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Steigende Teuerungsraten: Wo die Inflationsgefahr wirklich lauert

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Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank.
Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. © Commerzbank/N. Bruckmann/M. Litzka

Die steigende Teuerung macht Unternehmen und privaten Haushalten immer mehr zu schaffen. Doch die Entwicklung wird von Sonderfaktoren verzerrt. Das eigentliche Inflationsrisiko liegt ganz woanders, mahnt Commerzbank-Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer im Gastbeitrag.

Alle klagen über anziehende Energie- und Materialkosten. Tatsächlich könnte die Inflation im November auf fünf Prozent steigen. Im kommenden Jahr dürfte sie jedoch wieder sinken – auch weil der Wiederanstieg der Mehrwertsteuer bei der Berechnung der Inflationsrate aus dem Vorjahresvergleich herausfällt.

Über dieses Auf- und Ab der Teuerungsrate sollte man jedoch die eigentlichen Inflationsrisiken nicht übersehen. Die liegen in einer Kombination aus recht hohen Haushaltsdefiziten und großangelegten Käufen von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Die Corona-Krise ist für viele Menschen eine existentielle Erfahrung und hat ihre Einstellung zum Gemeinwesen verändert. Sie akzeptieren nun einen größeren Staat und höhere Haushaltsdefizite. Nicht ohne Grund gab es in Deutschland keinen Aufschrei, als Angela Merkel einer gemeinsamen Schuldenaufnahme im Rahmen des EU-Wiederaufbaufonds zustimmte. In diesem politischen Klima werden viele Staaten im Euroraum in den kommenden Jahren deutlich höhere Haushaltsdefizite aufweisen, als vor der Pandemie zu erwarten war.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

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Wachsende Geldmenge

Hohe Haushaltsdefizite allein machen noch keine Inflation. Wenn sich Staaten von privaten Investoren Geld leihen, wandern Bankguthaben lediglich von den Investoren zu den Finanzministern, ohne dass die Geldmenge als Ganzes steigt. Anders sieht es aus, wenn die EZB parallel zu hohen Haushaltsdefiziten in großem Stil Staatsanleihen erwirbt. Tätigt sie diese Käufe nämlich wie üblich über die Banken als Zwischenhändler, animiert sie die Geldhäuser, ihrerseits den Finanzministern neue Staatsanleihen abzukaufen. Banken erwerben nur deshalb so viele Staatsanleihen, weil sie diese an die EZB weiterreichen können.

Aber dabei entsteht neues Geld. Um die Staatsanleihen nämlich zu bezahlen, schreiben die Banken den Finanzministern in entsprechender Höhe Einlagen auf ihren Konten gut. Die Staaten geben das frische Geld aus und bringen es in Umlauf. Die Geldmenge in den Händen der Bürger und Unternehmen steigt – es entsteht ein Zuviel an Geld und damit ein Inflationspotential.

Staatlicher Kredithunger

In den kommenden Jahren sollte weiter zu viel Geld in Umlauf kommen, weil der Kredithunger der Staaten ebenso hoch bleiben wird wie die Bereitschaft der EZB, ihn durch Anleihekäufe zumindest teilweise zu stillen.

Weniger klar ist, wann sich dieses Zuviel an Geld in einer dauerhaft höheren Inflation entladen wird. Hier hilft ein Blick zurück in die USA der 60er Jahren. Damals ließ die US-Notenbank die Geldmenge ebenfalls zu stark steigen. Aber die Inflation zog erst ab Mitte der 60er Jahre an, nachdem die US-Wirtschaft aufgrund der steigenden Staatsausgaben im Zuge des Vietnam-Kriegs und des Ausbaus des Sozialstaates heiß gelaufen war. Die Arbeitslosenquote fiel auf unter fünf Prozent, und die Arbeitskosten begannen rascher zu steigen.

Europäische Zentralbank facht Immobilienpreise an

Im Euroraum von heute ist die Arbeitslosenquote dagegen noch nicht niedrig. Es dürfte also noch ein paar Jahre dauern, bis ein echtes Inflationsproblem droht. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die EZB entspannt zurücklehnen kann: Erstens facht sie mit ihrer lockeren Geldpolitik schon seit Jahren die Immobilienpreise an – übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Ländern des Euroraums. Das macht Wohnraum etwa für junge Familien zunehmend unerschwinglich. Außerdem steigt das Risiko, dass es in ein paar Jahren zu Immobilienblasen kommt, deren Platzen ganze Volkswirtschaften schwer schädigen kann.

Zweitens muss die EZB früh gegensteuern, um in der Zukunft eine Verbraucherpreisinflation zu verhindern. Ist sie nämlich einmal in Gang gekommen, lässt sie sich schwer stoppen. Der Kapitän eines Supertankers muss das Ruder früh umlegen, wenn er am Horizont ein Hindernis erkennt.

EZB braucht einen Plan zum Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik

Es wird Zeit für die EZB, zumindest einen Plan zum Ausstieg aus der sehr lockeren Geldpolitik zu entwerfen. Dabei geht es um eine schrittweise Einstellung der Anleihekäufe und anschließend um eine Normalisierung der Leitzinsen. Ein solcher Ausstiegsplan erlaubt es den Finanzministern, Unternehmen und Bürgern, sich auf die notwendigen Veränderungen vorzubereiten und so Turbulenzen an den Finanzmärkten zu vermeiden.

Zum Autor: Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt.

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