GDL als Gefahr für Deutschland – oder keine Rücksicht auf Bequemlichkeit? Pro und Kontra zum Bahnstreik

Aktualisiert:

Von: Giorgia Grimaldi, Martin Trotz

Uns auf Google folgen

Der Streik der GDL lässt die Züge der Deutschen Bahn stillstehen, Millionen Pendler sind für sechs Tage aufgeschmissen. Doch das Streikrecht ist ein hohes Gut. Zwei Redakteure liefern ihre Argumente. Ein Pro & Kontra.

Seit Mittwochmorgen stehen die Züge der Deutschen Bahn erneut still. Sechs Tage legen die Lokführer der GDL die Arbeit nieder, der längste Streik in der Geschichte des Unternehmens. Millionen Pendler, aber auch die deutsche Wirtschaft leiden. Doch das Streikrecht ist ein hohes demokratisches Gut, das es zu schätzen gilt. Das Verständnis für das Verhalten von GDL-Chef Claus Weselsky und den Lokführern schwindet jedoch zunehmend. Ein Pro und Kontra.

Pro: Der Bahnstreik ist ärgerlich. Aber auf Bequemlichkeit gibt es nun mal kein Gewohnheitsrecht.

Deutschland entgleist nicht, nur weil die Bahn still steht. Ja, durch die Störung kommen Menschen spät oder gar nicht ins Büro und müssen vielleicht neue Urlaubspläne schmieden. Und, so what?

Das ist ärgerlich. Aber auf Bequemlichkeit gibt es nun mal kein Gewohnheitsrecht.

Klar, das ist bereits der dritte Streik in kurzer Zeit. Und das Bahn-Angebot an die Lokführer könnte schlechter sein. Doch seit wann lassen wir dieses Argument gelten? Wenn es danach ginge, dürfte niemand mehr verlangen, als er bereits hat. Schließlich gibt es immer jemanden, der noch schlechter dran ist. Der Vergleich nach unten zeugt von wenig Stil und viel Doppelmoral.

Giorgia Grimaldi ist Redakteurin bei Buzzfeed.
Giorgia Grimaldi ist Redakteurin bei Buzzfeed. © IPPEN.MEDIA

Nach dieser Logik könnte der Zeitpunkt des Streiks auch deutlich unangenehmer sein. Etwa über die Weihnachtsfeiertage. Doch anstatt uns genau dann am Bahnhof stehenzulassen, wenn es besonders weh tut, gewährte uns die GDL eine Schonfrist. Mit der Warnung: es ist noch nicht vorbei.

Statt uns zu echauffieren, könnten wir uns auch beglückwünschen. Denn die Dauerbelastung durch anhaltende Streiks beweist: Wir halten das aus. Viele Unternehmen sind längst fein mit mobiler Arbeit, Reisende haben Möglichkeiten, sich neu zu organisieren und der Notfallplan hat die letzten Male sein Versprechen gehalten.

Der Streik ermöglicht einzelnen bessere Bedingungen zu erstreiten. Dieses legale, demokratische Mittel darf nicht zugunsten des Komforts der Masse infrage gestellt werden.

Ja, es ist unangenehm und nervt. Deswegen heißt es Arbeitskampf und nicht Arbeitsplausch. Aber da müssen wir jetzt durch. Und die Vergangenheit zeigt: Wir werden es überleben.

Giorgia Grimaldi

Kontra: So wird die GDL zur Gefahr für unser Land

Dieser Mann ist von allen guten Geistern verlassen. Die Rede ist von Claus Weselsky – und der ersten Reaktion vieler Menschen, als sie vom erneuten Streik der Lokführergewerkschaft (GDL) hörten.

Diesmal sind es - Achtung - sechs Tage. Claus Weselsky mimt den kompromisslosen Hardliner, der das Land ohne Rücksicht auf Verluste lahmlegt. Experten schätzen den wirtschaftlichen Schaden auf bis zu 100 Millionen pro Tag. Millionen Menschen kommen nicht zur Arbeit, sehen ihre Liebsten nicht, müssen wichtige Reisen verschieben.

Ja, Lokführer (bekommen monatlich zu 3.825 Euro plus Prämien, Zulagen und Weihnachtsgeld) und Zugpersonal verdienen mehr Geld.

Martin Trotz ist Redaktionsleiter von Buzzfeed.
Martin Trotz ist Redaktionsleiter von Buzzfeed. © IPPEN.MEDIA

Das Bahn-Angebot ist zumindest eine vernünftige Basis. Entweder gleicher Lohn bei einer Stunde weniger Arbeit oder 2,7 Prozent mehr Gehalt. Insgesamt würden die Beschäftigten laut Bahn ab 1. Januar 2026 fast 13 Prozent mehr Geld als bisher bekommen.

Und das soll noch nicht mal eine Verhandlungsgrundlage sein? Das dürften viele Menschen, die weniger Geld kriegen oder Probleme bei dem Wunsch nach einer Gehaltserhöhung haben, ganz anders sehen.

Doch Weselsky lehnt nicht nur eine Rückkehr an den Verhandlungstisch ab. Mehr noch: Eine Schlichtung im Tarifkonflikt schloss er zuletzt aus.

Der Chefverhandler lässt eine Sache völlig außer Acht: Anstatt sich einzig auf sein Lebenswerk zu konzentrieren und ständig alle Reisenden zu malträtieren, sollte er hart, aber kompromissbereit verhandeln. Denn: Nur so funktioniert unsere Gesellschaft, nur so lebt unsere Demokratie. Wir finden eine Mitte, einen Kompromiss. So muss es auch bei Tarifverträgen sein. Sonst wird die GDL sogar zur Gefahr für unser Land.

Zumal es bei mehr Geld für weniger Arbeit und immer weniger Beschäftigten eh auf Dauer schwierig wird, den Laden am Laufen zu halten. Das gilt nicht nur für die Bahn.

Martin Trotz

Kommentare

$Teilen