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„Masken sind peinlich“: Das Land, in dem es kein Corona gibt

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Eine Maske liegt im Dreck
Die Maske als Stigma: Wer in Syrien Mund-Nasen-Schutz trägt, wird ausgrenzt. © Boris Roessler/dpa

In Deutschland gehören die Corona-Maßnahmen seit eineinhalb Jahren zum Alltag. Das Leben ohne sie scheint nur noch eine vage Erinnerung zu sein. Das Gegenteil hat unsere Autorin in Syrien erlebt. Dort kann das Einhalten der Schutzmaßnahmen unangenehme Folgen haben.

Beirut/Latakia - Wer im Jahr 2021 in eine Parallelwelt eintreten möchte, braucht dafür kein Zeitreise-Portal. Man muss dafür nicht einmal besonders weit reisen. Am Flughafen der libanesischen Hauptstadt Beirut trete ich aus dem Terminal-Gebäude in die Hitze. Ich nehme meine Maske ab und ahne nicht, dass ich sie für eine lange Zeit nicht mehr aufsetzen werde. „No Mask“, sagt der Fahrer, der auf dem Parkplatz auf mich wartet. Verdutzt steige ich ins Auto. Mein Ziel: Die syrische Hafenstadt Latakia.

Drei Stunden dauert die Fahrt von Beirut nach Latakia, nordwärts entlang der Mittelmeerküste. Dabei fahren wir nahe Beirut an einem Straßenprotest vorbei. Männer, viele barfuß, blockieren eine Tankstelle, weil die Benzinpreise so hoch und die wirtschaftlichen Bedingungen so schlecht sind. Jemand feuert Salven aus einem Maschinengewehr in die Luft. Mir wird bewusst, dass ich dieses Knattern zum ersten Mal im echten Leben höre, nicht in einem Film oder in den Nachrichten. Wir überqueren die Grenze zwischen dem Libanon und Syrien, wo der Fahrer mit einem Stapel aus Einreise-Papieren zwischen staubigen Gebäuden hin- und herläuft.

Es ist 23 Uhr, als das Auto über die Schotterstraße zu meiner Unterkunft in Latakia schaukelt. Am Wegesrand stehen unzählige Rohbauten, fleischlose Skelette aus Beton, die besserer Zeiten harren. Daneben halbfertige Hochhäuser, deren Bewohner bereits eingezogen sind und die mittels provisorischer Kabelbündel am Stromnetz hängen. Man ist pragmatisch in Syrien.

„There is no Corona in Syria“: Leben ohne Schutzmaßnahmen und Einschränkungen

Latakia liegt 350 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt und 180 Kilometer von Aleppo. Die Stadt ist Zentrum der syrischen Alawiten - eine religiös gemäßigte Minderheit innerhalb des Islams. Alawiten trinken Alkohol, feiern Weihnachten, die Frauen tragen kein Kopftuch. Der IS sieht die Alawiten als Todfeinde, schafft es jedoch nicht, in die Region vorzudringen. Kämpfe und Anschläge gibt es in Latakia seit Jahren nicht.

Schwere Maschinen haben Furchen in die Straße gegraben. Links und rechts türmt sich Bauschutt. Die Luft ist noch immer warm und feucht, als ich aus dem Auto steige. Mein Gastgeber streckt mir zur Begrüßung die schweißnasse Hand entgegen - es wäre für mich der erste körperliche Kontakt außerhalb der engen Familie seit eineinhalb Jahren. Er bemerkt mein Zögern, packt meine Hand und schüttelt sie. „There is no Corona in Syria“, sagt er mit schepperndem Lachen. Ernst? Ironie? Schwer zu deuten.

Maskenpflicht, Beschränkungen, AHA-Regeln - in Deutschland ist der Alltag ohne diese Maßnahmen kaum mehr vorstellbar. In anderen Ländern, die ich seit den Lockerungen der Reisebeschränkungen besucht habe, gelten teils sogar strengere Regeln: In Griechenland, Spanien, in Dubai, wo bei Missachtung der Maskenpflicht im Freien hohe Bußgelder drohen.

Doch in Syrien ist Corona plötzlich ganz weit weg. Hier hat man anderes im Kopf. Zum Beispiel, dass der Strom alle zwei Stunden für zwei Stunden ausfällt, seit aufgrund von US-Sanktionen die Versorgung eingeschränkt wurde. Um im Dunklen auf die Toilette zu gehen, braucht man eine Taschenlampe. Um zwei Uhr nachts ist es wieder so weit: Der Strom geht aus. Ebenso der Ventilator, der zumindest ein wenig Abkühlung gespendet hat. Und so wälze mich hin und her in der drückenden Hitze, bis ich endlich einschlafe.

Bevor wir am nächsten Morgen zum Einkauf aufbrechen, frage ich meine Gastgeber: „Müssen wir nicht unsere Masken mitnehmen?“ Lautes Gelächter. „There is no Corona in Syria“, ruft einer der Männer und schüttelt in gespielter Entrüstung den Kopf.

Niemand achtet auf Abstand, keiner trägt Maske

Immer wieder sehe ich klapprige Kleinbusse vorbeifahren, Baujahr 1990 und älter, darin eingepfercht fast 20 Fahrgäste. Für 225 Syrische Lira, umgerechnet 15 Cent, transportieren sie die Menschen durch die Stadt. Die Leiber aneinandergepresst, sitzen sie im stickigen Innenraum auf den Bänken. Wo drei Platz haben, zwängt sich ein Vierter dazu, halb in der Hocke, weil sein Becken nicht mehr in die Lücke passt. Niemand hält sich an die von der Regierung empfohlenen Schutzmaßnahmen. Keiner achtet auf Abstand. Man kann sich vorstellen, wie die Querdenker in Deutschland dieser Ignoranz Beifall klatschen würden.

Das RKI stuft Syrien seit Januar 2021 als Risikogebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko ein. Dabei gab es laut offiziellen syrischen Angaben seit Beginn der Pandemie nur 25.930 Infektionsfälle und 1.911 Corona-Tote - bei einer Bevölkerung von 17 Millionen. Zum Vergleich: Griechenland (10 Millionen Einwohner) meldet 517.000 Infektionen und 13.000 Todesfälle.

Im Stadtzentrum von Latakia reihen sich kleine Geschäfte aneinander. Davor: Männer auf Plastikstühlen, die an ihren Shishas saugen und Dampfwolken in die Luft blasen. Ein Wirrwarr aus Reklameschildern, Auslagen, abgewetzten Markisen. Passanten drängen vorbei. Eine Sinfonie des Chaos, die ihren Reiz hat. Niemand trägt Mundschutz, auch nicht die Verkäufer in den Geschäften. Wer Maske trägt, macht sich verdächtig, erzählt man mir. Die anderen würden dann tuscheln, die Straßenseite wechseln. „Masken sind peinlich“, sagt mein Gastgeber. Die Menschen könnten denken, man sei tatsächlich krank.

In einem Juweliergeschäft betrachte ich die Auslage. Weil in dem kleinen Laden die Luft steht, rinnt mir der Schweiß den Rücken hinunter. Die Hitze ist kaum zu ertragen. Fünf Männer halten sich in dem etwa 20 Quadratmeter großen Raum auf, um ihn vor Überfällen zu schützen. Der Verkäufer holt Schmuckstücke aus einer Schublade und breitet sie auf der Theke aus. Er hustet mehrmals. Ein trockenes, würgendes Geräusch. Ich trete unwillkürlich einen Schritt zurück, komme auf dem engen Gang aber nicht weit. Mir bleibt nur noch, still die Wirksamkeit meiner Biontech-Impfung zu beschwören.

Quarantäne wäre gesellschaftlicher Selbstmord

Wer hier Symptome entwickelt, käme nie auf die Idee, sich selbst zu isolieren. Es sei in Syrien ohnehin nicht üblich, sich auf das Coronavirus testen zu lassen, erfahre ich. Wozu auch? Quarantäne wäre gesellschaftlicher Selbstmord. Zwei Wochen lang nicht die Verwandten besuchen? Das wäre peinlich. Was stimmt mit dem nicht, würden sich die Leute fragen. Zwei Wochen der Arbeit fernbleiben? Undenkbar in einem Land, in dem der durchschnittliche Monatslohn aktuell bei 30 Euro liegt. Schon vor der Pandemie war das Land durch Krieg und Sanktionen in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt.

Als ich schließlich an einem vereinsamten Spender mit Desinfektionsmittel vor einem Lebensmittelladen vorbeikomme, schaue ich mich um. Beobachtet mich jemand? Verstohlen pumpe ich zwei Kleckse Gel in meine Hände und verreibe es unauffällig. Es kommt mir vor, als täte ich etwas Verbotenes. Der Mann da vorne - der mit den zusammengekniffenen Augen - starrt der mich an? Schnell gehe ich weiter.

Bei Sonnenuntergang spazieren wir über die Strandpromenade von Latakia. Corniche, nennen sie die Einheimischen - ein Begriff, den sie von den französischen Besatzern übernommen haben. Verschwitzte Leiber schieben sich durch die Menge - es sind Menschenmassen wie bei einem Volksfest. Abstand halten? Keine Chance.

Ein Jugendlicher drischt auf einen Hau-den-Lukas ein, umringt von einem Dutzend anderer Halbstarker. Ding. Ding. Ding. Die Jugendlichen lachen, johlen, albern herum. In meiner Heimatstadt Stuttgart bezeichnet man solche Ansammlungen als „Migranten-Horden“. Ein Problem, das sich seit der Pandemie verschärft habe, wie Kommentierende in den sozialen Netzwerken schimpfen.

In Latakia, Syrien, ist das die normale Lebensweise. Die Menschen entfliehen abends der Hitze ihrer Wohnungen. Sie haben Tische und Stühle mitgebracht. Trinken, essen, rauchen Shisha. Mitten auf dem Gehweg veranstalten sie ihr Picknick und lassen sich vom Verkehr auf der viel befahrenen Straße nicht aus der Ruhe bringen.

Tatsächliches Ausmaß der Pandemie in Syrien ist unklar

„Ihr lebt im Chaos“ - das hatte eine Bekannte aus Deutschland meiner Gastgeberin gesagt, als sie vor vielen Jahren in Latakia zu Besuch war. Sie sagte: „Länger als ein paar Wochen würde ich das als Deutsche nicht aushalten.“ Man kann sich vorstellen, dass sich dieses überbordende, öffentliche Leben nur schwer eingrenzen lässt. Zu Beginn der Pandemie traten in Syrien Ausgangssperren in Kraft. Im Juni 2020 wurden sie aufgehoben - und seit dem nie wieder eingeführt.

Das Leben in Syrien scheint seit dem einfach weiterzugehen. So, als gäbe es gar keine Pandemie. Wie viele Opfer Covid-19 tatsächlich gefordert hat, bleibt ungewiss. Nach draußen dringen nur Gerüchte. Ausländische Medien zitieren mutmaßliche Augenzeugen und Beiträge aus sozialen Netzwerken. Darin geht es um überfüllte Krankenhäuser und dramatische Todeszahlen. Beweise gibt es nicht.

Die Pandemie hat offenbar besonders die Mitarbeitenden im syrischen Gesundheitswesen getroffen. „Viele Kollegen, die ich persönlich kannte, wurden von Corona dahingerafft“, sagt mir ein Mediziner aus Latakia. Im August 2020 meldeten die syrischen Behörden, dass innerhalb eines Monats 76 Klinikangestellte an Covid-19 verstorben sind. Aktuelle Zahlen dazu gibt es nicht.

2021 habe sich die Lage gebessert, sagt ein anderer Arzt, der in einer Klinik in Latakia arbeitet. „Zurzeit haben wir wenig Corona-Patienten auf der Station. Es gibt auch keine Todesfälle mehr beim medizinischem Personal.“ Der Mediziner lehnt sich zurück, faltet die Hände über seinem runden Bauch und schließt die Augen - ganz so, als müsse er sich von den Strapazen der vergangenen Monate erholen. Dabei sieht er ein wenig aus wie eine Buddhafigur. Wie passend, dass Alawiten an die Wiedergeburt glauben. „Jetzt ist alles gut“, sagt der Arzt. „Hamdullah“. Lob sei Gott.

Zurück in meiner Unterkunft gibt es zum Abendessen Zaatar. Gemahlener wilder Thymian mit Sesamkörnern, angerührt in Olivenöl. Dazu: Macdous, das sind mit Paprika und Nüssen gefüllte und in Olivenöl eingelegte Auberginen. Und Shanglish - getrockneter Ziegenkäse, der nach Stall und Ziegenfell schmeckt. Vor dem Servieren wird er mit reichlich Olivenöl übergossen. „Wir essen sehr gesund, mit vielen natürlichen Fetten“, sagt meine Gastgeberin, während sie ein Stück ihres Fladenbrots abreißt und in Zaatar tunkt. Sie lächelt, erfüllt von beinahe kindischem Stolz. „Deshalb sind wir immun gegen viele Krankheiten. Und deshalb gibt es in Syrien kein Corona.“

Impfstoffe zweiter Klasse? AstraZeneca aus Indien, Sinopharm, Sputnik V

Internationale Wissenschaftler verlassen sich im Kampf gegen die Pandemie lieber auf Impfstoffe. Auch in Syrien wird geimpft, unter anderem mit AstraZeneca. Die EU hat ihren Vertrag mit dem AstraZeneca-Lieferanten aufgrund starker Nebenwirkungen und massiver Lieferprobleme auslaufen lassen. Für Entwicklungs- und Schwellenländer wird das Vakzin nun im großen Stil in Pune, Indien, produziert.

Außerdem in Syrien im Einsatz: Der chinesische Impfstoff Sinopharm, an dessen Wirksamkeit es zuletzt große Zweifel gab. So lassen Indonesien und Vietnam Mitarbeitende im Gesundheitswesen mit Moderna und Biontech nachimpfen - zuvor waren Hunderte Angestellte trotz chinesischer Impfung an Covid-19 verstorben. Auch der Impfstoff des Verbündeten Russland, Sputnik V, wird nach Syrien geliefert. Bis heute verweigert die europäische Arzneimittelbehörde Ema die Zulassung des Vakzins, weil seriöse wissenschaftliche Daten dazu fehlen.

Nach dem Essen sitzen wir auf dem Balkon, um uns in der leichten Brise abzukühlen. Der Strom ist mal wieder ausgefallen und mit ihm die Klimaanlage. Der Ruf des Muezzin ertönt aus der nahe gelegenen Moschee. Sie wird von streng gläubigen Sunniten besucht, die in Latakia wie überall in Syrien die Mehrheit stellen. Es gibt auch Kirchen für die 14 Prozent Christen, die in der Stadt leben.

Friedlich schlummern die Rohbau-Skelette im Abendrot. Es ist mein letzter Tag in Syrien und ein wenig habe ich mich gewöhnt an diese Parallelwelt, in der die Pandemie nur noch ein fernes Flüstern zu sein scheint. „There is no Corona in Syria“ - keinen Satz habe ich während meines Aufenthalts häufiger gehört als diesen.

Am nächsten Morgen holt mich der Fahrer ab und bringt mich zurück nach Beirut. Vor dem Flughafengebäude setze ich mir zum ersten Mal seit einer Woche wieder einen Mund-Nasenschutz auf. Es fühlt vertraut an, erleichternd. Von L. Paic.

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