Unser Dasein als „Oktopusmensch“: Das Leben mit multiplen Persönlichkeiten

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Von: Lilly Geißler

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Noa teilen ihr Leben mit Dissoziativer Identitätsstörung auf Instagram und TikTok
Noa sind viele: So lebt es sich als „Oktopusmensch“ © noa.und.co auf Instagram

Eine Vielzahl von Individuen in Deutschland kämpfen mit psychischen Störungen. Einige erhalten mehr Beachtung als andere. Es ist an der Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen.

Stellt euch vor, ihr könnt euch auf einmal nicht mehr an das letzte Wochenende erinnern. Wir reden hier nicht von einem einfachen Filmriss nach einer zu harten Party. Ihr könnt euch nicht einmal mehr daran erinnern, was ihr überhaupt gemacht habt. Es ist fast so, als ob jemand die Kontrolle über eueren Körper übernommen hat. Das passiert euch öfter: Ihr vergesst viel und habt immer wieder das Gefühl, dass euer Tag viel weniger Stunden hat, als der anderer. Und ihr spürt, dass da noch mehr ist. Dinge, an die ihr euch nicht erinnern könnt.

So ging es Noa vor drei Jahren. Denn Noa sind viele. Sie haben Dissoziative Identitätsstörung und leben mit mehreren Personen in einem Körper. Auf Instagram und TikTok teilen sie ihre Erfahrungen.

Übrigens: Auch trans* Menschen haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen. So erkennt ihr transfeindliche Profile im Internet:

Vorneweg: Hinter Noa stehen, wie man sich vielleicht denken kann, viele Personen, die sich alle einen Körper teilen. Sie haben BuzzFeed Deutschland deswegen gebeten, sie im Plural anzusprechen.

Autorieller Hinweis:

In diesem Artikel geht es um Trauma und mentale Erkrankungen. Wir bitten deswegen um Diskretion bei unseren Leserinnen und Lesern. Bitte lies nichts, was dich selbst und deine geistige Gesundheit negativ beeinflussen können

Eigentlich lief Noas Leben ganz normal: Sie waren immer gut in der Schule, haben sich engagiert und generell gut an die Gesellschaft angepasst. Klar, haben sie sich manchmal ein bisschen unsicherer gefühlt als andere, aber viel dabei gedacht haben sie sich nicht. Bis sie dann in eine neue Stadt gezogen sind und merkten, dass sie sich immer weniger an Dinge erinnern können und ihnen irgendwie die Zeit zur Organisation ihres Tages fehlten. Noas Therapeutin äußerte damals schon den Verdacht auf die Dissoziativen Identitätsstörung (kurz: DIS).

Dass wir raus aus dem Umfeld waren, in dem auch das Trauma passiert ist, hat vielen von uns den Mut gegeben, sich langsam zu zeigen, und den Alltagspersonen die Kraft, das auch wahrzunehmen.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Ihr fragt euch jetzt bestimmt, worüber Noa hier reden: Trauma? Alltagspersonen? Viele Menschen können sich unter DIS nämlich gar nicht so viel vorstellen: Oft hören Noa, das sei ja alles nur Schauspiel oder sie würden sich das ja nur einbilden. Das ist ein weit verbreiteter Mythos.

DIS ist eine anerkannte und nach dem ICD diagnostizierbare Erkrankung, unter denen Betroffene auch leiden. Betroffene kämpfen mit Amnesie, die es ihnen schwer macht, ihr Leben zu organisieren. Wenn eine andere das Steuer übernimmt, ziehen sich die anderen ins Innere zurück und können sich nicht an das erinnern, was in ihrer Abwesenheit passiert ist.

Was allerdings noch viel schwerwiegender ist: DIS ist eine Traumaerkrankung und entsteht nur, wenn ein oder mehrere schwerwiegende Kindheitstraumata vorliegen. Diese Traumata können den Prozess der Persönlichkeitsbildung bei kleinen Kindern so schwerwiegend beeinträchtigen, dass sie einfach nicht stattfindet. Traumata werden auf andere Identitäten ausgelagert. Auch Torben möchte anderen Missbrauchsopfern helfen.

Noa teilen ihre Erfahrungen mit DIS und Trauma mit uns:

Klar bedeutet eine DIS zu haben auch, dass sich viele Personen einen Körper und ein Leben teilen. Für viele von uns ahnungslosen Alltagspersonen war diese Vorstellung auch erstmal befremdlich, aber das ist schnell in den Hintergrund getreten. Mit einer DIS hat man oft ganz andere Probleme als das Viele-Sein an sich, nämlich das Trauma dahinter.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Viele der Identitäten sind gar nicht darauf ausgelegt, in den Vordergrund zu treten. Klar gibt es diejenigen - Noa nennen sie „Alltagspersonen“ - die sich um das tägliche Leben kümmern. Andere Personen sind allerdings darauf ausgelegt, das Trauma in sich aufzunehmen:

Viele Innenpersonen sind nicht im Hier und Jetzt orientiert, sondern erleben das Trauma im Innen immer weiter. Deswegen haben wir oft Flashbacks, Panikattacken und dissoziative Zustände, in denen wir nicht ansprechbar sind. Es gibt auch kontrollierende und strafende Innenpersonen, die Regeln aus dem Trauma-Kontext aufrechterhalten, zum Beispiel, dass bestimmte Dinge nicht erzählt werden dürfen. Das liegt daran, dass auch diese Anteile noch im Trauma feststecken, wo es gefährlich war, solche Regeln zu brechen. Sie bekommen oft nicht mit, dass es inzwischen Räume gibt, in denen wir uns nicht mehr daran halten müssen.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Noa wollten den Verdacht der Therapeutin erst einmal gar nicht wahrhaben. Es war während einer Zeit in einer Traumaklinik, dass sie sich dann getraut haben, miteinander in Kontakt zu treten. DIS ist dabei auch für Therapeuten eine herausfordernde Erkrankung. Die Diagnose ist komplex und kann sehr lange dauern. Nicht jeder Therapeut weiß damit umzugehen.

Neben dem Trauma leiden Betroffene auch oft unter der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Viele Menschen assoziieren die Erkrankunen immer noch mit Horrorfilmen wie „Psycho“ oder „Split“:

Wir bekommen häufiger den Kommentar, dass das ja „wie in Split“ sei. In diesem Thriller hat der Täter eine DIS, inklusive bösem Persönlichkeitsanteil. Die Vorstellung, dass es in allen DIS-Systemen einen Serienmörder-Anteil gäbe, ist ein total stigmatisierender Mythos. Die allermeisten Systeme sind Opfer von Gewalt geworden, keine Täter. Menschen mit DIS begehen nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Straftaten als alle anderen Menschen auch.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Auch bekommen Noa oft den Kommentar, sie würden sich all das nur einbilden oder der Welt etwas vorspielen. Tatsächlich können beim Wechsel zwischen Identitäten verschiedene Gehirnströme gemessen werden. Noa erzählen auch davon, wie sie alle verschiedene Handschriften haben. Dass es anscheinend immer mehr Fälle gäbe, erklären Noa damit, dass Social Media dem Thema endlich mehr Aufmerksamkeit widmet. Auch sei DIS eigentlich gar nicht so selten, wie Menschen denken:

Die DIS ist keine seltene, sondern eine oft sehr versteckte Erkrankung. Die allermeisten Menschen kennen zumindest flüchtig jemand betroffenen und wissen es einfach nicht. Weil ein primärer Sinn der DIS ist, das Trauma vor den Alltagspersonen und dem Umfeld zu verstecken und viele Innenpersonen sich nicht offen zeigen, ist sie in vielen Fällen kaum zu bemerken.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Noa möchten mit all diesen Vorurteilen aufräumen. Als noa.und.co klären sie auf TikTok und Instagram auf und teilen ihr Leben. Sie sind nicht die Einzigen, die das machen: Hier teilt zum Beispiel Nessa ihr Leben mit ADHS. Das kann dann so aussehen:

Hier beantwortet Noas System Fragen, die ihnen ihre Audience gestellt haben. Man sieht außerdem eindeutig, wie verschieden alle Identitäten sind. Noa wussten zu Beginn ihrer Reise selbst nicht viel über ihre Erkrankung. Das hat ihnen gezeigt, wie viel Aufklärungsbedarf tatsächlich besteht. Inzwischen haben sie eine wichtige und wertvolle Gemeinschaft auf Instagram gefunden. Die Arbeit ist nicht immer spaßig, immerhin will man sich nicht immer mit dem eigenen Struggle auseinandersetzen. Allerdings lohne es sich laut Noa:

Inzwischen bekommen wir auch viel Feedback von Menschen, die bisher wenig Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Es freut uns immer sehr, wenn unsere Aufklärungsarbeit bei Menschen wirkt, die sich sonst eher nicht mit der DIS auseinandergesetzt hätten.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Im September erscheint jetzt Noas Buch „Oktopusgeschichten“ beim Ulli-Verlag. Der Name Oktopusgeschichten kommt von einem Insider-Joke, den Noa mit einer Freundin haben:

Das Bild mit dem Oktopus ist durch einen Insider-Witz mit einer guten Freundin zustande gekommen: Eine Innenperson hat um die Zeit der Diagnose herum immer wieder geträumt, sie wäre ein Oktopus. Die Freundin hat uns damit aufgezogen, dass die vielen Arme des Oktopus für unser Viele-Sein stehen würden, welches wir damals noch ziemlich geleugnet haben. Irgendwie hat sich der Oktopus dann als Sinnbild fürs Viele-Sein durchgesetzt.

Noa bei BuzzFeed Deutschland

Das Buch erzählt Noas Geschichte als „Oktopus-Mensch“, bei dem viele Arme am Kopf zusammenkommen. Sie gehen dabei sehr offen mit den Dingen um, die sie erlebt haben. Das Buch entstand aus der Therapie heraus: Sie begannen, alles aufzuschreiben, um mehr Sinn aus der Diagnose und ihren Traumata zu machen. Ihre Therapeutin ermutigte Noa dann dazu, ihre Geschichten als Buch zu veröffentlichen.

Wenn ihr mehr, über DIS und das Leben mit der Störung erfahren möchtet, dann schaut bei Noas Account vorbei. Sie haben uns außerdem noch den Account von den Bonnies und von Oona empfohlen. Das Portal „Wissen schafft Hilfe“ wurde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem N.I.N.A. e.V. ins Leben gerufen und bietet weiterhin gute Aufklärungsmaterialen.

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Der Verein N.I.N.A. e.V. bietet Beratungen für Betroffene von (sexuellem) Missbrauch an. Außerdem könnt ihr das Hilfetelefon des Vereins über 0800 22 55 530 erreichen. Solltet ihr oder jemand, den ihr kennt, von Missbrauch betroffen sein oder mit psychischen Problemen kämpfen, scheut euch nicht, Hilfe zu suchen.

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