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Hilfe, die Babyboomer kommen! Wie die Politik an der Rente herumdoktert – und warum das nicht reicht

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Von: Fabian Hartmann

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Rentner im Deutschen Bundestag.
Altenrepublik Deutschland: Rentner, hier auf der Besuchertribüne im Bundestag, beobachten eine Parlamentsdebatte.  © Bernd von Jutrczenka/dpa

Jeder hat den Satz im Kopf: Die Rente ist sicher. Aber stimmt das noch? Die Wahrheit ist: Die Deutschen werden zu alt und gehen zu früh in Rente. Experten sagen, was zu tun ist.

Berlin – Es war ein zaghafter Vorstoß, ein mahnendes Wort. Wenn es nach Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) geht, sollen die Deutschen zwar nicht später in Rente gehen – aber doch, bitte schön, zumindest bis zur regulären Regelaltersgrenze arbeiten. „Es gilt, den Anteil derer zu steigern, die wirklich bis zum Renteneintrittsalter arbeiten können. Das fällt vielen heute schwer“, sagte Scholz kürzlich.

Womit der Kanzler unbenommen recht hat: Die Deutschen gehen wieder früher in Rente. Viele scheiden bereits mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus. Das belegen Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Unter den Neurentnern des Jahres 2021 haben rund ein Viertel nicht das reguläre Renteneintrittsalter erreicht. Im Schnitt ging diese Gruppe knapp 28 Monate – also zweieinhalb Jahre – früher in den Ruhestand. Der Anstieg der Erwerbstätigenquote bei den über 60-Jährigen ist in den vergangenen Jahren weitgehend zum Stillstand gekommen. Für die Rente ist das fatal. Wer früher aussteigt, fehlt dem Arbeitsmarkt. Und als Beitragszahler.

Rente: Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist so hoch wie nie – doch diese Zahl trügt

Das Umlagesystem, in dem die Erwerbstätigen für die Alten aufkommen, gerät zunehmend an seine Grenzen. Das zeigt schon die Statistik: Heute kommen im Schnitt zwei Arbeitnehmer für einen Rentner auf. In zehn Jahren werden es weniger als 1,5 Erwerbstätige sein – wohlgemerkt: ohne massenweise Frühverrentung. Die könnte das Verhältnis noch weiter zuungunsten der Beitragszahler verschieben. Zwar waren im Jahr 2022 in Deutschland durchschnittlich 45,6 Millionen Menschen in Arbeit – so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Doch schon bald gehen die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge, in Rente. Und das millionenfach.

Einer, der mit Sorge auf diese Entwicklung blickt, ist Jochen Pimpertz. Er ist Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und sagt: „Wir brauchen einen Kurswechsel in der Rentenpolitik“. Es sei zwar richtig, dass der Kanzler dafür werbe, dass die Deutschen auch wirklich bis zur Regelaltersgrenze arbeiten. Doch das reiche nicht – allein schon wegen der Demografie. Simulationen des IW zeigen, dass der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung auf 22,1 Prozent bis zum Jahr 2040 und weiter bis auf 23,6 Prozent bis zum Jahr 2060 steigen könnte. Aktuell liegt der Satz bei 18,6 Prozent. Gleichzeitig droht das Sicherungsniveau – also die Relation zwischen Rentenhöhe nach 45 Beitragsjahren und durchschnittlichen Einkommen – bis auf 44,4 Prozent abzusinken. Heute liegt es bei 48,2 Prozent. Das IW geht in dieser Modellierung davon aus, dass es bei der Rente mit 67 bleibt.

Länger im Job: Ökonom für Rente mit 69 oder 70

„Sie reicht nicht aus“, sagt IW-Forscher Pimpertz im Gespräch mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. Der Ökonom schlägt vor, die Regelaltersgrenze auch über das Jahr 2031 – dann gilt die Rente mit 67 – weiter schrittweise anzuheben. Denkbar wären zwei Monate pro Jahr. Für die Neurentner des Jahres 2050 würde das bedeuten: Sie könnten erst mit 69 oder 70 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. „Damit ließen sich Beitragssatz und Rentenniveau stabilisieren“, sagte Pimpertz unserer Redaktion.

Es ist ein Vorschlag mit Brisanz. Eine längere Lebensarbeitszeit ist unpopulär. Und damit politisch schwer durchsetzbar. Im Koalitionsvertrag der Ampel heißt es lapidar, dass das Renteneintrittsalter trotz steigender Lebenserwartung nicht weiter erhöht werden soll. Und dass das Mindestrentenniveau nicht unter 48 Prozent absinkt. Die Quadratur des Kreises?

Chefin der Wirtschaftsweisen mahnt: „Können uns das Rentensystem nicht mehr lange leisten“

So sehen es zumindest viele namhafte Ökonomen. „Wir können uns das Rentensystem nicht mehr lange leisten“, sagte die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, kürzlich dem Münchner Merkur. Schon heute bezuschusst der Bund die Rentenversicherung mit 110 Milliarden Euro jährlich. „Wenn wir so weitermachen, geht in 25 Jahren jeder zweite Euro aus dem Bundeshaushalt als Zuschuss in die Rentenkasse“, so Schnitzer. Mehr Steuergeld allein löst das Problem also nicht. Zumal es dann an anderer Stelle für Investitionen – etwa in Bildung und Klimaschutz – fehlt.

Nun soll es die Börse richten. Vor allem auf Druck der FDP hat die Bundesregierung beschlossen, die Rente durch mehr Kapitaldeckung zu stabilisieren. Zehn Milliarden Euro plant die Ampel in diesem Jahr erstmals für eine staatliche geförderte Aktienrente. Sie soll das Umlagesystem, zumindest auf Dauer, entlasten. Dafür nimmt der Bund ein Darlehen auf. Das Geld fließt in einen Fonds, der weltweit gestreut in Aktien investiert. Aus den Erträgen soll die gesetzliche Rentenversicherung gestützt werden – so zumindest die Idee. Rentenexperten wie der marktliberale Freiburger VWL-Professor Bernd Raffelhüschen halten das zwar für prinzipiell richtig. Aber es brauche Jahrzehnte, um eine Kapitaldeckung aufzubauen. Der Generation der Babyboomer bringe sie nichts. Oder mit anderen Worten: Die Aktienrente kommt zu spät.

Ökonom kritisiert Aktienrente: „Nicht mehr als Tropfen auf dem heißen Stein“

IW-Forscher Jochen Pimpertz argumentiert ähnlich – und kritisiert außerdem, dass es der Staat ist, der den Fonds auflegt. Es könnte nicht garantiert werden, dass eine Regierung in zehn Jahren nicht doch auf die Idee käme, Geld daraus abfließen zu lassen – etwa, um aktuelle Rentner besser zu stellen. Und überhaupt: Die zehn Milliarden Euro, die der Staat bereitstellt, seien nicht mehr, „als ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Pimpertz.

Es ist paradox: Seit Jahren mahnen Experten an, die Rente zukunftsfest zu machen. Doch es passiert das Gegenteil. Ein Grund ist die überaus gute Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Dekade. Sie hat viele Probleme im Rentensystem verschleiert. Immer neue Beschäftigungsrekorde haben die Politik dazu verleitet, die Leistungen auszuweiten. Mal war es die CSU, die die Mütterrente durchgedrückt hat. Dann wieder die SPD, die – zumindest teilweise – die Rückkehr zur Rente mit 63 möglich gemacht hat. „Das waren die komplett falschen Signale“, sagt IW-Mann Jochen Pimpertz.

Wirtschaftsweiser will an die Beamtenpensionen ran: „Nicht tragfähig“

Richtig wäre es, ungenutzte Potenziale bei der Beschäftigung – etwa bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen oder durch Zuwanderung – zu heben. Darin sind sich alle Rentenexperten einig. Ein Vorschlag, der ebenfalls immer wieder diskutiert wird, ist, auch Beamte in die Rentenkasse einzahlen zu lassen. Die Logik dahinter: Mehr Beitragszahler stabilisieren das System. Doch davon hält IW-Experte Pimpertz nichts. Denn: Es entstünden auch neue Leistungsansprüche – und die demografische Entwicklung bleibe, wie sie ist.

Unbestreitbar aber ist, dass Beamte im Alter üppig versorgt sind. Und ihre Pensionen aus Steuermitteln finanziert werden. Der Wirtschaftsweise Martin Werding, VWL-Professor aus Bochum, sieht an dieser Stelle dringenden Handlungsbedarf. „Die Beamtenversorgung im Alter ist langfristig nicht tragfähig“, sagte Werding der Bild-Zeitung. Die Länder hätten nicht die nötigen Rücklagen gebildet. „Da kommt ein großes Problem auf uns zu“, so der Ökonom. Soll heißen: Ran an die Privilegien – es muss gespart werden.

Rente mit 69 oder 70? Für die Deutschen unvorstellbar

Auch bei der gesetzlichen Rente scheut Werding sich nicht vor markigen Forderungen. „Wir brauchen ein höheres Rentenalter“, sagte der Wissenschaftler schon im letzten Sommer der Süddeutschen Zeitung. Die Lebensarbeitszeit ist die Stellschraube, mit der sich die Rente am einfachsten stabilisieren lässt. Nur: Die Deutschen wollen das nicht.

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Mitte Dezember veröffentlichte der Spiegel eine entsprechende Umfrage dazu. So befürworten nur rund 17 Prozent der Bundesbürger die Zahl 67 als reguläres Renteneintrittsalter. 38 Prozent finden das Alter von 65 richtig. Jeder Fünfte sogar 63. Der Anteil derer, die bis 70 oder länger arbeiten wollen, ist verschwindend gering.

Damit bedeutet Rentenpolitik wohl in Zukunft vor allem eines: Überzeugungsarbeit.

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