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Corona-Recherche zeigt: Kita-Erzieherinnen häufig infiziert, aber kaum entschädigt

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Von: Daniel Drepper

Kita-Erzieher:innen haben es besonders schwer, sich auf der Arbeit vor dem Coronavirus zu schützen. Trotzdem haben bislang kaum Erzieher:innen ihre Covid-19-Infektion als Berufskrankheit gemeldet.
Kita-Erzieher:innen haben es besonders schwer, sich auf der Arbeit vor dem Coronavirus zu schützen. Trotzdem haben bislang kaum Erzieher:innen ihre Covid-19-Infektion als Berufskrankheit gemeldet. © Uwe Anspach / dpa

Weniger als jede 1000ste Kita-Erzieherin hat in den vergangenen Monaten eine Infektion mit dem Coronavirus als Berufskrankheit anerkannt bekommen. Dabei sind Kita-Erzieherinnen Untersuchungen zufolge die am stärksten von Covid-19 betroffene Berufsgruppe. 

Bis Anfang März haben sich in ganz Deutschland nur 1864 Erzieherinnen mit einer Corona-Verdachtsanzeige bei der für private Kitas zuständigen Berufsgenossenschaft BGW gemeldet. 706 dieser Meldungen sind bisher als Berufskrankheit anerkannt – bei fast einer Million versicherten Kita-Erzieherinnen. Das schreibt die BGW auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland*. In der Krankenpflege sind dagegen bei ähnlich vielen Versicherten schon etwa 20 mal so viele Berufskrankheiten anerkannt worden. Den gesamten Artikel zur Berufskrankheit Coronavirus finden Sie hier bei BuzzFeed News Deutschland.

Coronavirus: Auch für Erzieher:innen eine Berufskrankheit

Die geringen Zahlen sind vor allem deshalb erstaunlich, weil Kita-Erzieherinnen besonders häufig von Covid-19 betroffen sind. So zeigt eine Untersuchung der größten deutschen Krankenkasse AOK von Ende Dezember, dass in den ersten sechs Monaten der Pandemie Kita-Erzieherinnen am häufigsten von allen Berufsgruppen wegen Coronavirus-Symptomen krank geschrieben wurden – sogar noch häufiger als Pflegekräfte und Mitarbeiter im medizinischen Betrieb. 

Wer eine Infektion mit dem Coronavirus als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall anerkannt bekommt, hat Anspruch auf eine bessere medizinische Versorgung und bei Langzeitfolgen möglicherweise auch auf eine Rente.

Unabhängige Beratungsstellen für Berufskrankheiten in Bremen, Hamburg und Berlin kritisieren die fehlende Aufmerksamkeit für das Thema. Die Beratungsstelle in Bremen schreibt von „großer Unwissenheit“ und fordert mehr Aufklärung durch Arbeitgeber, Betriebsärzte, Berufsgenossenschaften und Gewerbeaufsicht. „Der Informationsbedarf ist hier immer noch sehr hoch und es ist völlig unzureichend über das Thema informiert“, schreiben auch die Hamburger Experten. Die Berliner Beratungsstelle schreibt, Beschäftigte außerhalb des Gesundheitsbereichs seien noch schlechter informiert. Nur wenige würden durch Zufall davon erfahren, dass sie entschädigt werden können. 

„Große Unwissenheit“: Beratungsstellen kritisieren Informationslücke zu Coronavirus als Berufskrankheit

Was den Beratern auffällt: Arbeitgeber kommen ihrer Pflicht nicht nach, mögliche Berufskrankheiten und Arbeitsunfälle anzuzeigen. Bislang, schreibt die Bremer Beratungsstelle, „werden die Anzeigen zu Corona überwiegend von Ärztinnen und Ärzten gestellt, weniger bis gar nicht von Arbeitgebern.“ Auch den Berlinern werde immer wieder berichtet, dass Arbeitgeber ihrer Verpflichtung nicht zuverlässig nachkommen würden. Gründe seien unter anderem, dass die Arbeitgeber Angst hätten, einzugestehen, „dass Arbeitsschutzvorschriften nicht beachtet bzw. nicht umgesetzt wurden.“ Und dass Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze fürchten oder Arbeitgeber nicht anschwärzen wollen.

Eigentlich wären Arbeitgeber für die Meldung zuständig. Doch bis Ende Januar gab es in Deutschland bei damals rund 2,2 Millionen Infektionen mit dem Coronavirus nur knapp 65.000 Verdachtsanzeigen auf eine Berufskrankheit oder einen Arbeitsunfall. Das zeigen Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung auf eine Anfrage der Linken Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann. Sind wirklich nur drei Prozent aller Corona-Erkrankungen in Deutschland auf eine Infektion am Arbeitsplatz zurückzuführen?

DGB zu Coronavirus-Berufskrankheiten: „Mit dieser schäbigen Praxis muss Schluss sein“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ermuntert Beschäftigte, selbst Anzeigen auf Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu stellen, selbst wenn sich der Arbeitgeber weigert. „Uns wird berichtet, dass Betroffene von ihrem Arbeitgeber abgewimmelt werden“, schreibt DGB-Bundesvorständin Anja Piel. „Mit dieser schäbigen Praxis muss Schluss sein.“ Der DGB empfiehlt den Betroffenen, selbst zu dokumentieren, falls Mindestabstände nicht eingehalten oder Masken nicht getragen werden konnten. „Das ist später extrem wichtig für das Anerkennungsverfahren“, schreibt Piel.

„Gerade weil viele Corona-Erkrankte unter krassen Langzeitfolgen leiden, brauchen sie die beste Behandlung. Deshalb muss Corona für alle Berufsgruppen als Berufskrankheit anerkannt werden“, schreibt die Linken-Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann. Die Grüne Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke fordert ebenfalls eine Ausweitung der Anerkennung. „Überall dort, wo Menschen eng mit Menschen arbeiten, also in Krankenhäusern, der Sozialarbeit, im Kindergarten, in Schulen, bei der Polizei oder in Haftanstalten, und wo die Gefahr sehr groß ist, sich berufsbedingt anzustecken, muss die Covid-19-Infektion als Berufskrankheit anerkannt werden.“ 

FDP-Bundespolitiker Andrew Ullman glaubt nicht, dass bei der Anerkennung von Corona-Infektionen „akuter Handlungsbedarf besteht“, er schreibt aber, dass „gerade Arbeitgeber:innen darauf achten sollten, ihre Mitarbeiter:innen zu schützen.“ Die SPD-Fraktion schreibt auf Anfrage, Betroffene müssten besser informiert werden. Hinweise auf den Webseiten der Berufsgenossenschaften reichten nicht aus. „Der Hinweis auf die Möglichkeit einer Anerkennung als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall muss direkt an die Betriebe und an die Beschäftigten gerichtet werden.“ Die CDU äußerte sich auf Anfrage nicht.

Das Bundesarbeitsministerium schreibt, dass der zuständige Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten derzeit prüfe, ob in Zukunft weitere Berufe eine Infektion als Berufskrankheit anzeigen können.*BuzzFeed News Deutschland ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

BuzzFeed News Deutschland recherchiert weiter zum Thema Berufkrankheiten, Arbeitsschutz und Arbeitsausbeutung. Die Redaktion erreichen Sie unter recherche@buzzfeed.de

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