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Neuer China-Flieger soll noch in diesem Jahr abheben – doch wer will damit fliegen?

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Von: Sven Hauberg

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Im November 2015 wurde die Comac C919 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Im November 2015 wurde die Comac C919 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. © China Foto Press/Imago

In diesem Jahr noch soll die Comac C919, das erste in China entwickelte Zivil-Großflugzeug, ausgeliefert werden. Fliegt die Maschine eines Tages auch durch Europa?

Shanghai – Sich ans Steuer eines chinesischen Autos setzen: Für die Mehrheit der Deutschen ist das undenkbar. In einer Umfrage von YouGov im Auftrag der WirtschaftsWoche schloss im vergangenen Jahr jeder dritte Befrage aus, sich ein Auto made in China zu kaufen, weitere 25 Prozent zeigten sich eher ablehnend. Der Hauptgrund: Im Autoland Deutschland misstraut man dem Können der chinesischen Fahrzeugbauer. Wenn sich die Deutschen schon nicht mit einem chinesischen Auto unterwegs sein wollen, wie groß dürfte dann erst die Skepsis sein, wenn es um Flugzeuge geht? Wer würde hierzulande in einen Flieger steigen, der nicht von Airbus, Boeing oder einem anderen namhaften Hersteller produziert wurde, sondern von einem Unternehmen aus China, das außerhalb von Branchenkreisen kaum jemand kennt?

Noch ist das einer eher theoretische Frage. Denn während chinesische Autohersteller wie Pilze aus dem Boden schießen und zunehmend auch auf den europäischen Markt drängen, heben von Flughäfen in Deutschland und anderswo in Europa noch keine Maschinen aus der Volksrepublik ab. Doch die Dominanz der westlichen Flugzeugbauer könnte schon bald vorbei sein. Denn noch in diesem Jahr soll das erste in China entwickelte Zivil-Großflugzeug ausgeliefert werden, die C919 des staatlichen Herstellers Comac aus Shanghai. Der Name Comac steht für Commercial Aircraft Corporation of China; dass er mit dem Buchstaben „C“ beginnt, ist dabei kein Zufall – man sieht sich in einer Reihe mit Airbus und Boeing und will mit dem A320 und der 737 konkurrieren.

Bereits seit 2016 fliegt die Comac ARJ21 durch die Volksrepublik, ein kleiner Regionaljet für 70 bis 100 Passagiere, der zwar auch in China entwickelt wurde, Experten zufolge aber Maschinen von McDonnell Douglas stark ähnelt. Die C919 hingegen gilt als chinesische Eigenentwicklung. Ob die China-Maschine, in der bis zu 168 Menschen Platz finden, in diesem Jahr tatsächlich den kommerziellen Betrieb aufnimmt, ist allerdings offen. Schließlich hatte es in der Vergangenheit immer wieder Verzögerungen geben, der Jungfernflug fand bereits vor fünf Jahren statt, die Entwicklung begann 2008.

Chinas C919: Teurer als erwartet – und nicht fortschrittlicher als die Konkurrenz

„Es handelt sich um ein komplett neu entwickeltes Flugzeug. Da kann es immer wieder vorkommen, dass die Zulassungsbehörden noch Fragen und neue Anforderungen haben“, erklärt Laura Frommberg, Chefredakteurin des Branchenmagazins aeroTELEGRAPH. „Oft merkt man erst bei den Flugtests, wo Anpassungen nötig sind“, sagt die Luftfahrtexpertin zu Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Wobei nicht wirklich alles neu ist an der C919: Sie ist nicht fortschrittlicher als die Modelle der Konkurrenz, zudem stammt ein großer Teil der verbauten Teile aus dem Ausland, darunter auch die Triebwerke.

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Mehr als 800 Bestellungen sind chinesischen Staatsmedien zufolge bereits für die C919 eingegangen – vor allem aus der Volksrepublik. Aber auch ausländische Fluggesellschaften wie Ryanair haben in der Vergangenheit Interesse an der neuen Maschine bekundet. Entscheidend dürfte letztendlich nicht nur sein, was der Flieger kann und wie sicher er ist – sondern auch, was er kostet. Der Listenpreis soll bei 99 Millionen US-Dollar pro Stück liegen und damit deutlich über dem, was noch vor ein paar Jahren angekündigt worden war. Die Differenz zu vergleichbaren Maschinen – etwa dem 111 Millionen US-Dollar teuren A320neo oder der Boeing 737 Max (117 Millionen US-Dollar) fällt geringer aus, als erwartet.

Während die chinesische Regierung ihren Fluggesellschaften vorschreiben kann, Maschinen aus heimischer Fertigung zu kaufen, dürfte sich Comac auf dem internationalen Markt also schwertun. Dass so viele Bauteile der C919 aus dem Ausland stammen, macht sie zudem anfällig für Sanktionen – etwa in dem Fall, dass China in Taiwan einmarschiert. Bereits die Produktion der Maschine wurde durch Zertifizierungsprobleme behindert, weil strenge US-Exportvorschriften die Lieferung von Ersatzteilen verzögert hatten.

Bricht Chinas Flugzeughersteller Comac das Duopol von Airbus und Boeing?

Expertin Frommberg glaubt dennoch: „Diejenigen, die den Flieger jetzt abschreiben und ihm keine Erfolgschancen ausrechnen, machen einen Fehler.“ Sie vergleicht die Situation mit dem Automarkt, wo es Hersteller aus Japan oder Südkorea einst auch schwer hatten. „Erst wurden sie belächelt, doch dann setzten sie die Alteingesessenen massiv unter Druck und sorgten sogar dafür, dass es neue Trends bei Design und Bauweise gab.“ Bei den Autos aus Fernost waren es allerdings einst der günstige Preis, der die Blechkisten attraktiv machte. Bei der Comac C919 sind Schnäppchen nicht zu erwarten. Dass „übermorgen Lufthansa und Swiss mit C919 fliegen“, glaubt Frommberg also nicht. Auf lange Sicht sei das aber durchaus möglich.

Das hieße auch, dass das Duopol, das Airbus und Boeing seit Jahrzehnten besitzen, durch den Comac-Flieger gebrochen würde. Die Europäer und die Amerikaner müssten sich also warm anziehen. „Das ist ja auch nicht zwingend schlecht“, so Frommberg. „Eine gesunde Konkurrenzsituation sorgt letztlich für mehr Innovation, weil keiner der Marktteilnehmer sich auf den Erfolgen ausruhen kann.“

Sollte die C919 tatsächlich noch in diesem Jahr erstmals Passagiere durch China fliegen, sie würde aber wohl halb leer abheben. Denn während sich die Fluggesellschaften in Deutschland vor Passagieren kaum retten können und es seit Wochen nicht schaffen, die vor Reiselust nur so strotzenden Deutschen nach Mallorca oder auf die Kanaren zu fliegen, haben die vielen Corona-Lockdowns in Chinas Metropolen den Markt einbrechen lassen. Laut Zahlen der Luftfahrtbehörde in Peking wurden im Mai nur noch knapp 12 Millionen Passagiere auf Inlandsrouten gezählt. Ein Jahr zuvor waren es noch fast 51 Millionen. „Eine Erholung erwarten die meisten in der Branche nicht vor 2024“, sagt Luftfahrtexpertin Frommberg.

China: Massive Corona-Einschränkungen führen zu Einbrüchen im Luftverkehr

Kein Wunder: Noch immer sind Dutzende Millionen Chinesen von vollständigen oder teilweisen Lockdowns betroffen, weil die Regierung um Staats- und Parteichef Xi Jinping trotz der Ausbreitung der Omikron-Variante eisern an ihrer Null-Covid-Strategie festhält. Das geht so weit, dass manchmal ein einziger positiver Fall reicht, um Hunderttausende in ihre Wohnungen zu sperren. Da ist die Lust, in eine andere Stadt zu fliegen, natürlich gering.

Noch weniger los als auf den innerchinesischen Routen ist auf den Strecken von China ins Ausland oder umgekehrt; hier wurden im Mai nur rund 100.000 Passagiere gezählt, ein Einbruch um 90 Prozent im Vergleich zum Januar 2020. Auch das verwundert nicht. Denn wer nach China einreist, muss zunächst tagelang in Quarantäne und anschließend befürchten – siehe oben – Opfer eines Lockdowns zu werden. Ausländische Firmen berichten, dass es deshalb immer schwieriger wird, Mitarbeiter nach China zu entsenden. Und die Chinesen selbst können seit Mitte Mai kaum noch raus aus dem eigenen Land. Nur noch im dringenden Fällen gestattet Chinas nationale Immigrationsbehörde die Ausreise. Die Logik dahinter: Wer ins Ausland fliegt, kommt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch wieder zurück – und hat im Gepäck nicht nur schöne Urlaubserinnerungen, sondern vielleicht auch eine Coronainfektion.

Zu schaffen macht Chinas Fluggesellschaften nicht nur die Pandemie. Auch die hohen Preise für Rohöl und der schwache Yuan sorgen für zusätzlichen Druck. Hinzu kommt, dass die Hintergründe des mysteriösen Flugzeugabsturzes vom März noch immer nicht aufgeklärt sind. Damals war eine Boeing 737 in Südchina fast senkrecht vom Himmel gefallen, alle 132 Menschen an Bord starben. Untersuchungen von US-Ermittlern deuten laut Medienberichten darauf hin, dass der Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben könnte. Auch diese Ungewissheit sorgt für Verunsicherung bei den Passagieren.

China: Bis zum Jahr 2035 soll es 400 Flughäfen geben

Mit Notkrediten in Höhe von umgerechnet rund 20 Milliarden Euro will die Regierung in Peking der gebeutelten Luftfahrtindustrie unter die Arme greifen. Hinzu kamen zuletzt auch Subventionen, deren Auszahlung aber an Bedingungen geknüpft ist, die viele Airlines nicht erfüllen können.

Chinas Fluggesellschaften fechten das nicht an, sie scheinen fest daran zu glauben, dass es bald wieder aufwärts geht. Erst Anfang Juli wurde bekannt, dass China Southern, China Eastern, Air China und Shenzhen Airlines insgesamt fast 300 Mittelstreckenmaschinen aus der Modellfamilie A320neo bei Airbus bestellt haben. Bei den Deals handelt es sich um die ersten größeren Flugzeugaufträge aus China seit rund drei Jahren. Zwischen 2023 und 2027 sollen die Maschinen ausgeliefert werden.

Die Euphorie der Fluggesellschaften hat trotz der trüben Aussichten einen guten Grund: Chinas Kommunistische Partei will, dass es bis zum Jahr 2035 im ganzen Land 400 Flughäfen gibt – bislang sind es rund 240. Zwei Milliarden Menschen sollen dann pro Jahr transportiert werden können. Und die müssen irgendwo einsteigen – zum Beispiel in die C919. Nur eine Frage bleibt: wie all das mit den Klimazielen der chinesischen Regierung zusammenpassen soll. Denn auch der neue Flieger made in China verbrennt tonnenweise Kerosin, um abzuheben. (sh)

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