Prozent der Unternehmen über Lieferprobleme klagten.

Wie die South China Morning Post schreibt, haben viele Staatsunternehmen in Shanghai ihre Mitarbeiter mittlerweile dazu aufgerufen, wieder zur Arbeit zu gehen. Einige Privatunternehmen würden hingegen darauf verzichten, ihre Angestellten in die Büros zurückzubeordern. Der Hafen von Shanghai arbeitet bereits seit Mitte Mai wieder mit beinahe voller Kapazität. Die Hafenangestellten mussten dazu vor Ort übernachten, um den Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden. Auch andere Unternehmen konnten dank dieses „Closed Loop“-Systems zuletzt wieder fast ohne Einschränkungen produzieren. Dazu gehört etwa der Autobauer Tesla, der in Shanghai ein großes Werk betreibt.

China: Ende der Null-Covid-Politik nicht in Sicht

Ein Ende der Null-Covid-Strategie in China ist derweil nicht in Sicht, obwohl sich die hoch ansteckende Omikron-Variante nur schwer unter Kontrolle bringen lässt. Peking verteidigt seine Knallhart-Politik mit Verweis auf die relativ geringe Impfquote unter älteren Menschen sowie auf das Fehlen von ausreichend Intensivbetten in den Krankenhäusern. Zudem ist die Null-Toleranz-Politik eng mit Staats- und Parteichef Xi Jinping verbunden, der sich im Herbst auf einem Parteitag in eine dritte Amtszeit wählen lassen will.

Ähnliche Regeln wie in Shanghai gelten derzeit auch in Peking, wo meist ein negativer Test in den vergangenen 48 Stunden nachgewiesen werden muss. Die 21 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt, die eher einen Soft-Lockdown verfolgt hatte, hob im größten Stadtteil Chaoyang sowie in Daxing die Homeoffice-Pflicht auf und erlaubte zunächst Geschäften, wieder zu öffnen. Restaurants bleiben geschlossen. Im schwer betroffenen Stadtbezirk Fengtai galten weiter strikte Beschränkungen. Am Dienstag wurden in Peking 14 neue Corona-Fälle berichtet. (sh/dpa)

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